Sexuelle Funktionsstörungen sind ein häufiges Problem, das Männer nach einem Hirninfarkt (Schlaganfall) erleben können. Anorgasmie, die Unfähigkeit, einen Orgasmus zu erreichen, ist eine solche Störung, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen der Anorgasmie nach einem Hirninfarkt und diskutiert verschiedene Behandlungsansätze.
Sexuelle Funktionsstörungen: Ein Überblick
Sexuelle Funktionsstörungen bei Männern umfassen ein breites Spektrum von Beeinträchtigungen des sexuellen Erlebens und Verhaltens. Dazu gehören ausbleibende, reduzierte oder unerwünschte Reaktionen des Genitalbereichs. Auch Störungen der sexuellen Appetenz und Befriedigung sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr werden zu den sexuellen Funktionsstörungen gezählt.
Die Klassifizierung sexueller Funktionsstörungen orientiert sich am sexuellen Reaktionszyklus, der aus den Phasen der Erregung, des Plateaus, des Orgasmus und der Rückbildung besteht. Kaplan erweiterte dieses Modell um die Phase der sexuellen Appetenz. Dieses mehrphasige Konzept spiegelt sich in den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-5 wider.
Sexuelle Funktionsstörungen sind häufige Krankheitsbilder, wobei die Prävalenz aufgrund unterschiedlicher Erhebungskriterien variiert. Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle Funktionsbeeinträchtigungen Krankheitscharakter haben und behandlungsbedürftig sind. Viele Betroffene suchen keine professionelle Hilfe, obwohl sie unter den Beeinträchtigungen leiden.
Ursachen sexueller Funktionsstörungen
Die Entstehung sexueller Funktionsstörungen ist multifaktoriell und beinhaltet sowohl biologische als auch psychosoziale Faktoren. Diese Faktoren können unterschiedlich gewichtet sein, wobei psychosoziale Faktoren oft eine wichtige Rolle spielen. Es gibt kein spezifisches Erklärungsmodell für sexuelle Funktionsstörungen, aber Kaplan (1981) unterscheidet zwischen unmittelbaren und tieferliegenden Ursachen. Unmittelbare Ursachen wirken immer, während tieferliegende Ursachen nicht immer vorhanden sein müssen.
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Zu den psychosozialen Ursachen gehören:
- Partnerbezogene Faktoren: Kommunikationsprobleme, mangelnde Anziehung, Konflikte
- Beziehungsbezogene Faktoren: Sexuelle Beziehungsprobleme, Machtkämpfe, Untreue
- Individuelle Vulnerabilitätsfaktoren: Negatives Körperbild, sexueller oder emotionaler Missbrauch in der Vergangenheit, psychische Störungen, Stressoren
- Kulturelle oder religiöse Einflüsse: Negative Einstellungen zur Sexualität, restriktive Normen
Sexuelle Funktionsstörungen können auch in Kombination mit anderen psychischen Störungen auftreten.
Anorgasmie nach Hirninfarkt: Spezifische Ursachen
Ein Hirninfarkt kann verschiedene Bereiche des Gehirns betreffen, die für die sexuelle Funktion wichtig sind. Dazu gehören:
- Motorische Bahnen: Beeinträchtigung der Muskelkontrolle, die für sexuelle Aktivität erforderlich ist
- Sensorische Bahnen: Reduzierte Empfindlichkeit im Genitalbereich
- Kognitive Funktionen: Aufmerksamkeitsdefizite, Gedächtnisstörungen, Exekutivfunktionsstörungen
- Emotionale Zentren: Depressionen, Angstzustände, Stimmungsschwankungen
Die Schädigung dieser Bereiche kann zu verschiedenen sexuellen Funktionsstörungen führen, einschließlich Anorgasmie.
Neurologische Ursachen:
- Direkte Schädigung von Gehirnarealen: Der Hirninfarkt kann direkt Areale schädigen, die für die Orgasmusfähigkeit verantwortlich sind.
- Beeinträchtigung der Nervenleitbahnen: Die Nervenleitbahnen, die Signale zwischen Gehirn und Genitalien übertragen, können unterbrochen oder beschädigt werden.
- Veränderungen der Neurotransmitter: Der Hirninfarkt kann das Gleichgewicht von Neurotransmittern im Gehirn verändern, was sich auf die sexuelle Funktion auswirken kann.
Psychologische Ursachen:
- Depressionen und Angstzustände: Ein Hirninfarkt kann zu Depressionen und Angstzuständen führen, die die sexuelle Lust und Erregung beeinträchtigen können.
- Verändertes Körperbild: Der Hirninfarkt kann zu körperlichen Beeinträchtigungen führen, die das Körperbild negativ beeinflussen und Schamgefühle auslösen können.
- Beziehungsprobleme: Sexuelle Funktionsstörungen können zu Spannungen und Konflikten in der Partnerschaft führen.
