Ein Schlaganfall ist ein einschneidendes Ereignis, das das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen grundlegend verändern kann. Die Rehabilitation spielt eine entscheidende Rolle, um verlorengegangene Funktionen wiederzuerlangen und den Alltag möglichst selbstständig gestalten zu können. Neben der stationären Rehabilitation stellt die ambulante Reha eine wichtige Option dar, die es den Patienten ermöglicht, in ihrem gewohnten Umfeld zu bleiben und gleichzeitig von intensiver Therapie zu profitieren.
Was ist ambulante Reha nach Schlaganfall?
Die ambulante Reha ist eine Rehabilitationsmaßnahme, bei der die Patientinnen und Patienten tagsüber in einer Rehabilitationseinrichtung behandelt werden und abends sowie am Wochenende in ihr häusliches Umfeld zurückkehren. Im Gegensatz zur stationären Reha, bei der die Betroffenen ganztägig in der Einrichtung untergebracht sind, bietet die ambulante Reha die Möglichkeit, die Therapie in den Alltag zu integrieren und die erlernten Fähigkeiten direkt in der gewohnten Umgebung anzuwenden.
Vorteile der ambulanten Reha
Die ambulante Reha bietet eine Reihe von Vorteilen gegenüber der stationären Reha:
- Alltagsnähe: Die Betroffenen verbringen die Abende und Wochenenden in ihrer gewohnten Umgebung und können das Training direkt in ihrem Alltag erproben. Dies ermöglicht eine optimale Anpassung der Therapie an die konkreten Bedürfnisse und Herausforderungen des Patienten. „So lässt sich die Therapie optimal auf die konkreten Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten abstimmen - die Reha bekommt eine hohe Alltagsrelevanz“, erklärt Dr. Martin Falkenberg, Chefarzt für Neurologie am Zentrum für ambulante Rehabilitation (ZAR) Bielefeld.
- Soziales Umfeld: Der Kontakt zu Familie und Freunden bleibt erhalten, was die soziale Integration und das psychische Wohlbefinden fördert.
- Flexibilität: Die Therapiezeiten können flexibel gestaltet werden, um den individuellen Bedürfnissen und Verpflichtungen der Patientinnen und Patienten gerecht zu werden.
- Kosten: In der Regel ist die ambulante Reha kostengünstiger als die stationäre Reha, da keine Kosten für Unterkunft und Verpflegung anfallen.
Voraussetzungen für eine ambulante Reha
Nicht alle Schlaganfallpatienten sind für eine ambulante Reha geeignet. Es gibt bestimmte Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen:
- Erreichbarkeit der Rehaeinrichtung: Die Patientinnen und Patienten müssen in der Lage sein, die Rehaeinrichtung täglich von ihrem Wohnort aus in einer angemessenen Fahrzeit zu erreichen. „Bei uns liegt die Obergrenze bei ungefähr 45 Minuten pro Fahrt“, so Dr. Falkenberg. Einige Einrichtungen setzen eine Obergrenze von 50 km fest.
- Selbstständigkeit: Die Betroffenen müssen in den motorischen und geistigen Aktivitäten des alltäglichen Lebens so weit selbstständig sein, dass sie ihre Therapien eigenständig aufsuchen können. Die Funktionsfähigkeit wird in der Regel anhand des Barthel- oder des FIM-Index überprüft.
- Gesundheitlicher Zustand: „Leicht bis mittelschwer betroffene Patientinnen und Patienten können wir gut ambulant behandeln“, betont Dr. Falkenberg.
- Häusliche Versorgung: Die Patienten müssen in der Lage sein, sich selbst zu versorgen, oder die Versorgung im heimischen Umfeld muss durch Angehörige und/oder einen Pflegedienst gesichert sein.
Phasen der neurologischen Rehabilitation
Die Neurorehabilitation wird in verschiedene Phasen unterteilt:
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- Phase A: Akutversorgung
- Phase B: Frührehabilitation
- Phase C: Weiterführende Rehabilitation
- Phase D: Anschlussrehabilitation
- Phase E: Nachsorge und berufliche Rehabilitation
Die ambulante neurologische Reha findet im Normalfall in Phase D der Rehabilitation statt. Darüber hinaus finden auch Patientinnen und Patienten mit neurologischen Erkrankungen eine umfassende Versorgung, bei denen ambulante Maßnahmen im Heilmittelbereich nicht ausreichend sind.
