Migräne ist eine häufige Erkrankung im Kindesalter, die oft spät erkannt wird. Bis zu jedes zehnte Kind ist betroffen, wobei sich die Migräne oft über die Zeit entwickelt und anfangs selten und noch nicht so ausgeprägt zeigt. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen von Familien mit Migräne bei Kindern, typische Symptome, Diagnoseverfahren und verschiedene Therapieansätze, um betroffenen Kindern ein möglichst normales Leben zu ermöglichen.
Erfahrungen von Familien mit Migräne bei Kindern
Familie N. erlebte eine deutliche Verbesserung, als sie begannen, positive Erfahrungen im Schmerztagebuch festzuhalten. Statt die schlechten Tage zu dokumentieren, konzentrierten sie sich auf Lisas gute Tage und klebten Smileys in das Buch. Diese positive Herangehensweise tat der ganzen Familie gut und half Lisa, sich auf das Positive zu konzentrieren.
Lisa, heute neun Jahre alt, klagte oft über extreme Kopfschmerzen und Erbrechen. Auf jeden Kopfschmerztag folgte ein "Katertag", an dem sie erschöpft war. Die Eltern vermuteten frühzeitig Migräne, aber die Diagnose wurde erst durch das Schmerztagebuch bestätigt.
Symptome von Migräne bei Kindern
Migräne kann bei Kindern andere Symptome zeigen als bei Erwachsenen. Während Erwachsene oft einseitige Kopfschmerzen haben, treten bei Kindern häufiger beidseitige Kopfschmerzen auf. Die Kopfschmerzphasen können kürzer sein, und typische Symptome wie Lärm- oder Lichtempfindlichkeit können fehlen. Einige Kinder klagen auch über Bauchschmerzen statt über Kopfschmerzen.
Dr. Kristina Huß, Oberärztin im Pädiatrischen Kopfschmerzzentrum, erklärt, dass Eltern oft an einen Infekt denken, wenn Kinder spucken. Zudem wird Migräne oft bagatellisiert, was vermieden werden sollte.
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Bauchmigräne als Sonderform
Eine Sonderform der Migräne bei Kindern ist die Bauchmigräne, die sich durch plötzliche Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Blässe und Lichtscheue äußert. Betroffene Kinder können während der Attacken nicht lernen oder spielen und müssen sich hinlegen. Diese Attacken dauern zwischen zwei Stunden und drei Tagen und können von Kopfschmerzen begleitet sein, wobei die Bauchschmerzen überwiegen. In der Pubertät kann sich die Bauchmigräne oft in eine Kopfschmerzmigräne verwandeln oder ganz verschwinden.
Diagnose von Migräne bei Kindern
Die Diagnose von Migräne bei Kindern kann schwierig sein und oft lange dauern. Es gibt keinen spezifischen Test, um Migräne festzustellen. Die Diagnose basiert auf der Anamnese, der Beschreibung der Symptome und dem Ausschluss anderer Ursachen.
Der Weg zur Diagnose
Bei Lisa dauerte es zwei Jahre, bis sie ihre Diagnose erhielt. Ihr damaliger Kinderarzt vermutete zunächst eine schulische Überforderung als Ursache für ihre Kopfschmerzen. Kamen die Attacken zunächst sporadisch und schwächer daher, wurden die Kopfschmerzen mit der Zeit regelmäßiger und heftiger.
Schmerztagebuch als Hilfsmittel
Ein Schmerztagebuch kann helfen, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Kopfschmerzen zu dokumentieren und mögliche Auslöser zu identifizieren. Es sollte auch Informationen über Schlaf, Ernährung, Stress- und Erholungsphasen, Sport und Medienkonsum enthalten.
Wann ist eine Behandlung in speziellen Zentren sinnvoll?
Nicht alle Kinder mit Migräne müssen in speziellen Zentren behandelt werden. Eine Migräne, die gut mit Medikamenten zu kontrollieren ist, nur selten auftritt und das Kind nicht in seiner Teilhabe am normalen Leben hindert, kann in der Regel von niedergelassenen Kinderärzten versorgt werden. Anders ist es, wenn das Leiden sehr häufig auftritt und Medikamente wie Ibuprofen nicht mehr ausreichen.
