Unser wichtigstes Sinnesorgan ist das Auge. Viele Bausteine und komplexe Prozesse sorgen dafür, dass aus den Informationen, die unser Auge aufnimmt, ein Bild in unserem Gehirn entsteht. Das "Sehen" ist viel komplizierter als Sie sich vermutlich vorstellen. Damit die Umwelt sichtbar werden kann, muss das Auge Licht in Nervenreize umwandeln, die dann zum Gehirn weitergeleitet werden. Erst dort entsteht das eigentliche Bild.
Der Aufbau des Auges: Eine komplexe Struktur
Die Form des Auges ist ein komplexes anatomisches Gebilde. Es besteht aus mehreren Strukturen, die alle eine gewisse Funktion übernehmen. Stellen Sie sich den Aufbau und die Funktionsweise des menschlichen Auges vor wie die eines Fotoapparates. Viele einzelne Bestandteile arbeiten perfekt aufeinander abgestimmt zusammen, um am Ende ein möglichst fehlerfreies, scharfes Bild zu erhalten.
Von außen betrachtet, fällt im Zentrum des Auges zuerst ein kleiner schwarzer Kreis auf - die Pupille. Sie ist von der farbigen Regenbogenhaut (Iris) umgeben, die jedem Menschen seine individuelle Augenfarbe verleiht. Hinter der Pupille liegt die Linse. Sie ist von außen nicht erkennbar. Linse und Hornhaut - ein durchsichtiges Häutchen über der Iris - bündeln gemeinsam das einfallende Licht auf der Netzhaut im hinteren Bereich des Auges.
Die Hornhaut: Schutz und Lichtbrechung
Die Hornhaut ist der vorderste Teil des Auges und etwa einen halben Millimeter dick. Ähnlich wie bei einer Kamera bündelt die Linse des menschlichen Auges das einfallende Licht. Nur mit ihrer Hilfe kann ein scharfes Bild auf der Netzhaut entstehen. Die transparente Kuppel ist etwas über einen halben Millimeter dick und besteht aus Kollagenfasern, die fein miteinander verwoben sind. Die Hornhaut dient als Schutzschild des Auges. Sie ist der durchsichtige, gewölbte vordere Teil des Auges und aus mehreren Schichten aufgebaut. Zudem ist die Hornhaut gemeinsam mit der Linse für das Brechen des einfallenden Lichts zuständig. Einfallende Lichtstrahlen werden durch die Hornhaut mit einer Brechkraft von 43 Dioptrien gebündelt. Sie wird von einer Vielzahl von Nervenfasern durchzogen und nach außen von einem Tränenfilm bedeckt. Da die Hornhaut des menschlichen Auges von vielen Nervenfasern durchzogen ist, ist sie sehr empfindlich. Entsprechend unangenehm fühlt sich demnach auch ein Fremdkörper im Auge an. Ist die Hornhaut ungleichmäßig geformt, kann dies zu einer unscharfen, verzerrten Sicht führen.
Als transparente Schicht dient sie als lichtdurchlässiges "Fenster" und schützt unser Auge gleichzeitig vor Schmutzpartikeln und Umwelteinflüssen. Die Hornhaut liegt nicht auf der Iris auf, sondern ist wie eine kleine Kuppel über sie gespannt. Zwischen Kornea und Iris befindet sich das Kammerwasser.
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Iris und Pupille: Regulierung des Lichteinfalls
Über die Pupille (den schwarzen Punkt in der Mitte des Auges) regelt die Iris die Menge des einfallenden Lichts. Sie ist entscheidend dafür, dass wir in unterschiedlichen Lichtverhältnissen gut sehen können. Die Regenbogenhaut, auch Iris genannt, bildet den individuellen, farbigen Ring Ihres Auges. In der Iris verlaufen zwei Augenmuskeln, welche die Pupille je nach Lichtverhältnissen vergrößern oder verkleinern. Die Iris umschließt die Pupille und trennt vordere und hintere Augenkammer voneinander. Sie kann unterschiedliche Farben haben, da sie durch Pigmente gefärbt ist. Farbpigmente bestimmen nicht nur Ihre Augenfarbe, sondern dichten die Iris vor allem gegen eindringendes Licht ab. Die Pupille sitzt hinter der Hornhaut, vor der Linse und ist von der Regenbogenhaut umschlossen. Die kleine Öffnung in der Mitte Ihrer Iris wird als Pupille bezeichnet. Bei Helligkeit ist die Pupille nur eine winzige Öffnung. Bei Dunkelheit weitet sie sich hingegen, um möglichst viel Licht hindurch zulassen. Stellen Sie sich die Iris wie eine Kamerablende vor: Ist es dunkel, weitet sich die runde Pupille. Bei Helligkeit wird diese Öffnung kleiner. Die Iris und die Pupille (das Schwarze im Auge) werden von einer lichtdurchlässigen Schicht bedeckt: der Hornhaut (Kornea).
