Bakterielle Meningitis bei Säuglingen: Ursachen, Symptome und Prävention

Die bakterielle Meningitis, oft auch als Meningoenzephalitis bezeichnet, ist eine schwerwiegende Entzündung der Hirnhäute (Meningen) und des Gehirns, die durch Bakterien verursacht wird. Sie kann sich rasch entwickeln und lebensbedrohlich sein, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um schwerwiegende Komplikationen und langfristige neurologische Schäden zu verhindern.

Definition und Synonyme

Die bakterielle Meningitis ist definiert als eine akute, eitrige Entzündung der Hirnhäute und gegebenenfalls des Hirngewebes. Da meist auch das Gehirn betroffen ist, wird sie korrekterweise als Meningoenzephalitis bezeichnet, was eine kombinierte Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute bedeutet. Synonyme für bakterielle Meningitis sind Meningitis, bakteriell, und eitrige Hirnhautentzündung.

Epidemiologie und Häufigkeit

Die Häufigkeit von Hirnhautentzündungen in Deutschland liegt bei etwa 30 Fällen pro 100.000 Einwohnern und Jahr (Inzidenz). Etwa 70 Prozent aller Hirnhautentzündungen treten bei Kindern unter fünf Jahren auf. Die virale Form der Hirnhautentzündung ist dabei bis zu dreimal so häufig wie die bakterielle Meningitis (bis zu 10 Fälle pro 100.000 Einwohner pro Jahr).

Die Inzidenz der bakteriellen Meningitis ist in den letzten Jahrzehnten dank Impfungen und verbesserter Hygienemaßnahmen gesunken. In Ländern mit hohem Einkommen liegt die Inzidenz bei etwa 0,9 pro 100.000 Einwohnern pro Jahr, während sie in anderen Ländern deutlich höher sein kann (10-80 pro 100.000 pro Jahr). In Deutschland wurden im Jahr 2020 138 Fälle invasiver Meningokokken-Infektionen gemeldet, was einer Inzidenz von < 0,4/100.000 entspricht. Die Häufigkeit der Meningitis durch Listerien lag im selben Jahr bei 48 Fällen mit Meningitis/Enzephalitis.

Ursachen und Risikofaktoren

Bakterielle Meningitis wird durch verschiedene Bakterien verursacht, die auf unterschiedlichen Wegen in die Hirnhäute gelangen können:

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  • Hämatogen: Über das Blut, häufig bei Pneumokokken-Pneumonien.
  • Direkt: Durch Entzündungen in unmittelbarer Umgebung, z. B. Sinusitis, Otitis, Mastoiditis, oder seltener bei Liquorfisteln nach Schädel-Hirn-Trauma oder neurochirurgischen Eingriffen.
  • Tröpfcheninfektion: Über die Atemwege durch direkten Kontakt mit respiratorischen Sekreten eines infizierten oder asymptomatischen Trägers.

Die häufigsten Erreger sind:

  • Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken): Häufigster Erreger weltweit.
  • Neisseria meningitidis (Meningokokken): Es gibt verschiedene Serotypen, von denen hauptsächlich A, B, C, W, X und Y pathogen sind.
  • Haemophilus influenzae Typ b (Hib): Dank der Impfung ist dieser Erreger seltener geworden.
  • Listeria monocytogenes: Besonders relevant für Risikogruppen (Immunsupprimierte, Schwangere, Neugeborene, Personen > 50 Jahre).
  • Streptococcus agalactiae: Haupterreger der Neugeborenenmeningitis.
  • Enterobacteriaceae: Vor allem bei Neugeborenen relevant.

Das Erregerspektrum variiert je nach Altersgruppe:

  • Neugeborene und Säuglinge < 6 Wochen: Beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe B, Enterobacteriaceae, Listeria monocytogenes.
  • Säuglinge > 6 Wochen und Kinder: Neisseria meningitidis (Meningokokken), Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken), Haemophilus influenzae (bei nicht geimpften Kindern).
  • Erwachsene: Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken), Neisseria meningitidis (Meningokokken), Listeria monocytogenes.

