Die Diagnose Demenz, insbesondere im Frühstadium, stellt Betroffene und ihre Angehörigen vor große Herausforderungen. Glücklicherweise gibt es vielfältige Therapieansätze, die darauf abzielen, die Lebensqualität zu verbessern, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Selbstständigkeit so lange wie möglich zu erhalten. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten im Frühstadium der Demenz, einschließlich medikamentöser und nicht-medikamentöser Therapien sowie neuer vielversprechender Medikamente wie Lecanemab.
Was ist Demenz?
Der Begriff "Demenz" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich "Weg vom Geist" oder "ohne Geist". Er beschreibt eine Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten, die über die normale altersbedingte Vergesslichkeit hinausgeht. Betroffen sind vor allem das Kurzzeitgedächtnis und die Merkfähigkeit, aber auch das Langzeitgedächtnis kann im Verlauf der Erkrankung beeinträchtigt werden. Demenz geht jedoch weit über Gedächtnisverlust hinaus. Menschen mit Demenz haben zunehmend Schwierigkeiten, sich in ihrem alltäglichen Umfeld zu orientieren, vertraute Tätigkeiten auszuführen und für sich selbst zu sorgen.
Frühzeitige Diagnose als Schlüssel zum Erfolg
Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, um die bestmöglichen Therapieoptionen zu nutzen und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Im Frühstadium der Demenz sind die Betroffenen oft noch in der Lage, aktiv an der Gestaltung ihres Lebens teilzunehmen und von gezielten Maßnahmen zu profitieren.
Medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten
Die medikamentöse Therapie zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und den Verlauf der Demenz hinauszuzögern. Je früher die Therapie beginnt, desto besser sind die Erfolgsaussichten.
Antidementiva
Im frühen und mittleren Stadium der Alzheimer-Krankheit werden häufig Antidementiva eingesetzt, um die Symptome zu lindern und den Verlauf hinauszuzögern. Diese Medikamente können Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sowie Depressionen verbessern und den Betroffenen mehr Zeit und Lebensqualität ermöglichen.
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Acetylcholinesterasehemmer wie Donepezil, Galantamin oder Rivastigmin können im frühen bis mittleren Stadium der Demenz eingesetzt werden, um den Mangel an Acetylcholin im Gehirn auszugleichen. Acetylcholin ist ein Botenstoff, der für die Signalübertragung im Gehirn wichtig ist. Durch die Hemmung des Enzyms Acetylcholinesterase wird der Abbau von Acetylcholin verlangsamt, wodurch die Konzentration dieses Botenstoffes im Gehirn erhöht wird. Dies kann dazu beitragen, Alltagstätigkeiten länger selbstständig auszuführen und Fähigkeiten wie Denken, Lernen, Erinnern und Wahrnehmen länger zu erhalten. Mögliche Nebenwirkungen sind Erbrechen, Übelkeit und Durchfall.
Glutamat-Antagonisten wie Memantine blockieren die Glutamat-Empfangsstellen an den Synapsen und hemmen so die Erregungsweiterleitung an den Nervenzellen, die durch Glutamat reguliert werden.
Es ist wichtig zu beachten, dass Medikamente nur richtig wirken, wenn sie regelmäßig und nach Vorschrift eingenommen werden. Angehörige können die Betroffenen bei der Medikation unterstützen, um eine korrekte Einnahme sicherzustellen.
Antidepressiva und Antipsychotika
Viele Menschen mit Demenz entwickeln im Laufe der Erkrankung eine Depression. In solchen Fällen können Antidepressiva eingesetzt werden, um die Stimmung aufzuhellen und Antriebslosigkeit entgegenzuwirken. Auch der Verlust von Nervenzellen selbst kann Ursache für depressive Stimmungen sein.
