Depressionen behandeln: Ein umfassender Überblick

Depressive Episoden können mit modernen Behandlungsmethoden oft rasch geheilt oder gelindert werden, was die Lebensqualität der Betroffenen entscheidend verbessert. Trotzdem handelt es sich in mehr als 50 % der Fälle um eine wiederkehrende oder chronische Erkrankung, deren Ursachen sich bisher nicht vollständig beseitigen lassen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Aspekte der Behandlung von Depressionen, von den Ursachen und Symptomen bis hin zu den modernsten Therapieansätzen.

Was ist eine Depression?

Stimmungstiefs kennt jeder Mensch. In vielen Fällen gehen sie vorüber, wenn man die auslösenden Ereignisse verarbeitet hat. Hält die Niedergeschlagenheit jedoch über einen längeren Zeitraum an, spricht man von einer Depression. Eine Depression ist nach einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit die häufigste Ursache gesundheitlicher Beeinträchtigung und eine der häufigsten psychischen Erkrankungen. Sie kann jeden Menschen treffen. Neben Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Lustlosigkeit oder Antriebsminderung geht eine Depression mit einer Reihe weiterer körperlicher wie psychischer Symptome wie beispielsweise Ängsten, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit einher. Halten die Symptome mehr als zwei Wochen lang fast durchgehend an und führen sie zu deutlichen Beeinträchtigungen im alltäglichen Leben, sollte man sich in Behandlung begeben.

Fakten über Depression

  • Über 350 Millionen Menschen weltweit sind betroffen.
  • In Deutschland leiden 5,3 Millionen Menschen an Depressionen.
  • Jede vierte Frau und jeder achte Mann erkrankt im Laufe des Lebens.
  • Durchschnittlich 8,2 Monate dauert eine depressive Episode.
  • 80-90 % der Betroffenen können erfolgreich behandelt werden.

Ursachen der Depression

Die Ursachen von Depressionen sind äußerst vielschichtig und spiegeln die einzigartigen Lebensgeschichten und Erfahrungen der Betroffenen wider. In der wissenschaftlichen Gemeinschaft wird die Entstehung von Depressionen als das Resultat einer komplexen Interaktion verschiedener Einflussfaktoren betrachtet. Ein tieferes Verständnis dieser komplexen Dynamik ist entscheidend, um effektive Präventions- und Behandlungsstrategien zu entwickeln, die den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen gerecht werden können.

Neurobiologische Faktoren

  • Neurotransmitter-Dysbalance: Serotonin, Noradrenalin und Dopamin spielen eine wichtige Rolle.
  • Neuroplastizität: Verminderte Neubildung von Nervenzellen.
  • Stresshormone: Erhöhte Cortisol-Spiegel.
  • Entzündungsprozesse: Erhöhte Entzündungsmarker im Gehirn.
  • Circadiane Rhythmusstörungen: Gestörter Tag-Nacht-Rhythmus.

Genetische Faktoren

  • Familiäre Häufung (30-40 % erhöhtes Risiko).
  • Polygenetische Vererbung.
  • Gen-Umwelt-Interaktionen.

Psychosoziale Faktoren

  • Belastende Lebensereignisse: Verlust, Trennung, Arbeitslosigkeit.
  • Chronischer Stress: Überforderung, Konflikte.
  • Traumatische Erfahrungen: Kindheitstraumata, Missbrauch.
  • Soziale Isolation: Einsamkeit, fehlende Unterstützung.

Persönlichkeitsfaktoren

  • Perfektionismus, geringes Selbstwertgefühl.

Körperliche Faktoren

  • Chronische Erkrankungen (Diabetes, Herz-Kreislauf).
  • Schilddrüsenerkrankungen.
  • Neurologische Erkrankungen (Parkinson, MS).
  • Medikamentennebenwirkungen.
  • Hormonelle Veränderungen.

Symptome der Depression

Die Symptome einer Depression manifestieren sich individuell, und nicht jeder Betroffene zeigt sämtliche Anzeichen. Depressionen gehen oft mit anhaltender Traurigkeit, Ängstlichkeit oder innerer Leere einher. Der Verlust von Interesse oder Freude an früher geschätzten Aktivitäten, einschließlich sexueller Aktivitäten, ist ein weiteres häufiges Zeichen. Gedanken an Tod oder Suizid können bei Menschen mit Depressionen auftreten. Persistierende körperliche Symptome können Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und chronische Schmerzen sein.

