Die Funktionsweise künstlicher Gehirne: Eine umfassende Betrachtung

Einführung

Künstliche Intelligenz (KI) ist heutzutage ein viel diskutiertes Thema, insbesondere im Zusammenhang mit großen Sprachmodellen wie ChatGPT. Obwohl KI oft als geheimnisvoll wahrgenommen wird, basiert sie auf mathematischen Prinzipien, insbesondere linearer Algebra und Matrixrechenverfahren. Um die Funktionsweise künstlicher Gehirne zu verstehen, ist es wichtig, sich mit den Grundlagen, der Funktionsweise und den Anwendungsbereichen künstlicher neuronaler Netze (KNNs) auseinanderzusetzen.

Grundlagen künstlicher neuronaler Netze

Neuronale Netze und ihre biologischen Vorbilder

Sowohl das menschliche Gehirn als auch moderne künstliche neuronale Netze sind äußerst leistungsfähig. Auf unterster Ebene arbeiten die Neuronen dabei als vergleichsweise einfache Recheneinheiten zusammen.Ein künstliches neuronales Netz besteht typischerweise aus mehreren Schichten, die sich aus einzelnen Neuronen zusammensetzen. Durch diese Schichten geht ein Eingangssignal, das die künstlichen Neuronen weiterverarbeiten, um relevante Informationen auszulesen. Allerdings unterscheiden sich herkömmliche künstliche Neuronen in ihrer Lernweise stark von ihren biologischen Vorbildern. Während die meisten künstlichen neuronalen Netze auf eine übergeordnete Koordination außerhalb des Netzwerkes angewiesen sind, um zu lernen, empfangen und verarbeiten biologische Neuronen lediglich Signale von anderen Neuronen aus ihrer direkten Umgebung im Netzwerk.

Aufbau eines künstlichen Neurons

Ein künstliches Neuron ist eine vereinfachte mathematische Darstellung eines biologischen Neurons und das Grundelement eines künstlichen neuronalen Netzwerks (ANNs). Es besteht im Wesentlichen aus drei Hauptkomponenten:

  • Eingaben: Datenpunkte oder Stimuli, die in das Neuron einfließen.

  • Gewichtungen: Jede Eingabe wird mit einem spezifischen Gewicht multipliziert, das die Bedeutung oder den Einfluss dieser Eingabe bestimmt.

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  • Aktivierungsfunktion: Diese mathematische Funktion entscheidet, ob das Neuron "feuert". Sie verarbeitet die Gesamtsumme der gewichteten Eingaben und bestimmt den Ausgabe- oder Entscheidungswert des Neurons. Ein Beispiel für eine Aktivierungsfunktion ist die Sigmoid-Funktion:

    [\sigma(x) = \frac{1}{1 + e^{-x}}]

Die synaptische Stärke ist im künstlichen Neuron die sogenannte Gewichtung der einkommenden Signale. Falls eine künstliche Nervenzelle oder ein künstliches neuronales Netzwerk lernen soll, sind es diese „Gewichte“, welche angepasst werden, sodass die Berechnung im Neuron oder Netzwerk immer besser wird.

Funktionsweise eines künstlichen Neurons

Die Funktionsweise eines künstlichen Neurons beruht auf der Integration und Verarbeitung eingehender Signale, um eine geeignete Ausgabe zu erzeugen. Dies geschieht meist in drei Schritten:

  1. Input-Verarbeitung: Jedes Neuron sammelt Informationssignale von verbundenen Quellen.
  2. Signalbewertung: Die Eingaben werden mit entsprechenden Gewichtungen skaliert und summiert.
  3. Signalentscheidung: Durch die Aktivierungsfunktion wird letztendlich entschieden, welches Ausgangssignal erzeugt wird.

