Die Auseinandersetzung mit der Alzheimer-Krankheit hat in den letzten Jahren in den Medien und insbesondere in der Literatur zugenommen. Dies spiegelt sich in Kinofilmen und literarischen Texten wider, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Doch ist die Darstellung des geistigen Verfalls durch Alzheimer ein neues Phänomen in der Literatur, oder wurde schon immer über Alter und Demenz geschrieben?
Alter und Wahnsinn in der Literaturgeschichte
Traditionell ist das Alter sowohl mit Weisheit als auch mit Wahnsinn verbunden. In der italienischen Comedia dell’arte finden wir den Pantalone, einen stets geprellten alten Mann. In Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ wird der Wahnsinn anhand der Figur des alten Harfners thematisiert. Diese Beispiele sind jedoch nicht kennzeichnend für den geistigen Verfall als Folge der Alzheimer-Krankheit, wie wir sie heute verstehen.
Das Aufkommen des Themas Alzheimer in der zeitgenössischen Literatur
Erst in den letzten 30 Jahren wurde das Thema Alzheimer in der Literatur verstärkt aufgegriffen. Ein Vorreiter war der niederländische Autor Hendrik Jan Marsman, der unter dem Pseudonym J. Bernlef 1984 den Roman „Hersenschimmen“ (dt. „Hirngespinste“) veröffentlichte. Marsman schildert eindrücklich die Demenz aus der Innensicht seines Protagonisten, ohne selbst dement zu sein. Der Leser wird in diese Welt hineingesogen und verliert die Sicherheit, was real und was krankheitsbedingt ist.
Es folgten Romane aus dem deutschsprachigen Raum wie „Haus der Schildkröten“ von Annette Pehnt (2006), „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger (2011), „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ von Katharina Hacker (2010) oder auch Bernd Eichmanns „Vatter baut ab“ (2013).
Familiäre Auswirkungen und Generationskonflikte
Oftmals liegt der Fokus dieser Romane auf den Auswirkungen der Alzheimer-Erkrankung auf die Kinder der Betroffenen. Der Generationskonflikt und die Beziehungen innerhalb der Familie werden detailliert dargestellt. So beschreibt Pehnt in „Haus der Schildkröten“ den Konflikt und die Schuldgefühle der mittleren Generation, die ihre Eltern ins Pflegeheim bringt und deren Leben vom Leiden der Alten überschattet wird. Eichmann erzählt in „Vatter baut ab“ aus der Sicht des Sohnes, der die Pflege seines an Alzheimer erkrankten Vaters übernimmt und dabei eine neue Beziehung zu ihm aufbaut.
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Geiger hingegen achtet in „Der alte König in seinem Exil“ auf den veränderten Sprachgebrauch seines Vaters und nimmt dessen Sprache als kreativ und fast poetisch wahr, wodurch ein verändertes Bild des Vaters entsteht, der als eine Art Künstler wahrgenommen wird. In „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ bemerkt der Sohn die Erkrankung seiner Mutter, als sie vergisst, wie jedes Jahr zuvor, die Erdbeeren zu pflanzen, um ihren Kindern selbstgemachte Erdbeermarmelade zu schenken. Hacker schildert die Auswirkungen der Erkrankung sowohl auf das Elternehepaar als auch auf den Sohn, der unter dem Verlust der selbstverständlichen Liebe der Mutter leidet.
Die Bedeutung der Literatur im Umgang mit Demenz
Die Literatur spielt eine wichtige Rolle bei der Auseinandersetzung mit Demenz, da sie die Möglichkeit bietet, das Thema zu individualisieren und zu biografisieren. Perspektiven können gewechselt werden, um ein Problemfeld aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Am Beispiel von „Haus der Schildkröten“ wird deutlich, wie sowohl die Betroffenen selbst als auch ihre Kinder und das Pflegepersonal im Altenheim zu Wort kommen.
Sprachliche Bilder, wie Metaphern, wecken Vorstellungen und lösen Emotionen aus. Sie werden eingesetzt, um ein größeres Verständnis für Betroffene und Angehörige zu wecken, das Denken über Demenz zu verändern und Wissen, das über lexikalisches Verständnis hinausgeht, zu vermitteln. Die Literatur ermöglicht es, all dies gleichzeitig zu tun.
Literatur als Schule der Langsamkeit
Einen Text zu lesen bedeutet, sich Zeit zu nehmen und sich auf die allmähliche Schilderung einzulassen. Hier entsteht eine Parallele zum Umgang mit Alzheimer-Erkrankten, denn die Bereitschaft zur Langsamkeit ist notwendig. Vor dem Ansprechen eines Erkrankten muss der Kontakt langsam hergestellt werden, um Verwirrung und gegebenenfalls Angstreaktionen zu vermeiden. Damit ist Literatur auch eine Schule der Langsamkeit, die in unserer hektischen Zeit für Lebenslagen sensibilisiert, die sich nicht schnell verändern lassen.
