Die Behauptung, dass Chlordioxid-Lösungen (CDL/MMS) Gehirntumore heilen können, ist eine gefährliche und unbewiesene Aussage, die auf fehlenden wissenschaftlichen Grundlagen basiert. Andreas Kalcker ist eine Schlüsselfigur in der Verbreitung dieser Behauptungen, die schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben können. Dieser Artikel beleuchtet die Thematik kritisch und stützt sich dabei auf öffentlich zugängliche Informationen und Warnungen von Behörden.
Was ist Chlordioxid (CDL) / Miracle Mineral Supplement (MMS)?
Chlordioxid (ClO2) ist ein bernsteinfarbenes Gas, das bei Raumtemperatur vorliegt und in Konzentrationen über 10 % in der Luft explosiv ist. Es wird meist in wässriger, nicht explosiver Lösung angeboten (CDL). Chlordioxid besitzt eine oxidative Wirkung und wird industriell als Bleichmittel für Zellstoff (z.B. Papier) oder zur Desinfektion von Trinkwasser eingesetzt.
Miracle Mineral Supplement (MMS) ist eine Chlordioxid-Lösung, auch CDL genannt. Der Begriff geht auf Jim Humble zurück, ein ehemaliges und langjähriges Scientology-Mitglied, der 2010 die Sekte "Genesis II, Church of Health & Healing" gründete. Humble behauptet, MMS könne nahezu alle Krankheiten heilen.
Andreas Kalckers Rolle bei der Verbreitung von CDL/MMS
Andreas Kalcker wirbt auf seiner Webseite, in sozialen Medien, Büchern und Kongressen für MMS als angebliches Wundermittel. Er preist es unter anderem für angebliche Wirkungen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 an.
Im Zusammenhang mit Todesfällen nach der Einnahme von Bleichmitteln wie Chlordioxid wurden Vorwürfe gegen Kalcker und andere Personen erhoben. Wenige Tage nach dem Tod eines Kindes in Argentinien erstattete ein Rechtsanwalt Anzeige gegen Andreas Kalcker und eine weitere Person bei der argentinischen Strafverfolgungsbehörde für Gesundheits- und Umweltkriminalität (UFIMA). Die Anklage lautet auf Bewerbung von Chlordioxid über verschiedene Kanäle mit falschen Heilsversprechen sowie den Verkauf verschiedener Chlor-Verbindungen über eine nicht mehr erreichbare Webseite. Inzwischen sind knapp 20 Menschen beschuldigt, darunter auch Luis Enrique Garcia, ein sogenannter "Bischof" der "Genesis II Church of Health & Healing".
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Die argentinischen Behörden haben Anklage gegen Kalcker und die anderen Beschuldigten erhoben. Sollte das Bundesgericht den Vorwürfen der Bundesstaatsanwaltschaft folgen, drohen den Angeklagten bis zu 25 Jahre Gefängnis. Nach einjährigen Untersuchungen wurde Andreas Kalcker unter dem Vorwurf des "Inverkehrbringens einer gesundheitsgefährdenden Substanz" verhaftet.
Gefahren und Risiken von CDL/MMS
Die Einnahme von MMS birgt erhebliche Gesundheitsrisiken. Behörden wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) warnen eindrücklich vor der Einnahme dieser Substanz.
Die häufigsten Symptome bei einer Vergiftung mit Chlordioxid sind Husten, Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Schleimhautreizungen im Mund-, Nasen- und Rachenraum. Es kann zu Verätzungen im Mund-und-Rachen-Bereich sowie in Speiseröhre und Magen kommen. Zudem kann Chlordioxid im Körper giftig wirken, da es die roten Blutkörperchen schädigen und so die Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen kann.
Besonders gefährlich ist die Verabreichung von CDL an Kinder, da die Schäden hier gravierender sein können als bei Erwachsenen.
Keine wissenschaftliche Grundlage für die Wirksamkeit gegen Krebs
Es gibt keinerlei wissenschaftliche Beweise dafür, dass CDL/MMS gegen Krebs, einschließlich Gehirntumoren, wirksam ist. Die vielfach propagierte Heilwirkung von DMSO bei Krebserkrankungen beruht auf In-vitro-Untersuchungen von humanen Tumorzellen in der Petrischale, die man mit DMSO behandelte. Diese Ergebnisse dürfen jedoch keinesfalls einfach so auf den Menschen übertragen werden! Aufgrund von fehlenden klinischen Studien ist eine Wirkung von DMSO bei Krebs folglich nicht erwiesen.
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Komplementären oder alternativen Methoden oder Mitteln ist gemeinsam, dass sie nicht Teil der onkologischen Standardbehandlung sind. Wirksamkeit und Sicherheit komplementärer oder alternativer Methoden sind in der Regel gar nicht oder nicht ausreichend durch hochwertige, wissenschaftliche Studien belegt. Somit fehlt der sichere Nachweis darüber, dass sie gegen Krebs wirken.
