Das Nervensystem der Hydra: Aufbau, Funktion und Entwicklung

Der Süßwasserpolyp Hydra vulgaris fasziniert durch seinen einfachen Aufbau und seine Fähigkeit zur Regeneration. Als Hohltier gehört er zu den ältesten vielzelligen Organismen und bietet Einblicke in die Evolution des Nervensystems. Dieser Artikel beleuchtet den Aufbau des Nervensystems der Hydra, seine Funktionen und wie es sich während der Embryonalentwicklung selbst organisiert und von Umweltfaktoren beeinflusst wird.

Einleitung: Die Hydra als Studienobjekt

Die Hydra vulgaris, auch bekannt als Gemeiner Süßwasserpolyp, ist ein faszinierendes Lebewesen, das aufgrund seines einfachen Aufbaus und seiner bemerkenswerten Fähigkeiten in der Forschung eine wichtige Rolle spielt. Hydren sind in stehenden und langsam fließenden Gewässern zu finden und bevorzugen pflanzenreiche Umgebungen. Sie sind wenig wählerisch in Bezug auf Standort und Wasserqualität und besiedeln kalte und warme Umgebungen bis in eine Tiefe von über 100 Metern.

Der Körperbau der Hydra

Der Körper einer Hydra besteht aus einem schlauchförmigen Gebilde, das an der Unterseite in eine Fußscheibe ausläuft und an der Oberseite eine Mundöffnung besitzt, die von fünf bis acht Tentakeln umkränzt wird. Die Tentakel dienen dem Fang von Beute, die dann in das Körperinnere verfrachtet und verdaut wird. Der Körper ist sehr elastisch und kann sich bei Störungen zusammenziehen.

Die Gewebeschichten

Der Körper der Hydra besteht aus zwei Hauptgewebeschichten:

  • Ektoderm (äußere Schicht): Besteht hauptsächlich aus Epithelmuskelzellen, die auch die Pellicula bilden, eine dünne Schleimschicht, die den äußeren Rand der Hydra darstellt.
  • Entoderm (innere Schicht): Begrenzt den Hydrakörper zum Verdauungsraum hin und ist für die Verdauung zuständig. Die Epithelmuskelzellen des Entoderms verfügen über kontraktile Fasern, die kreisförmig um den Hydrakörper verlaufen.

Zwischen diesen beiden Schichten befindet sich die Mesogloea, eine gallertartige Zwischenschicht, die aus Mucopolysacchariden und Eiweißfasern besteht. Sie dient als Stützschicht und ist durchlässig für Zellwanderungen und Nervenbahnen.

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Das Nervensystem der Hydra: Ein Nervennetz

Das Nervensystem der Hydra ist ein einfaches Nervennetz, das sich über den gesamten Körper erstreckt. Es bildet keine zentralen Schaltstellen wie Ganglien oder ein Gehirn. Stattdessen sind die Nervenzellen im Kopf- und Fußbereich des Polypen konzentriert. Es besteht aus Nervenzellen, die stark miteinander vernetzt sind und mit Sinneszellen und -organen verbunden sind. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass Hydra mehrere Nervennetze besitzt, die sich überlagern und für verschiedene Funktionen zuständig sind, wie z.B. die Reaktion auf Lichtreize, die Kontraktion des Körpers und die Bewegung der Tentakel.

Zelltypen im Nervensystem

Es gibt mindestens vier Typen von Nervenzellen in den Nesseltieren:

  • Monopolare Nervenzellen
  • Bipolare Nervenzellen
  • Multipolare Nervenzellen
  • Bipolare Riesennervenzellen mit einem, zwei oder mehreren Axonen/Dendriten

Die Aktionspotentiale werden im Nervennetz diffus weitergeleitet, ohne Vorzugsrichtung. Die Synapsen können einen "klassischen" Aufbau aufweisen oder davon abweichen.

Interstitielle Zellen (I-Zellen)

Eine besondere Rolle spielen die Interstitiellen Zellen (I-Zellen). Diese Stammzellen sind noch nicht vollständig differenziert und bleiben teilungsfähig. Aus ihnen können sich alle Typen von Nerven- und Sinneszellen, Drüsenzellen und Nesselzellen entwickeln. Die Regenerationsfähigkeit der Hydra beruht auf diesen I-Zellen.

