Die österreichische Psychologie und Neurologie hat im Laufe der Geschichte bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht, die durch ihre Forschung und ihr Engagement das Feld maßgeblich geprägt haben. Dieser Artikel beleuchtet das Leben und Werk einiger dieser Gründerfiguren.
Paul Ferdinand Schilder: Ein multidisziplinärer Pionier
Paul Ferdinand Schilder, geboren am 15. Februar 1886 in Wien und gestorben am 18. Dezember 1940 in New York, war ein österreichischer Neurologe, Psychiater und Psychoanalytiker. Sein Leben und Werk sind ein Beispiel für die interdisziplinäre Verknüpfung verschiedenster Fachgebiete.
Jugend und Ausbildung
Schilder begann sein Medizinstudium 1904 an der Universität Wien, wo er im Dezember 1909 promoviert wurde. Bereits während seines Studiums arbeitete er bei renommierten Wissenschaftlern wie Sigmund Exner, Anton Weichselbaum und Heinrich Obersteiner und publizierte mehrere neuropathologische und neurophysiologische Arbeiten. Anschließend studierte er Philosophie in Wien.
Wirken in Europa
Von 1910 bis 1912 war Schilder als Assistent an der psychiatrischen Klinik in Halle/Saale bei Gabriel Anton tätig. Danach setzte er sein Philosophiestudium fort. Von 1912 bis 1914 arbeitete er als Assistent an der psychiatrischen Klinik in Leipzig bei Paul Flechsig und beschrieb erstmals die Encephalitis diffusa axialis, die später als „Schilder-Syndrom“ bekannt wurde. Während des Ersten Weltkriegs war Schilder in verschiedenen Krankenhäusern eingesetzt. 1917 promovierte er „in absentia“ zum Dr. phil. an der Universität Wien mit der Dissertation „Selbstbewußtsein und Persönlichkeitsbewußtsein“.
Psychoanalytische Karriere
Nach dem Krieg wandte sich Schilder der Psychoanalyse zu. Er arbeitete mit Julius Wagner-Jauregg zusammen und trat der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung bei. 1920 habilitierte er sich für Psychiatrie und Neurologie mit der bereits 1918 veröffentlichten Arbeit „Wahn und Erkenntnis“. Im selben Jahr setzte er Sigmund Freuds Vorlesung über Psychoanalyse fort. 1925 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt, verbrachte aber ab 1928 einige Zeit an der Johns Hopkins University in Baltimore. 1929 wurde er Leiter der von ihm initiierten Abteilung für Grenzfälle und Psychosen am Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium.
Lesen Sie auch: Psychologische Aspekte des dysregulierten Nervensystems
Emigration in die USA
Noch im selben Jahr verließ Schilder Österreich und wurde 1930 klinischer Direktor der psychiatrischen Abteilung am Bellevue Hospital in New York sowie Research-Professor für Psychiatrie am Medical Center der New York University. 1933 brach er die Beziehungen zu Wien ab.
Wirken in den USA
Schilder war zunächst Mitglied der New Yorker Psychoanalytischen Vereinigung und 1935 einer der Gründer und erster Präsident der New Yorker „Society for Psychotherapy and Psychopathology“. Seine zweite Frau und enge Mitarbeiterin, die Kinderpsychiaterin Lauretta Bender, gab nach seinem Tod zahlreiche seiner Schriften heraus.
Bedeutung und Forschungsschwerpunkte
Schilders Bedeutung liegt vor allem in der eigenständigen Synthese verschiedenster Fachgebiete. Er sah keinen Widerspruch zwischen der organisch-biologischen Psychiatrie und der Psychoanalyse und entwickelte eigene Ansichten über das Unbewusste, die Bedeutung der Sexualität und den Todestrieb. Er beschäftigte sich sowohl mit Neuroanatomie und Neurophysiologie als auch mit Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie. Ein zentrales Thema seines Gesamtwerkes ist das Körperschema, das Bewusstsein des eigenen Körpers bzw. die psychische Repräsentanz der eigenen Körperlichkeit. In den USA widmete er sich auch der Kinderpsychiatrie sowie soziologischen Fragestellungen und war ein Pionier der Gruppenpsychotherapie. Schilder betonte die Pluralität und Wechselwirkung psychodynamischer, somatischer und soziokultureller Faktoren als kausale Elemente, ohne jedoch den biologischen Standpunkt zu verlassen.
