Musiktherapie bei Alzheimer-Demenz: Eine umfassende Betrachtung

Einleitung

Die Alzheimer-Demenz ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die Gedächtnis, Denken, Verhalten und Emotionen beeinträchtigt. In Deutschland sind rund 1,84 Millionen Menschen von Demenz betroffen. Angesichts der steigenden Zahl von Demenzerkrankungen gewinnt die Suche nach wirksamen Therapieansätzen zunehmend an Bedeutung. Neben medikamentösen Behandlungen rücken nicht-medikamentöse Therapieformen wie die Musiktherapie immer stärker in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Aspekte der Musiktherapie bei Alzheimer-Demenz, von den wissenschaftlichen Grundlagen bis hin zu praktischen Anwendungsmöglichkeiten.

Die Bundesinitiative Musik & Demenz (BIMuD)

Die Bundesinitiative Musik & Demenz (BIMuD) setzt sich dafür ein, dass die vielfältigen Potenziale von Musik im Rahmen der Teilhabe, Behandlung, Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz deutlich stärker als bisher genutzt werden. Der Bedarf ist groß und wird durch das aktuell bestehende Angebot bei weitem nicht gedeckt. Musikalisch-künstlerische Angebote, musikgeragogische bzw. -pädagogische Aktivitäten sowie Musiktherapie in Einrichtungen der Altenhilfe ebenso wie im häuslichen Umfeld müssen erheblich ausgebaut und besser zugänglich gemacht werden.

Die BIMuD wird als beispielhaftes Projekt für Kulturelle Teilhabe und Inklusion für alle und überall im aktuellen 4. Träger der BIMuD sind der Deutsche Musikrat (DMR), die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DMtG), die Deutsche Gesellschaft für Musikgeragogik (DGfMG) sowie der Bundesmusikverband Chor und Orchester (BMCO). Die BIMuD ist organisatorisch und rechtlich beim Landesmusikrat Hamburg angesiedelt. Seit dem Sommer 2025 engagiert sich die Neuropsychologin, Autorin und Liedermacherin Dr. Sarah Straub als „Botschafterin der BIMuD“.

Musiktherapie in der Geriatrie und Gerontopsychiatrie

Für die häufigsten psychischen bzw. psychiatrischen Erkrankungen im Alter - Depression und Altersdemenz - bietet Musiktherapie grundlegende Hilfen. Aber auch bei Schlaganfall und Parkinson leistet Musiktherapie wertvolle Dienste.

Depressiven Patienten, deren Gefühlswelt erstarrt ist, stellen einige Eigenschaften der Musik basale Unterstützungspotentiale bereit. Der wichtigste Aspekt bei dieser Erkrankung ist die emotionalisierende Wirkung von Musik, die die Gefühlsleere füllen und die Erstarrung verflüssigen kann. Wo die Gefühlsebene nicht mehr verbalisiert werden kann, ersetzt musikalisches Erleben die Worte und fördert differenzierende Wahrnehmung. Andere Aspekte der Musik sind beispielsweise ihre Funktion als Erinnerungsträger. Musik aktiviert Assoziationen an - meist positiv besetzte - Erlebnisse der Vergangenheit und kann helfen, Lebensbilanzen besser zu bewerten und die brüchig gewordene Identität zu stabilisieren. Musikmachen fördert darüber hinaus die Bereitschaft zu experimentieren, sich probehalber auf neue Erfahrungen einzulassen und neue Lösungswege zu suchen.

Lesen Sie auch: Informationen für Alzheimer-Patienten und Angehörige

Für an Demenz Erkrankte ist an erster Stelle eine Funktion der Musik zu nennen: Erinnerungen wecken. Menschen mit Demenz tauchen im Verlauf ihrer Erkrankung in die Realitäten ihrer Kindheit und Jugend ein. In dieser Lebensphase werden die prägenden musikalischen Erfahrungen gemacht. Die Musik knüpft hier also an schwergewichtige Ressourcen an. Diese alten musikalischen Erfahrungen erweisen sich als “resistent” gegen das Vergessen. Ein altersdementer Patient, der die Orientierung zu sich selbst verloren hat und seinen einen Namen nicht mehr aussprechen kann, kann aber mühelos ein vier-strophiges Volkslied singen. Die Erfahrung, dies noch zu können, trägt zum Identitätserhalt, zum Angstabbau und somit zu einem großen Stück Lebensqualität bei, aber auch zur Bewunderung durch die soziale Umwelt. Demenzerkrankte verfügen zudem noch sehr lange über emotionale Fähigkeiten, auch wenn die kognitiven schon weitgehend eingeschränkt sind. Diese emotionalen Fähigkeiten können mit Hilfe vertrauter Musik gezielt angeregt werden. Das mündet nicht selten in erhöhte Wachheit und Verbalisierungsfähigkeit: Erlebnisse aus dem Altgedächtnis können wieder erzählt werden.

