Epileptische Anfälle im Zusammenhang mit HIV: Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten

Unser Gehirn ist die Steuerzentrale unseres Körpers, ein komplexes Netzwerk aus Nervenzellen, die miteinander kommunizieren und nahezu alle Körperfunktionen steuern, vom Sprechen und Sehen bis hin zu Bewegungen. Wenn diese Kommunikation gestört wird, können epileptische Anfälle auftreten, die durch eine übermäßige Aktivität in beiden Gehirnhälften oder in einzelnen Hirnbereichen gekennzeichnet sind.

Was sind epileptische Anfälle?

Epileptische Anfälle entstehen durch unkontrollierte Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Diese Entladungen können verschiedene Ursachen haben und sich in unterschiedlicher Weise äußern, je nachdem, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist.

Generalisierte Anfälle

Wenn der Anfall beide Gehirnhälften erfasst, spricht man von einem generalisierten Anfall. Diese Anfälle gehen oft mit Bewusstlosigkeit und Krämpfen im ganzen Körper einher. Man unterscheidet hier in erster Linie Anfälle mit motorischen oder nicht motorischen Anzeichen.

Fokale Anfälle

Wenn der Anfall nur in einer begrenzten Region des Gehirns abläuft, spricht man von einem fokalen Anfall. Auch bei fokalen Anfällen unterscheiden sich die Erscheinungsformen, je nachdem, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist.

Ursachen von Epilepsie

Es gibt viele verschiedene Ursachen für epileptische Anfälle. Jeder Mensch kann in bestimmten Situationen einen epileptischen Anfall bekommen, manche neigen eher dazu, manche weniger. Erst wenn sich die Anfälle auch ohne äußeren Anlass wiederholen, spricht man von einer Epilepsie.

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Genetische Veranlagung

In manchen Familien tritt Epilepsie über mehrere Generationen hinweg auf. Das kann ein Hinweis auf eine genetische Veranlagung für die Erkrankung sein. Wichtig ist in dem Zusammenhang, dass es sich typischerweise nicht um eine Erbkrankheit handelt, es entstehen eher zufällige Mutationen. Auch wenn Epilepsien in Familien manchmal gehäuft auftreten, so spiegelt dies eher eine allgemeine Veranlagung wie z. B. auch bei Allergien wider. „Echte“, direkt vererbte familiäre Epilepsie-Formen sind selten. Wenn ansonsten keine Ursache zu finden ist, so gilt als Faustregel, dass die Wahrscheinlichkeit, eine genetische Veränderung zu finden umso höher ist, je eher die Anfälle aufgetreten sind (vor allem in den ersten zwei Lebensjahren) und umso schwieriger die Anfälle zu behandeln sind.

Infektiöse Ursachen

Bei diesen Formen werden die Anfälle durch Entzündungsprozesse im Gehirn verursacht. Von einer infektiösen Ursache spricht man, wenn die Epilepsie die direkte Folge einer bekannten Infektion ist.

Andere Ursachen

Epilepsie kann auch als Folge einer Gehirnschädigung auftreten, wie z. B. nach einem Schädelhirntrauma, einem Schlaganfall oder durch Tumoren. Auch Stoffwechselstörungen oder Drogengebrauch können epileptische Anfälle auslösen.

Epilepsie und HIV

Im Rahmen einer HIV-Infektion kann es nicht selten zu neurologischen Problemen kommen. Diese können entweder durch das HI-Virus selbst verursacht sein, oder durch eine opportunistische Infektion oder Tumorerkrankung des Gehirns bei fortgeschrittener Immunschwäche, oder als Nebenwirkung von Medikamenten auftreten.

Neurologische Komplikationen der HIV-Infektion

In Deutschland sind ca. 60.000 Menschen mit HIV (Humanes Immundefizienz-Virus) infiziert, davon knapp 10.000 in Berlin und Brandenburg. Im Rahmen der HIV-Infektion kommt es nicht selten zu neurologischen Problemen. Diese können entweder durch das HI-Virus selbst verursacht sein, oder durch eine opportunistische Infektion oder Tumorerkrankung des Gehirns bei fortgeschrittener Immunschwäche, oder als Nebenwirkung von Medikamenten auftreten.

