Der Einfluss des Klavierspiels auf das Gehirn: Eine umfassende Analyse

Das Spielen eines Instruments, insbesondere des Klaviers, hat weitreichende und nachhaltige Auswirkungen auf das Gehirn. Studien zeigen, dass Musizieren im Alter die kognitiven Fähigkeiten verbessern und das Demenzrisiko verringern kann. Dieser Artikel untersucht die vielfältigen Vorteile des Klavierspiels für das Gehirn, von der Verbesserung der Koordination und des Gedächtnisses bis hin zur Steigerung der Sprach- und mathematischen Fähigkeiten.

Musizieren als Schlüssel zur Hirngesundheit

Eine im Fachmagazin „International Journal of Geriatric Psychiatry“ veröffentlichte Studie der University of Exeter untersuchte die Auswirkungen des Musizierens auf die Gehirne von über 1100 Erwachsenen über 40 Jahren. Die Ergebnisse zeigten, dass das Spielen eines Musikinstruments, insbesondere Klavier oder Keyboard, mit einer Verbesserung des Gedächtnisses und der Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu lösen, verbunden ist. Je länger das Musizieren bis ins hohe Alter fortgesetzt wird, desto größer ist der Nutzen.

Anne Corbett, Studienleiterin und Demenzforscherin an der University of Exeter, betonte die Bedeutung der musikalischen Bildung für die öffentliche Gesundheit: „Die Förderung der musikalischen Bildung könnte ein wertvoller Bestandteil von Initiativen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sein.“ Sie ermutigt ältere Erwachsene, zur Musik zurückzukehren, um ihr Demenzrisiko proaktiv zu verringern und ihr Gehirn gesund zu halten.

Neuroplastizität: Das Gehirn lernt Klavier

Wer Klavier spielen lernt, dessen Gehirn reagiert mit Plastizität. Das zentrale Nervensystem im Gehirn passt sich den Umständen an und kann sich ein Leben lang weiterentwickeln. Durch das bewusste Training bestimmter Gehirnareale beim Spielen eines Instruments oder beim bewussten Musikhören kann diese Neuroplastizität gezielt hervorgerufen werden.

Eine Studie am Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin zeigte, dass ein einjähriger Unterricht in "Musik erleben und verstehen" bei 65-Jährigen den Verlust der Gehirnsubstanz verringerte. Eckart Altenmüller, Professor für Musikphysiologie und Musikermedizin, schlussfolgert aus diesen Studienergebnissen: "Auch noch im Alter kann man mit der Musik gewissermaßen die Degeneration aufhalten und Neuroplastizität erzeugen."

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Die komplexen Prozesse im Gehirn beim Klavierspielen

Das Spielen eines Instruments stellt höchste Anforderungen an unser Gehirn. Forschende an den Max-Planck-Instituten für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main und für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben erforscht, wie das Gehirn die komplexen Koordinationsleistungen meistert.

Beim Klavierspielen planen Pianistinnen und Pianisten zwei Dinge parallel: Sie müssen koordinieren, was gespielt wird (Ton oder Akkord), und wie dieser gespielt wird (Finger). Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) konnten die Forschenden zeigen, dass diese Planungsschritte unterschiedliche Hirnnetzwerke aktivieren. Besonders auffällig war, dass beide Netzwerke eine frontale Hirnregion beinhalten, den linken lateralen Präfrontalkortex, der eine große Bedeutung bei der Planung sämtlicher Alltagshandlungen hat.

Roberta Bianco, Erstautorin der Studie, erläutert: „Ein besonderes Merkmal dieser Region ist ihr abgestufter Spezialisierungsgrad: Während der vordere Teil eher abstrakte Planungsschritte umsetzt, werden die Abläufe zum hinteren Teil der Region hin immer feingliedriger. Die Planung wird also immer konkreter, es erfolgt eine Übersetzung vom Was zum Wie.“ Im Fall des Klavierspiels entspricht dies der Übersetzung einer musikalischen Idee in die Fingerbewegungen auf dem Klavier.