Wie Musik im Alltag helfen kann

Menschen mit einer Demenz, deren Gedächtnis stark eingeschränkt ist, können sich plötzlich wieder an Liedtexte und Situationen erinnern, wenn sie Lieder aus ihrer Jugendzeit hören. Musik kann beleben, aktivieren, die Stimmung aufhellen. All dies lässt sich auch in der Begleitung von Menschen mit einer Demenz erleben. Wie es gelingt, Musik im Alltag so einzusetzen, dass sie ihre positive Wirkung entfalten kann, zeigt die Broschüre „Musik in der Begleitung von Menschen mit Demenz“, die sich vorrangig an An- und Zugehörige richtet.

„Musik hören, singen, selbst musizieren oder sich zu Musik bewegen und tanzen - es gibt ganz unterschiedliche Wege, auf denen Musik wirken kann“, sagt Swen Staack, 1. Vorsitzender der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. „Nur einfach das Radio einzuschalten ist oftmals nicht genug, doch wenn man versteht, worauf es ankommt, kann gerade Musik das Leben von Menschen mit Demenz und ihren An- und Zugehörigen intensiv bereichern. Wir freuen uns deshalb sehr, dass wir mit Hilfe der Bundesinitiative Musik & Demenz diese wichtige Broschüre nach vielen Jahren komplett überarbeiten und neu auflegen konnten. Durch eine Projektförderung der Knappschaft ist es uns möglich, sie sogar kostenlos zur Verfügung zu stellen.“

Die Broschüre wurde ursprünglich von den Musiktherapeutinnen Dorothea Muthesius, Mechthild Hamberger und Mary Laqua verfasst. Die Überarbeitung mit Ergänzungen zu aktuellen Entwicklungen in Musikgeragogik und Musiktherapie sowie zu musikbasierten Angeboten für die 5. Auflage hat Kerstin Jaunich von der Bundesinitiative Musik & Demenz übernommen - unter Mitwirkung von Prof. Dr. Jan Sonntag (MSH Medical School Hamburg) und Prof. Dr. Alexander F. Wormit (SRH University of Applied Sciences Heidelberg).

„Musik ist universell verbindend und berührt jede und jeden von uns - unabhängig von Bildung, Einkommen oder kultureller Herkunft. Für die Musik-Fachverbände, die sich in der Bundesinitiative Musik & Demenz zusammengeschlossen haben, bietet die Zusammenarbeit mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft eine großartige Chance, Demenzbetroffene und ihre An- und Zugehörigen deutschlandweit zu erreichen und sie über die positiven Wirkungen von musikbezogenen Aktivitäten zu informieren", so Antje Valentin, Generalsekretärin des Deutschen Musikrats.

Lesen Sie auch: Kinder-Alzheimer: Ein umfassender Überblick

Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Musiktherapie bei Demenz

Langjähriges Musizieren und Musiktherapie kann den Verlauf einer Demenzerkrankung positiv beeinflussen. Das zeigen Studien. Wer lebenslang musiziert, hält sein Gehirn bis ins Alter fit und kann dadurch den Verlauf neurodegenerativer Erkrankungen positiv beeinflussen. Das zeigt eine Studie, die im Fachmagazin PLOS Biology veröffentlicht wurde. Mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) wurde in der Studie untersucht, wie das Gehirn älterer Menschen arbeitet, während sie gesprochene Sätze inmitten störender Hintergrundgeräusche hören. Dabei zeigten ältere Musikerinnen und Musiker ein deutlich effizienteres neuronales Verarbeitungsmuster als Nicht-Musiker. Das sei ein Hinweis auf eine sogenannte kognitive Reserve, die durch jahrzehntelanges aktives Musizieren aufgebaut wird.