Linse und Glaskörper: Fokussierung und Formgebung
Die Lichtstrahlen, welche durch die Pupille fallen, treffen anschließend auf die dahinter liegende Linse. Diese ist über feste Fasern an kurzen Muskeln befestigt, welche die Form der Linse verändern können. Das einfallende Licht wird je nach Form unterschiedlich stark gebrochen, wodurch sich das Auge auf „nah“ oder „weit“ einstellen kann. Die Augenlinse (lat.: Lens crystallina) ist eine Sammellinse, das heißt sie bündelt das Licht, welches durch die Pupille eintritt, sodass auf der Netzhaut ein scharfes Bild entsteht. Aufgrund ihrer elastischen Eigenschaften kann die Linse ihre Brechkraft anpassen, um sowohl weit entfernte als auch nahe Gegenstände zu fokussieren. Die Augenlinse liegt hinter der Regenbogenhaut und wird von einer feinen Membran umgeben. Über die sogenannten Zonulafasern ist sie mit dem Ziliarmuskel verbunden. Mit zunehmendem Alter nimmt die Akkommodationsfähigkeit der Linse ab, sie ist nicht mehr so elastisch. Infolgedessen wird auch die Brechkraft geringer und es kommt zur Alterssichtigkeit (lat. Durch diese Form der Anpassung wird es erst möglich, dass Sie sowohl sehr weit entfernte Gegenstände, als auch kleine Dinge direkt vor sich scharf sehen können. Mit einem Verlust der Sehkraft verbunden ist eine Trübung der Augenlinse.
Hinter der Linse sitzt der durchsichtige Glaskörper (Corpus Vitreum) im Augeninneren. Seine geleeartige Masse verleiht dem Augapfel seine prall-elastische Form. Dass der Glaskörper durchsichtig ist, ist eine wichtige Voraussetzung für gutes Sehen. Der Glaskörper ist der größte Teil unseres Auges. Er besteht fast komplett aus Wasser, füllt das Augeninnere zwischen Linse und Netzhaut aus und gibt dem Auge damit seine Form. Das einfallende Licht gelangt durch ihn hindurch ohne zusätzliche Brechung auf die Netzhaut. Der Glaskörper (lat.: Corpus vitreum) füllt das Augeninnere zwischen Linse und Netzhaut aus. Der Glaskörper nimmt den größten Anteil des Auges ein. Er besteht zu 98 Prozent aus Wasser, in dem Eiweißbestandteile und feinste Bindegewebsfasern verteilt sind und beinhaltet weder Nerven noch Blutgefäße. Der hohe Wassergehalt ist auch die Ursache für seine hohe Transparenz. Die restlichen 2 Prozent entfallen auf Hyaluronsäure und Kollagenfasern. Der Augapfel sitzt hinter der Linse in der Augenhöhle und wird vom Glaskörper ausgefüllt.