Warnungen und rechtliche Konsequenzen
Zahlreiche Behörden weltweit warnen vor der Einnahme von CDL/MMS. Das BfArM hat MMS-Produkte als zulassungspflichtige und bedenkliche Arzneimittel eingestuft. Der Handel mit diesen Substanzen zum Zwecke der Heilung, Linderung oder Verhütung von Krankheiten ist ohne behördliches Zulassungsverfahren nicht erlaubt.
Immer wieder kommt es zu Anzeigen und Beschwerden durch Tierhalter gegen Tierärzte, die Chlordioxid zur Behandlung von Tieren einsetzen. Einige Verfahren wurden bereits eingestellt, da ein hinreichender Tatverdacht nicht begründet werden konnte.
DMSO (Dimethylsulfoxid): Ein verwandtes Thema
Dimethylsulfoxid (DMSO) ist ein organisches Lösungsmittel, das in einigen Fällen im Zusammenhang mit MMS und alternativen Behandlungsmethoden genannt wird. Es wird als Arzneimittel zur Therapie der interstitiellen Zystitis (RIMSO-50®) eingesetzt, einer chronischen und schmerzhaften Blasenentzündung, jedoch ohne bakterielle Beteiligung.
DMSO hat eine penetrationsfördernde Wirkung und kann die Aufnahme von anderen Stoffen durch die Haut und Schleimhäute erhöhen. Es wird in einigen freiverkäuflichen Präparaten mit Heparin kombiniert (z. B. Dolobene® Sport Gel), um das Eindringen von Heparin ins Unterhautgewebe zu verstärken.
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Es gibt Behauptungen über eine Heilwirkung von DMSO bei Krebserkrankungen, die jedoch auf In-vitro-Untersuchungen beruhen und nicht auf den Menschen übertragbar sind. Es fehlen klinische Studien, die eine Wirkung von DMSO bei Krebs belegen.
Die angestrebten Wirkungen bei der Einnahme von DMSO sind aus pharmazeutischer/medizinischer Sicht nicht belegt, weshalb von einer innerlichen Anwendung gänzlich abgeraten werden muss. Nachgewiesen sind lediglich die penetrationsfördernde Wirkung von DMSO sowie seine abschwellenden und schmerzlindernden Effekte, im zeitlich begrenzten Gebrauch, bei stumpfen Verletzungen und entzündlichen Gelenksveränderungen (Schleimbeutelentzündung).
Komplementäre und alternative Methoden bei Krebs: Eine kritische Einordnung
Für Krebspatienten gibt es zahlreiche komplementäre und alternative Behandlungsangebote. Für keine dieser Methoden ist wissenschaftlich belegt, dass sie Krebs beim Menschen heilen oder direkt bekämpfen kann. Manche Methoden können aber Beschwerden von Erkrankten lindern und ihr Wohlbefinden fördern.
Komplementären oder alternativen Methoden oder Mitteln ist gemeinsam, dass sie nicht Teil der onkologischen Standardbehandlung sind. Wirksamkeit und Sicherheit komplementärer oder alternativer Methoden sind in der Regel gar nicht oder nicht ausreichend durch hochwertige, wissenschaftliche Studien belegt. Somit fehlt der sichere Nachweis darüber, dass sie gegen Krebs wirken.
Bei der Entscheidung für oder gegen ein komplementäres oder alternatives Therapieverfahren ist für manche Betroffene nicht nur der Nachweis einer therapeutischen Wirksamkeit gegen Krebs ausschlaggebend. Ein Nutzen kann für sie auch darin liegen, dass sie selbstbestimmt etwas für sich tun können, es ihnen Hoffnung gibt, ihre Krebserkrankung doch noch in irgendeiner Weise positiv zu beeinflussen - auch wenn Studiendaten dazu fehlen, ein Verfahren zumindest die Lebensqualität oder die Nebenwirkungen der Krebstherapie positiv beeinflussen könnte. Deshalb sollten Patientinnen und Patienten mit den behandelnden Ärzten klären, was das Ziel einer gewünschten komplementären oder alternativen Therapie sein könnte - und ob es realistisch erreichbar ist. Diesem Ziel oder Nutzen müssen mögliche Risiken gegenübergestellt werden, damit sich Interessierte ein Bild davon machen können, was in ihrer persönlichen Situation letztlich überwiegt. Dabei hilft es, sich vorab gut zu der Methode zu informieren.
Fachleute raten davon ab, sich mit einer Krebsdiagnose ausschließlich auf alternative Therapiemethoden zu verlassen, da dies die etablierte und nachgewiesenermaßen wirksame Therapie verzögern oder sogar verhindern kann. Das Sterberisiko der Betroffenen erhöht sich dadurch deutlich.