Links ist rechte Gehirnhälfte: Eine umfassende Betrachtung der Hirnasymmetrie

Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes Organ, das trotz seiner äußerlichen Symmetrie eine bemerkenswerte Asymmetrie in Bezug auf seine Funktionen aufweist. Die Vorstellung, dass die linke Gehirnhälfte für logisches Denken und die rechte für Kreativität zuständig ist, ist weit verbreitet, aber die Realität ist komplexer. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Lateralisierung von Hirnfunktionen, die Unterschiede zwischen den Gehirnhälften und die Auswirkungen dieser Asymmetrie auf unser Verhalten und Erleben.

Einführung in die Hirnasymmetrie

Das Gehirn ist in zwei Hälften unterteilt, die als Hemisphären der Großhirnrinde bezeichnet werden. Obwohl beide Hälften miteinander verbunden sind und zusammenarbeiten, sind sie auf unterschiedliche Funktionen spezialisiert. Diese Spezialisierung, auch Lateralisierung genannt, bedeutet, dass bestimmte Aufgaben oder Prozesse eher in der einen als in der anderen Hemisphäre stattfinden.

Die Funktionen der beiden Gehirnhälften

Vereinfacht ausgedrückt, wird die rechte Seite des Gehirns eher für emotionale, intuitive und kreative Prozesse verwendet. Darunter fallen Prozesse wie:

  • Erkennen von Mustern und Gesichtern
  • Räumliches Denken
  • Bild-, Farb-, Symbolsprache
  • Wahrnehmen komplexer Informationen

Die linke Seite hingegen kümmert sich überwiegend um logische, rationale und analytische Aufgaben. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Schrittweises Verarbeiten von Informationen
  • Abstraktes Denken
  • Geschriebene und gesprochene Sprache
  • Konzentriertes Wahrnehmen

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Aufteilung nicht absolut ist. In der Realität arbeiten beide Hemisphären zusammen, und viele Aufgaben erfordern die Beteiligung beider Seiten des Gehirns.

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Die Verbindung zwischen Gehirn und Körper

Bei Menschen und vielen anderen Tieren sind die Hirn- und Körperhälften über Kreuz verknüpft: Die linke Gehirnhälfte steuert viele Funktionen der rechten Körperseite und umgekehrt. Dadurch zeigen sich bei Menschen mit einer Schädigung der linken Gehirnhälfte etwa durch einen Schlaganfall die Auswirkungen vor allem im rechten Körperbereich. Sie können beispielsweise ihren rechten Arm nicht mehr bewegen.

Die historisch älteste Erklärung stammt von dem spanischen Mediziner Santiago Ramón y Cajal. Sie bezieht sich auf die Kreuzung der Sehnervenfasern. Sein Argument: Wenn die Sehnervenfasern sich nicht kreuzen würden, könnte die Außenwelt im Gehirn nicht korrekt wie in einem „Kopfkino“ repräsentiert werden.

Die heute eher herangezogene wissenschaftliche Erklärung führt uns in eine Zeit lange vor der unseren zurück. In dieser Zeit lebten Wirbeltiere im Wasser, besaßen einen wurmförmigen Körper und ihr Gehirn bestand aus nicht viel mehr als aus einem Rückgrat und dem Hirnstamm. Wenn ein Feind auf das Tier zugeschwommen kam, bedeutete das für unser Tier, dass ein Schatten größer wurde. Um sich von seinem Feind abzuwenden, musste es auf der gegenüberliegenden Seite der stimulierten „Augen“ den Körper verkürzen. Wenn also der visuelle Reiz von der rechten Seite kam, musste es so schnell wie möglich auf der linken Gegenseite die Muskeln zusammenziehen, um die Fluchtbewegung einzuleiten. Zu diesem Zweck musste es eine Sehnervenkreuzung geben. In diesem Fall von dem rechten rudimentären Auge zu Muskelgruppen der linken Seite.

Der Mythos von der dominanten Gehirnhälfte

In der Trainingsbranche existiert der Mythos, das menschliche Gehirn teile sich in eine analytisch-logische linke Gehirnhälfte und eine emotional-kreative rechte Gehirnhälfte auf. Dieses Modell wird gern genutzt, um menschliches Verhalten zu erklären. So sei es eben zu erklären, dass einige Personen eher analytisch, andere eher kreativ denken und handeln.

Neurowissenschaftlich betrachtet, ist das in der Tat Unsinn und wurde schon öfters von Experten klargestellt. Die generelle Behauptung, die linke Gehirnhälfte sei eher für kognitive Aspekte und die rechte für emotionale ist aber eine fälschliche Verallgemeinerung von solchen Einzelbefunden. Unsere hohen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten sind viel zu komplex als das Sie in einem so simplen Modell abbildbar wären.

