Alzheimer und langfristige Depressionen: Ein komplexer Zusammenhang

Die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Form der Demenz, ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch kognitive Beeinträchtigungen und Gedächtnisverlust gekennzeichnet ist. Neben den kognitiven Symptomen treten bei vielen Betroffenen auch psychische Symptome wie Depressionen auf. Der Zusammenhang zwischen Alzheimer und Depressionen ist komplex und vielschichtig. Einerseits können Depressionen ein frühes Anzeichen von Alzheimer sein, andererseits kann die Diagnose und der Verlauf der Alzheimer-Krankheit selbst zu Depressionen führen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieses Zusammenhangs und gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse und Empfehlungen für die Praxis.

Das erhöhte Risiko für Depressionen nach einer Alzheimer-Diagnose

Forschende aus den USA und Schweden haben in einer großangelegten Studie mit über vier Millionen Teilnehmern untersucht, wie hoch das Risiko ist, nach einer Alzheimer-Diagnose an einer schweren Depression zu erkranken. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl Frauen als auch Männer mit Alzheimer-Demenz ein mehr als doppelt so hohes Risiko haben, eine Depression zu entwickeln. Im ersten Jahr nach der Diagnosestellung ist das Risiko sogar dreifach höher und bleibt bis zu drei Jahre später noch immer deutlich erhöht.

Die Studie berücksichtigte auch soziodemografische Faktoren und Mehrfacherkrankungen (Komorbiditäten). Es wurde festgestellt, dass Menschen mit diagnostizierter Demenz eher einen hohen Bildungsgrad haben. Die Forschenden betonen, dass Patienten mit Alzheimer-Demenz oder verwandten Demenzerkrankungen engmaschig und langfristig auf psychosoziale Belastungen überwacht werden sollten, damit Depressionen frühzeitig erkannt und behandelt werden können.

Praxistipp: Besonders im ersten Jahr nach einer Alzheimer-Diagnose ist eine enge ärztliche Begleitung wichtig.

Emotionale Zuwendung und soziale Unterstützung als Schutzfaktoren

Neue Forschungsergebnisse aus einer Langzeitstudie von Dr. Iris Blotenberg am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Rostock/Greifswald belegen, dass emotionale Zuwendung, Zugehörigkeit und Verständnis im sozialen Umfeld schützend vor Depressionen bei Menschen mit Demenz wirken.

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In der Studie wurden 334 Menschen mit Demenz im frühen bis mittleren Stadium über einen Zeitraum von vier Jahren untersucht. Die Teilnehmenden wurden jährlich zu ihrem emotionalen Befinden und zu ihrer sozialen Einbindung befragt. Dabei ging es um Lebenszufriedenheit, Energielevel, Selbstwertgefühl sowie um die Frage, ob es Personen im Umfeld gibt, die zuhören, helfen oder in belastenden Situationen präsent sind.

Die Analysen zeigen: Je stärker das Gefühl sozialer Unterstützung, desto seltener treten depressive Symptome auf. Zu Studienbeginn litt mehr als jeder siebte Teilnehmende (13,8 Prozent) unter entsprechenden Beschwerden. Am Ende des Untersuchungszeitraums waren depressive Symptome bei fast jeder dritten Person mit geringer sozialer Unterstützung zu beobachten - im Gegensatz zu nur etwa jeder vierzehnten Person mit starker sozialer Einbindung. Selbst bei Einbeziehung weiterer Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Wohnsituation, kognitive Leistungsfähigkeit oder neben der Demenz auftretende Krankheiten blieb der Zusammenhang stabil.

Dr. Blotenberg betont, dass die psychosozialen Bedarfe von Menschen mit Demenz eine wichtigere Rolle in der Versorgung spielen sollten. In der häuslichen Pflege oder in stationären Einrichtungen muss der Förderung sozialer Teilhabe ein zentraler Stellenwert eingeräumt werden.