Antipsychotika können bei Menschen mit Demenz eingesetzt werden, die aggressives Verhalten, Sinnestäuschungen oder Verfolgungswahn zeigen. Diese Medikamente unterdrücken diese Symptome, indem sie das Dopamin hemmen, einen weiteren Botenstoff im Gehirn. Allerdings können Antipsychotika auch verschiedene Nebenwirkungen hervorrufen, weshalb ihr Einsatz behutsam und mit Augenmaß erfolgen sollte.
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Lecanemab: Eine neue Perspektive in der Alzheimer-Therapie
Mit Lecanemab steht seit kurzem ein neues Medikament zur Verfügung, das auf die grundlegenden Mechanismen der Alzheimer-Krankheit einwirkt. Lecanemab zielt auf bestimmte Eiweißablagerungen im Gehirn ab, die sogenannten Amyloid-beta-Plaques, die als Auslöser des Krankheitsprozesses gelten. Das Medikament unterstützt die Auflösung dieser Ablagerungen und verlangsamt so den Krankheitsverlauf.
In der großen Phase-3-Studie CLARITY AD zeigte sich, dass die Erkrankung bei den Teilnehmenden, die Lecanemab erhielten, um 27 Prozent langsamer fortschritt als in der Placebo-Gruppe. Viele Expertinnen und Experten schätzen die Wirkung von Leqembi jedoch eher als moderat ein. Es ist fraglich, inwieweit die Wirkung für an Alzheimer erkrankte Menschen spürbar ist und im Alltag einen Unterschied macht. Die Studie hat jedoch gezeigt, dass sich der verzögernde Effekt mit der Dauer der Einnahme zunimmt. Das könnte bedeuten, dass eine Einnahme über den Zeitraum der bisher untersuchten 18 Monate hinaus die Wirksamkeit von Lecanemab noch erhöht.
Voraussetzungen für die Behandlung mit Lecanemab:
- Leichte kognitive Beeinträchtigungen (MCI) oder frühes Stadium der Alzheimer-Demenz
- Nachweis von Amyloid-beta-Ablagerungen im Gehirn (durch Lumbalpunktion oder Amyloid-PET)
- Maximal eine Kopie des ApoE4-Gens (keine Behandlung bei zwei Kopien wegen erhöhter Gefahr für Hirnblutungen)
- Keine Einnahme von Gerinnungshemmern
Ablauf der Behandlung mit Lecanemab:
- Vor Beginn der Behandlung: Gentest zur Bestimmung des ApoE4-Genotyps
- Verabreichung als Infusion alle zwei Wochen über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren
- Regelmäßige MRT-Untersuchungen zur Kontrolle auf Nebenwirkungen (Hirnschwellungen oder Hirnblutungen)
- Teilnahme an einem EU-weiten Register (Controlled Access Program, CAP)
Wichtige Hinweise zu Lecanemab:
- Lecanemab kann Alzheimer weder heilen noch den Krankheitsverlauf aufhalten, sondern lediglich verlangsamen.
- Die Behandlung mit Lecanemab ist mit Risiken verbunden, insbesondere Hirnschwellungen und Hirnblutungen.
- Die Behandlung mit Lecanemab stellt neue Anforderungen an die ärztliche Versorgung und erfordert spezialisierte Einrichtungen mit ausreichender personeller und technischer Ausstattung.
Trotz der messbaren Wirksamkeit wird die Wirkung von Leqembi von vielen Expertinnen und Experten eher als moderat eingeschätzt. Es ist fraglich, inwieweit die Wirkung für an Alzheimer erkrankte Menschen spürbar ist und im Alltag einen Unterschied macht.
Weitere Medikamente
In einigen Fällen werden auch Präparate wie Vitamin A, C, E und Gingko Biloba in der Behandlung von Alzheimer-Patienten eingesetzt. Ginkgo-Präparate können Begleiterscheinungen einer Demenz im Frühstadium spürbar lindern.
Nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten
Neben der medikamentösen Therapie spielen nicht-medikamentöse Behandlungen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Demenz im Frühstadium. Diese Therapien zielen darauf ab, die Lebensqualität zu verbessern, die Selbstständigkeit zu erhalten und herausfordernde Verhaltensweisen zu mildern.