Ausgewählte Werke
Zu Schilders wichtigsten Werken zählen:
- „Zur Kenntnis d. sog. diffusen Sklerose“ (1912)
- „Selbstbewußtsein u. Persönlichkeitsbewußtsein“ (1918)
- „Über d. Wesen d. Hypnose“ (1922)
- „Das Körperschema“ (1923)
- „Medizinische Psychologie für Ärzte und Studierende“ (1925)
- „Entwurf einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage“ (1925)
- „Die Lagereflexe d. Menschen“ (1927, mit H. Hoff)
- „Gedanken z. Studien z. Psychol. u. Symptomatol. d. Schizophrenie“
- „Psychotherapy“ (1938)
Theodor Ziehen: Ein Pionier der Kinder- und Jugendpsychiatrie
Theodor Ziehen (1862-1950) gilt als einer der Gründerväter der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er war eine vielseitige Persönlichkeit, die sich sowohl mit Philosophie, Psychologie als auch mit Medizin beschäftigte.
Lesen Sie auch: Einblick in Psychologie und Neurologie
Jugend und Ausbildung
Theodor Ziehen wurde am 12. November 1862 in Frankfurt am Main geboren. Bereits in seiner Jugend zeigte er philosophische Interessen und beschäftigte sich mit Plato, Schopenhauer und Kant. Er entschied sich für ein Medizinstudium, um ein Stipendium zu erhalten. Im Jahr 1881 begann er in Würzburg Medizin zu studieren und hörte außerdem mathematische Vorlesungen und nahm an philosophischen Kollegien teil. Ostern 1883 legte er das Physikum ab und siedelte nach Berlin über.
Akademische Karriere
Ihm erschien die Psychiatrie aufgrund ihrer Beziehung zur Psychologie und damit zur Philosophie als das geeignetste Fach innerhalb der Medizin. Während seiner Studienzeit in Berlin arbeitete er im hirnphysiologischen Labor von Hermann Munk. Am 27. Juli 1885 erwarb er den medizinischen Doktorgrad mit der Arbeit “Über die Krämpfe infolge elektrischer Reizung der Großhirnrinde” in Berlin. Wesentliche Einflüsse verdankte Theodor Ziehen auch dem damaligen Psychiater und Neuropathologen an der Charité Carl Westphal.
Im Sommer 1885 nahm Theodor Ziehen die Tätigkeit als Volontärassistent an der Privatirrenanstalt von Karl Ludwig Kahlbaum in Görlitz/Niederschlesien auf. Otto Binswanger bot Theodor Ziehen aufgrund der Doktorarbeit eine Oberarztstelle in seiner Klinik in Jena an, der er im Mai 1886 Folge leistete. Im Juli 1887 erfolgte die Habilitation mit dem Thema “Sphygmographische Untersuchungen an Geisteskranken”, und er wurde im gleichen Jahr zum Privatdozenten berufen. Am 2. August 1892 erfolgte dann die Berufung zum außerordentlichen Professor.
Forschungsschwerpunkte und Leistungen
Kinderpsychiatrische Erfahrungen erwarb er sich durch seine Tätigkeit als ständiger Konsiliarius des Trüperschen Erziehungsheimes. Umfangreiche Untersuchungen an Schulkindern wurden von ihm in Zusammenarbeit mit dem Pädagogen Wilhelm Rein durchgeführt. Im Jahr 1900 folgte Theodor Ziehen einem Ruf auf den psychiatrischen Lehrstuhl in Utrecht (Niederlande). Nach Ausscheiden des bisherigen Ordinarius für Psychiatrie in Halle wurde im Juli 1903 Theodor Ziehen auf diesen Lehrstuhl berufen. In Halle blieb er lediglich ein halbes Jahr, da er bereits am 1. April 1904 die Nachfolge von Friedrich Jolly als Direktor der neu erbauten Klinik für Psychische und Nervenkrankheiten an der Charité antrat.