Spezifische Depressionssymptome und das Demenzrisiko

Eine Studie in dem Fachmagazin „The Lancet Psychiatry“ stellt fest, dass bestimmte Anzeichen von Depression im mittleren Lebensalter besonders viel über das Demenzrisiko in zwei Jahrzehnten aussagen. Menschen mittleren Alters mit Depression hatten ein um 27 Prozent höheres Risiko, später eine Demenz zu bekommen. Manche Symptome waren für den Zusammenhang aber besonders relevant: Der Verlust des Selbstvertrauens und Schwierigkeiten bei der Problembewältigung gingen jeweils mit einem um etwa 50 Prozent erhöhten Demenzrisiko einher.

Folgende Symptome stehen mit einem höheren Demenzrisiko in Zusammenhang:

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  • Verlust des Selbstvertrauens
  • Die Unfähigkeit, sich Problemen zu stellen
  • Fehlende Zuneigung für andere
  • Ständige Nervosität und Anspannung
  • Unzufriedenheit mit der Ausführung von Aufgaben
  • Konzentrationsschwierigkeiten

Im Gegensatz dazu zeigten andere typische Symptome wie Schlafstörungen, Suizidgedanken oder Niedergeschlagenheit langfristig keinen Zusammenhang mit Demenz.

Dr. Philipp Frank vom University College London erklärt, dass das Demenzrisiko eher mit einigen wenigen depressiven Symptomen als mit Depressionen als Ganzem zusammenhängt. Die Beachtung dieser Muster könnte neue Möglichkeiten für eine frühzeitige Prävention eröffnen.

Depressionen in jungen Jahren und späteres Demenzrisiko

Eine neue Studie der University of California in San Francisco liefert neue Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Depressionen in jungen Jahren und späterer Demenz. Zuvor hatten Forschende in anderen Studien lediglich Depressionen im Alter in Verbindung mit Demenz gebracht.

Die Forschenden verwendeten statistische Methoden, um den durchschnittlichen Verlauf depressiver Symptome vorherzusagen. Sie stellten fest, dass in einer Gruppe von etwa 6000 älteren Teilnehmern die Wahrscheinlichkeit einer kognitiven Beeinträchtigung um 73 Prozent höher war, wenn sie im frühen Erwachsenenalter erhöhte depressive Symptome aufgewiesen hatten.

Studienautorin Willa Brenowitz erklärt, dass es mehrere Mechanismen gibt, die erklären, wie Depressionen das Demenzrisiko erhöhen können.

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Antidepressiva bei Demenzpatienten: Wirkung auf die kognitive Funktion

Patienten mit einer Demenz erhalten häufig Antidepressiva, um neuropsychiatrische Symptome wie Depressionen, aber auch Ängstlichkeit, Aggressivität und Schlafstörungen positiv zu beeinflussen. Laut der S3-Leitlinie »Demenzen« soll darauf geachtet werden, dass die Präparate keine anticholinergen Nebenwirkungen haben, die Sturzgefahr nicht erhöhen und nicht mit der sonstigen Medikation des Patienten interagieren.

Wie sich Antidepressiva auf die kognitive Funktion der Patienten auswirken, sei jedoch noch zu wenig erforscht, schreibt ein Team um Dr. Minjia Mo vom Karolinska-Institut in Stockholm. Die Forschenden werteten daher im Rahmen einer nationalen Kohortenstudie die Daten von 18.740 Patienten aus. Laut der Studie war die Anwendung von Antidepressiva mit einer beschleunigten Abnahme der kognitiven Fähigkeiten assoziiert (-0,30 MMSE-Punkte pro Jahr). Laut den Forschenden werden allerdings erst Veränderungen von 1 bis 3 MMSE-Punkten als klinisch signifikant angesehen. Sie weisen zudem darauf hin, dass aus ihren Ergebnissen keine Kausalität abgeleitet werden kann.

