Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Die Erkrankung ist durch eine Vielzahl von Symptomen gekennzeichnet, die von Patient zu Patient unterschiedlich sein können. Die Unvorhersehbarkeit der Symptome und der Krankheitsverlauf stellen eine besondere Herausforderung für die Betroffenen dar.
Einführung in die Multiple Sklerose
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, deren Ursache bis heute nicht vollständig geklärt ist. Die Erkrankung manifestiert sich oft im frühen Erwachsenenalter und kann einen schubförmig-remittierenden oder einen chronisch-progredienten Verlauf nehmen. Die Symptome sind vielfältig und können von Sehstörungen über Sensibilitätsstörungen bis hin zu Lähmungserscheinungen reichen.
Häufigkeit und Verlaufsformen
Die Multiple Sklerose betrifft vor allem junge Menschen. Der Beginn der Erkrankung liegt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, wobei das durchschnittliche Erkrankungsalter zwischen 29 und 32 Jahren liegt. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen die MS bereits vor dem 10. Lebensjahr oder erst nach dem 40. Lebensjahr auftritt.
Man unterscheidet verschiedene Verlaufsformen der MS:
- Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Dies ist die häufigste Verlaufsform, bei der es zu Schüben kommt, gefolgt von Phasen der Remission, in denen sich die Symptome teilweise oder vollständig zurückbilden. Etwa 80 % der Patienten haben initial einen schubförmig-remittierenden Verlauf.
- Sekundär progrediente MS (SPMS): Bei dieser Verlaufsform geht die schubförmig-remittierende MS in eine kontinuierliche Verschlechterung über, unabhängig von Schüben.
- Primär progrediente MS (PPMS): Diese Verlaufsform ist durch eine von Beginn an kontinuierliche Verschlechterung der Symptome gekennzeichnet, ohne dass es zu Schüben kommt. Sie tritt bei etwa 10-15 % der Patienten auf.
- Progressiv-schubförmige MS (PRMS): Diese seltene Verlaufsform ist durch eine kontinuierliche Verschlechterung mit akuten Schüben gekennzeichnet, mit oder ohne Remission.
Symptome der Multiplen Sklerose
Die Symptome der MS sind vielfältig und können von Patient zu Patient unterschiedlich sein. Sie hängen davon ab, welche Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sind. Häufige Symptome sind:
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- Sensibilitätsstörungen: Parästhesien (Kribbeln, Taubheitsgefühl), Schmerzen, gestörte Tiefensensibilität
- Sehstörungen: Optikusneuritis (Entzündung des Sehnervs) mit verschwommenem Sehen, Doppelbilder
- Motorische Störungen: Lähmungen, Spastik (Muskelsteifheit), Koordinationsstörungen, Gangstörungen
- Fatigue: Chronische Müdigkeit und Erschöpfung
- Kognitive Störungen: Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten
- Blasen- und Darmstörungen: Inkontinenz, Verstopfung
- Schmerzen: Akute oder chronische Schmerzen, z. B. Trigeminusneuralgie
Optikusneuritis
Die Optikusneuritis ist eine Entzündung des Sehnervs und ein häufiges Erstsymptom der MS. Sie äußert sich durch verschwommenes Sehen, Schmerzen bei Augenbewegungen und eine eingeschränkte Farbwahrnehmung. In vielen Fällen kommt es zu einerRestitutio ad integrum, es kann aber auch ein Defekt zurückbleiben.
Studien haben gezeigt, dass eine Optikusneuritis innerhalb von 15 Jahren in etwa 75 % der Fälle in eine MS übergeht. Das Risiko ist für Frauen höher als für Männer, für Kinder jedoch deutlich geringer.
Sensible Symptome
Sensible Symptome sind neben der Optikusneuritis das häufigste Initialsymptom der MS. Sie äußern sich meist als Parästhesien, z. B. als Kribbeln oder Taubheitsgefühl. Auch Kältemissempfindungen oder ein Bandagengefühl können auftreten. Das Lhermitte-Zeichen, ein elektrisierendes Gefühl, das bei Kopfbewegungen entlang der Wirbelsäule abwärts zieht, gilt als nahezu pathognomonisch für die MS.
Lähmungserscheinungen
Lähmungserscheinungen treten vor allem im fortgeschrittenen Stadium der MS auf. Sie betreffen häufiger die Beine als die Arme und können asymmetrisch oder halbseitig auftreten. Die Lähmungen sind oft mit Spastik und pathologischen Reflexen verbunden.
Zerebellare Symptome
Rein zerebellare Symptome sind bei der MS selten. Häufiger treten Kombinationen mit motorischen Ausfällen auf. Ein typisches Kleinhirnsymptom ist die Dysarthrie im Sinne einer skandierenden Sprache.
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Hirnstammsymptome
Hirnstammsymptome wie Nystagmus (Augenzittern), Doppelbilder und internukleäre Ophthalmoplegie (INO) sind häufig bei der MS. Die INO ist ein charakteristischer Befund, der auf eine Läsion im Fasciculus longitudinalis medialis zurückzuführen ist.
Schmerzen
20-50 % der Patienten mit MS leiden in irgendeiner Form an Schmerzen. Die Schmerzen können akut oder chronisch auftreten und verschiedene Ursachen haben, z. B. Spastik, tonische Hirnstamm- oder spinale Anfälle, paroxysmale Dysästhesien oder Trigeminusneuralgie.
Blasenstörungen
Blasenstörungen sind ein häufiges Problem bei MS-Patienten und können erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität haben. Sie können sich als Inkontinenz, häufiges Wasserlassen oder Schwierigkeiten beim Entleeren der Blase äußern.