Gemeinsames Musizieren: Eine Herausforderung für das Gehirn

Wenn bereits das Spielen einfacher Akkordsequenzen derart komplexe Hirnvorgänge aktiviert, muss gemeinsames Musikmachen mit anderen für das Gehirn noch anspruchsvoller sein. Die Musikerinnen und Musiker müssen Planung und Umsetzung der eigenen Stimme zusätzlich mit den Handlungen der anderen abgleichen und anpassen.

In einer weiteren Studie untersuchte das Forschungsteam die Gehirne von Pianistinnen und Pianisten beim Spielen von Duetten. Dabei zeichneten sie die Hirnwellen der Musizierenden mittels Elektroenzephalographie (EEG) auf. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Hirnwellen der Musiker synchronisieren, wenn sie ihre Handlungen aufeinander abstimmen. Dieses Phänomen wird als "interbrain synchrony" bezeichnet.

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Daniela Sammler, Leiterin der Forschungsteams, erklärt: „Wenn Menschen ihre Handlungen aufeinander abstimmen, beispielsweise beim gemeinsamen Tanzen oder Singen, synchronisieren sich ihre Hirnwellen. Dieses Phänomen wird ‚interbrain synchrony‘ genannt.“

Weitere Vorteile des Klavierspiels

Neben den bereits genannten Vorteilen bietet das Klavierspielen eine Reihe weiterer positiver Auswirkungen auf das Gehirn und die allgemeine Gesundheit:

  • Verbesserung der Koordination: Klavierspielen erfordert die unabhängige Koordination beider Hände, was verschiedene Bereiche des Gehirns stimuliert.
  • Verbesserung des Gehörs: Durch das Üben und Spielen von Musikstücken wird das Gehör trainiert und die Fähigkeit verbessert, sich an Klänge zu erinnern und diese zu reproduzieren.
  • Verbesserung der Lesefertigkeit: Das Lesen von Noten ist vergleichbar mit dem Lesen von Buchstaben und trainiert die sprachliche Lesefertigkeit.
  • Steigerung der Sprachfertigkeiten: Das Erlernen einer Fremdsprache wird durch das Notenlesen und die "Übersetzung" in Handbewegungen erleichtert.
  • Erhöhung der mathematischen Fähigkeiten: Noten, Rhythmen und Musiktheorie basieren auf Mathematik, wodurch mathematische Fähigkeiten trainiert werden.
  • Seelischer Ausgleich und Selbstverwirklichung: Klavierspielen bietet einen seelischen Ausgleich, steigert die Lebensqualität und dient der Selbstverwirklichung.
  • Schulung des Konzentrations- und Reaktionsvermögens: Das Musizieren schult das Konzentrations- und Reaktionsvermögen und steigert die Kreativität.

Klavier lernen im Alter: Es ist nie zu spät

Das Sprichwort "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" ist längst überholt. Auch Erwachsene können mit Spaß und Erfolg Klavier lernen. Das Gehirn ist wie ein Muskel, den man das ganze Leben lang trainieren kann.

Eckart Altenmüller betont: "Alles, was Sie im Alter lernen, erzeugt neue Vernetzungen in Gehirn." Eine Studie mit Seniorinnen und Senioren am Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin in Hannover zeigte, dass Klavierunterricht im Alter positive Auswirkungen auf das Gehirn hat.

Tipps für Erwachsene, die Klavier lernen möchten

  • Realistische Ziele setzen: Klavier lernen soll Spaß machen und den Trott des Alltags hinter sich lassen. Träumen Sie nicht von einer großen Solistenkarriere, sondern konzentrieren Sie sich auf das Vergnügen am Gestalten und die Freude an der Musik.
  • Mehr Geduld und weniger Selbstkritik: Wählen Sie Stücke aus, die nicht zu schwer sind und von denen Sie wissen, dass sie machbar sind. Werfen Sie Ihre Hemmungen über Bord und versuchen Sie nicht, alles kontrollieren zu wollen.
  • Zeit nehmen und nachsichtig sein: Eine neue Herausforderung bedeutet Anstrengung, ist aber auch aufregend. Die ersten musikalischen Gehversuche klingen nicht sofort wie auf der heimischen Anlage.
  • Online-Kurse nutzen: Online-Kurse wie music2me bieten eine flexible Möglichkeit, Klavier zu lernen und sich die Zeit zum Lernen und Üben selbst einzuteilen.

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