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Der aktuelle Stand der Forschung sieht so aus: Wir haben das Gehirn in seiner detaillierten Funktionalität bei weitem noch nicht verstanden. Wir können wenige unumstößlich-simple Aussagen über die komplexe Neurophysiologie machen. Das Gehirn nutzt bei unterschiedlichen Aufgabentypen die eine oder andere Hirnregion mehr oder weniger. Im Großen und Ganzen ist das Gehirn aber als interagierendes System zu verstehen.

Pseudoneglekt: Eine Tendenz zur linken Seite

Menschen richten ihre Aufmerksamkeit tendenziell auf die linke Hälfte ihres Gesichtsfelds. Sollen gesunde Menschen auf einem Blatt mit sehr vielen in Reihen platzierten Buchstaben nur bestimmte - etwa E oder R - anstreichen, bemerken sie häufiger die Zielbuchstaben auf der linken Seite und übersehen diejenigen auf der rechten Seite: Die Aufmerksamkeit richtet sich also eher nach links - ein als Pseudoneglekt bekanntes Phänomen.

Um den Effekt zu ergründen, ließen Biopsychologen um Bettina Diekmap von der Ruhr-Universität Bochum Tauben und Hühner gleichmäßig vor ihnen verteilte Körner picken. Die Tiere waren bei dem Versuch in der Mitte der Auswahlfläche fixiert. Beide Vogelarten entschieden sich häufiger für Körner zu ihrer Linken und ignorierten die zu ihrer Rechten - sie zeigen also genau wie Menschen den Pseudoneglekt. Dieser Fund zeigt, dass eine Funktion des Corpus Callosum nicht als Ursache für den Effekt ausreicht - die Vögel verfügen gar nicht über diese Struktur.

Die Forscher vermuten aber, dass ein asymmetrisch spezialisiertes Gehirn effizienter arbeitet. So gebe es bei Vögeln einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß ihrer Hirnasymmetrien und der Fähigkeit, zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, beispielsweise Futter zu finden und wachsam auf Fressfeinde zu achten. Die Anforderung zur parallelen Verarbeitung verschiedener Aufgaben könnte somit der Startschuss für die evolutionäre Entstehung der Funktionsasymmetrien des Gehirns gewesen sein.

Individuelle Unterschiede in der Hirnasymmetrie

Obwohl das Gehirn in zwei Hälften geteilt ist, ist es nicht genau spiegelbildlich. Manche Funktionen werden eher auf der linken Seite verarbeitet, andere eher auf der rechten - und das bei jedem Menschen ein bisschen anders.

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Die beiden Hemisphären sind auf unterschiedliche Funktionen spezialisiert. So wird beispielsweise die Aufmerksamkeit bei den meisten Menschen überwiegend in der rechten Hemisphäre verarbeitet, die Sprache überwiegend in der linken. Der Grund: Die Arbeit kann besser auf beide Hälften verteilt werden - und das Aufgabenspektrum damit insgesamt erweitert.

Doch diese so genannte Lateralisation, also die Tendenz, dass Hirnregionen Funktionen eher in der linken oder rechten Hirnhälfte verarbeiten, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt - und zwar nicht nur bei den wenigen, bei denen das Gehirn spiegelverkehrt zu dem der Mehrheit spezialisiert ist. Selbst bei diejenigen, bei denen die Funktionen im Gehirn prinzipiell klassisch angeordnet sind, ist die Asymmetrie unterschiedlich stark ausgeprägt.

Genetische und umweltbedingte Einflüsse

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften und des Forschungszentrums Jülich haben nun untersucht, wie sich Asymmetrien entlang von sogenannten funktionellen Gradienten entwickeln, d. h. entlang von Achsen in der Großhirnrinde an der sich die Hirnfunktionen anordnen. Das Ergebnis: Es gibt tatsächlich feine Unterschiede darin, wie Hirnregionen unterschiedlicher Funktionen auf der linken und rechten Seite des Gehirns aufreihen. Auf der linken Seite sind es die Regionen zur Sprachverarbeitung, die sich am weitesten entfernt von denen für Sehen und Wahrnehmung liegen. Auf der rechten Seite befindet sich hingegen das Netzwerk für Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis am weitesten entfernt von den sensorischen Regionen. Zudem zeigte sich: Die individuellen Unterschiede in dieser Anordnung sind vererbbar. Sie sind damit zum Teil genetisch bedingt.

Ein Großteil dieser Asymmetrie im menschlichen Gehirn lässt sich hingegen nicht durch genetische Faktoren erklärt werden. Das könnte wiederum darauf hindeuten, dass der durch die persönliche Erfahrung einer Person, also durch Einflüsse aus ihrer Umwelt, geprägt ist.