Die Funktion des Nervensystems

Das Nervensystem der Hydra steuert verschiedene Verhaltensweisen, darunter:

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  • Nahrungsaufnahme: Die Tentakel fangen Beute, die dann durch Kontraktionen der Fangarme zum Mund befördert wird.
  • Kontraktion: Bei Störungen zieht sich die Hydra zusammen.
  • Fortbewegung: Die Hydra kann sich durch Purzelbäume oder spannerartige Bewegungen fortbewegen.
  • Anpassung an Umweltbedingungen: Positionswechsel erfolgen in freier Natur meist, um im Sommer in einen geeigneten Temperaturbereich in Abhängigkeit von der Tageszeit zu gelangen.

Die Entwicklung des Nervensystems während der Embryonalentwicklung

Ein Forschungsteam um Thomas Bosch an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat neue Erkenntnisse über die Entwicklung des Nervensystems der Hydra während der Embryonalentwicklung gewonnen. Die Forschenden konnten zeigen, dass sich das Nervennetz durch die Aktivität einzelner Neuronen und ihre Vernetzung untereinander selbständig organisiert.

Selbstorganisation der Nervenzellen

Die Kieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben Hydren in einem späten Stadium der Embryonalentwicklung untersucht. Dabei zeigte sich, dass zunächst nur einzelne Neuronen anfangen, Impulse auszusenden. Über die Zeit bilden sich daraus kleine Cluster aus wenigen Zellen, die sich verbinden und dabei ein synchrones Signal aussenden. Auf diese Weise bildet sich Stück für Stück eine dominante Gemeinschaft von Nervenzellen aus, die über ihre zunehmende Aktivität zusätzliche Cluster von Nervenzellen integriert und so weiter an Größe zunimmt.

Umwelteinflüsse auf die Entwicklung

Die Forschenden haben auch den Einfluss von Umwelteinflüssen wie Temperatur und Mikrobiom untersucht. Dabei zeigte sich, dass niedrige Temperaturen vorteilhaft sind und dazu führen, dass sich das Nervennetz besser zusammenfügt und dieser Prozess insgesamt schneller abläuft. Warme Temperaturen dagegen haben einen eher negativen Effekt. Zudem wurde festgestellt, dass keimfreie Hydra-Embryonen eine deutlich reduzierte Anzahl an Neuronen aufweisen, was auf eine Beteiligung des Mikrobioms an der Entwicklung des Nervensystems hindeutet.

Die Nesselzellen: Eine besondere Waffe

Ein besonderes Merkmal der Hydra sind die Nesselzellen (Nematocyten oder Cnidocyten), die sich vor allem in den Tentakeln befinden. Sie enthalten Nesselkapseln (Nematocysten oder Cniden), die bei Berührung explodieren und einen Nesselfaden ausschleudern. Es werden drei Typen von Nematocysten unterschieden:

  • Durchschlagkapseln (Penetranten oder Stenotelen): Schleudern einen Nesselfaden in die Haut des Opfers und injizieren ein lähmendes Sekret.
  • Wickelkapseln (Volventen oder Desmonemen): Schlingen ein Lasso um die Körperfortsätze des Opfers.
  • Klebkapseln (Glutinanten oder Haplonemen): Scheiden ein klebriges Sekret aus.

Fortpflanzung der Hydra

Hydra ist sowohl zur asexuellen als auch zur sexuellen Fortpflanzung in der Lage, wobei die asexuelle die weit häufigere ist.

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Asexuelle Fortpflanzung (Knospung)

Die asexuelle Fortpflanzung geschieht mittels Knospung, einem Vorgang, der an die Pflanzenwelt erinnert. Dabei bilden sich am Körper des Polypen Auswüchse, die sich zu neuen Hydren entwickeln und sich schließlich von der Mutterpflanze abtrennen.

Sexuelle Fortpflanzung

Bei der sexuellen Vermehrung bilden sich beim Männchen rosendornartige Ausbuchtungen, in denen Spermien entstehen. Beim Weibchen entwickelt sich eine Eizelle, die nach der Befruchtung eine Außenhülle absondert und sich teilt.

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