Amitriptylin ist ein trizyklisches Antidepressivum, das seit den 1960er Jahren auf dem Markt ist. Ursprünglich zur Behandlung von Depressionen entwickelt, wird es heute auch häufig zur Behandlung von chronischen Schmerzen, insbesondere Nervenschmerzen, eingesetzt. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen mit Amitriptylin bei Nervenschmerzen, seine Wirkungsweise, Anwendung, Nebenwirkungen und Alternativen.
Einführung in Amitriptylin
Amitriptylin ist ein altbewährter Stoff, der etwa seit 1960 bekannt ist. Es gehört zur Klasse der trizyklischen Antidepressiva. Als Psychopharmakon wurde es weitgehend von moderneren SSRI (selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern) abgelöst. Der Wirkstoff beeinflusst neuronale Vorgänge im Gehirn und wird primär zur Behandlung von Depressionen eingesetzt. Aufgrund seiner chemischen Struktur zählt Amitriptylin zur Gruppe der Trizyklika, die sich durch ihren molekularen Aufbau aus drei miteinander verbundenen Ringen auszeichnen.
Wirkmechanismus von Amitriptylin
Die Wirkung von Amitriptylin beruht auf einem einfachen Mechanismus: Es verhindert die Wiederaufnahme der Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin in die Zellen, nachdem diese in den synaptischen Spalt ausgeschüttet wurden. Dadurch verbleiben die Botenstoffe länger im Nervensystem und gleichen so den Mangel an diesen Stoffen aus, der bei Depressionen vermutet wird. Signale werden im Körper elektrisch weitergeleitet. Sobald aber das Signal von einer auf die andere Nervenzelle (Neuronen) erfolgen soll, kann dies nicht mehr elektrisch geschehen, da ein Spalt die Neuronen voneinander trennt. Die Überwindung dieses sogenannten synaptischen Spaltes kann jedoch chemisch erfolgen. Dafür sind die Botenstoffe da. Einer dieser Botenstoffe ist das Serotonin. Das heißt, dass bei einem Mangel von Serotonin die Signalweiterleitung geschwächt ist.
Neben der antidepressiven Wirkung hat Amitriptylin auch eine schmerzlindernde Wirkung. Diese beruht vermutlich auf dem Einfluss auf die Serotonin-Konzentration im Gehirn.
Anwendungsgebiete von Amitriptylin
Amitriptylin wird hauptsächlich in folgenden Bereichen eingesetzt:
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- Depressionen: Insbesondere bei starken Depressionen, die mit Angst und Unruhe verbunden sind. Wichtig ist hierbei, das Medikament nicht allein zur Behandlung von Depressionen zu nutzen. Eine Psychotherapie sollte die Behandlung begleiten.
- Chronische Schmerzen: Hierzu zählen neuropathische Schmerzen, Migräne und Spannungskopfschmerzen. Es wird im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts eingesetzt.
- Weitere Anwendungen: Amitriptylin kann auch gegen Angst und Unruhe helfen.
Amitriptylin bei Nervenschmerzen: Erfahrungen
Viele Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit Amitriptylin bei der Behandlung von Nervenschmerzen. Es kann helfen, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Die Erfahrungen sind jedoch individuell verschieden. Einige Patienten berichten von einer deutlichen Schmerzlinderung, während andere weniger oder keine Wirkung verspüren.
Einige Erfahrungsberichte:
- Ein Patient mit neuropathischen Schmerzen unterhalb der Gürtellinie hat bereits einige Behandlungsoptionen durchprobiert. Er nimmt jeden Abend 75 mg Amitriptylin und hat auch die Retard-Version ausprobiert, merkt aber eigentlich keinen Unterschied.
- Ein anderer Patient nimmt 3-4 Tropfen (ca. 6-8 mg) Amitriptylin und fährt damit sehr gut. Er hat außer morgens Mundtrockenheit keine Nebenwirkungen. Es hilft eigentlich sehr gut, nur leider gewöhnt sich der Körper daran und die Wirkung lässt mit der Zeit nach.
- Ein weiterer Patient konnte mit 15mg Amitriptylin eine gute Schmerzdistanzierung erreichen, musste es aber aufgrund von Kopfkribbeln absetzen.
- Einige Patienten berichten, dass die üblichen Mittel gegen neuropathische Schmerzen wie Gabapentin, Lyrica, Sativex etc. viele Nebenwirkungen hatten, die in keinem Verhältnis zur Schmerzlinderung standen.
Dosierung und Einnahme von Amitriptylin
Die Dosierung von Amitriptylin richtet sich nach dem Anwendungsgebiet und der individuellen Situation des Patienten. Bei neuropathischen Schmerzen wird oft eine niedrigere Dosis gewählt als bei Depressionen. Die Tabletten werden meist über den Tag verteilt gegeben (morgens - mittags - abends). Bei niedriger Dosierung bzw. verzögerter Wirkstofffreisetzung erfolgt die Einnahme meist abends, da vor allem zu Therapiebeginn Müdigkeit auftreten kann.