Linkshändigkeit: Eine besondere Form der Lateralisierung

Rund zehn Prozent der Menschen bevorzugen die linke Hand. Manche Studien ermittelten in Europa einen Linkshänderanteil von bis zu 15 Prozent. Etwa weitere neun Prozent der Menschen gern beide Hände benutzen. Sie kommen je nach Tätigkeit mal mit rechts, mal mit links besser klar. Dabei gilt in der Regel: Je komplizierter die Tätigkeit, desto deutlicher kommt die bevorzugte Seite zum Vorschein.

Entscheidend, welche Hand im Leben bevorzugt wird, sind verschiedene Faktoren. Die Gene machen laut Zwillingsstudien etwa einen Anteil von 25 Prozent aus. Ist etwa die Oma Linkshänderin und hantiert auch der Papa viel mit links, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Nachwuchs mit links greift, malt, schreibt.

Vier verantwortliche Genvarianten - von denen es vermutlich aber noch wesentlich mehr gibt - entdeckten britische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 2019. Sie betreffen die Leitungsbahnen zwischen den Sprachzentren. Weitere Hinweise gibt es für frühe Umweltfaktoren.

Je nach Händigkeit ist das Gehirn etwas anders organisiert: Bei bevorzugter linker Seite verarbeitet es Sinneseindrücke mit der gegenüberliegenden Gehirnhälfte. Deshalb ist dann der rechte Teil führender, der vor allem auf Intuition, Kreativität und Wahrnehmung spezialisiert ist.

Bei Rechtshänderinnen und Rechtshändern ist es die linke Hemisphäre, die das logische Denken, die Detailwahrnehmung und die Sprachzentren beherbergt. Geht es um Dinge wie Phantasie, Kreativität und das Bauchgefühl, handeln linksdominante Menschen deshalb manchmal anders: ganzheitlicher, empathischer, bildhafter.

Die Gefahren der Umschulung von Linkshändern

Seit Jahrtausenden ist der Mensch davon überzeugt: Das Rechte ist gut, das Linke falsch. Das liegt unter anderem am „rechten Glauben“ der Bibel: Alles, was mit Links zu tun hat, gilt dort als böse. So wurden bis in die 1980er Jahre Kinder gezwungen, mit rechts zu schreiben, obwohl sie es lieber mit links getan hätten.

Der dominante Teil des Gehirns bleibt dominant, wird aber durch die Umorientierung eingeschränkt. Das ist ein massiver Eingriff ins Gehirn - weshalb Umschulungen in Deutschland heute sogar als Körperverletzung gelten: Die andere Hemisphäre muss dadurch mehr Aufgaben übernehmen und ist deshalb schnell überlastet. Gravierende Folgen einer Umschulung von Linkshändern auf rechts können sein:

  • Sprach-, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen
  • Schreib- und Leseprobleme
  • Schulabbruch
  • Beeinträchtigung der Feinmotorik
  • Minderwertigkeitsgefühle
  • Unsicherheit
  • Stress

Konzentration und die Zusammenarbeit der Gehirnhälften

Damit wir uns gedanklich ausschließlich einer einzigen Sache widmen können, arbeiten gleich mehrere Gebiete im Gehirn zusammen. Dank der selektiven Arbeit der Aufmerksamkeit konzentrieren wir uns auf eine einzige Sache und schieben dabei die unwichtigen Sinneseindrücke zur Seite. Die Zusammenarbeit von Aufmerksamkeit und Konzentration ist ein komplexer kognitiver Prozess. So komplex, dass sich verschiedene Bereiche des Gehirns darum kümmern. Mit im Team ist noch der Botenstoff Dopamin. Dieser wird im tiefen Inneren des Gehirns produziert. Er unterstützt uns, unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Tätigkeiten zu richten und andere Sinneseindrücke auszublenden.

Positives Denken und die Aktivierung des Belohnungszentrums

Verknüpfen wir unsere Gedanken mit positiven Emotionen, aktivieren wir im Gehirn unser Belohnungszentrum. Dieses gehört zum limbischen System. Unser Körper schüttet entsprechende Botenstoffe (zum Beispiel Dopamin) aus und wir fühlen uns wohl. Denken wir negativ, sprechen wir den sogenannten Mandelkern im Gehirn an. Das ist der Teil, der für Angst und Alarmempfinden zuständig ist. Denken wir oft negativ, erscheinen uns Situationen in Zukunft eher beängstigend: Wir sehen die Welt grauer als sie ist.

Programmieren Sie Ihr Gehirn auf Positives: Sie können die neuronale Struktur Ihres Gehirns durch Gedanken teilweise verändern. Sodass es Ihnen gelingt, die schönen Seiten des Lebens stärker in Ihren Fokus zu rücken.

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