Hauptsymptome

Mindestens zwei der folgenden Symptome müssen über einen Zeitraum von zwei Wochen vorliegen:

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  • Depressive Verstimmung: Anhaltende Niedergeschlagenheit, Leere, Hoffnungslosigkeit.
  • Interessenverlust und Freudlosigkeit: Anhedonie, keine Freude an früher angenehmen Aktivitäten.
  • Antriebsstörung und erhöhte Ermüdbarkeit: Extreme Erschöpfung, jede Aktivität kostet Überwindung.

Körperliche Symptome

  • Schlafstörungen (Frühmorgendliches Erwachen, Durchschlafstörungen).
  • Appetitveränderungen und Gewichtsschwankungen.
  • Psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit.
  • Libidoverlust.
  • Morgentief.
  • Diffuse Schmerzen ohne organische Ursache.

Zusatzsymptome

  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen: „Pseudodemenz“.
  • Verminderte Entscheidungsfähigkeit.
  • Negatives Selbstbild: Minderwertigkeitsgefühle.
  • Schuldgefühle und Selbstvorwürfe.
  • Zukunftsängste und Pessimismus.
  • Suizidgedanken: Bei 10-15 % der schwer Depressiven.

Schweregrade nach ICD-10

  • Leichte Depression: 2 Haupt- + 2 Zusatzsymptome.
  • Mittelschwere Depression: 2 Haupt- + 3-4 Zusatzsymptome.
  • Schwere Depression: 3 Haupt- + ≥4 Zusatzsymptome.

Diagnostik

In der neurologischen Praxis erfolgt die Diagnostik durch verschiedene Methoden:

Klinische Diagnostik

  • Ausführliches diagnostisches Gespräch (50-60 Minuten).
  • Strukturierte klinische Interviews (SKID, DIPS).
  • Erfassung der Krankheitsgeschichte.
  • Fremdanamnese bei Bedarf.
  • Suizidalitätsabklärung.

Psychometrische Testverfahren

  • Beck-Depressions-Inventar (BDI-II).
  • Hamilton-Depressionsskala (HAM-D).
  • Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS).
  • Geriatrische Depressionsskala (GDS) bei älteren Patienten.

Körperliche Untersuchungen

  • Neurologischer Status.
  • Internistische Basisdiagnostik.
  • EKG und Blutdruckmessung.

Labordiagnostik

  • Blutbild, Elektrolyte, Nieren- und Leberwerte.
  • Schilddrüsenhormone (TSH, fT3, fT4).
  • Vitamin D, B12, Folsäure.
  • Entzündungsparameter (CRP, BSG).
  • Bei Bedarf: Cortisol-Tagesprofil.

Apparative Diagnostik bei Bedarf

  • EEG zum Ausschluss organischer Hirnerkrankungen.
  • MRT bei Verdacht auf strukturelle Veränderungen.

Moderne Behandlungsmöglichkeiten der Depression

Wesentliche Grundlage der Behandlung ist der Einsatz antidepressiver Medikamente, die Durchführung einer Psychotherapie oder die Kombination beider Maßnahmen. Bei leichten und mittelschweren depressiven Phasen ist Psychotherapie ebenso wirksam wie Medikamente. Psychotherapie benötigt allerdings mehr Zeit als ein Antidepressivum, bis die Wirkung eintritt. Bei schweren depressiven Episoden ist nach heutigen Erkenntnissen eine Kombinationstherapie wirksamer als Pharmako- bzw. Psychotherapie alleine. Ob eine ambulante Behandlung möglich oder ein stationärer Aufenthalt nötig ist, ist u.a. von der Art und der Schwere der Depression sowie vom individuellen Selbstmordrisiko abhängig. Bei einer psychotischen Depression ist eine Klinikeinweisung z.B. meist unumgänglich.

Psychotherapie

Mit Hilfe von Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie lernen Sie während Ihrer Psychotherapie, wie Sie sich aus dem Teufelskreis von negativen Gedanken und Verhaltensmustern befreien, diese durch positive ersetzen und so Probleme leichter lösen können. Gleichzeitig können Sie sich mit anderen über Ihre Erfahrungen austauschen und so Fertigkeiten im Umgang miteinander einüben.