Dass sich Musik positiv auf das Gedächtnis auswirkt, liegt daran, dass musikalische Fertigkeiten - ebenso wie Fahrradfahren - im prozeduralen Gedächtnis gespeichert werden. Musik kann bei Menschen mit Demenz so Erinnerungen an Kindheit und Jugend wachrufen. Selbst wenn kognitive Fähigkeiten bereits eingeschränkt sind, lassen sich über vertraute Musik emotionale Reaktionen hervorrufen. Dadurch können alte Erlebnisse wieder erzählt und die Kommunikationsfähigkeit angeregt werden. Auch die äußere Beweglichkeit und wichtige Vitalfunktionen profitieren von der Aktivierung durch Musik.

Bei Demenz kann Musiktherapie zwar nicht die Ursache des Gedächtnisverlustes beheben. Doch sie kann positive Emotionen auslösen, Begleiterscheinungen wie Depression mildern, soziale Teilhabe ermöglichen und so den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Auch die Lebensqualität pflegender Angehöriger verbessere sich, so die Bundesinitiative "Musik und Demenz".

Eine neuer Cochrane Review hat Hinweise darauf gefunden, dass eine Musiktherapie Menschen mit Demenz zugutekommen kann, insbesondere durch die Verbesserung der Symptome von Depressionen.

Ein niederländisches Cochrane-Team untersuchte in einem aktuellen Cochrane Review die Ergebnisse von 30 Studien mit 1.720 an Demenz erkrankten Personen, die mindestens fünf Sitzungen Musiktherapie erhielten. Die Studien wurden hauptsächlich in Ländern mit hohem Einkommen durchgeführt, darunter Australien, Taiwan, die USA und verschiedene europäische Länder. Fast alle Therapien enthielten aktive Elemente wie das Spielen von Instrumenten, oft kombiniert mit rezeptiven Komponenten, beispielsweise dem Hören von live dargebotener Musik. Die meisten Teilnehmenden lebten in Pflegeheimen. Die Therapien wurden entweder individuell oder in Gruppen durchgeführt.

Lesen Sie auch: Alzheimer und Demenz im Vergleich

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Musiktherapie im Vergleich zur üblichen Versorgung wahrscheinlich direkt nach der Intervention depressive Symptome verbessert (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Möglicherweise verbessern sich auch allgemeine Verhaltensprobleme (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Ob sich die Musiktherapie auf Unruhe, Aggression, emotionales Wohlbefinden oder Kognition auswirkt, ist unklar. Die derzeit vorliegende, begrenzte Evidenz zeigt hierauf keinen Effekt. Im Vergleich zu anderen Aktivitäten wie Malen, verbessert eine Musiktherapie direkt nach der Intervention möglicherweise das Sozialverhalten und verringert möglicherweise Ängste (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Ob die Effekte länger anhalten (vier Wochen oder länger nach Behandlungsende) ist aufgrund der begrenzten Anzahl von Studien, die die Auswirkungen nach Beendigung der Behandlung beobachten, noch ungewiss.

Musiktherapie als Teil der nicht-medikamentösen Behandlung

Die nicht-medikamentöse Behandlung von Demenz umfasst eine Vielzahl von Therapien, die das Wohlbefinden der Erkrankten stärken und ihre Selbstständigkeit so lange wie möglich erhalten sollen. Im Mittelpunkt steht, den Erkrankten die Teilhabe am Alltag und am sozialen Leben zu ermöglichen. Gleichzeitig können diese Ansätze dazu beitragen, herausfordernde Verhaltensweisen zu mildern und für mehr Ausgeglichenheit zu sorgen. Die Therapien lassen sich einzeln oder kombiniert anwenden.

Neben der Musiktherapie gibt es weitere nicht-medikamentöse Therapieansätze, die bei Demenz eingesetzt werden können:

  • Gedächtnistraining: Aktivitäten zur Förderung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Kommunikation, z.B. Rechenaufgaben, Wortspiele, Puzzles, Bilder erkennen, Zahlenreihen vervollständigen, auch als Gruppenaktivität. Dies dient der Erhaltung von kognitiven Fähigkeiten, Kommunikation und Lebensqualität.
  • Bewegungstherapie: Bewegungsangebote zuhause oder in der Physiotherapie: Spaziergänge, Gehübungen, Gymnastik, Kräftigungs- und Konditionstraining. Angebote für Aktivitäten (auch mit anderen Erkrankten): Gespräche, Kochen, Singen, Musizieren und Tanzen. Dies dient der Erhaltung von Lebensqualität und Selbstständigkeit, Vermeidung von Apathie und Depression.
  • Biographiearbeit: Durch die Biographiearbeit werden bei den Betroffenen gezielt Erinnerungen und Erfahrungen geweckt, beispielsweise durch Fotos, Geschichten, Musik oder Gerüche. Wissen aus der Biographie der erkrankten Person hilft auch Angehörigen im Alltag auf das Verhalten der Person besser zu reagieren. Ziel ist die geistige Anregung und die Verbesserung der Stimmung der oder des Erkrankten.
  • Ergotherapie: In der Ergotherapie werden durch funktionelle, spielerische, handwerkliche und gestalterische Aktivitäten die Alltagskompetenzen gestärkt und möglichst lange erhalten. Dadurch wird die Stimmung der Betroffenen verbessert.
  • Kognitive Stimulation: Durch kognitive Stimulation können bei Erkrankten im frühen bis mittleren Stadium die Wahrnehmung, das Lernen und das Gedächtnis verbessert werden. Dies können zum Beispiel einfache Wort-, Zahlen- oder Ratespiele sein. Aber auch die gezielte Aktivierung des Langzeitgedächtnisses durch Gespräche über Themen von früher oder über persönliche Gegenstände fördert die Kognition.
  • Tanztherapie: Tanzen ist Bewegung und wirkt befreiend. Dadurch werden positive Gefühle geweckt.
  • Mal- und Kunsttherapie: Kann auch Verbesserungen des Wohlbefindens liefern.
  • Snoezelen: Beim Snoezelen werden die Sinne der Erkrankten angesprochen. Bekannte Klänge, Düfte und Geschmäcke wirken anregend, wodurch auch das Wohlbefinden verbessert werden kann.
  • Lichttherapie: Es gibt erste Hinweise darauf, dass die Lichttherapie die Schlafqualität der Betroffenen verbessern kann.
  • Berührung und Massagen: Berührungen oder leichte Massagen wirken beruhigend.
  • Tiergestützte Therapie: Studien zeigen, dass die Anwesenheit von Tieren eine beruhigende Wirkung auf Menschen mit Demenz haben kann. Die non-verbale Kommunikation kann hilfreich sein, vorallem dann, wenn eine verbale Kommunikation nicht mehr möglich ist.
  • Realitätsorientierungstraining (ROT): Bei dieser Therapieform werden den Erkrankten aktiv Informationen zu Zeit und Ort angeboten, beispielsweise durch große Uhren und Kalender oder eine einfache Raumbeschilderung.
  • Bewegungstherapie: Die Bewegungstherapie wirkt körperlichen Beschwerden entgegen, zudem werden Verhalten und Körperwahrnehmung positiv beeinflusst.
  • Verhaltenstherapie: Die Verhaltenstherapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren für Menschen mit leichter kognitiver Störung (MCI) und Demenz im Frühstadium. Sie wird eingesetzt zur Bewältigung von Depressionen.

Neben begleitenden, regelmäßigen therapeutischen Maßnahmen gibt es weitere Aktivitäten, die Menschen mit Demenz länger körperlich und geistig fit halten können. Diese lassen sich oft gut in den Alltag integrieren:

  • Sport: Sport hat nachgewiesene positive Effekte auf die Leistungsfähigkeit, Fitness und Stimmung von Erkrankten. Bewegung baut Ängste ab, mildert Aggressionen und fördert das Ein- und Durchschlafen. Am besten eignet sich tägliche moderate Bewegung (Walking, Tanzen, Gymnastik etc.), bei der Atmung und Herzfrequenz erhöht sind, aber noch ein Gespräch möglich ist.
  • Geistige Aktivität: Aktivitäten, die das Gehirn anregen wirken sich ebenfalls positiv auf den Verlauf von Demenzerkrankungen aus. Gut für die geistige Fitness sind zum Beispiel Brettspiele, Puzzles, Handarbeiten oder Basteln.
  • Soziale Kontakte: Ein gutes Miteinander und soziale Kontakte machen nicht nur zufriedener, sondern halten auch den Kopf fit.

Musik und Gangbild

Feinste Gangunregelmäßigkeiten können Vorboten einer späteren Demenzerkrankung sein. In der Einstein-Aging-Kohortenstudie zeigten Kohortenteilnehmer mit frisch diagnostizierter Demenzerkrankung - im Vergleich zu kognitiv gesund gebliebenen Teilnehmern - bereits fünf Jahre früher eine signifikant erhöhte Variabilität der Schwingphase im Gangbild [11]. Mit fortschreitendem Demenzstadium erhöht sich die Gangunregelmäßigkeit und damit das Sturzrisiko kontinuierlich [12].

