Die anthroposophische Medizin, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum feiert, stellt den individuellen Menschen in den Mittelpunkt und mobilisiert durch ganzheitliche Ansätze die Selbstheilungskräfte. Sie ist in Deutschland als besondere Therapieform gesetzlich anerkannt und versteht sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur Schulmedizin. Dieser Artikel beleuchtet den anthroposophischen Ansatz bei der Behandlung von Epilepsie, einer neurologischen Erkrankung, die durch wiederholte Krampfanfälle gekennzeichnet ist.
Grundlagen der Epilepsie
Epilepsie, auch bekannt als zerebrales Anfalls- oder Krampfleiden, äußert sich in wiederholt auftretenden zerebralen Krampfanfällen. Diese entstehen durch eine chronisch übersteigerte Entladungsaktivität von Nervenzellgruppen im Gehirn. Je nachdem, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist, kann es zu kurzzeitigen Bewusstseinsstörungen, unwillkürlichen Muskelzuckungen, Steifwerden einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers bis hin zu klassischen Krampfanfällen des gesamten Körpers kommen.
Man unterscheidet idiopathische Epilepsien, bei denen keine erkennbare Ursache vorliegt, und symptomatische Epilepsien, die als Begleiterscheinung einer feststellbaren Hirnschädigung auftreten. In Deutschland sind etwa 0,5-1 % der Bevölkerung von Epilepsie betroffen, wobei die ersten Anfälle meist vor dem 20. Lebensjahr auftreten.
Ursachen und Auslöser
Bei einem epileptischen Anfall werden die Nervenzellen nicht koordiniert erregt, sondern es kommt infolge einer überschießenden Entladung zur massiven, gleichzeitigen Erregung großer Nervenzellverbände oder gar des gesamten Gehirns. Die Ursachen für diese Übererregung sind noch nicht vollständig geklärt. Die Forschung konzentriert sich vor allem auf die Nervenzellen, aber auch Astrozyten, die die Aktivität der Nervenzellen kontrollieren, scheinen eine Rolle zu spielen. Ein Versagen der Astrozyten könnte dazu führen, dass Signale zwischen Nervenzellen uneingeschränkt übertragen werden.
Die Auslöser für epileptische Anfälle können vielfältig sein. Bei idiopathischen Epilepsien kann eine erniedrigte Krampfschwelle dazu führen, dass schon geringe Belastungen wie Schlafentzug, Flackerlicht oder schnelles, tiefes Atmen einen Anfall auslösen. Bei symptomatischen Epilepsien sind Gehirnschädigungen wie Sauerstoffmangel während der Geburt, Schädel-Hirn-Verletzungen, Gefäßfehlbildungen, Schlaganfälle oder Gehirntumore die Ursache.
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Formen von Anfällen
Epileptische Anfälle werden nach der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) in fokal beginnende und generalisiert beginnende Anfälle eingeteilt.
- Fokal beginnende Anfälle: Diese beginnen in einer Hirnhemisphäre. Je nachdem, ob das Bewusstsein erhalten bleibt oder nicht, unterscheidet man einfach-fokale und komplex-fokale Anfälle. Bei einfach-fokalen Anfällen ist das Bewusstsein erhalten, und der Betroffene kann sich später an die Empfindungen erinnern (z. B. Muskelzuckungen, Lichtblitze, Geräusche, Gerüche). Komplex-fokale Anfälle gehen mit einer Veränderung des Bewusstseins einher, wobei der Betroffene "weggetreten" oder "umdämmert" wirkt und stereotype Bewegungen ausführt.
- Generalisiert beginnende Anfälle: Bei diesen Anfällen sind von Anfang an beide Gehirnhälften betroffen. Der bekannteste generalisierte Anfall ist der Grand-mal-Anfall (tonisch-klonischer Anfall) mit plötzlichem Bewusstseinsverlust, Steifwerden der Muskeln, Atemstörungen und anschließenden Muskelzuckungen. Es gibt aber auch weniger dramatische Verlaufsformen wie Absencen, kurze Aufmerksamkeitsstörungen, die vor allem bei Schulkindern auftreten.
Diagnostik und Differenzialdiagnose
Die Diagnose von Epilepsie basiert auf einer exakten Anfallsbeschreibung, einer gründlichen neurologischen Untersuchung und technischen Untersuchungen.
- EEG (Elektroenzephalogramm): Das EEG ist eine unabdingbare technische Untersuchung, mit der epilepsietypische Veränderungen wie Spike-Wave-Komplexe aufgezeichnet werden können. Allerdings kann das EEG zwischen den Anfällen normal sein, und umgekehrt bedeuten epilepsietypische Veränderungen im EEG bei Beschwerdefreiheit keine Epilepsie. Um die Wahrscheinlichkeit, epilepsietypische Veränderungen nachzuweisen, zu erhöhen, kann ein Provokations-EEG (z. B. durch Hyperventilation oder Flackerlicht) oder ein Langzeit-EEG durchgeführt werden.