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HIV-assoziierte neurokognitive Störung

Erkrankung des Gehirns, durch HIV selbst verursacht. (Man spricht auch von HIV-Enzephalopathie). Es kommt allmählich zu vermehrter Vergesslichkeit und nachlassendem Konzentrationsvermögen. Die Störung ist bei fortgeschrittener HIV-Infektion häufig, ein Übergang in eine Demenz ist aber selten. Die Diagnose erfolgt durch eine neurologische und neuropsychologische Untersuchung. Manchmal kann eine Depression ähnliche Beschwerden hervorrufen. Zum Ausschluss anderer Erkrankungen muss ein Magnetresonanztomogramm durchgeführt werden. Ferner muss die Viruslast im Nervenwasser untersucht werden, diese sollte unter der Nachweisgrenze sein.

HIV-assoziierte Polyneuropathie

Erkrankung der peripheren Nerven, meist durch HIV selbst verursacht, manchmal aber auch durch bestimmte Medikamente. Es kommt allmählich zu Taubheitsgefühl und schmerzhaften Missempfindungen in den Füßen, manchmal aufsteigend, seltener auch in den Händen. Die Diagnose erfolgt durch eine neurologische Untersuchung sowie ein Elektromyogramm mit Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit. Gegebenenfalls muss man versuchen, auf nervenschädigende Medikamente zu verzichten.

Zerebrale Toxoplasmose

Opportunistische Infektion des Gehirns durch den latent bereits im Körper vorhandenen Einzeller Toxoplasma gondii, meist bei CD4-Helferzellzahl < 100/µl. Innerhalb von Tagen kommt es zu Kopfschmerzen, Fieber, Lähmungen, Wesensänderung, epileptischen Anfällen u.a. Die Diagnose erfolgt durch den Nachweis typischer abszessähnlicher Herde mittels Computertomogramm oder Magnetresonanztomogramm sowie das gute Ansprechen auf eine probatorische medikamentöse Behandlung.

Kryptokokken-Meningitis

Opportunistische Infektion des Gehirns durch einen mit der Atemluft aufgenommenen Pilz (Cryptococcus neoformans), meist bei CD4-Helferzellzahl < 100/µl. Innerhalb von Stunden bis Tagen kommt es zu Kopfschmerzen, Wesensänderung, abnormer Müdigkeit, Eintrübung. Die Diagnose erfolgt durch den Nachweis des Erregers im Nervenwasser.

Progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML)

Opportunistische Infektion des Gehirns mit einem latent bereits im Körper vorhandenen Virus (JC-Virus), meist bei CD4-Helferzellzahl < 200/µl. Innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen kommt es zu Gesichtsfelddefekten, Gleichgewichtsstörungen, Wesensänderung, Sprachstörungen, Lähmungen u.a. Die Diagnose erfolgt durch einen charakterischen Befund im Magnetresonanztomogramm (MRT) und den Virusnachweis im Nervenwasser.

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Primäres Lymphom des Zentralnervensystems

Bösartiger Gehirntumor, der meist nur bei erheblicher Immunschwäche (CD4-Helferzellzahl < 100/µl) auftritt. Innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen kommt es zu Wesensänderung, Denkstörungen, Lähmungserscheinungen u.a. Die Diagnose erfolgt durch Bildgebung (Magnetresonanztomogramm), Untersuchung des Nervenwassers und Entnahme einer Gewebeprobe aus der betroffenen Stelle im Gehirn. Behandlung durch Bestrahlung oder Chemotherapie.

Diagnose von Epilepsie

Ganz entscheidend für die Klärung, ob eine Epilepsie vorliegt und was die Ursache sein könnte, ist zunächst das Gespräch mit einem erfahrenen Arzt. Zusammen mit dem Arzt wird dann entschieden, ob zunächst ein EEG (= Elektroenzephalogramm, übersetzt »Elektrisches Hirnstrombild«) durchgeführt wird. Bei dieser Untersuchung werden Hirnströme gemessen. Mit dem Arzt wird dann überlegt, ob eine weitere Untersuchung durch eine Blutentnahme oder ein MRT (Magnetresonanztomografie) erfolgen soll.

EEG (Elektroenzephalogramm)

Bei dieser Untersuchung werden Hirnströme gemessen. Diese Untersuchung kann helfen, die Diagnose Epilepsie zu bestätigen und den Anfallstyp zu bestimmen.