Die Netzhaut: Umwandlung von Licht in Nervensignale
An der Rückwand des Augapfels liegt innen die Netzhaut (Retina). Im sogenannten Augenhintergrund - ihrem hinteren Bereich - sitzen Millionen von Sinneszellen, welche Lichtreize empfangen und in Nervensignale umwandeln. Zapfen sind für das Sehen von Farben zuständig. Stäbchen ermöglichen das „Schwarz-Weiß-Sehen“. Die meisten Zapfen sitzen ungefähr in der Mitte des Augenhintergrunds, dem sogenannten „gelben Fleck“ (Makula). Eine der häufigsten Ursachen für Erblindung ist die Makuladegeneration. Im Verlauf der Krankheit bildet sich die Netzhaut zurück, wodurch es zu einem fortschreitenden Sehverlust im zentralen Gesichtsfeld kommt. Eine Heilung der Erkrankung ist bis heute nicht möglich. Die ankommenden Nervensignale aus den Zapfen und Stäbchen wandern anschließend über den Sehnerv ins Gehirn. Die Netzhaut enthält die Sinneszellen des Auges (Lichtsinneszellen für das Farbsehen und die Unterscheidung von Hell und Dunkel; spezialisierte Nervenzellen) und ist daher eigentlich ein vorgeschalteter Teil des Gehirns. Die Photorezeptoren nehmen den Lichtreiz auf, verarbeiten ihn und leiten die Information über den Sehnerv an das Gehirn weiter. Die Netzhaut übernimmt die Funktion, den ein Film beim Fotoapparat hat. Obwohl die Netzhaut nur etwa 0,1 bis 0,5 Millimeter dick ist, besteht sie aus insgesamt zehn Schichten. In der Netzhaut befindet sich eine Vielzahl lichtempfindlicher Sinneszellen. Es werden zwei Typen von Lichtsinneszellen unterschieden: Stäbchen (Wahrnehmung von Hell und Dunkel; insgesamt circa 120 Millionen) und Zapfen (Farbensehen; insgesamt circa 7 Millionen). In der Mitte sitzen vor allem die Zapfen, die für das Farbensehen verantwortlich sind. Auf jeder Netzhaut gibt es die sogenannte Makula (Macula lutea/gelber Fleck). Sie enthält eine besonders hohe Dichte von Zapfen und ist somit der Bereich des schärfsten Sehens im Auge. Neben einer Stelle des schärfsten Sehens gibt es auf der Netzhaut auch einen Punkt, an dem sich keine Sinneszellen befinden, den sogenannten "blinden Fleck". Eine seltene Erkrankung des Auges ist die Netzhautablösung. Dabei klagen Betroffene über Lichtblitze, verschiedene Sehstörungen.
Aderhaut, Ziliarkörper und Augenkammern
Ein Bestandteil der Netzhaut ist die Aderhaut (lat. Choroidea), welche an der Rückwand des Auges lokalisiert ist. Die Choroidea hat die Aufgabe, die Netzhaut mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Die dünne Trennschicht ermöglicht den Transport von Nährstoffen und Flüssigkeit zwischen dem retinalen Pigmentepithel und den Gefäßen der Aderhaut. Als Makula wird der Bereich im Zentrum der Netzhaut bezeichnet, an dem die meisten Sehzellen sitzen. Die Makula (lat. Macula lutea) sitzt direkt neben der Einmündung des Sehnervs, im Zentrum der Netzhaut. Da in der Makula besonders viel von dem gelben Farbstoff Lutein eingelagert ist, spricht man auch vom gelben Fleck. Die Lichtrezeptoren (Stäbchen und Zapfen) sitzen hier so dicht gepackt wie sonst nirgends. Bildet sich die Netzhaut im Bereich des gelben Flecks zurück, spricht man von einer Makuladegeneration. Der Strahlenkörper (lat.: Corpus ciliare) ist ein ringförmiger Wulst, der die Linse umgibt. Er enthält den ebenfalls ringförmigen Ziliarmuskel und trägt daher zur Fokussierung von Objekten in verschiedenen Entfernungen bei. Ist der Ziliarkörper entspannt, werden die Zonulafasern gespannt, die Linse ist flach und entfernte Dinge werden scharf abgebildet.
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Die Augenkammern (lat.: Camerae bulbi) haben eine wesentlich geringere Ausdehnung, als der Glaskörperraum. Sie sind nicht von einer gallertartigen Masse ausgefüllt, sondern vom Kammerwasser. Die Iris (Regenbogenhaut) begrenzt die kleinere hintere Augenkammer (lat.: Camera posterior bulbi) nach vorne. Im hinteren Bereich schließt sich die Linse an. Die vordere Augenkammer (lat.: Camera anterior bulbi) reicht von der Hinterfläche der Hornhaut bis zur Regenbogenhaut. Das Kammerwasser, welches in der hinteren Augenkammer produziert wird, kann durch eine Lücke zwischen Linse und Iris in die vordere Augenkammer transportiert werden. Zwischen Iris und Hornhaut bildet sich der sogenannte Kammerwinkel aus. Je nach Alter liegt der Augeninnendruck normalerweise zwischen 10 und 20 mmHg. Kann das Kammerwasser nicht richtig abfließen, steigt der Druck im Auge an. Im vorderen Abschnitt Ihres Auges sitzen zwei Hohlräume, welche mit farblosem Kammerwasser gefüllt sind. Die vordere Augenkammer reicht meist von der Hornhaut bis zur Regenbogenhaut. Sind die Augenkammern zu flach, kann das Kammerwasser nicht richtig abfließen und der Augeninnendruck ansteigen.