- Video-EEG: Beim Video-EEG erfolgt gleichzeitig zum EEG eine Videoaufnahme des Patienten, um den Anfall genau zu analysieren und ihn mit EEG-Veränderungen in Verbindung zu bringen.
- MRT (Magnetresonanztomografie): Eine MRT ist erforderlich, um eine Hirnschädigung als Ursache der Epilepsie auszuschließen.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen dienen dem Ausschluss von Differenzialdiagnosen.
Differenzialdiagnostisch müssen andere Erkrankungen mit anfallsartigen Symptomen wie psychogene Anfälle, Hyperventilation, Migräne und Ohnmacht ausgeschlossen werden.
Therapie der Epilepsie in der Schulmedizin
Ziel der schulmedizinischen Epilepsiebehandlung ist es, weitere Anfälle zu vermeiden.
- Akutbehandlung: Ein einzelner epileptischer Anfall muss nicht medikamentös unterdrückt werden. Nur wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert oder sich mehrere Anfälle kurz hintereinander ereignen, werden krampfunterdrückende Medikamente (z. B. Diazepam, Midazolam) verabreicht, um Hirnschäden zu vermeiden.
- Dauertherapie mit Antiepileptika: Reichen die genannten Maßnahmen nicht aus, verordnet der Arzt Antiepileptika als medikamentöse Dauertherapie, in der Regel nach dem zweiten Anfall. Antiepileptika sind Medikamente zur Unterdrückung zerebraler Anfälle. Um zu wirken, müssen sie dauerhaft und absolut regelmäßig eingenommen werden. Es gibt eine Reihe gut wirksamer Substanzen, wobei die Wahl des Medikaments von der Art der Anfälle und eventuellen Begleiterkrankungen abhängt.
- Epilepsiechirurgie: Bei etwa einem Drittel aller Epilepsiepatienten sprechen die Medikamente nicht an. In diesen Fällen kann eine Epilepsiechirurgie in Erwägung gezogen werden, bei der der Herd, von dem die abnormen Erregungen ausgehen, operativ entfernt wird.
- Vagusnervstimulation: Eine weitere Option ist die Vagusnervstimulation, bei der ein Impulsgeber im Brustbereich unter der Haut eingesetzt wird und den Vagusnerv in programmierten Abständen stimuliert. Diese Methode kann die Anfallsrate reduzieren, aber in der Regel keine Anfallsfreiheit erreichen.
- Tiefe Hirnstimulation: In einigen Fällen kann auch die tiefe Hirnstimulation eingesetzt werden, bei der Elektroden in bestimmte Bereiche des Gehirns implantiert werden, um die Anfallsrate zu reduzieren.
Der anthroposophische Ansatz bei Epilepsie
Die anthroposophische Medizin betrachtet den Menschen als eine Einheit von Körper, Seele und Geist. Bei der Behandlung von Epilepsie geht es daher nicht nur um die Unterdrückung der Symptome, sondern um die Stärkung der individuellen Selbstheilungskräfte und die Förderung eines harmonischen Zusammenspiels der verschiedenen Ebenen des menschlichen Wesens.
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Ganzheitliche Anamnese und Therapieplanung
Im Mittelpunkt steht eine ausführliche Anamnese, die neben den medizinischen Fakten auch die Lebensumstände, die Persönlichkeit und die seelische Verfassung des Patienten berücksichtigt. Auf dieser Grundlage wird ein individueller Therapieplan erstellt, der verschiedene Elemente umfasst:
- Anthroposophische Arzneimittel: Hier kommen vor allem pflanzliche, mineralische und tierische Substanzen zum Einsatz, die in speziellen Verfahren aufbereitet werden. Ziel ist es, die Selbstheilungskräfte des Organismus anzuregen und das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Funktionssystemen wiederherzustellen.
- Äußere Anwendungen: Dazu gehören rhythmische Einreibungen, Wickel und Auflagen, die die Selbstheilungskräfte des Patienten stärken und die Körperwahrnehmung verbessern sollen.
- Künstlerische Therapien: Malen, Plastizieren, Musiktherapie und Sprachgestaltung können dazu beitragen, seelische Blockaden zu lösen, die Kreativität zu fördern und das Selbstbewusstsein zu stärken.
- Heileurythmie: Diese Bewegungstherapie, die von Rudolf Steiner entwickelt wurde, soll die Lebenskräfte anregen und die Harmonie zwischen Körper, Seele und Geist fördern.
- Psychotherapie: Bei Bedarf kann eine psychotherapeutische Begleitung sinnvoll sein, um seelische Konflikte zu bearbeiten und Stressoren zu identifizieren, die Anfälle auslösen können.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit frischen, vollwertigen Lebensmitteln kann die Gesundheit des Nervensystems unterstützen und die Anfallshäufigkeit reduzieren.