Häufig verwenden Neuronen nicht-lineare Funktionen wie sign(x), tanh(x), oder ReLU (Rectified Linear Unit):

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[f(x) = max(0, x)]

Künstliche Neuronen lernen durch die Anpassung ihrer Gewichte über Algorithmen wie das Gradientenverfahren, wodurch sie auf spezifische Eingabemuster reagieren können. Diese Lernprozesse werden durch Rückpropagation gesteuert, bei dem der Fehler aus der Ausgabe analysiert und genutzt wird, um die Gewichte anpassend zu verändern. Dies geschieht mathematisch durch die Minimierung von Fehlerfunktionen über viele Iterationen:

[E = \frac{1}{2N} \sum{i=1}^{N} (yi - o_i)^2]

Dabei ist (E) der mittlere quadratische Fehler, (yi) das gewünschte Ergebnis und (oi) die Ausgabe des Neurons.

Künstliche neuronale Netze (KNN)

Künstliche neuronale Netze (KNN) sind eine Schlüsselkomponente in der modernen Informatik und Biologie. Sie bestehen aus vielen verbundenen künstlichen Neuronen, die in Schichten angeordnet sind: einer Eingabeschicht, einer oder mehreren versteckten Schichten und einer Ausgabeschicht.

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Funktionsweise künstlicher neuronaler Netze

Künstliche neuronale Netze funktionieren durch die Verarbeitung von Informationen in Form von numerischen Werten. Diese Werte repräsentieren Daten, die durch das Netzwerk fließen. Eine typische Arbeitsweise beinhaltet:

  1. Empfangen von Eingabewerten in der Eingabeschicht.
  2. Verarbeiten dieser Eingaben durch die versteckten Schichten mit Hilfe gewichteter Verbindungen.
  3. Anwendung von Aktivierungsfunktionen, um eine Ausgabe zu erzeugen.

Jedes Neuron in einer Schicht nimmt Informationen von den vorherigen Schichten auf, verarbeitet diese und gibt das Ergebnis an die nächste Schicht weiter.

Trainingsprozess

Wie das natürliche Gehirn kann auch das künstliche neuronale Netz lernen. Seine Struktur ist unabhängig vom Einsatzzweck und daher nach seiner Lernphase, die als „Trainingsphase” bezeichnet wird, flexibel einsetzbar. So kann man ein künstliches neuronales Netz für ganz unterschiedliche Zwecke trainieren und nutzen: zur Klassifizierung von Bildern, zum Übersetzen von Texten, zur Bestimmung von Hochwasser-Pegelständen oder zur Gesichtserkennung u. v. m. Der Vorgang aus Eingabe verarbeiten, Ausgabewert bestimmen, Vergleich mit korrektem Wert und Korrektur der Gewichte wird mit allen Bildern aus dem Trainingsmaterial wiederholt. Bei jedem Durchlauf dieses Vorgangs wird das künstliche neuronale Netz etwas verbessert. Je geeigneter und umfangreicher das Trainingsmaterial ist, desto besser wird das künstliche neuronale Netz nach der Trainingsphase in der Lage sein, ein unbekanntes Bild richtig zu klassifizieren.

Deep Learning

Tiefe neuronale Netze (Deep Learning Models) bestehen aus vielen versteckten Schichten, die es ihnen ermöglichen, extrem komplexe Muster und Beziehungen in den Daten zu erkennen. Dabei wird durch die Schichten hindurch immer abstraktere Repräsentationen der Eingabedaten erstellt. Diese tiefen Netzwerke werden oft für anspruchsvolle Aufgaben wie Spracherkennung, Computervision und Textübersetzung eingesetzt. Die Leistung dieser Netzwerke hängt jedoch stark von der Menge und Qualität der zur Verfügung stehenden Daten ab. Große Datensätze und leistungsstarke Hardware haben das Potenzial dieser Netzwerke in den letzten Jahren enorm gesteigert.