MRT (Magnetresonanztomografie)

Diese Untersuchung kann helfen, strukturelle Ursachen für die Epilepsie zu finden, wie z. B. Tumore oder Hirnschädigungen.

Genetische Untersuchung

Wenn bei Epilepsien ein Nachweis einer genetischen Ursache gelingt, so kann man teilweise mehr über den Verlauf der Erkrankung vorhersagen. Bei einigen Veränderungen handelt es sich eher um günstige Verläufe. Bei anderen Mutationen weiß man, dass die Verläufe schwerer sind. Sinnvoll kann die Ursache nach einer genetischen Ursache sein, wenn viele Anfälle auftreten, die auch mit Medikamenten nur schlecht zu behandeln sind - und wenn keine andere Ursache bekannt ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Dravet-Syndrom: Bei den Kindern treten mit Beginn im ersten oder zweiten Lebensjahr viele Anfälle auf, teilweise zunächst auch als fieberassoziierte Anfälle. Bei etwa 80 % dieser Kinder findet sich eine Veränderung in einem Gen, welches SCN1A-Gen heißt. Bestimmte Medikamente, sogenannte Natriumkanalblocker, können die Anfälle tendenziell verschlechtern.

Behandlung von Epilepsie

Epilepsie ist in vielen Fällen behandelbar, aber selbstverständlich sind Medikation und Therapieform von Ursache und Verlauf abhängig.

Medikamentöse Therapie

In der Regel werden Medikamente in der Therapie eingesetzt. Die so genannten Antikonvulsiva sollen Krampfanfällen vorbeugen. Doch erreichen sie dieses Ziel nicht immer - dank der Blut-Hirn-Schranke. Diese physiologische Barriere verhindert den Eintritt von Fremdstoffen in das Gehirn.

Ursachenfindung

Viele Familien fühlen sich sehr erleichtert, wenn eine Ursache gefunden wurde. Dies führt oftmals zu einer erheblichen Entlastung von Schuldgefühlen. Eine Zuordnung ermöglicht einen gezielteren Austausch mit anderen Familien mit gleichem Krankheitsbild. Auch das kann sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken, für alle Betroffenen.

Therapieresistenz

Epileptische Anfälle werden durch unkontrollierte Entladungen bestimmter Nervenzellen im Gehirn ausgelöst. Krampfunterdrückende Medikamente können dem vorbeugen - wenn die Patienten auf die Behandlung ansprechen. "Bis zu 40 Prozent der Epilepsiepatienten sind aber therapieresistent", berichtet Professor Heidrun Potschka von der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Unter ihrer Leitung konnte ein internationales Forscherteam nun eine mögliche Ursache dieser Resistenz auf molekularer Ebene aufklären. Wie in der aktuellen Ausgabe Fachzeitschrift Molecular Pharmacology berichtet, setzen epileptische Anfälle einen Botenstoff frei, der letztlich die Produktion des Moleküls P-Glycoprotein initiiert. "Dieser bereits bekannte Arzneimitteltransporter verhindert wohl die Aufnahme der Medikamente in das Gehirn und damit auch deren Wirkung", sagt Potschka. "Unsere Ergebnisse könnten helfen, eine präventive Strategie für Epilepsiepatienten zu entwickeln, um die Therapie effektiver zu machen. Möglicherweise profitieren davon auch Patienten mit Schlaganfall, Infektionen wie HIV und anderen Erkrankungen des Zentralnervensystems.

Leben mit HIV

Ein Leben mit HIV ist heute sehr gut möglich. Dafür ist es wichtig, die Symptome einer HIV-Infektion frühzeitig zu erkennen. Mit HIV können die meisten Menschen dank Behandlung gut und lange leben.

HIV-Therapie

Die HIV-Therapie wird auch antiretrovirale Therapie (ART) genannt. Sie unterdrückt die Vermehrung der HI-Viren im Körper. Um das zu erreichen, werden bei der Behandlung mehrere Wirkstoffe miteinander kombiniert, die an unterschiedlichen Stellen ansetzen. Dank der HIV-Therapien kommt AIDS in Ländern mit guter medizinischer Versorgung immer seltener vor. Wenn es dennoch ausbricht, dann meist, weil die HIV-Infektion zu spät entdeckt wurde. Aber auch in diesem Fall kann eine HIV-Therapie den Krankheitsverlauf noch stoppen.

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