Die Erforschung der Hirnstrukturen, die für die Sprachverarbeitung verantwortlich sind, reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Im Laufe der Zeit haben Wissenschaftler verschiedene Methoden eingesetzt, um die komplexen Mechanismen der Sprache im Gehirn zu entschlüsseln. Eine dieser Methoden ist die Magnetresonanztomographie (MRT), die es ermöglicht, die Funktionsweise des Gehirns bei verschiedenen Aufgaben zu untersuchen.
Historischer Überblick
Bereits im 18. Jahrhundert gab es die Idee, dass es im menschlichen Körper ein "Sprachorgan" geben könnte. Franz Joseph Gall begründete die Phrenologie, die davon ausging, dass bestimmte Hirnregionen für spezifische Funktionen zuständig sind - in heutiger Terminologie also im inferior-anterioren Frontal- bzw. Schläfenlappen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden dann wissenschaftliche Methoden eingesetzt, um die Sprachverarbeitung im Gehirn zu untersuchen.
Der Läsion-Defizit-Ansatz
Die älteste und bis heute angewandte Methode ist der Läsion-Defizit-Ansatz. Pierre Paul Broca beschrieb in den 1860er Jahren einen Patienten mit "Aphemie", einer schweren Störung des lautsprachlichen Outputs. Broca lokalisierte die verantwortliche Läsion im linken inferioren frontalen Gyrus und stellte fest, dass die linke Großhirnhemisphäre die sprachdominante Hemisphäre ist. Carl Wernicke entdeckte 1874 eine weitere wichtige Region im Temporallappen am Übergang zum Parietallappen.
Die Arbeiten von Broca, Wernicke und anderen führten Ende des 19. Jahrhunderts zur Etablierung eines ersten Modells der Sprachverarbeitung. Dieses Modell postulierte, dass die Konzepte hinter den Wörtern, die Bedeutungen bzw. das Lexikon, in einem separaten Netzwerk repräsentiert sind. Außerdem wurde angenommen, dass spezifische Verbindungen zwischen den Sprachzentren und dem Konzepte-Netzwerk existieren und dass Läsionen dieser Verbindungen zu spezifischen sprachlichen Defiziten führen sollten. Die Jahre zwischen 1860 und 1890 gelten als die klassische Ära der Aphasiologie und legten das Fundament für alle neueren Ansätze zur Lokalisation der Sprache im Gehirn.
Grenzen des Läsion-Defizit-Ansatzes
Der Läsion-Defizit-Ansatz, wie er Ende des 19. Jahrhunderts angewandt wurde, hatte jedoch auch seine Grenzen. Es dauerte über 100 Jahre, bis Ende des 20. Jahrhunderts, bis einige dieser Einschränkungen behoben werden konnten. Ein Problem war die mangelnde Möglichkeit, die genaue Lokalisation der Läsion im sezierten Gehirn zu bestimmen. Durch moderne bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) ist dieses Problem jedoch weitgehend weggefallen.
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Trotzdem bleiben Schwierigkeiten bestehen. Es ist problematisch, von einer Läsion auf die normale Funktion eines Areals zu schließen. Auch wenn neuropsychologische Tests mit einer großen Anzahl von Patienten durchgeführt werden können, ist das Problem der Generalisierung nicht endgültig gelöst. Häufige Läsionen, z.B. nach einem Mediainfarkt, gleichen sich in der Praxis nie vollständig. Die Ausprägung von Defiziten variiert von Patient zu Patient. Zudem ist es schwierig, die Funktion eines Areals zu untersuchen, das selten von einer umschriebenen Läsion betroffen ist. Forscher haben keinen Einfluss auf Ort, Ausmaß und Häufigkeit von Läsionen noch auf die genaue Ausprägung von Defiziten. Die häufigste Ursache für Hirnläsionen ist vaskulären Ursprungs, was oft zu großflächigen Läsionen führt. Es ist daher schwierig, die genaue Funktion eines einzelnen Areals zu bestimmen. Selbst wenn sich Patienten mit sehr ähnlichen Läsionen finden ließen, stellt dies keine befriedigende Lösung dar, da oft andere spezifische Funktionen mitbetroffen sind. Der Läsion-Defizit-Ansatz kann nicht beantworten, ob ein bestimmtes Areal notwendig zum Gelingen einer Funktion beiträgt.