Fatigue
Fatigue ist ein häufiges und oft sehr belastendes Symptom der MS. Sie äußert sich als chronische Müdigkeit und Erschöpfung, die nicht durch Ruhe oder Schlaf gelindert werden kann.
Diagnostik
Die Diagnose der MS basiert auf einer Kombination aus klinischen Befunden, neurologischer Untersuchung und bildgebenden Verfahren. Die McDonald-Kriterien werden zur Diagnose der MS herangezogen.
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- Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist das wichtigste bildgebende Verfahren zur Diagnose der MS. Sie kann Entmarkungsherde (Läsionen) im Gehirn und Rückenmark sichtbar machen.
- Lumbalpunktion: Bei der Lumbalpunktion wird Nervenwasser entnommen und auf bestimmte Entzündungsmarker untersucht.
- Evozierte Potentiale: Diese Messungen können die Leitgeschwindigkeit der Nervenbahnen überprüfen und helfen, Entmarkungen festzustellen.
Therapie
Die Therapie der MS zielt darauf ab, die Entzündung im zentralen Nervensystem zu reduzieren, die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.
Schubtherapie
Akute Schübe werden in der Regel mit hochdosierten Kortikosteroiden behandelt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
Basistherapie
Die Basistherapie zielt darauf ab, die Schubfrequenz zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Es stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die als Immunmodulatoren oder Immunsuppressiva wirken. Dazu gehören:
- Interferone: Interferon beta-1a und Interferon beta-1b
- Glatirameracetat
- Teriflunomid
- Dimethylfumarat
- Fingolimod
- Natalizumab
- Ocrelizumab
- Cladribin
- Alemtuzumab
Die Wahl des Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z. B. der Verlaufsform der MS, der Krankheitsaktivität, den individuellen Risikofaktoren und den Vorlieben des Patienten.
Symptomatische Therapie
Die symptomatische Therapie zielt darauf ab, die einzelnen Symptome der MS zu lindern. Dazu gehören:
- Spastik: Medikamente wie Baclofen, Tizanidin oder Dantrolen, Physiotherapie
- Schmerzen: Schmerzmittel, Antidepressiva, Antikonvulsiva
- Fatigue: Medikamente wie Amantadin oder Modafinil, Bewegungstherapie, kognitive Verhaltenstherapie
- Blasenstörungen: Medikamente, Beckenbodentraining, Katheterisierung
- Kognitive Störungen: Kognitives Training, Ergotherapie
Innovative Therapieansätze
Neben den etablierten Therapien gibt es auch innovative Therapieansätze, die vielversprechend sind:
- Hippotherapie: Studien haben gezeigt, dass die Hippotherapie (Krankengymnastik auf dem Pferderücken) positive Effekte auf Gleichgewichtsstörungen bei MS-Patienten haben kann.
- Elektrostimulation: Die Elektrostimulation mit dem ExoPulse Mollii Suit kann bei Patienten mit spastischer Bewegungsstörung die Gehfähigkeit verbessern und Schmerzen reduzieren.
- Fampridin: Fampridin ist ein Kaliumkanalblocker, der die Gehfähigkeit von MS-Patienten verbessern kann.
Die emotionale und soziale Belastung
Die Multiple Sklerose ist nicht nur eine körperliche Erkrankung, sondern auch eine erhebliche emotionale und soziale Belastung für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Die Unvorhersehbarkeit der Symptome, die Angst vor Schüben und die Einschränkungen im Alltag können zu Depressionen, Angstzuständen und sozialer Isolation führen.
Es ist daher wichtig, dass MS-Patienten auch psychologische Unterstützung und soziale Beratung erhalten. Selbsthilfegruppen können eine wertvolle Unterstützung bieten, da sie den Austausch mit anderen Betroffenen ermöglichen und das Gefühl der Isolation reduzieren.
Hilfsmittel und Anpassungen im Alltag
Um den Alltag mit MS besser bewältigen zu können, gibt es verschiedene Hilfsmittel und Anpassungen, die in Betracht gezogen werden können:
- Mobilitätshilfen: Gehstöcke, Rollatoren, Rollstühle, Elektromobile
- Ergotherapie: Anpassung des Wohnraums, Hilfsmittel für den Haushalt, Training von Alltagsaktivitäten
- Physiotherapie: Muskelaufbau, Verbesserung der Koordination und des Gleichgewichts
- Logopädie: Verbesserung der Sprache und des Schluckens
- Anpassung des Arbeitsplatzes: Ergonomische Anpassungen, flexible Arbeitszeiten
Sarahs Geschichte verdeutlicht, wie ein Elektromobil wie der ATTO SPORT die Lebensqualität von MS-Patienten verbessern kann. Durch die Möglichkeit, mobil und aktiv zu bleiben, können Betroffene wieder am sozialen Leben teilnehmen und ihre Unabhängigkeit bewahren.
Die Bedeutung der Forschung
Die Multiple Sklerose ist eine komplexe Erkrankung, die noch viele Fragen aufwirft. Die Forschung spielt daher eine entscheidende Rolle, um die Ursachen der MS besser zu verstehen, neue Therapien zu entwickeln und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Es gibt verschiedene Forschungsansätze, die vielversprechend sind:
- Immunologische Forschung: Untersuchung der Rolle des Immunsystems bei der Entstehung der MS
- Neuroprotektive Forschung: Entwicklung von Medikamenten, die die Nervenzellen vor Schäden schützen
- Regenerative Forschung: Entwicklung von Therapien, die die Reparatur von Nervenzellen fördern
- Klinische Studien: Erprobung neuer Medikamente und Therapien in klinischen Studien