Der Sehnerv: Die Verbindung zum Gehirn
Der blinde Fleck wird auch Papille oder Mariotte-Fleck genannt. Hier trifft der Sehnerv auf die Netzhaut. An dieser Stelle des Sehnervs sind keine lichtempfindlichen Rezeptoren, wodurch das Auge an dieser Stelle blind ist. Im Alltag hat der Mensch dadurch keine Einschränkungen. Bei dem Sehnerv handelt es sich um den ersten Abschnitt der Sehbahn, welcher das Auge mit dem Gehirn verbindet. Der Sehnerv ist mit rund einem halben Zentimeter Stärke ein beachtliches Bündel an Nervenfasern.
Der Sehnerv (Nervus opticus) ist der zweite von zwölf Hirnnerven und kein eigentlicher Nerv, sondern weiße Gehirnsubstanz. Er besteht aus etwa einer Million Nervenfasern und leitet die elektrischen Impulse von der Netzhaut zum Sehzentrum in der Großhirnrinde. Der Sehnerv ist ebenso wie die Netzhaut ein Teil des Gehirns. Er ist etwa vier bis fünf Zentimeter lang und beginnt an der Papille im Auge (Discus nervi optici). Das ist eine weißliche, scheibenförmige Stelle am Augenhintergrund, wo sich die Nervenendigungen der Retina (Netzhaut) zum Sehnerv bündeln. Dort, am hinteren Augenpol, besteht eine etwa dreieinhalb Millimeter große Öffnung für den Durchtritt des Nervus opticus durch die Sklera (weiße Lederhaut des Auges). In der Papille (Auge) sammeln sich aber nicht nur die Nervenendigungen der Retina - hier treten auch die Netzhautgefäße in einer in der Mitte gelegenen Vertiefung ein und aus. Aus diesem Grund ist an dieser Stelle keine Sehfähigkeit vorhanden (keine Photorezeptoren). Mediziner sprechen deshalb auch vom “Blinden Fleck“.
Nach Durchtritt durch die Lederhaut schlängelt sich der Sehnerv etwa 2,8 Zentimeter durch den Fettkörper in der knöchernen Augenhöhle hinter dem Augapfel. Durch die Krümmungen entsteht genügend Spielraum, sodass sich der Augapfel in seiner Höhle bewegen und sogar etwas nach vorne treten kann (wie das bei "Glubschaugen" der Fall ist). Die Nervenfasern, die aus dem Randbereich der Netzhaut kommen, liegen auch im Sehnerv im Randbereich. Die Fasern aus dem zentralen Netzhautbereich und der Makula (dem Bereich des schärfsten Sehens) verlaufen im Inneren des Sehnervs. Alle Nervenfasern im Sehnerv sind von schützenden Markscheiden (Myelinscheiden) umschlossen. In der Schädelhöhle vor der Hypophyse vereinigen sich die Sehnerven der beiden Augen zu einer Sehnervenkreuzung (Chiasma opticum). Die Nervenfasern in den beiden Sehnerven werden aber nur teilweise gekreuzt: Die Fasern, die aus den mittleren (nasalen) Netzhauthälften kommen, werden gekreuzt; die Fasern, die aus den äußeren (temporalen) Netzhautbereichen kommen, werden nicht gekreuzt. Das bedeutet, dass nach der Kreuzung die Fasern aus den linken Netzhauthälften beider Augen in die linke Hirnhälfte ziehen, die Fasern aus den rechten Netzhauthälften in die rechte Hirnhälfte. Nach der Kreuzung der beiden Sehnerven sprechen Ärzte vom “Tractus opticus”.