Beim aktiven Musikhören spielt der präfrontale Kortex eine wichtige Rolle. Mittels funktioneller Bildgebung kann eine eindrückliche musikinduzierte Aktivierung im mediofrontalen Frontalkortex nachgewiesen werden [16]. Spannend und auch immer wieder Gegenstand der Forschung ist die Hirnwirkung von mit Musik kombinierten Bewegungsaktivitäten wie Tanz und Rhythmik. In der Einstein-Aging-Kohortenstudie war regelmäßiges Tanzen als Freizeitbeschäftigung mit einem bis zu 80 % erniedrigten späteren Demenzrisiko assoziiert [17]. In einer Interventionsstudie mit Rhythmik nach Jaques-Dalcroze konnte das motorisch-kognitive Dual-task-Vermögen von zu Hause lebenden Senioren verbessert und das Sturzrisiko um über 50 % reduziert werden [18]. In fortgeschrittenen Demenzstadien scheint die Jaques-Dalcroze-Rhythmik neben der positiven Beeinflussung von „behavioral and psychological symptoms of dementia“ (BPSD) vor allem die sprachlichen Fähigkeiten zu fördern ([19]; Abb. 4).

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

In den vergangenen Jahren gab es viele Studien zur Musiktherapie und ihrer möglichen gesundheitsfördernden Wirkung. In Deutschland ist die Musiktherapie allerdings noch nicht flächendeckend etabliert. Es gibt sie nur punktuell in Pflegeeinrichtungen oder als Modellprojekt - obwohl der Bedarf durch die alternde Bevölkerung steigt. "Die Musiktherapie grundsätzlich kämpft derzeit sehr stark um ihre gesundheitspolitische Anerkennung", sagt Musiktherapeut Sonntag. Anders als in Deutschland ist der Beruf des Musiktherapeuten in Österreich gesetzlich geschützt. Auch in Großbritannien gelten berufsrechtliche Standards für sämtliche kreativtherapeutischen Tätigkeiten. Der internationale Vergleich zeigt: Deutschland hinkt bei der strukturellen und finanziellen Umsetzung von Kreativtherapien hinterher. Aus diesem Grund diskutieren die Teilnehmenden des Europäischen Musiktherapie-Kongresses in Hamburg vom 23. bis zum 27. Juli 2025 unter anderem über musiktherapeutische Ansätze bei Demenz und darüber, wie kreative Therapien künftig besser verankert und internationaler gedacht werden können.

Die publizierte wissenschaftliche Evidenz zur therapeutischen Bedeutung von Musik bei demenziellen Erkrankungen ist im Vergleich zu medikamentösen Therapieansätzen bei Demenz gering. Trotzdem: Gab es zum Thema Musik und Demenz im Jahr 2000 noch insgesamt 16 wissenschaftliche Beiträge pro Jahr (PubMed: Suchworte „music“ und „dementia“), ist deren Anzahl im Jahr 2021 auf 123 angestiegen. Leider sind davon nur 9 Publikationen als „klinische Studien“ klassiert, was die Hauptherausforderung in dieser „jenseits des Mainstreams“ gelegenen Thematik unterstreicht: Planung und Durchführung guter randomisierter, kontrollierter Interventionsstudien sind extrem anspruchsvoll.

Fazit

Die Musiktherapie stellt eine vielversprechende nicht-medikamentöse Therapieform bei Alzheimer-Demenz dar. Sie kann positive Emotionen auslösen, Erinnerungen wecken, soziale Teilhabe ermöglichen und Begleiterscheinungen wie Depressionen mildern. Obwohl die wissenschaftliche Evidenz noch begrenzt ist, deuten zahlreiche Studien auf positive Effekte der Musiktherapie hin. Es bedarf weiterer Forschung, um die langfristigen Auswirkungen und die spezifischen Wirkmechanismen der Musiktherapie bei Demenz besser zu verstehen. Dennoch sollte die Musiktherapie als wichtiger Bestandteil der umfassenden Betreuung von Menschen mit Demenz betrachtet werden. Initiativen wie die BIMuD tragen dazu bei, das Bewusstsein für die Potenziale der Musiktherapie zu schärfen und den Zugang zu musiktherapeutischen Angeboten zu verbessern.

tags: #alzheimer #doku #musik