Weitere Risikofaktoren für Demenz

Die Lancet-Kommission zur Prävention, Intervention und Pflege von Demenz hat in ihrer neuen Studie zwei neue Demenz-Risikofaktoren vorgestellt: ein abnehmendes Sehvermögen und ein zu hohes Cholesterin. Damit steigt die Anzahl der vermeidbaren Erkrankungsrisiken für Demenz laut Lancet-Kommission auf 14 Punkte. In der letzten Studie von 2020 hatten die Fachleute zwölf Faktoren identifiziert, unter anderem Depressionen, Schwerhörigkeit, soziale Isolation oder Bluthochdruck. Durch einen gesunden Lebensstil und medizinische Vorsorge können laut Studie 45 Prozent der Demenzerkrankungen verzögert oder verhindert werden.

Ein abnehmendes Sehvermögen kann ähnliche Folgen haben, wie Schwerhörigkeit. Menschen, die schlechter sehen oder hören ziehen sich oft zurück und sind sozial weniger aktiv. Durch die soziale Isolation verarbeitet das Gehirn weniger Reize und wird weniger stimuliert. Die Leistungsfähigkeit nimmt ab und die Betroffenen haben ein höheres Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Außerdem kann soziale Isolation zu Depressionen führen, die ebenfalls zu den Demenz-Risikofaktoren zählen.

Zu hohe Cholesterinwerte gehören laut Lancet zu den vermeidbaren Risikofaktoren im mittleren Lebensalter und beeinflussen das Erkrankungsrisiko um sieben Prozent. Ein hoher Cholesterinspiegel kann die Bildung von schädlichen Proteinablagerungen fördern. Diese Amyloid-Plaques sind ein charakteristisches Merkmal der Alzheimer-Krankheit. Ein hoher Cholesterinspiegel kann aber auch andere Demenzerkrankungen begünstigen. Hohe Cholesterinwerte können zu Ablagerungen in den Blutgefäßen führen, die die Blutversorgung des Gehirns beeinträchtigen. Dadurch steigt das Risiko für eine vaskuläre Demenz.

Depressionen als Wegbegleiter der Demenz?

Eine langfristig angelegte Beobachtungsstudie aus Dänemark hat ergeben, dass Menschen, die im Laufe ihres Lebens an einer Depression leiden, verstärkt Gefahr laufen, im Alter an Demenz zu erkranken. Verglichen mit Menschen ohne psychiatrische Erkrankungen neigen Depressive demnach doppelt so oft zu altersbedingter Geistesschwäche. Studienleiterin Holly Elser sieht in den Studienresultaten „starke Hinweise, dass Depressionen nicht nur eine frühes Symptom der Demenz sind, sondern das Risiko auf Demenz erhöhen."

Demnach steigt, unabhängig vom Geschlecht, das Risiko auf eine sogenannte gereontropsychiatrische Erkrankung um mehr als das doppelte, wenn im Laufe des Leben eine klinische Depression diagnostiziert wurde. Um den Faktor 2,41 lag die Demenzgefahr laut Studienergebnissen höher als bei der Kontrollgruppe. Laut dem Bundesfamilienministerium steigert eine Depression das Demenzrisiko bei Senioren sogar um das bis zu Sechsfache.

Besonders auffällig ist laut Studie die statistische Korrelation bei Männern. Mit dem Faktor 2,98 steigert eine Depression bei ihnen das Demenzrisiko fast um das Dreifache, während Frauen nur 2,21 Mal wahrscheinlicher an Demenz erkranken. Ausschlaggebend dafür, ob im späteren Leben mit geistigem Verfall gerechnet werden muss, kann auch der Zeitpunkt der Depression sein.

Elser betont, dass es weitere Forschung bedarf, um zu erforschen, welche „gemeinsamen Riskofaktoren für Depressionen und Demenz in früheren Lebensabschnitten auftreten" oder ob Depressionen zu Handlungsweisen führten, die die Entstehung von Demenz begünstigten.

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