Die Sehbahn: Vom Auge zum Gehirn
Die Sehbahn ist eine lebenswichtige, unsichtbare Verbindung zwischen Augen und Gehirn. die Ihnen ermöglicht, die Welt um Sie herum zu sehen und zu interpretieren. Die Sehbahn ist ein faszinierendes Labyrinth aus Zellen und Fasern, das dafür verantwortlich ist, dass visuelle Informationen empfangen und verarbeitet werden können. Der Anfang der Sehbahn liegt in der Netzhaut, wo Stäbchen und Zapfen als Rezeptorzellen agieren und die aufgenommenen Reize durch verschiedene Neuronenschichten weitergeleitet werden, bis sie schließlich das Gehirn erreichen. Diese Übertragung von Information ist entscheidend für die Sicht auf die Welt.
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Visuelle Wahrnehmung beginnt in der Netzhaut des Auges (Retina), wo die visuellen Rezeptoren lichtinduzierte Signale erfassen. Diese Signale werden durch die Zellkörper des ersten Neurons in der äußeren Körnerschicht interpretiert und an die bipolaren Nervenzellen weitergeleitet, die als das zweite Neuron der Sehbahn agieren. Von hier aus erfolgt ein direkter Weg zu den multipolaren Ganglienzellen, welche die Signale weiter verstärken und entlang des Sehnervs zum Gehirn führen. Im Zentrum des visuellen Systems findet sich eine entscheidende Schaltstelle: das Chiasma opticum. In dieser Kreuzung verweben sich die Pfade der Sehnerven auf eine Weise, die für die Repräsentation des Gesichtsfeldes ausschlaggebend ist.
Die Gratiolet-Sehstrahlung, benannt nach dem französischen Anatomen Louis Pierre Gratiolet, ist das neurale Bindeglied zwischen dem seitlichen Kniehöcker und dem visuellen Kortex im okzipitalen Lappen. Die Axone, die diese Bahn formen, sind in ihrer Gesamtheit eine wichtige Komponente des Sehsystems. Sie übermitteln die visuellen Informationen, die letztlich zur Bildung von dem führen, was Sie als Bild vor sich sehen. Die Verarbeitungsprozesse auf diesem Weg sind komplex und exakt aufeinander abgestimmt, um sicherzustellen, dass die visuellen Signale präzise interpretiert und dargestellt werden können.
Nicht alle Informationen, die durch die Sehbahn fließen, sind für das bewusste Bildverstehen vorgesehen. Etwa 10% der Fasern des Sehnervs sind an unbewussten Prozessen beteiligt, die weitreichende Auswirkungen auf das tägliche Leben haben. In der Sehrinde entsteht ein Übersetzen von Lichtstrahlen in eine Sprache, die das Gehirn versteht. Die Makula - der Teil der Netzhaut, der für die klarste Sicht zuständig ist - nimmt in der Sehrinde eine überproportionale Repräsentationsfläche ein. Die Größe dieses Areals spiegelt die Bedeutung der Zentralsicht wider, die für Aufgaben wie Lesen, das Erkennen von Details und die Fokussierung auf feine Strukturen unerlässlich ist. Die Sehbahn leitet visuelle Signale blitzschnell an das Gehirn weiter. Die Sehnerven beider Augen überkreuzen am Chiasma opticum Etwa die Hälfte der Fasern beider Nervenstränge wechselt hier die Seite, so dass Signale aus dem linken Auge auch in der rechten Hirnhälfte verarbeitet werden und umgekehrt. Jenseits der Kreuzung werden die Sehnerven als Sehtrakt oder Tractus opticus bezeichnet. Die meisten Nervenfasern ziehen über den seitlichen Kniehöcker in den visuellen Cortex, ein kleiner Teil jedoch gibt dem Prätektum Input, etwa für die “innere Uhr” oder den Pupillenreflex.
Funktion des Sehnervs
Die Sehnerv-Funktion besteht in erster Linie darin, die auf die Netzhaut treffenden elektromagnetischen (Licht-)Impulse zum Sehzentrum in der Großhirnrinde weiterzuleiten. Dort werden die aus den Augen eintreffenden Informationen zu einem Bild verarbeitet. Ein Teil der Fasern des Tractus opticus ist zudem wichtig für den Pupillenreflex: Normalerweise sind beide Pupillen gleich weit. Wenn auf ein Auge stärkeres Licht trifft, dann verengt sich nicht nur in diesem Auge die Pupille, sondern zeitgleich auch im anderen, nicht-beleuchteten Auge.
