Migräne ist mehr als nur "ein bisschen Kopfweh". Sie ist eine neurologische Reizverarbeitungsstörung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet spezielle Therapien für Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und andere Kopfschmerzarten an. Die Klinik verfolgt einen koordinierten multimodalen Schmerztherapieansatz und hat mit zahlreichen Krankenkassen eine integrierte Versorgung ihrer Versicherten vertraglich geregelt.
Die neurologischen Grundlagen der Migräne
Migräne entsteht durch eine genetisch bedingte Reizverarbeitungsstörung. Diese angeborene besondere Empfindlichkeit auf Reize führt zu episodisch auftretenden Migräneanfällen. Das Nervensystem von Migränepatienten reagiert besonders sensitiv auf schnelle und übermäßige Reize wie Stress, Ärger, Anspannung, Lärm oder Licht und kann sich vor Reizüberflutung nicht ausreichend schützen. Migränepatienten gewöhnen sich nicht an wiederkehrende Reize, wie es üblicherweise der Fall ist.
Die erhöhte Reagibilität des Gehirns bedingt einen fortwährenden Anstieg der Gehirnaktivität und in der Folge ein Energiedefizit in den Nervenzellen. Die elektrische Aktivität der Hirnrinde wird gestört oder bricht ganz zusammen. Die Überaktivität von Nervenzellverbänden geht mit einer unkontrollierten Freisetzung von Botenstoffen einher. Als Folge kommt es in den Blutgefäßen der Hirnhäute zu einer neurogenen Entzündungsreaktion, die pulsierende, pochende Schmerzen verursacht. Körperliche Tätigkeit verstärkt die Schmerzen, weshalb meist Bettruhe eingehalten werden muss. Eine weitere Folge ist die Aktivierung von Schutzreflexen in Form von Übelkeit und Erbrechen. Bei chronischer Migräne breitet sich die Sensitivierung sowohl zeitlich als auch räumlich aus.
ADHS: Eine neurologische Entwicklungsstörung
ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) sind neurologische Entwicklungsstörungen, die meist vor dem siebten Lebensjahr auftreten. Sie zeichnen sich durch Aufmerksamkeitsprobleme, Impulsivität und - im Falle von ADHS - eine ausgeprägte Hyperaktivität aus. Typische Anzeichen sind unter anderem starke Unruhe, leichte Ablenkbarkeit, Schwierigkeiten beim Befolgen von Anweisungen, Probleme beim konzentrierten Spielen, geringe Frustrationstoleranz, übermäßiges Sprechen sowie das Unterbrechen oder Stören anderer.
ADS und ADHS haben nicht nur genetische Ursachen, sondern können auch durch Umweltfaktoren beeinflusst werden. Die Diagnose erfolgt meist durch eine ausführliche Anamnese und standardisierte Tests. Eine frühzeitige Therapie und in einigen Fällen medikamentöser Behandlung kann helfen, den Betroffenen den Alltag zu erleichtern.
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Reizverarbeitungsstörung: Wenn die Sinne verrücktspielen
Eine Reizverarbeitungsstörung beschreibt eine Beeinträchtigung in der Verarbeitung von Sinneseindrücken. Das Gehirn hat Schwierigkeiten, Reize aus der Umgebung oder aus dem eigenen Körper richtig zu filtern, zu ordnen und angemessen darauf zu reagieren. Dadurch kann es zu einer Überempfindlichkeit kommen, bei der Betroffene besonders sensibel auf Geräusche, Berührungen, Licht oder bestimmte Stoffe und Gerüche reagieren und diese als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfinden. Umgekehrt kann auch eine Unterempfindlichkeit auftreten, wodurch Schmerzreize kaum wahrgenommen werden oder ein vermindertes Bewusstsein für Kälte und Wärme besteht.
Darüber hinaus zeigen sich häufig Probleme in der Bewegungskoordination, die sich beispielsweise in Ungeschicklichkeit oder Gleichgewichtsproblemen äußern. Auch die soziale Interaktion kann beeinträchtigt sein, wenn Betroffene beispielsweise Blickkontakt vermeiden oder körperliche Nähe als unangenehm empfinden. Konzentrationsschwierigkeiten sind ebenfalls typisch, da Hintergrundgeräusche leicht ablenken oder es schwerfällt, sich über längere Zeit auf eine Aufgabe zu fokussieren. Manche Betroffene zeigen zudem ein auffälliges Suchverhalten nach Reizen, indem sie ein starkes Bedürfnis nach Bewegung oder intensivem Druck auf die Haut haben.