Spätere Jahre
Zum 1. Im Jahr 1912 übersiedelte Theodor Ziehen nach Wiesbaden, um ausschließlich seine philosophischen und psychologischen Arbeiten fortzuführen. Während des ersten Weltkriegs wurde ihm die Aufgabe übertragen, am Aufbau der Flämischen Universität in Gent mitzuarbeiten. Im Jahr 1917 wurde er erneut nach Halle allerdings auf einen Lehrstuhl der Philosophischen Fakultät berufen, der die Vertretung der Psychologie mit einschloss. Im Jahr 1922 erfolgte seine Wahl zum Dekan der Philosophischen Fakultät und 1923 nahm er eine Gastprofessur in Madrid an. Einen Höhepunkt bedeutete 1927 die Wahl zum Rektor der Halleschen Universität. Am 29.
Lesen Sie auch: Psychologische Aspekte des Gehirns
Persönlichkeit und Ehrungen
Theodor Ziehen selbst beschreibt sich als einen Menschen, der seit früher Jugend die Einsamkeit der Geselligkeit vorzog. Er sei ein glänzender akademischer Lehrer gewesen und durch die klare, disziplinierte und eindringliche Art seines Vortrags den Hörern in Erinnerung geblieben. Schon in der Studienzeit habe er sich die literarische Welt von Jean Paul erschlossen, die für ihn während seines gesamten Lebens ein Herd der Freude gewesen sei.
Im Jahr 1910 ehrte die Philosophische Fakultät der Berliner Universität die Verdienste von Theodor Ziehen auf dem Gebiet der Philosophie und Psychologie durch Verleihung der Ehrendoktorwürde. Weiterhin führte er den Titel eines Geheimen Medizinalrates. Mit seinem Werk “Lehrbuch der Logik” (1920) konnte er 1922 den Preis der “Richard-Avenarius-Stiftung” erlangen. Im Jahr 1933 wurde er im Goldenen Buch der Universität in Halle vermerkt. An seinem 80. Geburtstag 1942 wurde er zum Ehrenmitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher (Leopoldina), deren Mitglied er seit 1919 war, ernannt.
Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung und ihre Bedeutung
Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) spielte eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Psychoanalyse. Gegründet von Sigmund Freud, war sie ein Zentrum für psychoanalytische Forschung und Ausbildung. Viele bedeutende Psychoanalytiker waren Mitglieder der WPV und trugen zur Verbreitung und Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie bei.
Die Anfänge der Psychoanalyse in Wien
Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, lebte und arbeitete in Wien. Seine Theorien und Methoden revolutionierten das Verständnis der menschlichen Psyche und hatten einen großen Einfluss auf die Psychologie und Psychiatrie des 20. Jahrhunderts. Die WPV war ein wichtiger Ort für den Austausch und die Weiterentwicklung seiner Ideen.
Die Rolle der WPV in der NS-Zeit
Die Zeit des Nationalsozialismus hatte verheerende Auswirkungen auf die Psychoanalyse in Wien und Deutschland. Viele Psychoanalytiker wurden verfolgt, vertrieben oder ermordet. Die WPV wurde aufgelöst und ihre Mitglieder emigrierten in verschiedene Länder, um ihre Arbeit fortzusetzen.
Die Wiedergründung der DPG nach dem Krieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) als Zweigvereinigung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung wiedergegründet. Viele Psychoanalytiker kehrten nach Deutschland zurück und trugen zum Wiederaufbau der psychoanalytischen Ausbildung und Forschung bei.
Aktuelle Entwicklungen in der österreichischen Psychotherapie
Die österreichische Psychotherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten stark weiterentwickelt. Mit den in Österreich 1990 beschlossenen Gesetzen wurde Psychotherapie als eigenständige Profession im Gesundheitssystem anerkannt. Um eine optimale und effiziente Versorgung sicherzustellen, gibt es immer wieder Forderungen und Vorschläge zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den im Gesundheitsbereich tätigen Berufsgruppen.
Aktuelle Herausforderungen und Perspektiven
In einer Zeit, in der seelische Erkrankungen und auch Verirrungen zunehmen, in der sich das Bild unserer Gesellschaft rasant verändert, in der die Menschen immer gestresster und überforderter sind, ist die Psychotherapie von großer Bedeutung. Die Autoren nehmen den Leser mit auf eine Expedition in die wundersame Welt der Psyche. Sie beantworten Fragen, die jedem von uns schon einmal begegnet sind, wenn sich die Seele in einem Ausnahmezustand befindet, und stellen neue Fragen an eine immer verrücktere Welt.
tags: #begrunder #der #psychologie #osterreichischr #neurologe