  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Identifikation und Veränderung negativer Denkmuster, Aktivitätsaufbau und Tagesstrukturierung, Problemlösetraining, Rückfallprophylaxe. Wirksamkeit: 60-70 % Besserung.
  • Weitere wirksame Verfahren: Interpersonelle Therapie (IPT), Psychodynamische Therapie, MBCT (Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie), Systemische Therapie.

Medikamentöse Therapie

  • Moderne Antidepressiva:
    • SSRI (Sertralin, Escitalopram): Erste Wahl, gute Verträglichkeit.
    • SNRI (Venlafaxin, Duloxetin): Bei komorbiden Schmerzen.
    • Atypische AD (Mirtazapin): Bei Schlafstörungen.
    • Neue Substanzen (Vortioxetin): Bei kognitiven Störungen.
  • Behandlungsprinzipien:
    • Wirkungseintritt nach 2-4 Wochen.
    • Behandlungsdauer mindestens 6-9 Monate.
    • Langsames Ausschleichen.
    • Regelmäßige Verlaufskontrollen.

Ergänzende Therapieansätze und Selbsthilfe

  • Biologische Therapieverfahren:
    • Lichttherapie: Bei saisonaler Depression (10.000 Lux, 30 Min./Tag).
    • Wachtherapie: Schnelle, kurzfristige Wirkung.
    • Elektrokrampftherapie (EKT): Bei schwerer, therapieresistenter Depression.
    • Transkranielle Magnetstimulation (TMS): Nicht-invasive Alternative.
  • Sport und Bewegung: 3x wöchentlich 30-45 Minuten Ausdauersport. Vergleichbare Wirkung wie Antidepressiva bei leichter Depression. Yoga, Tai-Chi, Qigong als Alternative.
  • Lebensstilmaßnahmen:
    • Schlafhygiene: Regelmäßige Schlaf-Wach-Zeiten.
    • Ernährung: Mediterrane Kost, Omega-3-Fettsäuren.
    • Stressreduktion: Achtsamkeit, Progressive Muskelentspannung.
    • Soziale Aktivierung: Kontaktpflege, Gruppenaktivitäten.
    • Tagesstruktur: Feste Routinen etablieren.
  • Digitale Unterstützung: Apps zur Stimmungsdokumentation, Online-Selbsthilfeprogramme, Telemedizinische Betreuung.

Phasen der Therapie

Die Behandlung einer Depression erfolgt in verschiedenen Phasen, um eine umfassende und nachhaltige Genesung zu gewährleisten.

Akuttherapie

Die Akuttherapie sollte beginnen, sobald eine akute Krankheitsphase auftritt. Sie wird so lange fortgesetzt, bis sich die akuten Symptome der Depression deutlich gebessert haben; sie dauert daher in der Regel vier bis acht Wochen an. Die Aufklärung über die Erkrankung und das geplante Therapiekonzept sowie über die Notwendigkeit der Einnahme von Medikamenten stehen während der Akuttherapie im Mittelpunkt. Neben dieser so genannten Psychoedukation spielt auch der Kontakt zum Arzt in dieser Phase eine ganz wichtige Rolle - er steht Betroffenen für alle Fragen zur Verfügung und macht Ihnen Mut, die Behandlung fortzusetzen und die evtl. verordneten Medikamente regelmäßig einzunehmen. Dabei sollten Betroffene wissen, dass die Wirkung antidepressiver Medikamente oft erst nach einigen Tagen bis Wochen eintritt.

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Erhaltungstherapie

Die Erhaltungstherapie schließt sich an die Akuttherapie an und soll den Zustand des Betroffenen so weit stabilisieren, dass es nicht zu einem Rückfall kommt. Unter einem Rückfall verstehen Psychiater das Wiederauftreten von Krankheitsanzeichen, bevor es zur wirklichen Genesung gekommen ist. Kommt es zu erneuten Symptomen nach einer Wiederherstellung des ursprünglichen Gesundheitszustandes, sprechen Ärzte von einer Wiedererkrankung. Ziel der Erhaltungstherapie ist es, diesen stabilen Zustand für mindestens vier bis sechs Monate zu halten. Wichtig ist es dafür, mögliche Warnzeichen für einen Rückfall frühzeitig zu erkennen und Mechanismen zur Abwendung zu kennen.