Funktionell-bildgebende Verfahren
Um die genannten Probleme zu umgehen, wurden funktionell-bildgebende Verfahren entwickelt. Diese ermöglichen es, die bei einer bestimmten Aufgabe aktiven Areale im Gehirn zu identifizieren und z.B. mit einer strukturell-anatomischen Aufnahme zu überlagern. Das Spektrum reicht von einfachsten motorischen Aufgaben (z.B. Fingerbewegungen) bis hin zu sehr spezifischen kognitiven Leistungen wie z.B. der Umstellung syntaktischer Konstituenten. Mit funktionell-bildgebenden Verfahren kann die Funktionsweise des gesunden Gehirns untersucht werden, wodurch unter anderem das Problem der sekundären Defizite wegfällt.
Magnetresonanztomographie (MRT)
Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist eine moderne und genaue Methode, um das Gehirn und umliegende Strukturen detailliert darzustellen - ganz ohne Strahlenbelastung. Ob bei unklaren Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen oder zur Abklärung neurologischer Erkrankungen: Die MRT liefert hochauflösende Bilder für eine präzise Diagnose sowohl akuter als auch chronischer Erkrankungen.
Bei einer MRT des Kopfes können verschiedene Bereiche betrachtet werden:
- Gehirn
- Schädel (Skelettanteil)
- Zähne & Kiefer
- Augen & Augenhöhlen
- Nasennebenhöhlen
- Ohren
- Versorgende Arterien
Je nach Fragestellung kann auch eine CT (Computertomographie) des Kopfes sinnvoll sein, vor allem dann, wenn knöcherne Anteile überprüft werden müssen. Die MRT des Kopfes ist damit sowohl in der Neurologie, der HNO als auch der Kieferorthopädie und Notfallmedizin ein wichtiges Instrument für die Diagnostik. Bei bestimmten Fragestellungen bieten wir eine spezialisierte MRT-Untersuchung an. Das ermöglicht einen noch genaueren Blick auf den jeweiligen Bereich und potenzielle krankhafte Veränderungen. Dazu zählen etwa eine MRT des Innenohrs, des Kiefers oder der Nasennebenhöhlen.
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Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)
Die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) ist eine interessante, nicht-invasive Untersuchungsmethode, dank der wir "die Arbeit" des Gehirnes bei unterschiedlichen Aufgaben dokumentieren können. Unterschiedliche Gebiete des Gehirnes (sog. Areale) haben unterschiedliche Aufgaben. Beispielsweise werden beim Sprechen andere Gehirnareale aktiviert, als beim Laufen oder Zuhören. Stark arbeitende Nervenzellen im aktivierten Hirnareal brauchen Nährstoffe - Sauerstoff und Glukose. Zur Versorgung dieser Nachfrage führt eine komplexe Reaktion zwischen den Gefäßen und den Nervenzellen zu einer Steigerung der Durchblutung des aktivierten Hirnareals. Das sauerstoffreiche Blut kann Veränderungen im lokalen Magnetfeld hervorrufen, die in speziellen, besonders schnellen MRT-Sequenzen nachgewiesen werden können. Durch eine komplexe Nachverarbeitung der gewonnenen Bilddaten können diese Veränderungen dargestellt und mit Hilfe statistischer Tests als Aktivität des betreffenden Hirnareals identifziert werden.
Die vorrangige Indikation einer fMRT-Untersuchung ist die Diagnostik vor Hirnoperationen und die Fragestellung der räumlichen Lage der Sprachareale. Dies gilt besonders wenn das Zielareal der Operation nahe an die für Sprache zuständigen Hirnarealen liegt. In den meisten Fällen, sowohl bei den Rechts- als auch Linkshändern, sind die Sprachzentren in der linken Großhirnhemisphäre lokalisiert - es bleibt aber eine Restwahrscheinlichkeit, dass das Sprachzentrum rechts liegt. Bei Planung eines neurochirurgischen Eingriffes ist es wichtig zu wissen, welche Folgen die OP für die zu versorgende Person haben könnte, und die fMRT hilft eventuelle Komplikationen abzuschätzen.