Verarbeitung visueller Informationen im Gehirn
Die Umwandlung eines Bildes auf der Netzhaut in elektrische Nervensignale ist nur der Beginn des Sehens. In der Sehrinde erst beginnt die eigentliche Analyse. Und sie beginnt rasend schnell: Von der Codierung des Bildes in der Netzhaut bis zu den ersten messbaren Impulsen in der primären Sehrinde vergehen bei gesunden Menschen kaum 100 Millisekunden. Möglich macht diese Geschwindigkeit - neben der Reduktion auf nur eine Umschaltstelle - die Ummantelung der Nervenfasern mit Myelinhüllen, die eine sehr hohe Leitungsgeschwindigkeit erlauben.
Die Bilder unserer Augen decken sich nicht. Das merkt man schnell, wenn man sich die Augen abwechselnd zuhält: Das rechte Auge sieht die Dinge mehr von rechts, das linke mehr von links. Wie auf dem Film in einer Kamera entstehen auf der Netzhaut im Augenhintergrund kleine umgekehrte Bilder, die sich von einander unterscheiden. Die weitere Verarbeitung dieser Bildunterschiede in unserem Gehirn vermittelt uns einen räumlichen Eindruck, wobei wir trotz der Unterschiede nicht doppelt sehen. Damit dieses Sehen bei allen Bewegungen stabil bleibt, müssen die zwölf Augenmuskeln unsere Augen exakt ausrichten und dabei an beiden Augen koordiniert zusammenarbeiten. Auch dies ist eine Leistung unseres Gehirns, das den Augenmuskeln über drei Hirnnerven entspre-chende Bewegungs-befehle erteilt. Alles verläuft normalerweise so schnell und fehlerfrei, dass uns die Vielfalt der Steuerungsvorgänge nicht bewusst wird. Die dreidimensionalen Bewegungen der Augen bewirken die jeweils sechs Muskeln, die von hinten aus der Spitze der Augenhöhle parallel zu den knöchernen Augenhöhlenwänden zum Augapfel ziehen. Gesteuert wird die Aktivität der Muskeln von den motorischen Blickzentren im Hirnstamm, und zwar von drei unterschiedlichen: dem horizontalen, dem vertikalen und dem Zentrum für die Verrollungsbewegungen. Für die koordinierten gleichsinnigen Bewegungen senden diese Zentren Impulse an beide Augen. Sie haben ihren Ursprung in den Hirnnervenkernen des Hirnstammes. Dort werden die Im-pulse aus den Blickzentren auf die Hirnnerven umgeschaltet. Zu jedem Muskel gehört ein Hirnnervenkern.
Störungen der Sehbahn und des Sehnervs
Das komplexe System der Sehbahn kann verschiedenen Beeinträchtigungen unterliegen, die von der Netzhaut bis zum Gehirn reichen. Derartige Störungen können sich in Form neurologischer oder okulärer Erkrankungen manifestieren. Einige der bekanntesten Probleme umfassen Entzündungen des Sehnervs, Optikusatrophie und Papillenödeme.
Eine Entzündung des Sehnervs, auch bekannt als Neuritis nervi optici, kann verschiedene Formen annehmen. Dabei unterscheidet man hauptsächlich zwischen Papillitis, bei der die Entzündung im Bereich der Austrittsstelle des Sehnervs lokalisiert ist, und Retrobulbärneuritis, bei der die Nervenfasern außerhalb der Papille betroffen sind. Die Symptome können von einer reduzierten Sehfähigkeit bis zu Augenbewegungsstörungen, Schmerzen und Gesichtsfelddefekten reichen. Degeneration und Atrophie der Sehnervenfasern stellen weitere schwerwiegende Störungen der Sehbahn dar, die in erheblichem Sehverlust resultieren können.
Ein Papillenödem, die Schwellung am Kopf des Sehnervs, tritt als Resultat einer Vielzahl an Ursachen auf. Zu diesen zählen Infektionen, Blutungen, Entzündungen und Hirntumore. Die Bedeutung dieses Zustands geht jedoch über das Auge hinaus, da ein Papillenödem auf schwerwiegende neurologische Grunderkrankungen hinweisen kann.