Rezidiv-Prophylaxe

Die Vorbeugung einer Wiedererkrankung beginnt, sobald sich die Stimmungslage des Betroffenen wieder normalisiert hat. Sie soll langfristig verhindern, dass es zu einer erneuten akuten Krankheitsepisode kommt. Wie lange diese so genannte Rezidiv-Prophylaxe durchgeführt wird, hängt u.a. von der Anzahl und Schwere der depressiven Episoden ab. Generell darf die verordnete Therapie des Arztes nicht selbstständig abgesetzt werden und es sollte ein geregelter Ruhe/Aktivitätsrhythmus im Alltag erreicht und aufrechterhalten werden. Vielen depressiven Patienten hilft ein detaillierter Tagesplan sowie eine Liste mit möglichen angenehmen Aktivitäten und einer Übersicht über täglich anfallende Routineaufgaben: Setzen Sie sich konkrete Ziele und seien Sie stolz auf jeden noch so kleinen Erfolg.

Einbeziehung von Angehörigen

Die Einbeziehung vom Partner und von Familienangehörigen spielt in der Therapie depressiver Erkrankungen häufig eine große Rolle. Die Angehörigen sollten über das Erscheinungsbild, die Behandlungsmöglichkeiten und die Prognose der Erkrankung eingehend informiert werden (Psychoedukation).

Wo wird Depression behandelt?

Die Behandlung einer Depression kann unter verschiedenen Rahmenbedingungen angeboten werden.

  • Hausarzt: Oft die erste Anlaufstelle. Im Rahmen eines diagnostischen Gesprächs werden zunächst auch körperliche Untersuchungen (zum Beispiel Blutentnahme) durchgeführt, um mögliche organische Ursachen depressiver Symptome, wie zum Beispiel eine Schilddrüsenerkrankung, auszuschließen. Bei Bedarf Überweisung an Facharzt oder Psychotherapeuten.
  • Psychiater/Nervenarzt: Sie haben vertiefte Kenntnisse über Entstehung, Verlauf, Diagnostik und Behandlung von psychischen Erkrankungen.
  • Psychotherapeuten: Psychologen mit unterschiedlichen psychotherapeutischen Schwerpunkten (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Psychoanalyse oder Systemische Therapie).
  • Klinik/Tagesklinik: Patienten in Krisensituationen, mit mittelschweren bis schweren Depressionen sowie Suizidgefährdung, werden in der Regel in eine Klinik oder Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie überwiesen. In einer Tagesklinik findet in der Regel von Montag bis Freitag tagsüber eine Behandlung statt. Die Patienten übernachten zu Hause und verbringen auch das Wochenende zu Hause.
  • Weitere Berufsgruppen: Fachkrankenschwestern und -pfleger, Sozialarbeiter/-pädagogen, Ergotherapeuten, Kunsttherapeuten, Musiktherapeuten und/oder Physio- bzw. Bewegungstherapeuten.

Spezialisierte Depressionsbehandlung in München

In München gibt es spezialisierte Einrichtungen, die eine umfassende und individuelle Therapie anbieten.

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Behandlungskonzept

  • Ganzheitlicher, individueller Therapieansatz.
  • Kombination aus Neurologie und Psychiatrie.
  • Evidenzbasierte Behandlung nach S3-Leitlinien.
  • Enge Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten.
  • Regelmäßige Therapieevaluation.

Diagnostische Leistungen

  • Umfassende Erstdiagnostik (90 Minuten).
  • Differenzialdiagnostik (Bipolare Störung, Angst).
  • Neuropsychologische Testung.
  • Labordiagnostik inklusive Spezialparameter.
  • Zweitmeinungen bei komplexen Fällen.

Therapieangebote

  • Medikamentöse Einstellung und Optimierung.
  • Krisenintervention.
  • Langzeitbetreuung mit Rezidivprophylaxe.
  • Angehörigenberatung.
  • Vermittlung zu spezialisierten Psychotherapeuten.

Wann sollten Sie professionelle Hilfe suchen?

  • Sofort handeln bei: Suizidgedanken oder -plänen, völliger Antriebslosigkeit, Unfähigkeit, den Alltag zu bewältigen, psychotischen Symptomen (Wahnvorstellungen).
  • Zeitnah einen Termin vereinbaren bei: Symptomen über mehr als 2 Wochen, wiederkehrenden depressiven Phasen, Beeinträchtigung von Arbeit oder Beziehungen, körperlichen Beschwerden ohne organische Ursache.

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