Neurologische Notfälle stellen eine erhebliche Herausforderung in der Notfallmedizin dar. Sie umfassen ein breites Spektrum an Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems, die eine sofortige Diagnostik und Therapie erfordern. Die zugrunde liegenden Ursachen können vielfältig sein und gefäßbedingte, infektiologische, entzündliche, toxisch-metabolische oder epileptische Prozesse umfassen. Eine rasche Erkennung und Einleitung der entsprechenden Behandlung sind entscheidend, um irreversible Schäden am Nervensystem, schwere Behinderungen oder sogar den Tod zu verhindern.
Alarmierende Zustände und Notfallversorgung
Bestimmte alarmierende Zustände deuten auf gefährliche neurologische Erkrankungen hin und erfordern eine sofortige Vorstellung in einer neurologischen Notaufnahme. Dazu gehören:
- Starke, neuartige und plötzliche Kopfschmerzen
- Kopf- und Nackenschmerzen in Verbindung mit Fieber
- Starke, neuartige Rückenschmerzen mit neurologischen Ausfällen
- Plötzliche oder rasch zunehmende neurologische Ausfälle wie Lähmungen oder Taubheit
- Bewusstseinsstörungen
- Rasch zunehmende Wesensveränderungen
In Notaufnahmen sind Ärzte und Pflegepersonal speziell auf diese Situationen fokussiert und gewährleisten eine optimale Versorgung. Kritisch erkrankte neurologische Patienten werden in Schockräumen behandelt, die umfassende Möglichkeiten zur Stabilisierung bieten. Von dort aus sind Neuroradiologie, neurochirurgischer OP, Stroke Unit, TIA-Unit, Neuro-Intensivstation oder neurologische Akutstation schnell erreichbar.
Spektrum neurologischer Notfälle
Das Spektrum neurologischer Notfälle umfasst akut neu auftretende, bisher unbekannte Erkrankungen oder akute Verschlechterungen bzw. Aktivierungen bekannter Krankheiten des peripheren (Nerven, Nervenwurzeln, Übergang Nerv-Muskel, Muskeln) und zentralen (Gehirn und Rückenmark) Nervensystems. Einige besonders gefährliche neurologische Notfälle sind:
- Akuter Schlaganfall (Hirninfarkt oder Hirnblutung)
- Akute Querschnittslähmung (durch Rückenmarks-Prozess)
- Hirnhautentzündung (Meningitis)
- Hirnentzündung (Enzephalitis)
- Serie oder Dauerzustand epileptischer Anfälle (Status epilepticus)
- Diffuse Hirnfunktionsstörungen (Enzephalopathien)
Diagnostik
Am wichtigsten sind zunächst die gründliche Anamnese und die ausführliche körperliche Untersuchung durch Neurologen. Hieraus ergibt sich meist schon der entscheidende Verdacht. Zur Bestätigung genügen dann oft Labordiagnostik, Computertomografie (mit Kontrastmittel) und ggf. eine Lumbalpunktion zur Nervenwasseruntersuchung. Nur selten ist es nötig, auf Ebene der Notaufnahme eine erweiterte Diagnostik aus Doppler/Duplex-Gefäß-Ultraschall, Kernspintomografie oder EEG durchzuführen. Falls geboten, stehen all diese Verfahren aber jederzeit zur Verfügung.
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Die notfallmäßige Diagnostik und Therapie stehen in der Zentralen Notaufnahme ein direkter Zugang zu einem CT und zwei MRT durch die räumlich angegliederte Radiologie inklusive Neuroradiologie sowie Ultraschallgeräte zur Verfügung.
Therapie
Nachdem die Diagnose gestellt, die Ursachen geklärt oder zumindest eingegrenzt worden sind, wird oft schon in der Notaufnahme eine Therapie begonnen. So werden z.B. epileptische Anfälle mit Medikamenten unterbunden, Infektionen des Gehirns oder der Hirnhäute mit Antibiotika behandelt oder Schlaganfälle durch Gefäßeröffnungen mittels gerinnselauflösendem Medikament oder Katheter behandelt. In manchen kritischen Fällen ist es v.a. geboten, die Patient*innen schnell auf die Stroke Unit oder Neuro-Intensivstation zu verlegen.
Essenzieller Bestandteil der Akuttherapie bei ischämischem Schlaganfall ist die intravenöse Thrombolyse. Viele Patienten mit Hirninfarkt können in der Notfallambulanz mit dieser hochwirksamen Therapie behandelt werden. Betrifft der Verschluss ein großes, proximal gelegenes Hirngefäß, existiert mit der Thrombektomie eine weitere, sehr wirksame Therapieoption. Dieser Eingriff wird nach Indikationsstellung in der Notaufnahme durch die Neuroradiologische Abteilung durchgeführt.
Priorisierung und interdisziplinäre Zusammenarbeit
Aufgrund des erheblichen Andrangs in der Zentralen Notaufnahme sind Priorisierungen und Wartezeiten mitunter notwendig. Die meisten Patienten mit echten neurologischen Notfällen werden auf die passendste Station verlegt und dort optimal weiterbehandelt. Wenn eine Ursache auf einem anderen Fachbereich erkannt wird, werden die Patienten noch in der Notaufnahme von diesen Kollegen übernommen.