Beispiele für anthroposophische Arzneimittel bei Epilepsie
Die Wahl der anthroposophischen Arzneimittel richtet sich nach dem individuellen Krankheitsbild des Patienten. Einige Beispiele für häufig eingesetzte Substanzen sind:
- Belladonna: Bei akuten Krampfanfällen mit Bewusstseinsverlust und Muskelzuckungen.
- Cuprum metallicum: Bei krampfartigen Zuständen mit Muskelverspannungen.
- Hyoscyamus niger: Bei Unruhe, Angst und Verwirrtheit vor oder nach einem Anfall.
- Stramonium: Bei psychomotorischer Unruhe und Wahnvorstellungen.
- Viola tricolor: Bei chronischen Hauterkrankungen, die mit Epilepsie einhergehen.
Fallbeispiele und Studien
Es gibt nur wenige wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit der anthroposophischen Medizin bei Epilepsie. Einige Fallberichte und kleinere Studien deuten jedoch darauf hin, dass der ganzheitliche Ansatz zu einer Verbesserung der Anfallskontrolle, einer Reduktion der Medikamentenbelastung und einer Steigerung der Lebensqualität führen kann.
Integrative Behandlungskonzepte
Die anthroposophische Medizin versteht sich nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zur Schulmedizin. In der Behandlung von Epilepsie kann eine integrative Vorgehensweise sinnvoll sein, bei der die schulmedizinische Therapie mit Antiepileptika durch anthroposophische Maßnahmen ergänzt wird. Ziel ist es, die Anfallskontrolle zu optimieren, die Nebenwirkungen der Medikamente zu reduzieren und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern.
Die Filderklinik als Beispiel
Ein Beispiel für ein Krankenhaus, das anthroposophische und schulmedizinische Ansätze integriert, ist die Filderklinik in Filderstadt. Die Klinik erfreut sich großer Beliebtheit, insbesondere in der Geburtshilfe, und legt großen Wert auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten. In der Kinder- und Jugendmedizin werden auch chronische Erkrankungen wie Diabetes und Epilepsie behandelt, wobei spezielle psychologische Betreuung angeboten wird.
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Neuropädiatrie und Epileptologie auf Station Regenbogen
Die Station Regenbogen der Filderklinik ist eine neuropädiatrisch und psychosomatisch ausgerichtete Station, die sich an Kinder im Entwicklungsalter bis zum 12. Lebensjahr richtet. Hier werden neben gängigen etablierten Medikamenten auch Pflege- und Heilmittel der anthroposophischen Medizin eingesetzt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Behandlung von Anfallsleiden, Regulationsstörungen, Neurodermitis, Allergien, Verdauungs- und Ausscheidungsproblemen sowie Unruhe (ADHS) und sozialen Schwierigkeiten.
Die Rolle der Misteltherapie
Die Misteltherapie, die auf den Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, zurückgeht, wird in der komplementären Onkologie als Immunstimulanz eingesetzt. In der anthroposophischen Medizin wird die Mistel auch bei anderen Erkrankungen, darunter Epilepsie, eingesetzt. Die Extrakte der Mistel bestehen aus einer Vielzahl von Inhaltsstoffen, darunter Mistellektine und Viscotoxine, die immunmodulatorische und zytotoxische Wirkungen haben sollen.
Wirkungen der Misteltherapie
- Immunmodulation: Stärkung des Immunsystems durch Aktivierung verschiedener Immunzellen.
- Verbesserung der Lebensqualität: Reduktion von Nebenwirkungen konventioneller Krebstherapien.
- Apoptose: Auslösung des programmierten Zelltods in Zellen.
- DNA-stabilisierende Wirkung: Schutz der DNA vor Schäden durch Chemotherapie.
Die Misteltherapie wird in der Regel in Form von Injektionen verabreicht, wobei die Dosierung und die Art des Mistelpräparats individuell auf den Patienten abgestimmt werden.
Die Bedeutung der Forschung
Um die Wirksamkeit und Sicherheit der anthroposophischen Medizin bei Epilepsie besser beurteilen zu können, sind weitere wissenschaftliche Studien erforderlich. Dabei sollten sowohl quantitative als auch qualitative Forschungsmethoden eingesetzt werden, um die komplexen Zusammenhänge zwischen Körper, Seele und Geist zu erfassen.
Das Engagement von Dr. Siegward Elsas
Ein Beispiel für einen Arzt, der sich für die Erforschung der anthroposophischen Medizin bei neurologischen Erkrankungen einsetzt, ist Dr. Siegward Elsas. Er verbindet seine Expertise als konventionell ausgebildeter Neurologe mit anthroposophischen Ansätzen und natürlichen Heilmitteln. Sein Fokus liegt auf der Integration von traditionellem Heilwissen mit wissenschaftlichen Methoden.
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