Insgesamt ist der Ablauf der Untersuchung ähnlich zur „normalen“ MRT. Sie werden jedoch im Gerät gebeten unterschiedliche Aufgaben zu lösen. Diese Aufgaben werden Ihnen über einen Bildschirm präsentiert. Es gibt sowohl Aufgaben bei denen Sie mit Hilfe von Druckknöpfen aktiv eine Antwort geben sollen, als auch Aufgaben bei denen Sie nur darum gebeten werden sich zu einem angezeigten Wort etwas vorzustellen. Vor jeder Aufgabe erhalten Sie eine Einweisung durch die Medizinisch-Technischen Radiologieassistenten (MTRA) was Sie im nächsten Schritt erwartet. Der Aufgabenteil dauert etwa 20 min. Anschließend werden die Bilder in einem aufwendigen Verfahren ausgewertet und aufbereitet, so dass Ihre behandelnden Ärzt*innen die Komplikationen des geplanten Eingriffs besser einschätzen können.
Mehr noch als bei normalen MRT-Untersuchungen ist Ihre Mitarbeit bei fMRT-Untersuchungen gefragt. Wichtig: Es gibt keine Bewertung, ob die Aufgaben richtig oder falsch gelöst wurde - einzig entscheidend ist ihr Einsatz.
Sprachareale im Gehirn
Die funktionelle Bildgebung hat unser Verständnis der Sprachverarbeitung im Gehirn revolutioniert. Sie ermöglicht es, die Aktivität verschiedener Hirnareale während sprachlicher Aufgaben zu beobachten und so die beteiligten Netzwerke zu identifizieren.
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Broca-Areal
Das Broca Areal ist ein wichtiger Bereich im Gehirn, der für die Produktion von Sprache zuständig ist. Es befindet sich im Frontallappen der dominanten Hemisphäre (Hirnhälfte), welche in der Regel links ist. Das Broca Areal ist nach dem französischen Neurowissenschaftler Paul Broca benannt, der die Bedeutung dieser Hirnregion im 19. Jahrhundert entdeckte. Das Areal spielt eine entscheidende Rolle bei der Artikulation von Sprache und der Satzbildung (daher auch brocasche Sprachregion genannt) und kann bei Verletzungen zur sogenannten Broca Aphasie führen.
Mittels moderner bildgebender Verfahren wie der Computertomographie (CT) oder der Magnetresonanztomographie (MRT) lässt sich das Broca Areal darstellen. Auch die Abgrenzung zu anderen Gehirnarealen gelingt dadurch. Das Broca Areal befindet sich in der dominanten Gehirnhälfte. Bei Rechtshändern/-innen liegt das Brocasche Sprachzentrum in der linken, bei Linkshändern/-innen entsprechend in der rechten Hemisphäre. Die genaue anatomische Lage befindet sich im Gyrus frontalis inferior („untere Stirnwindung“) und dort innerhalb der Partes triangularis („dreieckiger“ Teil) und opercularis (etwa: „Deckelteil“).
Das Broca Areal ist gemäß der klassischen Auffassung für die Sprachbildung verantwortlich. Eine zweite Hirnregion, das Wernicke-Areal, ist im Gegensatz dazu für das Sprachverständnis zuständig. Zu den Aufgaben des Sprachzentrums gehören vor allem einige motorische Aspekte der Sprache. Außerdem ist es zuständig für die Lautbildung und -analyse und die Aussprache von Worten. Darüber hinaus steuert das Broca Areal aber auch die grammatikalische Korrektheit von Sätzen und die richtige Betonung der Sprache. Es werden Tonalge, Satzmelodie und der Sprachrhythmus so aufeinander Abgestimmt, dass die Zusammenarbeit aller Sprechorgane zu einer möglichst optimalen Aussprache führt.
So komplex wie die Funktionen des Broca Areals sind auch die möglichen Auswirkungen bei Beschädigungen desselben. Besonders erscheint die Lösung des Gehirns dann, wenn Kinder oder Jugendliche, deren Hirnentwicklung noch nicht vollständig abgeschlossen ist, einen Schaden am Broca Areal erleiden. Während bei gesunden Personen die Sprachproduktion von der dominanten Hirnhälfte gesteuert wird, übernimmt die Broca Region der anderen Hemisphäre normalerweise ganz andere Aufgaben. Bei Beschädigungen an unvollständig entwickelten Gehirnen wird die Sprachproduktion auf die unbeschädigte Hemisphäre verlegt, sofern dies möglich ist. Patienten/-innen mit Broca Aphasie sprechen häufig stockend und verlangsamt. Sie neigen dazu, im Telegrammstil zu formulieren oder verwechseln Laute miteinander. Vor allem Worte, die keine eigene Bedeutung haben, wie beispielsweise Artikel oder Präpositionen, werden oft weggelassen.