Es ist ratsam, mit einer geringen Dosis zu beginnen und diese langsam zu steigern, bis die gewünschte Wirkung eintritt. Die Anwendung in Tropfenform (Amitriptylin-neuraxpharm®, Stangyl®) erleichtert es, die Dosis langsam bis zum individuell besten Wirkungs-Nebenwirkungs-Verhältnis zu steigern.
Nebenwirkungen von Amitriptylin
Wie alle Medikamente kann auch Amitriptylin Nebenwirkungen verursachen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind:
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- Mundtrockenheit
- Müdigkeit
- Schwindel
- Verstopfung
- Gewichtszunahme
- Akkommodationsstörungen
- Herzrhythmusstörungen
- Benommenheit
- Sprachstörungen
- Tremor
- Verstopfte Nase
- Obstipation
- Schwitzen
- Hypotonie
- Orthostatische Dysregulation
- Passageres Ansteigen der Leberenzymaktivität
- Aggression
Diese Nebenwirkungen treten meist zu Beginn der Behandlung auf und können im Laufe der Zeit abklingen. Es ist wichtig, die Nebenwirkungen mit dem Arzt zu besprechen und gegebenenfalls die Dosis anzupassen.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Amitriptylin kann Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten eingehen. Es kann die Wirkung von Adrenalin, Ephedrin und Phenylephrin (Sympathomimetika) auf das Herz verstärken. Des Weiteren verstärkt es die Wirkung zentral wirksamer Blutdrucksenker (z.B. Clonidin, Methyldopa) und Anticholinergika (z.B. Tolterodin, Oxybutynin).
Die Kombination von Amitriptylin mit Fluvoxamin (Antidepressivum) und Tramadol (Schmerzmittel) ist zu vermeiden. Andere zentral dämpfende Arzneimittel (z.B. Benzodiazepine) und Alkohol verstärken die sedierende Wirkung von Amitriptylin. In der Folge können die Fahrtüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen erheblich beeinträchtigt sein.
Irreversible MAO-Hemmer sollen in jedem Fall mindestens 14 Tage, reversible MAO-Hemmer mindestens 1 Tag, vor Beginn der Therapie mit Amitriptylin abgesetzt werden. Sonst muss mit schweren Nebenwirkungen wie Erregung, Delir, Koma, Hyperpyrexie, Krampfanfällen sowie starken Blutdruckschwankungen gerechnet werden.
Es ist wichtig, den Arzt über alle eingenommenen Medikamente zu informieren, um mögliche Wechselwirkungen zu vermeiden.
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Gegenanzeigen
Amitriptylin sollte nicht eingesetzt werden bei:
- Erkrankungen des Herzens
- Schwerer Leberfunktionsstörung
- Gleichzeitiger Behandlung mit Monoaminooxidase-Hemmern (MAO-Hemmern - gegen Depressionen und Parkinson)
- Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff
Amitriptylin in Schwangerschaft und Stillzeit
Amitriptylin sollte während der Schwangerschaft, insbesondere im ersten sowie im letzten Trimenon nicht angewendet werden, außer es ist dringend erforderlich. Amitriptylin geht in die Muttermilch über und sollte daher nicht während der Stillzeit eingenommen werden.
Alternativen zu Amitriptylin
Es gibt verschiedene Alternativen zu Amitriptylin bei der Behandlung von Nervenschmerzen. Dazu gehören:
- Andere Antidepressiva: Duloxetin und Venlafaxin sind selektive Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, die ebenfalls bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden.
- Antiepileptika: Gabapentin und Pregabalin sind Antiepileptika, die auch bei Nervenschmerzen wirksam sein können.
- Opioide: Opioide wie Morphin und Oxycodon können bei starken Nervenschmerzen eingesetzt werden, sollten aber aufgrund der Nebenwirkungen nicht als Mittel der ersten Wahl betrachtet werden.
- Cannabis: Einige Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit Cannabis bei der Behandlung von Nervenschmerzen. Es gibt verschiedene Cannabis-Medikamente, wie z.B. Dronabinol und Sativex.
- Weitere Medikamente: Tilidin kann bei Bedarf zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
Zusätzlich zu Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Therapien wie Physiotherapie, Ergotherapie und Psychotherapie helfen, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
Wichtige Hinweise zur Einnahme von Amitriptylin
- Die Handhabung von Arzneimitteln mit psychoaktiver Wirkung sollte immer unter der Kontrolle eines Facharztes erfolgen. Änderungen der Dosis könnten schwerwiegende Nebenwirkungen und Folgen mit sich bringen.
- Amitriptylin ist rezeptpflichtig und kann in Apotheken gekauft werden.
- Es ist wichtig, die Einnahme von Amitriptylin nicht abrupt zu beenden, sondern die Dosis langsam zu reduzieren (Ausschleichen), um Absetzerscheinungen zu vermeiden.
- Bei Kindern besteht ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Karies. Es wird geraten, verstärkt auf die tägliche Zahnpflege zu achten.
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