Optimale interdisziplinäre Behandlungsabläufe für lebensbedrohliche Erkrankungen wie dem Schlaganfall sowie die qualifizierte Weiterversorgung auf einer zertifizierten Schlaganfallspezialeinheit („Stroke Unit“) sind fest etabliert. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Kolleginnen der Neurochirurgie und die räumliche Nähe der Zentralen Notaufnahme zum OP-Zentrum sowie den angegliederten Intensivstationen ist für die schnelle Versorgung von Patientinnen, insbesondere mit Hirnblutungen, von Vorteil.
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Neurologische Notfallmedizin in Deutschland
In deutschen Notaufnahmen (Zentralen Notaufnahmen, ZNA) machen neurologische Notfälle einen erheblichen Anteil der Patienten aus. Schätzungen zufolge betreffen sie etwa 15% der Notfälle, wobei viele dieser Zustände akute Situationen sind, die eine schnelle und gezielte Behandlung erfordern.
Häufige neurologische Notfälle in der Notaufnahme
Einige der häufigsten neurologischen Notfälle, die Patienten in die Notaufnahme führen, sind:
- Akute Kopfschmerzen: Plötzlich auftretende, sehr starke Kopfschmerzen können auf eine Vielzahl von Ursachen hinweisen, von Migräne bis hin zu Hirnblutungen.
- Akuter Schwindel: Schwindel kann durch verschiedene Ursachen bedingt sein, von harmlosen Gleichgewichtsstörungen bis hin zu schwerwiegenden Erkrankungen wie einem Schlaganfall.
- Akute Lähmungen: Eine plötzliche Schwäche oder Lähmung eines Körperteils kann auf eine neurologische Störung wie einen Schlaganfall oder eine TIA hinweisen.
- Akuter Bewusstseinsverlust: Der plötzliche Verlust des Bewusstseins kann auf eine verminderte Blutzufuhr zum Gehirn oder eine akute Schädigung des Gehirns hindeuten.
- Akute Rückenschmerzen: Akute Rückenschmerzen sind ein häufiger Grund zum Aufsuchen der Notfallambulanz.
- Akutes Querschnittssyndrom: Das akute Querschnittssyndrom (aQS) ist ein „klassischer“ neurologischer Notfall. Die sofortige Abklärung muss erzwungen werden. Eine unzureichende oder verspätete Diagnostik kann eine lebenslange Behinderung zur Folge haben oder, bei hohem Querschnitt, zu einer vitalen Gefährdung des Patienten führen.
Behandlungsprozess in der Notaufnahme
Die medizinische Behandlung neurologischer Notfälle in einer Zentralen Notaufnahme (ZNA) erfolgt in mehreren Schritten:
- Anamnese: Der Arzt befragt den Patienten oder seine Angehörigen, um mehr über die Symptome, deren Beginn, Verlauf und mögliche Risikofaktoren zu erfahren.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt führt neurologische Tests durch, um Reflexe, Muskelkraft, Sensibilität und Koordination zu überprüfen.
- Apparative Diagnostik: Moderne bildgebende Verfahren wie CT oder MRT kommen zum Einsatz, um strukturelle Veränderungen im Gehirn zu erkennen. Auch Blutuntersuchungen werden häufig durchgeführt.
Rolle der Telemedizin
Die Telemedizin spielt eine zunehmend wichtige Rolle in der neurologischen Notfallversorgung, insbesondere in der Schlaganfallversorgung. Telemedizinische Netzwerke ermöglichen die Behandlung schwer erkrankter Schlaganfallpatienten auch in Krankenhäusern, die nicht über die notwendigen Ressourcen verfügen.
Interdisziplinäre Notaufnahmen
Interdisziplinäre Notaufnahmen haben sich in Deutschland erst seit ca. 2017 etabliert. Ursache ist die sektorale Abgrenzung zwischen ambulanter und stationärer Notfallversorgung.
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Seltenere neurologische Erkrankungen in der Notfallmedizin
Auch seltenere neurologische Erkrankungen können in der Notfallmedizin relevant sein. Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist eine ausreichende Kenntnis der Erkrankung selbst.
Fazit
Die neurologische Notfallmedizin ist ein anspruchsvolles Feld, das eine schnelle und präzise Diagnostik sowie eine zielgerichtete Therapie erfordert. Durch die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche und den Einsatz moderner Technologien kann die Versorgung von Patienten mit neurologischen Notfällen kontinuierlich verbessert werden. Die rasche Erkennung und Behandlung neurologischer Notfälle ist entscheidend, um schwerwiegende Folgeschäden zu verhindern und die Lebensqualität der betroffenen Patienten zu bewahren.
Universitätsklinikum Rostock: Neurologische Notaufnahme im UNZ
Seit dem 1. März 2023 ist die Neurologische Notaufnahme in der Zentralen Notaufnahme, die Schlaganfallstation (Stroke Unit; Station N2/N2S) und die Neurologische Intensivstation (Station N1) im Universitären Notfallzentrum (UNZ) auf dem Campus Schillingallee zu finden. Alle neurologischen Notfallpatienten werden dann ausschließlich im UNZ erstversorgt. Die räumliche Nähe zu den anderen Fachgebieten ist ein wesentliches Plus für die Patientenversorgung und wird die Abläufe der Akutversorgung neurologischer Patienten maßgeblich verbessern und beschleunigen.
Notfallversorgung in Dortmund
Eine Praxis für neurologische Notfallversorgung in Dortmund bietet eine Anlaufstelle für die Abklärung und Behandlung leichter neurologischer Notfälle. Es wird darauf hingewiesen, dass keine Fachärzte für Neurologie vorhanden sind und bei Verdacht auf Schlaganfall oder Herzinfarkt sofort der Rettungsdienst gerufen werden muss.
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