Wernicke-Areal
Während das Broca Areal die Sprachproduktion vermittelt, steuert das Wernicke-Zentrum das Sprachverständnis. Beide Regionen gemeinsam regulieren das Sprechen. Sie liegen an verschiedenen Stellen des Gehirns, befinden sich aber beide in der dominanten Gehirnhälfte.
Weitere Hirnstrukturen
Neben dem Broca- und Wernicke-Areal sind viele weitere Hirnstrukturen für die Verarbeitung von Sprache nötig. Diese umfassen große Teile des Temporal-, Parietal- und Frontallappens und sind nicht auf Sprechen oder Verstehen spezialisiert, sondern übernehmen vermutlich differenzierte Aufgaben, wie zum Beispiel die Entschlüsselung komplexer Syntax. Um ihre Aufgabe zu erfüllen, sind mehrere Regionen über Faserbündel miteinander verbunden und wirken als Netzwerk zusammen.
Die Auswirkungen der Muttersprache auf das Gehirn
WissenschaftlerInnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben Beweise dafür gefunden, dass die Muttersprache, die wir sprechen, die Verschaltung in unserem Gehirn prägt und damit unser Denken beeinflussen könnte. Xuehu Wei, Doktorandin im Team um Alfred Anwander und Angela Friederici, verglich die Gehirnscans von 94 Muttersprachlern zweier sehr unterschiedlicher Sprachen und zeigte, dass die Sprache, mit der wir aufwachsen, die Stärke der Verdrahtung im Gehirn beeinflusst.
Zwei Gruppen von deutschen und arabischen Muttersprachlern wurden in einem Magnetresonanztomographen (MRT) gescannt. Die hochauflösenden Bilder zeigen nicht nur die Anatomie des Gehirns, sondern ermöglichen auch die Berechnung der Verdrahtung zwischen den Hirnarealen mit einer Technik namens ‚diffusionsgewichtete Bildgebung‘. Die Daten zeigten, dass sich die axonalen Verbindungen der weißen Substanz des Sprachnetzwerks an die Anforderungen und Schwierigkeiten der Muttersprache anpassen.
Arabische Muttersprachler zeigten eine stärkere Vernetzung zwischen linker und rechter Gehirnhälfte als deutsche Muttersprachler. Diese Verstärkung wurde auch zwischen semantischen Sprachregionen festgestellt und könnte mit der relativ komplexen semantischen und phonologischen Verarbeitung im Arabischen zusammenhängen. Deutsche Muttersprachler zeigten eine stärkere Konnektivität im Sprachnetzwerk der linken Hemisphäre.
Die Konnektivität des Gehirns wird in der Kindheit durch das Lernen und die Umwelt beeinflusst, was sich auf die kognitive Verarbeitung, also das Denken, im erwachsenen Gehirn auswirkt. Unsere Studie liefert neue Erkenntnisse darüber, wie sich das Gehirn an kognitive Anforderungen anpasst - unser strukturelles Netzwerk der Sprache wird also durch die Muttersprache geprägt.
Diese Studie sei eine der ersten, die klare Unterschiede zwischen den Gehirnen von Menschen dokumentiert, die mit verschiedenen Muttersprachen aufgewachsen sind. Damit könnte sie WissenschaftlerInnen einen Weg zum Verständnis kulturübergreifender Verarbeitungsunterschiede im Gehirn bieten.