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Ergotherapie
Die Ergotherapie hilft Patientinnen und Patienten im frühen und mittleren Stadium der Demenz, Alltagskompetenzen möglichst lange aufrechtzuerhalten. Gemeinsam mit der Therapeutin oder dem Therapeuten üben Betroffene Tätigkeiten wie Einkaufen, Kochen oder auch Zeitunglesen.
Physiotherapie
Durch gezieltes Training von Ausdauer, Kraft und Koordination kann die Physiotherapie Menschen mit Demenz dabei helfen, ein gesundes körperliches Aktivitätsniveau möglichst lange aufrechtzuerhalten, das Sturzrisiko im Alltag zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit bei der Bewältigung der Aktivitäten des täglichen Lebens zu stabilisieren oder gar zu verbessern.
Kognitives Training
Durch kognitives Training können Menschen mit Demenz im frühen bis mittleren Stadium ihre Wahrnehmung, ihre Lernfähigkeit und ihr Denkvermögen schulen. Einfache Wortspiele in Einzel- oder Gruppentherapie kommen dazu infrage. Auch Farben zu erkennen, Begriffe zu erraten oder Reime zu ergänzen, sind häufig gestellte Aufgaben. Gute Therapeutinnen und Therapeuten achten darauf, dass die Betroffenen dabei weder unter- noch überfordert werden.
Verhaltenstherapie
Diese Form der Therapie ist besonders für Menschen im Frühstadium einer Demenz geeignet. Unterstützt von einer Psychologin oder einem Psychologen oder einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten, lernen sie, diese Probleme zu bewältigen und mit ihrer Demenz besser umzugehen.
Biographiearbeit
Durch gezielte Gespräche mit der oder dem Betroffenen - allein oder in der Gruppe - werden mithilfe von Fotos, Büchern und persönlichen Gegenständen positive Erinnerungen an frühere Lebensabschnitte wachgerufen. Dadurch behalten Menschen mit Demenz sehr lange das Gefühl für die eigene Identität und fühlen sich im Alltag sicherer. Dieses biografische Wissen nützt auch Angehörigen und Betreuerinnen und Betreuern, um später Reaktionen und Äußerungen der oder des Betroffenen besser zu verstehen.
Realitätsorientierung
Die sogenannte Realitätsorientierung hilft in allen Stadien der Demenz, sich räumlich und zeitlich zurechtzufinden und Personen und Situationen wieder besser einzuordnen. Angehörige wie auch professionelle Betreuerinnen und Betreuer können mithilfe von Uhren, Kalendern sowie Bildern von Jahreszeiten mit den Betroffenen die zeitliche Orientierung üben. Besonders wichtig ist es, Überforderungen zu vermeiden. Wenn Wohnräume wie Bad oder Küche mit Farben gekennzeichnet sind, finden sich Menschen mit Demenz besser zurecht.
Musiktherapie
Musiktherapie kann in allen Stadien der Demenz helfen. Im Frühstadium spielt nicht nur das Hören, sondern auch das Musikmachen eine wichtige Rolle. Die Menschen mit Demenz singen gemeinsam oder benutzen Instrumente wie Trommeln, Triangel und Xylofon. Im späten Stadium kann das Hören vertrauter Melodien beruhigen und Schmerzen lindern. Musik weckt positive Erinnerungen und Gefühle.
Kunsttherapie
Bei der Kunsttherapie können sich Menschen mit Demenz neu oder wiederentdecken. Der kreative Schaffensprozess steht im Mittelpunkt. Dies aktiviert indirekt kognitive Fähigkeiten. Verloren geglaubte Fähigkeiten und vorhandene Ressourcen treten zutage; dies kann motivieren und positiv auf das Selbstwertgefühl wirken. Bei unruhigen Menschen kann die Konzentration gefördert werden.