Medikamentöse Ursachen:
- Nebenwirkungen von Medikamenten: Einige Medikamente, die nach einem Hirninfarkt eingesetzt werden, können sexuelle Funktionsstörungen als Nebenwirkung haben. Dazu gehören Antidepressiva, Antihypertonika und Antiepileptika.
Diagnose
Um die Ursachen der Anorgasmie nach einem Hirninfarkt zu ermitteln, ist eine umfassende Diagnose erforderlich. Diese umfasst:
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- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich Informationen zum Hirninfarkt, zu Begleiterkrankungen, zur Medikation und zur sexuellen Funktion vor und nach dem Infarkt.
- Körperliche Untersuchung: Untersuchung des neurologischen Status, der Genitalien und des Beckenbodens.
- Psychologische Untersuchung: Beurteilung der Stimmungslage, des Selbstwertgefühls und der Beziehungssituation.
- Hormonelle Untersuchung: Bestimmung des Testosteronspiegels, des Prolaktinspiegels und anderer Hormone.
- Neurologische Tests: In einigen Fällen können spezielle neurologische Tests erforderlich sein, um die Funktion der Nervenleitbahnen zu beurteilen.
Behandlung
Die Behandlung der Anorgasmie nach einem Hirninfarkt richtet sich nach den zugrunde liegenden Ursachen. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können:
Medikamentöse Therapie:
- Phosphodiesterase-5-Inhibitoren (PDE-5-Inhibitoren): Diese Medikamente, wie Sildenafil (Viagra), Tadalafil (Cialis) und Vardenafil (Levitra), verbessern die Durchblutung des Genitalbereichs und können die Erektionsfähigkeit verbessern. Sie sind jedoch nicht direkt wirksam bei Anorgasmie.
- Testosteron-Substitution: Bei Männern mit niedrigem Testosteronspiegel kann eine Testosteron-Substitution die sexuelle Lust und Erregung steigern.
- Antidepressiva: Bei Depressionen und Angstzuständen können Antidepressiva die Stimmungslage verbessern und die sexuelle Funktion positiv beeinflussen. Allerdings können einige Antidepressiva auch sexuelle Funktionsstörungen als Nebenwirkung haben.
- Dopaminagonisten: In einigen Fällen können Dopaminagonisten, wie Cabergolin, die Orgasmusfähigkeit verbessern.
Psychotherapie:
- Sexualtherapie: Eine Sexualtherapie kann helfen, sexuelle Probleme zu bewältigen, die Kommunikation in der Partnerschaft zu verbessern und neue sexuelle Techniken zu erlernen.
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): KVT kann helfen, negative Gedanken und Verhaltensweisen zu verändern, die die sexuelle Funktion beeinträchtigen.
- Paartherapie: Eine Paartherapie kann helfen, Beziehungsprobleme zu lösen, die die sexuelle Funktion beeinflussen.
Physiotherapie:
- Beckenbodentraining: Beckenbodentraining kann die Muskeln stärken, die für die sexuelle Funktion wichtig sind.
- Sensibilitätstraining: Sensibilitätstraining kann helfen, die Empfindlichkeit im Genitalbereich zu verbessern.
Weitere Behandlungsansätze:
- Vakuumgeräte: Vakuumgeräte können verwendet werden, um eine Erektion zu erzeugen.
- Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT): Bei der SKAT wird ein Medikament direkt in den Schwellkörper injiziert, um eine Erektion zu erzeugen.
- Penisimplantat: Ein Penisimplantat kann eine dauerhafte Lösung für Erektionsstörungen sein.
Osteopathie:
Osteopathie ist ein ganzheitlicher Behandlungsansatz, der auf die Zusammenhänge zwischen Körperstruktur und Funktion abzielt. Im Bereich der sexuellen Funktionsstörungen kann die Osteopathie helfen, Verspannungen im Beckenboden zu lösen, die Durchblutung zu verbessern und die nervliche Versorgung zu optimieren.
Selbsthilfestrategien:
- Offene Kommunikation mit dem Partner: Sprechen Sie offen mit Ihrem Partner über Ihre sexuellen Probleme.
- Experimentieren mit neuen sexuellen Techniken: Probieren Sie neue sexuelle Praktiken aus, um Ihre sexuelle Erregung zu steigern.
- Stressmanagement: Finden Sie Wege, um Stress abzubauen, z. B. durch Entspannungsübungen, Yoga oder Meditation.
- Gesunder Lebensstil: Achten Sie auf eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und ausreichend Schlaf. Vermeiden Sie Nikotin und übermäßigen Alkoholkonsum.
Bedeutung der Partnerschaft
Die Partnerschaft spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung sexueller Funktionsstörungen. Eine offene und ehrliche Kommunikation, gegenseitiges Verständnis und die Bereitschaft, neue Wege zu finden, können die sexuelle Zufriedenheit und die Lebensqualität erheblich verbessern. Es ist wichtig, dass beide Partner bereit sind, sich auf die Bedürfnisse des anderen einzustellen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
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