Inhalte der ambulanten Reha
Die ambulante Reha umfasst ein breites Spektrum an Therapien, die individuell auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten abgestimmt werden. Zu den häufigsten Therapieformen gehören:
- Physiotherapie: Ziel der Physiotherapie ist es, das Bewegungssystem zu verbessern, Funktionsstörungen innerer Organe zu regulieren, Eigen- und Fremdwahrnehmung, Sozialkompetenz und psychische Leistungsfähigkeit zu verbessern, Schmerzen zu lindern, Eigenständigkeit zu fördern und die Selbstheilungskräfte des Organismus zu aktivieren. Die Physiotherapie wird eingesetzt, um Lähmungen zu reduzieren, die Koordination zu verbessern, die Muskelkraft zu stärken und die Beweglichkeit zu erhöhen. Funktionelle Behandlung auf neurophysiologischer Grundlage, Gleichgewichts- und Koordinationstraining, Sicherheitstraining, Rollstuhltraining, Kontrakturprophylaxe, Gangschule, Motomedtherapie, Stehtisch, Einzelgymnastik im Wasser, Laufbandtraining und Repetitive Magnetstimulation sind einige der angewandten Methoden.
- Ergotherapie: Die Ergotherapie zielt darauf ab, Muskelfunktionen anzubahnen, damit unsere Patienten ein selbstbestimmtes Leben im Alltag und Beruf wiedererlangen. Hierzu zählen in erster Linie die Körperpflege, das Ankleiden, der Toilettengang und die Hantierfunktion. Sowohl motorische/sensible Funktionseinschränkungen als auch kognitive Störungen werden mit ergotherapeutischen Maßnahmen/Ergotherapie im Einzel- oder Gruppensetting behandelt.
- Logopädie: Schädigungen des zentralen und peripheren Nervensystems können zu Störungen der Sprache, des Sprechens und/oder des Schluckens führen. Notwendige therapeutische Maßnahmen sollten so früh wie möglich eingeleitet werden, um Komplikationen und Fehlanpassungen zu vermeiden. Logopädie behandelt Patienten mit Sprachstörung (Aphasie), Sprechstörung (Anarthrie, Dysarthrie, Sprechapraxie), Stimmstörungen (Aphonie, Dysphonie) und Schluckstörungen (Dysphagie). Ziele der Logopädie sind die sprachliche Symptomatik vermindern, kommunikative Kompetenz verbessern oder eine elementare Kommunikationsstruktur aufbauen, Schluckstörungen vermindern (Esstraining), eine PEG-Anlage (Ernährungssonde) vermeiden, komplikationslose, ausreichende Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ermöglichen und ggf. eine Ernährungsstrategie, z. B. mit angepasster Kostform, festlegen, Sprachverständnis, Wortfindung, Satzbau und Kommunikationsverhalten (wieder) aufbauen, Artikulation und Sprechflüssigkeit verbessern, Stimmgebung anbahnen und mit der Atmung koordinieren, Heiserkeit verringern, belastungsfähige Stimme aufbauen und lebensgefährliche Lungenentzündung vermeiden.
- Neuropsychologie: Die klinische Neuropsychologie ist ein Fachgebiet der Psychologie. Sie beschäftigt sich mit den Auswirkungen einer Hirnverletzung z. B. nach einem Schlaganfall, einer Hirnblutung oder einer Hirnoperation. Eine solche Hirnverletzung kann neben motorischen und sprachlichen auch kognitive, visuelle, emotionale und Verhaltensveränderungen zur Folge haben. Aufgabe der klinischen Neuropsychologie ist die weiterführende und detaillierte psychologische und neuropsychologische Diagnostik, nach der betroffene kognitive Bereiche mit computergestützten Therapieverfahren gezielt trainiert werden können. Außerdem bekommen die Rehabilitanden bei Bedarf ein für sie individuell zusammengestelltes Paket mit Einzelleistungen wie psychologischer Beratung, Raucherentwöhnung oder Entspannungstraining.
- Physikalische Therapie: Physikalische Anwendungen sind bei Patienten der Phase B zunächst wenig im Einsatz, im späteren Verlauf werden diese aber immer häufiger genutzt. In der Phase B können Lymphdrainage oder Massagen bei der Kontrakturprophylaxe und -therapie unterstützen. Elektrotherapie, Gesamtes Spektrum von Niederfrequenz bis zur Hochfrequenz, Interferenzstrom, Ultraschall, Inhalationen, Kryo-Therapie (Kältetherapie), Massagen, klassische Massagen, Bindegewebsmassage, manuelle Lymphdrainagen, Unterwasserdruckstrahlmassagen, Akupressur, Colonmassage bei Obstipation (Verstopfung), Extensions- und Schlüsselzonenmassagen, Wärmetherapie mit Peloiden (Heilerden und Schlämme) und Packungen, Heißluft, Heiße Rolle.