Literaturempfehlungen
Zu den persönlichen Literaturempfehlungen für die Darstellung von Demenz zählen „Hirngespinste“, neu aufgelegt unter dem Titel „Bis es wieder hell ist“ (2007), von Hendrik Jan Marsman, sowie der Roman „Still Alice“ (dt. „Mein Leben ohne Gestern“, 2009) der amerikanischen Neurowissenschaftlerin Lisa Genova. Genova, eine Neurophysiologin, verwendet ihr neurologisches Wissen, um sehr detailliert die verschiedenen Krankheitsstadien einer an Alzheimer erkrankten Frau zu schildern. Die Hauptfigur Alice ist eine 50-jährige Harvard-Professorin für Psychologie, die an einer erblichen Frühform von Alzheimer leidet. Für eine hochintelligente, international anerkannte Forscherin ist der Fall besonders einschneidend. Nach dem Bekanntwerden ihrer Erkrankung verliert sie ihre Position an der Universität und versucht, sich in ihrem neuen Leben, im Rahmen der Familie, einzuleben. Anhand von drei Kindern wird der Umgang mit der Diagnose auf unterschiedliche Weise dargestellt.
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Annette Pehnt und die Reduktion auf das Wesentliche
Mit ihrem Band von Kurzgeschichten unter dem Titel «Einen Vulkan besteigen» folgt die Schriftstellerin Annette Pehnt ihrem ganz eigenen Stil der radikalen Reduktion, zu dessen Vorbildern John Steinbeck gehört, dem sie als erste ihrer Veröffentlichungen ein eigenes Werk gewidmet hat. In abgemilderter Form erinnert ihr Stil auch an Castle Freeman, einen weiteren amerikanischen Autor, der ebenso erfolgreich mit kargen sprachlichen Mitteln arbeitet und trotzdem im Kopf des Lesers viel bewegt. Hier steht also die sprachliche Knappheit dem ausufernden, weitläufigen Erzählen vieler literarischer Klassiker diametral gegenüber. Erstaunlicher Weise aber wird die Leserschaft emotional dabei nicht minder tiefgründig berührt, sie reagiert seelisch nicht weniger betroffen als bei den Geschichten der großen Meister mit den kunstvoll konstruierten, langen Schachtelsätzen. Einen Theodor Fontane beispielsweise liest man gerne allein seines grandiosen Plaudertons wegen, auch wenn, wie in seinem Alterswerk «Der Stechlin», so gut wie nichts passiert auf 500 Seiten, wie er selbst bekannt hat. Im Nachwort erklärt sie: «Ich wollte wissen, was entsteht, wenn ich (radikaler als sonst) im Schreiben alles Überflüssige weglasse. Was geschieht mit der Sprache, wenn ich sie konsequent entschlacke, dass keine Füllwörter, keine verschachtelten Sätze, keine Abschweifungen, keine elaborierten Metaphern mehr Platz haben»? Und weiter: «Welche Räume öffnen sich, wenn ich am Rande des Schweigens entlang schreibe»? Impuls war für sie das Regelwerk der «Leichten Sprache«, und so steht denn auch in diesem Band nahezu jeder Satz in einer eigenen Zeile, Zeitsprünge und Perspektiv-Wechsel werden konsequent vermieden. Die Ich-Erzähler oder -Erzählerinnen, deren wahre Identität sich oft erst nach einer ganzen Seite herausstellt, berichten von ihren ureigensten Sehnsüchten, Ängsten, Hoffungen, Irrtümern und Widersprüchen. Dabei ergibt sich Alles als geradezu zwangsläufig, und Vieles liegt in der Einsamkeit der Figuren begründet und in ihrer Sprachlosigkeit. Sei es der Wunsch nach einer Schwester, die Nöte der Schwangerschaft, das Alleinsein, wenn die Kinder aus dem Hause sind, das Erlebnis einer Komponistin bei der ersten Aufführung ihres Werks. Thematisiert werden auch die psychotischen Ängste eines Vaters, die Fehlinvestition in ein vermeintlich idyllisches Landhaus, die Nöte eines Politikers, eine Flucht von Kindern aus der beengenden Wohnung in den Wald, die Erfolge eines smarten Bruders, der Tod eines Vaters, die Verwahrlosung einer Katzen-Närrin, ein gelungener Studienabschluss, die Vulkanbesteigung als menschliche Herausforderung. All das zeigt in seiner Knappheit ein auf das Wesentliche reduziertes Bild des Menschseins. Unter dieser narrativen Oberfläche findet eine dem Titel entsprechende Gratwanderung durch das menschlich Allzumenschliche statt. Die sprachlich nicht immer voll gelungene, stilistische Reduzierung regt gleichwohl den Leser zu erstaunlichen Reflexionen über hochkomplexe Themen an. Man fragt sich aber unwillkürlich, an welche Leser die Autorin sich damit wenden will, denn sprachlich affine dürfte sie eher verschrecken.