Störungen auf der visuellen Hochgeschwindigkeitsstrecke haben gravierende Konsequenzen. Krankheiten, die die Sehnerven schädigen, führen häufig dazu, dass ganze Areale des Gesichtsfelds eines Auges nicht mehr im Gehirn registriert werden. Beeinträchtigt beispielsweise ein Tumor, eine Entzündung oder eine Blutung den rechten oder linken Sehnerv zwischen Netzhaut und Sehnervenkreuzung, fehlt die gesamte Information aus dem jeweiligen Auge. Geschieht der Schaden an oder nach der Sehnervenkreuzung, treten besondere Ausfallmuster auf: Etwa die "Scheuklappenblindheit", also ein Ausfall des äußeren Gesichtsfeldes, wenn die sich überkreuzenden Bahnen im Chiasma opticum betroffen sind.
Mögliche Probleme mit dem Sehnerv
Bei einer Schädigung im Bereich eines Tractus opticus kommt es zu einem Gesichtsfeldausfall (Skotom) in der betreffenden Netzhauthälfte in beiden Augen (homonyme Hemianopsie). Bei einer Schädigung des Chiasma opticum resultiert eine heteronyme Hemianopsie: Der Gesichtsfeldausfall betrifft in beiden Augen entweder die seitliche Hälfte (in Richtung Schläfe) oder die mediale Hälfte (in Richtung Nase).
Der Begriff Glaukom (Grüner Star) umfasst verschiedene Augenkrankheiten, die alle den Sehnerv schädigen und unbehandelt zur Erblindung des Patienten führen. Eine Optikusneuritis (Sehnerventzündung) führt zu Sehstörungen und kann ebenfalls in Erblindung enden. Bei einer Optikusatrophie gehen Sehnervenfasern verloren - entweder in nur einem Sehnerv oder in beiden Sehnerven. Das kann zum Beispiel infolge einer Verletzung oder einer Sehnerventzündung passieren oder die Folge von Medikamenten, Nikotin oder minderwertigem Alkohol sein. Auch erhöhter Druck (z.B. bei einer Tumorerkrankung oder einem "Wasserkopf" = Hydrocephalus) kann den Sehnerv so schädigen, dass Nervenfasern absterben.
Augenbewegungsstörungen
Bei den meisten Menschen ist die Ruhelage der Augen nicht mit dem Blick geradeaus identisch. Verdeckt man ein Auge, dann weicht es in horizontaler oder vertikaler Richtung ab (Heterophorie). Gibt man es wieder frei, dann entsteht ein Doppelbild, das im Gehirn sofort ein Kommando an die Augenmuskeln auslöst (Fusion). Dieser Kontrollmechanismus kann versagen und es resultiert ein bleibendes Doppelbild, z.B. Die folgenden Bilder zeigen eine Augenbewegungsstörung. Der rechte Außenwendemuskel ist gelähmt. Beim Blick nach rechts bleibt das rechte Auge geradeaus stehen. Beim Blick geradeaus ist das Innenschielen des rechten Auges geringer als beim Blick nach rechts. Durch die Lähmung des rechten Außenwendemuskels kommt es zu Doppelbildern beim Blick geradeaus und - mit deutlich größerem Abstand - insbesondere beim Blick nach rechts. Mit dem Lähmungsschielen verschwindet in diesem Fall also nicht nur das räumliche Sehen beim Blick geradeaus und nach links; es entstehen auch Doppelbilder. Das Bild des gelähmten Auges (Trugbild) ist dabei etwas weniger klar als das des nicht gelähmten Auges (wahres Bild). Obwohl die Betroffenen die Bilder dadurch unterscheiden können, kann es zunächst zu erheblichen Problemen wie Orientierungsverlust, Schwindel und Übelkeit kommen. In dem Fall helfen sich die meisten, indem sie ein Auge - in aller Regel das gelähmte - zukneifen oder zuhalten. Das beseitigt einen Teil ihrer Beschwerden. Die plötzlich eingetretene Einäugigkeit dauert allerdings an. Die Betroffenen dürfen ein viertel Jahr lang kein Kraftfahrzeug führen. Plötzlich auftretende oder auch langsam zunehmende Doppelbilder bedeuten grundsätzlich eine dringlich klärungsbedürftige Störung. Lähmungsschielen wird immer durch ernst zu nehmende Erkrankungen der Augenmuskeln, der Augenhöhle oder des Nervensystems verursacht, die einer raschen Intervention bedürfen.
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