Das Erlernen einer Fremdsprache
Durch das Erlernen einer Fremdsprache verstärken sich auch bei Erwachsenen die Nervenverbindungen im Gehirn. Das haben Forschende des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften dokumentiert. Das Erlernen einer neuen Sprache verändert die Nervenbahnen im Gehirn. Sie haben Dutzende Menschen aus Syrien über eine halbes Jahr begleitet, die intensiv Deutsch lernten. Die Bilder zeigen laut Studie im Fachmagazin PNAS, dass sich durch das Lernen Nervenverbindungen im Gehirn verstärkt haben. Und zwar im Sprachzentrum der linken Hirnhälfte und in einigen Regionen der rechten Hirnhälfte. Überraschend war für die Forschenden, dass das Hirn die Verbindung zwischen der rechten und linken Hirnhälfte aber verringert hat. Wahrscheinlich hat das zur Folge, dass die sprachdominante linke Hirnhälfte weniger Kontrolle über die rechte ausübt.
Aphasie: Sprachstörungen nach Hirnschädigung
Die erworbene Sprachstörung (Aphasie - griech.: Sprachlosigkeit) ist die Folge einer Schädigung des Sprachzentrums im Gehirn. In den meisten Fällen ist ein Schlaganfall die Ursache. Die Sprach- und Verständnisprobleme der Betroffenen (Aphasiker) erschweren die Kommunikation mit anderen Menschen. Häufig ist auch die Lese- und Schreibfähigkeit eingeschränkt oder in schweren Fällen nicht mehr vorhanden.
Die Sprachstörung wird in den meisten Fällen durch einen Schlaganfall verursacht, meist durch eine Durchblutungsstörung, seltener durch eine Hirnblutung. Auch entzündliche Erkrankungen des Gehirns (z. B. Enzephalitis), ein Schädel-Hirn-Trauma oder Vergiftungen können die Ursache sein. Tritt die Sprachstörung als Folge einer Störung auf, die nicht zu einer fortschreitenden Schädigung führt, verändert sie sich nicht und kann sich unter Therapie wieder bessern.
Die Schädigung eines Sprachzentrums im Gehirn betrifft sowohl das Sprachverständnis (rezeptive Fähigkeiten) als auch die Sprachproduktion (expressive Fähigkeiten) in individuell unterschiedlichem Ausmaß. Das Sprechen und Verstehen von Lautsprache sowie das Lesen und Verstehen von Schriftsprache können beeinträchtigt oder sogar unmöglich sein. Grund dafür ist die erschwerte Fähigkeit, Sprache zu bilden und zu entschlüsseln. In der Regel sind die intellektuellen Fähigkeiten nicht betroffen.
Aphasie kann sich auf unterschiedliche Weise äußern und in verschiedenen Variationen auftreten. Bei der Einordnung spielen daher die individuellen Beeinträchtigungen eine besondere Rolle. Für viele Formen der Sprachstörung ist es typisch, dass Objekte umschrieben werden, weil sie nicht mehr direkt benannt werden können (Anomie). Die Betroffenen verstehen Wörter nicht und die Wahrnehmung und Verarbeitung von Sprachlauten (auditiv), Tastsinn (taktil) und Sehsinn (visuell) sind beeinträchtigt. Ursache ist eine Störung der sprachdominanten Hirnhälfte (Wernicke-Areal). Typisch ist eine flüssige Sprache, in der häufig einzelne Buchstaben verändert werden (Phoneme), z. B. „P“ statt „B“ in „Bein“. Die Betroffenen kennen die Bedeutung und den Zusammenhang der Wörter nicht und sind sich nicht bewusst, dass ihre Sprache für andere unverständlich ist. Das Hör- und Schreibverständnis ist beeinträchtigt und es kommt zu Lesefehlern. Das Schreiben ist flüssig, aber fehlerhaft, und inhaltliche Wörter werden weggelassen (fließende Agraphie). Die Fähigkeit, Wörter zu bilden, ist beeinträchtigt, Wortverständnis und begriffliches Denken sind jedoch weitgehend unbeeinträchtigt. Ursache ist eine Störung des linken vorderen (frontalen) oder oberen vorderen (frontoparietalen) Hirnbereichs einschließlich des Broca-Areals. Typisch ist ein gutes Verständnis von Begriffen und Begriffsbildung, wobei es Schwierigkeiten bereitet, Worte zu äußern. Die Sprachproduktion und die Schreibfähigkeit sind beeinträchtigt (nichtflüssige Agraphie, Dysgraphie), was für Betroffene oft sehr frustrierend ist. Dennoch ist der mündliche und schriftliche Austausch für sie von Bedeutung.