Weitere literarische Werke und Perspektiven
David Finck, Ehemann von Juli Zeh, veröffentlichte nach zehn Jahren mit „Der Schwindel“ seinen zweiten Roman. Der Plot handelt von Rasmus B. Freeden, der in den späten 80er Jahren vor seinem Bruder und seinem kleinbürgerlichen Umfeld flieht und Natalie kennenlernt. Der Roman ist unterhaltsam und weist schöne Formulierungen auf.
Der Roman des niederländischen Schriftstellers Marten ’t Hart mit dem Titel «Der Nachtstimmer» ist ein Porträt eines professionellen Stimmers von Kirchenorgeln. Gabriel Pottjewijd reist in eine kleine Hafenstadt, um eine Garrels-Orgel zu stimmen und trifft dort auf Sanna und ihre Mutter Gracinha. Vordergründig wird eine Liebesgeschichte erzählt, bei der sich Gefühl und Verstand gegenüberstehen.
Jean-Marie Gustave Le Clézio wurde für seinen Debütroman mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet. Adam, der Protagonist, lebt ziellos in einer Villa an der Côte d’Azur und sinniert über den Sinn des Lebens. Stilistisch arbeitet Le Clézio mit verschiedenen Textgattungen und spielt mit Auslassungen.
Denis Scheck, Deutschlands bekanntester Literaturkritiker, bietet mit seiner «Schecks Bestsellerbibel» einen Überblick über die meistverkauften Bücher. Er warnt auch vor gesundheitsschädigenden Autoren und gibt «Die zehn Gebote des Lesens».
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Annette Pehnts Artist in Residence-Programm
Annette Pehnt berichtete am 1. Februar 2017 von ihrem Artist in Residence-Programm bei BrainLinks-BrainTools. Pehnt schaute sich in der Forschung zur Funktion des menschlichen Gehirns um und hielt ihre Beobachtungen in einem literarischen Logbuch fest. Daraus ist der Textkörper »Ich habe mich in mein Gehirn verliebt« gewachsen. Im Anschluss diskutierte sie mit dem Neuroethiker und Philosophen Prof. Dr. Oliver Müller und weiteren Gästen über die Bedeutung des Erzählens für das künstlerische und wissenschaftliche Schreiben.
StadtLesen in Heilbronn
Von 1. bis 4. Juni entstand ein Lesewohnzimmer mitten auf dem Marktplatz in Heilbronn. Rund 3.000 Bücher aus den aktuellen Verlagsprogrammen warteten darauf, erlesen zu werden.
Weitere Buchempfehlungen
- Book Love : eine Liebeserklärung an das Lesen / Debbie Tung.
- Comicverführer / Timur Vermes.
- Das glückliche Geheimnis / Arno Geiger.
- In einer dunkelblauen Stunde : Roman / Peter Stamm.
- Der Buchspazierer : Roman / Carsten Henn.
- Der Friedhof der vergessenen Bücher : Erzählungen / Carlos Ruiz Zafón.
- Die verzauberte Stunde : warum Vorlesen glücklich macht / Meghan Cox Gurdon.
- Schnelles Lesen, langsames Lesen : warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen / Maryanne Wolf.
- Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten : die Möglichkeiten der Literatur / Peter von Matt.
- LiES : das zweite Buch : Literatur in Einfacher Sprache / Herausgeber: Hauke Hückstädt.
- Papyrus : die Geschichte der Welt in Büchern / Irene Vallejo.
- Lesen macht stark : wie wir unsere Kinder für Bücher und Geschichten begeistern / Pamela Paul, Maria Russo.
- Mit einem Koffer voller Bücher / Ann Lecker, Muzoon Almellehan.
- Psst! Ich lese! / John Kelly, Elina Ellis.
Marcel Proust und die verlorene Zeit
Noch in seiner Todesnacht, am 18. November 1922, arbeitete der französische Schriftsteller Marcel Proust an seinem Text. In dem Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ nimmt Marcel Proust uns mit auf eine Reise des Sich-Erinnerns. Ihn zu lesen heißt, langsam zu werden, genau hinzusehen und Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten.
Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher
Die Herausgeber Friedemann Holder, Annette Pehnt und Michael Staiger haben in der „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“ verworfene Titel und ungeschriebene Bücher gesammelt. In pointierten Beiträgen lesen wir von der rätselhaften Magie ungenutzter Titelformulierungen sowie der schamlosen Wiederverwertung verworfener Romanstoffe. Die einzigartige „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“ wird mit Umschlägen illustriert, die die nie realisierten Bücher hätten tragen können.
Insgesamt 71 Gegenwartsautoren erzählen von ihren ganz persönlichen „Titel-Verlustgeschichten“. Die Anthologie bietet einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebs und in die Werkstätten der Autoren. Die Herausgeber sehen in ihrem Band eine „Text-Mission, um vergessene und verworfene Texte aus der Babyklappe der Literaturgeschichte zu bergen“.
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