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Ursachen von Migräne bei Kindern
Die Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig erforscht. Es gibt jedoch Hinweise auf genetische Faktoren und Umwelteinflüsse. Aktuell sind an die 40 Gene bekannt, die Einfluss auf die Stellschrauben für eine Migräne haben. Der genetische Aspekt kann auch der Grund dafür sein, dass es familiäre Häufungen gibt.
Mögliche Auslöser
- Lebensstilfaktoren: Eine geringe Trinkmenge, fehlender Schlaf, Stress und unregelmäßige Mahlzeiten können Migräneattacken auslösen.
- Nahrungsmittel: Bestimmte Nahrungsmittel können bei manchen Kindern Migräne auslösen.
- Psychische Belastungen: Stresssituationen können ebenfalls Migräneattacken triggern.
- Physikalische oder chemische Reize: Auch äußere Faktoren wie Lärm, Licht, Gerüche oder Wetterveränderungen können Migräne auslösen.
Therapie von Migräne bei Kindern
Das wichtigste Ziel der Therapie ist, dass die Kinder ihren Alltag schmerzfrei schaffen und so normal wie möglich am Leben teilhaben können. Die Therapie umfasst in der Regel mehrere Bausteine:
Lebensstiländerungen
- Regelmäßiger Schlaf: Lisa bekam von Kristina Huß eine Stunde mehr Schlaf verordnet.
- Mehr Bewegung: Sie empfahl mehr Bewegung, weshalb die Neunjährige jetzt tanzt, klettert und schwimmt.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Mahlzeiten können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Stressmanagement: Stress sollte vermieden werden, da er ein wichtiger Auslöser von Migräneanfällen sein kann.
Medikamentöse Therapie
Im Ernstfall kann eine Behandlung mit Schmerzmitteln wie Ibuprofen helfen. Azetylsalizylsäure (ASS) ist für Kinder unter zwölf Jahren nicht geeignet. Es ist wichtig, mit den Kindern genau zu schauen, wie sich Attacken zeigen und wie sie beginnen. Oft kündigen Symptome wie Blassheit, Stimmungsschwankungen oder Heißhunger einen Migräne-Schub an.
Medikamentöse Akuttherapie
- Ibuprofen: Mittel der Wahl in einer Dosierung von 10 bis 15 mg/kg Körpergewicht.
- Paracetamol: Kann ebenfalls eingesetzt werden, hat aber eine geringere therapeutische Breite.
- Triptane: Sumatriptan nasal (Imigran®) und Zolmitriptan nasal (Ascotop® ) können bei Kindern ab zwölf Jahren angewendet werden.
Medikamentöse Prophylaxe
Arzneien zur Vorbeugung gegen Schmerzanfälle werden bei Kindern eher zurückhaltend eingesetzt, etwa wenn diese Anfälle sehr häufig auftreten oder das Kind oft im Unterricht fehlt. Wirksame Medikamente sind:
- Flunarizin: Für Kinder ist die Wirkung von Flunarizin (5 mg/d) gesichert.
- Topiramat: War in Studien wirksam und wurde für Jugendliche mit Migräne von der FDA zugelassen.
- Propranolol: Es gibt gewisse Hinweise auf eine Wirksamkeit.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Physiotherapie und Magnetstimulationstherapie: Sollen Verspannungen im Nacken-Schulter-Bereich lösen, die eine Migräne ebenfalls triggern könnten.
- Entspannungsverfahren: Progressive Muskelentspannung und autogenes Training können helfen, stressbedingte Migräneattacken zu reduzieren.
- Biofeedback: Kann ebenfalls wirksam sein.
Psychoedukation
Kinderärztin Michaela Bonfert spricht von „Psychoedukation“: Die Kinder müssten lernen, was eine Migräne ist, was in ihrem Kopf passiert und was sie für sich tun können. Im integrierten Sozialpädiatrischen Zentrum arbeiten deshalb nicht nur Ärztinnen und Physiotherapeuten mit den Kindern, sondern auch Psychologen und Psychologinnen.
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Tipps von Betroffenen
- Regelmäßiger Tagesablauf: Feste Tagesabläufe können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Ruhephasen: Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind viele Ruhephasen hat und immer gut ausgeschlafen ist.
- Sport: Ausreichend Sport kann helfen, Migräneattacken zu reduzieren.
- Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und vermeiden Sie plötzliche Wechsel im Essverhalten.
- Migräne-Tagebuch: Führen Sie ein Migräne-Tagebuch, um mögliche Auslöser zu identifizieren.
- Unterstützung suchen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann hilfreich sein.
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