Die genauen Ursachen sind nicht vollständig geklärt, aber es wird vermutet, dass neurologische Faktoren eine Rolle spielen. Häufig tritt eine Reizverarbeitungsstörung im Zusammenhang mit anderen Entwicklungsstörungen wie Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), ADHS oder frühkindlichen Hirnschädigungen auf. Auch Frühgeburten oder genetische Faktoren können das Risiko erhöhen.
Der Zusammenhang zwischen ADHS, Migräne und Reizverarbeitungsstörung
Es gibt Hinweise darauf, dass ADHS, Migräne und Reizverarbeitungsstörungen miteinander in Verbindung stehen können. Alle drei Erkrankungen haben eine neurologische Komponente und können mit einer veränderten Reizverarbeitung im Gehirn einhergehen. Menschen mit ADHS haben oft Schwierigkeiten, Reize zu filtern und sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Dies kann zu einer Überlastung des Nervensystems führen und Migräneanfälle auslösen. Ebenso können Menschen mit einer Reizverarbeitungsstörung empfindlicher auf bestimmte Reize reagieren, die auch Migräne auslösen können.
Eine Studie hat gezeigt, dass Kinder mit ADHS ein höheres Risiko haben, an Migräne zu erkranken. Eine andere Studie hat gezeigt, dass Menschen mit Migräne häufiger an ADHS leiden als Menschen ohne Migräne. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Menschen mit einer Reizverarbeitungsstörung häufiger an Migräne und ADHS leiden.
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Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jeder Mensch mit ADHS oder einer Reizverarbeitungsstörung auch an Migräne erkrankt. Und nicht jeder Mensch mit Migräne hat ADHS oder eine Reizverarbeitungsstörung. Aber es scheint eine gewisse Überlappung zwischen diesen Erkrankungen zu geben.
Therapieansätze
Die Therapie von ADHS, Migräne und Reizverarbeitungsstörungen ist individuell und hängt von den spezifischen Symptomen und Bedürfnissen des Patienten ab.
Migräne
Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel bietet spezielle Therapien für Migräne an, darunter:
- Medikamentöse Therapie: Triptane und andere Schmerzmittel können bei akuten Migräneanfällen helfen. Eine Prophylaxe mit Medikamenten kann die Häufigkeit und Intensität der Anfälle reduzieren.
- Verhaltensmedizinische Therapie: Entspannungsverfahren, Stressmanagement und Biofeedback können helfen, Migräneanfälle zu verhindern oder zu lindern.
- Multimodale Schmerztherapie: Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten arbeitet zusammen, um die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
ADHS
Die Therapie von ADHS umfasst in der Regel:
- Medikamentöse Therapie: Stimulanzien und Nicht-Stimulanzien können helfen, die Aufmerksamkeit zu verbessern und die Impulsivität und Hyperaktivität zu reduzieren.
- Verhaltenstherapie: Verhaltenstherapeutische Ansätze können helfen, die Symptome von ADHS zu bewältigen und das Verhalten zu verbessern.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die Feinmotorik, Koordination und sensorische Integration zu verbessern.
Reizverarbeitungsstörung
Die Therapie von Reizverarbeitungsstörungen umfasst in der Regel:
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- Sensorische Integrationstherapie: Diese Therapie hilft, die Verarbeitung von Sinnesreizen zu verbessern und die Reaktionen auf diese Reize zu normalisieren.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die Feinmotorik, Koordination und sensorische Integration zu verbessern.
- Verhaltenstherapie: Verhaltenstherapeutische Ansätze können helfen, die Symptome der Reizverarbeitungsstörung zu bewältigen und das Verhalten zu verbessern.
Die Rolle der Selbsthilfe
Selbsthilfegruppen können eine wertvolle Unterstützung für Menschen mit ADHS, Migräne oder Reizverarbeitungsstörungen sein. In einer Selbsthilfegruppe können Betroffene sich austauschen, Erfahrungen teilen und voneinander lernen. Es gibt auch viele Online-Foren und -Communities, in denen sich Betroffene austauschen können.
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