Arten von neuronalen Netzen

Es gibt unzählig viele Typen von neuronalen Netzwerk-Architekturen. Hier sind einige der bekanntesten:

  • Perzeptron: Das einfachste und älteste neuronale Netz. Es nimmt die Eingabeparameter, addiert diese, wendet die Aktivierungsfunktion an und schickt das Ergebnis an die Ausgabeschicht. Das Ergebnis ist binär, also entweder 0 oder 1 und damit vergleichbar mit einer Ja- oder Nein-Entscheidung.
  • Feedforward Neural Networks: Sie zeichnen sich dadurch aus, dass die Schichten lediglich mit der nächst höheren Schicht verbunden sind. Es gibt keine zurückgerichteten Kanten.
  • Convolutional Neural Networks (CNN): Künstliche Neuronale Netzwerke, die besonders effizient mit 2D- oder 3D-Eingabedaten arbeiten können. Bei CNNs basiert die verborgene Schicht auf einer Abfolge von Faltungs- und Poolingoperationen.
  • Recurrent Neural Networks (RNN): RNNs fügen den KNN wiederkehrende Zellen hinzu, wodurch neuronale Netze ein Gedächtnis erhalten. Diese Art von NN wird insbesondere dann verwendet, wenn der Kontext wichtig ist. In diesem Fall haben Entscheidungen aus früheren Iterationen oder Stichproben einen signifikanten Einfluss auf die aktuellen Iterationen.

Anwendungen künstlicher Gehirne

Künstliche Neuronen bieten spannende Möglichkeiten in verschiedenen Anwendungsbereichen. In der Praxis werden diese Modelle genutzt, um komplexe Probleme zu lösen und Technologie zu verbessern. Sie sind fundamentale Bestandteile in Systemen, die selbständig lernen und sich anpassen.

Medizinische Anwendungen

  • Erkennung von Tumoren: Durch die Analyse medizinischer Bilder können neuronale Netze Tumore anhand von ungewöhnlichen Mustern identifizieren.
  • Voraussage von Krankheitsrisiken: Daten von Patientenakten werden benutzt, um mögliche gesundheitliche Risiken abzuschätzen.
  • Personalisierte Therapieformen: Ein besseres Verständnis der Mechanismen des Nervensystems ermöglicht zielgenauere und personalisierte Therapieformen, die über die Behandlung der bloßen Symptome hinausgehen können.

Finanzindustrie

Neuronale Netze werden zur Marktprognose eingesetzt. Sie analysieren riesige Datenmengen und identifizieren Muster, die Menschen oft verborgen bleiben. Zum Beispiel nutzt das Netz historische Preisdaten und aktuelle wirtschaftliche Indikatoren, um Kursentwicklungen vorherzusagen.

Brain-Computer-Interfaces (BCI)

In der Neuro-KI und BCI Forschung werden Gehirn-Computer-Schnittstellen entwickelt, um Menschen mit schweren Lähmungen neue Wege zur Kommunikation und Interaktion zu eröffnen. Dabei werden Implantate in motorische Bereiche des Gehirns eingesetzt, um Signale in Echtzeit zu analysieren und in konkrete Befehle zu übersetzen.

Überwachung von kritischer Infrastruktur

Neuromorphe Hardware kann zur Überwachung von kritischer Infrastruktur eingesetzt werden, beispielsweise durch smarte Schrauben, die Anpressdruck und Vibrationen erfassen, um die Stabilität von Verbindungen zu überwachen.

Autonomes Fahren

Die Automobilindustrie setzt auf neuromorphe Hardware, um das maschinelle Sehen voranzubringen, ohne die Traktionsbatterie zu belasten.

Neuromorphes Computing

Inspiration durch das menschliche Gehirn

Wie Informationsverarbeitung im Energiesparmodus gelingt, macht uns die Natur vor. Unser Gehirn kommt mit einer Leistung von rund 20 Watt aus. Inspiriert vom menschlichen Denkapparat entwickeln Wissenschaftler Hardware-Strukturen, die an biologische Neuronen angelehnt sind. Ziel des neuromorphen Computings ist eine KI-Infrastruktur, die energieeffizient, schnell und autonom genug ist, um die Intelligenz an die Edge, sprich: so nah wie möglich an die Datenquelle bzw. in die Endgeräte, zu verlagern.