Weitere prädisponierende Faktoren sind:

  • Vorerkrankungen
  • Operationen im Schädel-/HNO-/Kieferbereich
  • Immunsuppression bzw. Immundefekt
  • Diabetes mellitus
  • Dentale Infektionen
  • Endokarditis
  • Sinusitis, Otitis media, Parotitis
  • Offenes Schädel-Hirn-Trauma
  • Aufenthalt in Institutionen
  • Aufenthalt in Regionen mit endemischem Meningokokken-Vorkommen
  • Kontakt mit einem Indexfall mit bakterieller Meningitis
  • Rauchen
  • Veränderung der Schleimhaut im Respirationstrakt

Symptome

Die Symptome einer bakteriellen Meningitis können je nach Alter und Erreger variieren. Bei Säuglingen und Kleinkindern sind die Symptome oft unspezifisch.

Allgemeine Symptome:

  • Allgemeines Krankheitsgefühl
  • Schwäche, Abgeschlagenheit
  • Frösteln
  • Kopfschmerzen
  • Fieber (je nach Bakterie bis über 40 Grad Celsius)
  • Erhöhte Empfindlichkeit auf äußere Reize (Licht, Geräusche, Berührung)
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Eventuell Bewusstseinsstörung mit Verwirrtheit und Benommenheit, Bewusstseinsverlust bis hin zum Koma
  • Mitunter treten Krampfanfälle auf

Symptome bei Säuglingen:

  • Verweigern das Trinken
  • Sind unruhig und schlapp
  • Wollen nicht gehalten werden
  • Sind schlecht weckbar und schlafen immer wieder ein
  • Eventuell schreien sie schrill
  • Fieber
  • Vorgewölbte Fontanelle

Spezifische Symptome:

  • Starke Kopfschmerzen
  • Ausgeprägte Nackensteifigkeit (Meningismus)
  • Extreme Berührungsempfindlichkeit der Haut

Diagnose

Die Diagnose der bakteriellen Meningitis ist ein medizinischer Notfall und erfordert eine schnelle Diagnostik. Sie basiert auf:

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  • Klinischer Symptomatik: Anamnese und körperliche Untersuchung.
  • Liquordiagnostik: Entnahme und Untersuchung von Nervenwasser (Liquor) mittels Lumbalpunktion.
  • Zerebraler Bildgebung: Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes.
  • Erregernachweis: Aus Liquor oder Blut.

Laborchemische Diagnostik:

  • Procalcitonin im Serum: Hilfreich zur Differenzierung zwischen bakterieller und viraler Meningitis.
  • Liquordiagnostik:
    • Aussehen: Eitrig-trüb
    • Zellzahl: > 1.000/μl
    • Zytologie: Granulozytär
    • Liquor-Serum-Glukose-Index: Stark erniedrigt
    • Laktat: > 3,5 mmol/l
    • Gesamteiweiß: > 100 mg/dL

Mikrobiologische Diagnostik:

  • Gramfärbung
  • Kultureller Erregernachweis
  • Multiplex-PCR (Meningitis-Panel)

Bildgebende Untersuchungen:

  • Kraniale Computertomografie (CCT): Bei Verdacht auf erhöhten intrakraniellen Druck vor der Lumbalpunktion.
  • Kraniale Magnetresonanztomografie (cMRT): Bei unklaren CT-Befunden oder klinischer Verschlechterung unter Antibiotikatherapie.

Therapie

Ein frühzeitiger und schneller Behandlungsbeginn ist entscheidend für die Prognose der bakteriellen Meningitis. Die Therapieziele sind:

  • Letalen Verlauf verhindern
  • Infektion sanieren
  • Komplikationen vermeiden

Allgemeine Maßnahmen:

  • Stabilisierung der Vitalparameter (Flüssigkeitssubstitution bei Hypotonie, Sauerstoffgabe bei Hypoxie)
  • Behandlung auf einer Intensivstation
  • Engmaschige klinische Überwachung

Medikamentöse Therapie:

  • Antibiotikatherapie:
    • Frühzeitiger Therapiebeginn (unmittelbar nach Lumbalpunktion bzw. Blutkulturen)
    • Initiale, empirische Antibiotikatherapie bei Erwachsenen mit ambulant erworbener bakterieller Meningitis: Cephalosporin Gruppe 3a (z. B. Ceftriaxon oder Cefotaxim) + Ampicillin
    • Bei bekanntem Erreger und ggf. vorliegender Resistenzprüfung Anpassung auf eine gezielte antibiotische Therapie
    • Dauer der Antibiotikatherapie abhängig von Erregerart und Therapieansprechen
  • Dexamethason:
    • Adjuvante Therapie mit Kortikosteroiden zur Reduktion von Letalität und Komplikationen bei Pneumokokkenmeningitis und zur Reduktion von Hörschäden bei Meningokokkenmeningitis
    • Beginn unmittelbar vor Gabe des Antibiotikums (oder zeitgleich)

Weitere Therapien:

  • Operative Fokussanierung (z. B. bei Sinusitis, Mastoiditis, Otitis media)

Umgebungsschutz:

  • Isolation bei Verdacht auf Meningokokken-Meningitis bis 24 Stunden nach Beginn einer wirksamen Antibiotikatherapie
  • Prophylaxe bei Kontaktpersonen (Chemoprophylaxe mit Rifampicin, Ciprofloxacin, Ceftriaxon oder Azithromycin, ggf. zusätzlich postexpositionelle Meningokokkenimpfung)

Vorbeugung und Impfung

Einigen Hirnhautentzündungen kann man mit einer Impfung vorbeugen. Impfungen gibt es gegen:

  • Hämophilus influenzae-Typ B Infektion (Hib)
  • FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis)
  • Meningokokken-Meningitis
  • Pneumokokken-Meningitis

Auch Impfungen gegen Infektionserkrankungen wie Masern, Mumps, Röteln und Windpocken helfen, einer Meningitis vorzubeugen. Es ist wichtig, die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert Koch Institutes (RKI) zu beachten. In Deutschland wird eine Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe B für Säuglinge ab einem Alter von 2 Monaten empfohlen. Eine Impfung gegen Serogruppe C wird zu Beginn des 2. Lebensjahrs empfohlen.

Meldepflicht

In Deutschland ist die Erkrankung nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) meldepflichtig. Die Meldung hat bei Labornachweis in Blut/Liquor namentlich zu erfolgen. Krankheitsverdacht, Erkrankung sowie Tod an Meningokokken-Meningitis oder -Sepsis sind meldepflichtig. Unverzügliche, namentliche Meldung durch die feststellenden Ärzt*innen, d. h. ohne zeitliche Verzögerung, jedoch innerhalb von 24 Stunden an das Gesundheitsamt, das für den Aufenthalt der betroffenen Person zuständig ist. Meldepflicht entsprechend Infektionsschutzgesetz (IfSG § 7 Meldepflichtige Nachweise von Krankheitserregern) Meldung durch die Leiter*innen des untersuchenden Laborsnamentliche Meldung bei Krankheitserregern, die auf eine akute Infektion hinweisen Haemophilus influenzae (Meldepflicht nur für den direkten Nachweis aus Liquor oder Blut)Listeria monocytogenes (Meldepflicht nur für den direkten Nachweis aus Blut, Liquor oder anderen normalerweise sterilen Substraten sowie aus Abstrichen von Neugeborenen)Neisseria meningitidis (Meldepflicht nur für den direkten Nachweis aus Liquor, Blut, hämorrhagi…

Differenzialdiagnosen

Bei der Diagnose einer bakteriellen Meningitis müssen andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen werden. Zu den wichtigsten Differenzialdiagnosen gehören:

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  • Grippaler Infekt
  • Influenza
  • Sinusitis
  • Sepsis und septischer Schock
  • Andere erregerbedingte Meningitis/Enzephalitis
  • Meningeosis neoplastica
  • Subarachnoidalblutung (SAB)
  • Zerebrale Sinus- und Venenthrombose
  • Hirnabszess
  • Hydrozephalus bei Kindern
  • Hirntumore
  • Krampfanfälle im Kindesalter

Prognose

Unbehandelt führt die bakterielle Hirnhautentzündung fast immer zum Tod. Selbst bei einer Behandlung mit Antibiotika versterben noch 10 bis 30 Prozent der Patienten an einer bakteriellen Meningitis. Geheilte Patienten leiden oft noch einige Zeit an Allgemeinbeschwerden wie Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit und Schwindel. Selten bleiben eine Taubheit oder Lähmungen als Spätfolgen zurück.

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