Diagnose von Aphasie
Die Diagnose stellen erfahrene Experten der Neurologie und Logopädie nach einem ausführlichen Gespräch mit Ihnen und gegebenenfalls Ihren Angehörigen über Ihre Beschwerden und Ihre Krankengeschichte (Anamnese) sowie nach umfangreichen neurologischen Untersuchungen. Wichtig ist die Abgrenzung zu anderen Sprachentwicklungs- und Sprachfunktionsstörungen, die als Folge von Schwerhörigkeit, Fehlsichtigkeit oder Artikulationsstörungen in Form eingeschränkter motorischer Fähigkeiten beim Schreiben (Dysarthrie) auftreten können.
Eine bildgebende Untersuchung des Gehirns hilft, der Ursache für Ihre Sprachstörung auf den Grund zu gehen und das Ausmaß der Schädigung zu bestimmen. Eine Computertomografie und eine Magnetresonanztomografie mit oder ohne Darstellung der Arterien mithilfe von Kontrastmitteln (Angiografie) geben Aufschluss über die Art der Schädigung. Es kann sich um einen Infarkt, innere Blutungen (Hämorrhagie), eine sich entwickelnde Demenz oder um Tumore (Raumforderungen) handeln, deren Ausdehnung wir sichtbar machen können.
Mithilfe spezieller Tests (wie dem Aachener Aphasie-Test, AAT) können wir Ihre Sprache analysieren und die Sprachstörung beurteilen. Dabei werden verschiedene Aspekte der Sprache untersucht:
- Spontansprache: wird u. a. gemessen an der Flüssigkeit der gesprochenen Wörter und ihrer Anzahl, an Ausdrucksmerkmalen (Prosodie), Wortfindungspausen, spontanen Fehlern, Zögern.
- Benennung: wird gemessen an der Fähigkeit, Objekte direkt und ohne Umschreibungen zu benennen.
- Wiederholung: wird gemessen an der Fähigkeit, komplexe Sätze nachzusprechen.
- Verstehen: wird gemessen an der Fähigkeit, einfachen oder mehrstufigen Anweisungen zu folgen, auf einfache und komplexe Ja- oder Nein-Fragen zu antworten und auf vom Arzt genannte Objekte zu zeigen.
- Lesen und Schreiben: wird gemessen anhand des Leseverständnisses, der Rechtschreibung, des Schreibens nach Diktat, des spontanen Schreibens und des Vorlesens.
Die Rolle der MRT bei Hirntumoren
Im Verlauf der Erkrankung beantworten bildgebende Untersuchungen verschiedene Fragen. Wenn der Hirntumor entdeckt wird, soll insbesondere die MRT zum einen bereits eine vorläufige Einschätzung ermöglichen, was für eine Erkrankung vorliegt. Zum anderen liefern die hochauflösenden MRT-Aufnahmen der Neurochirurgie wichtige Informationen für die Planung der in der Regel erforderlichen Operation.
Mithilfe spezieller Sequenzen ist es heutzutage etwa möglich, den Verlauf der Faserbahnen, die wichtige Areale im Gehirn (z. B. das Sprachzentrum) verbinden, präzise darzustellen und so während der Operation zu schonen. Der Erfolg der Operation wird ebenfalls bildgebend kontrolliert. Einige Zentren setzen hierzu intraoperative Bildgebung ein (d. h. während der Patient noch in Narkose ist), während andere Zentren kurz nach der Operation (in der Regel innerhalb von einem bis zwei Tagen) eine MRT-Untersuchung machen. Hier wird zum einen kontrolliert, ob der sichtbare Teil des Tumors vollständig entfernt werden konnte, zum anderen sollen mögliche Folgen der Operation kontrolliert werden.
Während der in der Regel folgenden (meist kombinierten) Strahlen- und/oder Chemotherapie, aber auch im Rahmen der anschließenden weiteren Therapie erfolgen regelmäßige bildgebende Kontrollen, um das Ansprechen des Tumors auf die Behandlung zu kontrollieren, mögliche Nebenwirkungen zu erfassen und ein Wiederkehren des Tumors frühzeitig zu bemerken. Auch hierbei ist die MRT in der Regel das Verfahren der Wahl, allerdings kann es unter bestimmten Umständen sein, dass auch die CT (z. B. bei bestimmten Fragestellungen) eingesetzt wird.
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