Funktionsweise

Im menschlichen Gehirn feuert ein Neuron nur, wenn wirklich etwas relevantes geschieht - und hört nicht permanent mit, wie es aktuell noch Sprachsteuerungen tun. Neuromorphe Chips bilden die Verdrahtung von Neuronen und Synapsen nach und setzen wie das Gehirn auf parallele Verarbeitung. Es gibt keine Trennung von Speicher und Recheneinheit, diese Bausteine sind dezentral über alle Neuronen verteilt. Die Nervenzellen leiten Informationen in Form von elektrischen Signalen weiter, die als Aktionspotenziale oder Spikes bezeichnet werden. Den Inhalt der Information de­finiert das räumliche und zeitliche Muster des Signals. Auch die Fehlertoleranz des menschlichen Denkapparats wird imitiert: Ist ein Neuron defekt, übernehmen benachbarte Zellen.

Vorteile

  • Energieeffizienz: Neuromorphe Systeme können KI-Aufgabenstellungen deutlich energieeffizienter lösen als klassische CPUs oder GPUs.
  • Geringe Latenz: Da die Daten lokal verarbeitet werden, entfällt der Umweg über die Cloud, was die Latenz verringert und die Robustheit stärkt.
  • Datenschutz: Da die Daten lokal bleiben, werden Datenschutzbedenken reduziert.

Herausforderungen

Noch ist neuromorphe Mikroelektronik von einem breiten Einsatz entfernt. Viele Bausteine befinden sich noch in der Entwicklung und Validierung unter realen Einsatzbedingungen.

Neuro-KI und die Erforschung kognitiver Prozesse

Verständnis des Gehirns durch KI

Am Mannheimer Zentrum für Neuromodulation und Neuroprothetik wurde eine Arbeitsgruppe für „Neuro-KI und Gehirn-Computerschnittstellen“ eingerichtet, um die großen Chancen von KI in der Medizin und der Hirnforschung zu nutzen. Durch die Kombination von Neurowissenschaften und KI können Forscher besser verstehen, wie das Gehirn Informationen verarbeitet und wie kognitive Prozesse ablaufen.

Modellierung biologischer Vorgänge

Mithilfe von hybriden neuronalen Netzwerken können biologische Vorgänge im Gehirn nachgebildet werden. Solche Netzwerke vereinen einfache, neurobiologisch inspirierte LIF-Nervenzellen mit einem lernfähigen Netzwerk zur Mustererkennung, wie es in der künstlichen Intelligenz verwendet wird. Diese Modelle können beispielsweise dazu dienen, die Sprachverarbeitung im Nervensystem abzubilden und zu untersuchen, was bei einem Hörschaden passiert.

Analyse von Hirnaktivität

Methoden wie die Elektroenzephalografie (EEG) und Magnetenzephalografie (MEG) werden eingesetzt, um die Hirnaktivität zu messen und mit der Aktivität innerhalb künstlicher Netzwerke zu vergleichen. Ziel ist es, Muster in der Hirnaktivität von Menschen mit chronischen Schmerzen zu erkennen und daraus Rückschlüsse auf mögliche Therapieerfolge zu ziehen.

Ethische und gesellschaftliche Aspekte

Fortschritte in der Technologie künstlicher Neuronen werfen ethische Fragen bezüglich Bewusstsein, Verantwortung und Einsatzmöglichkeiten auf. Sie zwingen zur Auseinandersetzung mit Themen wie Datenschutz, menschliche Identität und den möglichen Missbrauch in Bereichen wie Überwachung oder Manipulation. Es ist entscheidend, dass die Entwicklung und Anwendung künstlicher Gehirne verantwortungsvoll erfolgt und ethische Leitlinien berücksichtigt werden.

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