Die Kunsttherapie arbeitet auf der nonverbalen Ebene. Sie kann einen Kommunikationsweg zwischen Menschen mit Demenz und anderen Personen darstellen. Insbesondere bei Beeinträchtigung der verbalen Kommunikation ermöglichen das Malen und Gestalten sich auszudrücken und mit der Umwelt zu kommunizieren und interagieren.
Milieutherapie
Die Milieutherapie ist in allen Stadien der Demenz sinnvoll. Sie zielt darauf ab, Wohn- und Lebensräume so umzugestalten, dass Betroffene sich darin wohlfühlen und möglichst selbstständig und selbstbestimmt leben können. Noch im späten Stadium können angenehme Materialien wie glattes Holz und weiche Stoffe sowie Düfte von bekannten Parfüms oder Lieblingsblumen positive Erinnerungen wecken und Verhaltensstörungen lindern.
Weitere Therapieansätze
- Gartentherapie: Gartentherapeutische Maßnahmen können das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz steigern und ihre soziale Interaktion fördern.
- Tiergestützte Therapie: Der Umgang mit Tieren kann eine beruhigende Wirkung haben und die non-verbale Kommunikation fördern.
- Snoezelen: Durch die Stimulation der Sinne mit angenehmen Reizen kann das Wohlbefinden gesteigert werden.
Das Alzheimer Therapiezentrum (ATZ) der Schön Klinik Bad Aibling
Das Alzheimer Therapiezentrum (ATZ) der Schön Klinik Bad Aibling bietet seit 1999 eine 3- bis 4-wöchige stationäre Behandlung für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen an. Ziel der Behandlung ist es, die Familie auf das weitere Leben mit der Demenz optimal vorzubereiten. Einzigartig an diesem Konzept ist der enge Einbezug der Angehörigen in die Therapie.
Bestandteile des Therapieprogramms:
- Erinnerungsaktivierung und Kommunikationsförderung in Gesprächsgruppen
- Entdeckung und Weiterentwicklung kreativer und gestalterischer Fähigkeiten in der Kunsttherapie
- Musikorientierte Angebote (Singen, Tanzen, Musizieren)
- Bewegungsorientierte Therapien (z. B. Gymnastikgruppen)
- Erstellung von Empfehlungen zur Alltagsgestaltung für jede Familie
- Einzelberatungen, Angehörigengruppen und gemeinsame Therapiestunden mit dem erkrankten Partner
- Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung und dem Bewahren einer positiven Lebensperspektive
Die Behandlung im ATZ ist gerade für Menschen in der frühen Phase einer Demenz sehr empfehlenswert, da durch den gezielten Aufbau von Aktivitäten oft das Selbstvertrauen gestärkt werden kann.
Tipps für den Alltag mit Demenz im Frühstadium
- Körperliche und geistige Aktivität: Regelmäßige Bewegung und geistige Anregung können den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.
- Soziale Kontakte: Ein gutes Miteinander und soziale Kontakte halten den Kopf fit und machen zufriedener.
- Gedächtnishilfen: Der Einsatz von Gedächtnishilfen kann die Selbstständigkeit im Alltag erhöhen.
- Unterstützung suchen: Nehmen Sie die Unterstützung von Angehörigen, Freunden und professionellen Helfern in Anspruch.
- Patientenverfügung: Treffen Sie rechtzeitig Vorsorgemaßnahmen und erstellen Sie eine Patientenverfügung, um Ihre Wünsche für die Zukunft festzulegen.
- Offene Kommunikation: Sprechen Sie offen über die Erkrankung und beziehen Sie Angehörige und Freunde in die Bewältigung der Situation ein.
- Wertschätzender Umgang: Pflegen Sie einen wertschätzenden Umgang mit dem Betroffenen und vermeiden Sie es, ihn zu bevormunden oder vom Alltag auszuschließen.
- Realitätsnahe Umgebung: Schaffen Sie eine realitätsnahe Umgebung mit großen Kalendern, Uhren und identitätsstiftenden Gegenständen.
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