- Ernährungsberatung: Die Ernährungsberatung in der Neurologie ist speziell auf unsere Patienten mit Schluckstörungen abgestimmt. Neben der logopädischen Schluckdiagnostik und -therapie beraten wir Sie und Ihre Angehörigen ausführlich welche Nahrungskonsistenzen Sie zu sich nehmen können. Wir halten vielfältige Gerichte in geeigneten Kostformen (z. B. Brei, mit festen Bestandteilen oder ohne, angedickte Kost, angedickte Flüssigkeiten) für Sie bereit die genau auf Ihre Schluckstörung angepasst werden. Weitere Angebote der Ernährungsberatung Ernährung bei Diabetes mellitus, insbesondere hinsichtlich der Ballaststoffe und Kohlenhydrate, Begriff Broteinheit Ernährung bei Adipositas (Fettleibigkeit) Körpergewichtsreduktion unter Berücksichtigung der verminderten Einnahme von tierischen Fetten und einer ballaststoffreichen Diät Ernährung bei Hypercholesterinämie: Auswahl der Fette und Fettsäuren unter Berücksichtigung individueller Ernährungsgewohnheiten Mediterrane Diät: Einzelbeispiele zur ausgewogenen mediterranen Ernährung
- Sozialdienst: Der Sozialdienst berät Sie zu Wiedereingliederungsmaßnahmen, Hilfen am Arbeitsplatz und Therapien nach der Rehabilitation. Er informiert Sie außerdem über das Schwerbehindertenrecht und die Berentung.
Ablauf der ambulanten Reha
Der Ablauf einer ambulanten Reha ist in der Regel wie folgt:
- Antragstellung: Der behandelnde Arzt stellt einen Antrag auf ambulante Reha bei der Krankenkasse oder Rentenversicherung.
- Eingangsuntersuchung und Therapieplanung: Nach der Bewilligung des Antrags erfolgt eine Eingangsuntersuchung in der Rehaeinrichtung, bei der die individuellen Therapieziele festgelegt und ein Therapieplan erstellt werden. Nach einer Eingangsuntersuchung und einem Aufnahmegespräch werden Therapieziele formuliert und ein Therapieplan erstellt. Das Ziel der Rehabilitation ist, verlorengegangene Funktionen so weit wie möglich wiederherzustellen oder - wo das nicht möglich erscheint - mit dem Patienten Kompensationsstrategien einzuüben, z.B. die linke Hand als „Ersatzhand“ zu trainieren. Die Ziele sollten sich jedoch immer am Lebensalltag des Patienten orientieren, d.h.
- Therapie: Die Patientinnen und Patienten nehmen an den individuell geplanten Therapien teil. Die ambulanten Therapien erfolgen in der Regel an fünf Tagen pro Woche von Montag bis Freitag zwischen 8.15 Uhr und 16.30 Uhr.
- Regelmäßige Anpassung des Therapieplans: Im Verlauf der Reha wird der Therapieplan regelmäßig an die Fortschritte und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten angepasst.
- Abschlussuntersuchung und Entlassungsplanung: Am Ende der Reha findet eine Abschlussuntersuchung statt, bei der die Ergebnisse der Therapie besprochen und Empfehlungen für die weitere Behandlung und Nachsorge gegeben werden.
Ziele der ambulanten Reha
Ziel der ambulanten neurologischen Reha ist es, Funktionsstörungen als Folge neurologischer Erkrankungen zu mindern, damit Patientinnen und Patienten eine bestmögliche Teilhabe am Leben und ihrem Alltag wiedererlangen können. Die neurologische Reha kann sich auch ambulant außerhalb einer Rehaklinik an eine stationäre Behandlung anschließen. Das Ziel dabei ist unter anderem die Wiedereingliederung in das alltägliche Umfeld. Durch eine zielgerichtete Therapie sollen Patientinnen und Patienten Aufgaben und Aktivitäten im Alltag wieder aufnehmen können und ihre Selbstständigkeit zurückgewinnen. Ein weiteres Ziel der Reha ist es, Patienten bei einer notwendigen Umstellung des Lebensstils zu unterstützen, um einen wiederholten Schlaganfall zu vermeiden.
Nachsorge nach der ambulanten Reha
Egal ob ambulant oder stationär - irgendwann neigt sich die Reha dem Ende entgegen. Patientinnen und Patienten sollten unbedingt klären, welche Therapien sie auch zukünftig fortsetzen sollten. Am besten vereinbaren Betroffene frühzeitig erste Termine bei niedergelassenen therapeutischen Praxen. Einige ambulante Rehaeinrichtungen wie das ZAR Bielefeld ermöglichen es ihren Patientinnen und Patienten, ihre Therapie auch nach Ende der Reha dort fortzusetzen. Dr. Falkenberg weiß: „Davon profitieren ganz besonders Betroffene, die verschiedene Therapien benötigen. Sie haben hier alles an einem Ort und müssen nicht verschiedene Praxen aufsuchen. Zum Ende der Rehabilitation wird das Behandlungsteam mit Ihnen bzw. Ihrem Angehörigen die weitere, ambulante Versorgung besprechen und ggfs. erste Schritte in die Wege leiten. Ihr Hausarzt erhält einen Bericht über den Verlauf der Rehabilitation.
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