Kopfschmerzen, insbesondere Spannungskopfschmerzen und Migräne, stellen ein zunehmendes Problem bei Kindern und Jugendlichen dar. Studien schätzen, dass bis zu 60 Prozent der Schulkinder unter Kopfschmerzen leiden, wobei etwa 8 bis 10 Prozent von Migräne betroffen sind. Mädchen sind dabei deutlich häufiger betroffen als Jungen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und verschiedene Behandlungsansätze von Kopfschmerzen und Migräne bei Kindern und Jugendlichen.
Häufigkeit und Ursachen von Kopfschmerzen bei Kindern
Die Kopfschmerzprävalenz wird bei Schulkindern allgemein auf bis zu 60 Prozent geschätzt; bezogen auf Migräne gehen Wissenschaftler von etwa 8 bis 10 Prozent aus. Mädchen sind fünf Mal häufiger von Kopfschmerzen insgesamt und sogar sieben Mal häufiger von Migräne betroffen. In der Gruppe der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 27 Jahren nahmen die Diagnosen Migräne und Spannungskopfschmerz im Zeitraum von 2005 bis 2015 um 50 Prozent zu.
Die Gründe für diesen Anstieg sind vielfältig. Junge Menschen stehen heute unter höherem Druck, Entwicklungsschritte zu meistern. Der Wechsel auf eine weiterführende Schule wird oft als sehr stressvoll erlebt. Die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre führt zudem dazu, dass junge Menschen früher vor der Entscheidung stehen, was sie im Leben machen wollen.
Weitere mögliche Ursachen und auslösende Faktoren sind:
- Stress: Sowohl schulischer als auch Freizeitstress kann Kopfschmerzen auslösen.
- Bewegungsmangel: Studien zeigen, dass die Zunahme von Kopfschmerzen bei Kindern eng mit einem Bewegungsmangel verknüpft ist.
- Medienkonsum: Häufiges Fernsehen, Computerspiele und ein hoher Termindruck können Migräneanfälle auslösen.
- Ernährung: Ein plötzlicher Wechsel in der Ernährung und im Essverhalten ist zu vermeiden.
- Umweltfaktoren: Hohe Luftfeuchtigkeit, Hitze, Wetterveränderungen, schlechte Luft, starke Gerüche, veränderte Lichtverhältnisse und Lärm können körperlichen Stress verursachen.
- Äußerer Druck: Kopfschmerzen können auch durch äußeren Druck ausgelöst werden.
- Sport: Exzessive Sportaktivitäten können ebenfalls zu Migräneanfällen führen.
Primäre und sekundäre Kopfschmerzarten
Wie bei Erwachsenen unterscheidet man auch bei Kindern und Jugendlichen primäre und sekundäre Kopfschmerzarten. Während bei den am häufigsten auftretenden primären Formen die Kopfschmerzen selbst die Erkrankung darstellen, sind sekundäre Kopfschmerzen die Begleiterscheinung einer anderen Krankheit. Die wichtigsten primären Kopfschmerzarten im Kindes- und Jugendalter sind Migräne und Spannungskopfschmerzen. Sekundäre Kopfschmerzen entstehen bei strukturellen Läsionen des Gehirns und spielen eine untergeordnete Rolle. Ebenso gehört der sogenannte Schmerzmittel-Kopfschmerz zu den sekundären Formen.
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Migräne bei Kindern
Die Prävalenz der Migräne im Kindes- und Jugendalter liegt je nach Altersstufe zwischen circa 2 bis 10 Prozent und steigt, je älter die Kinder werden. Die Schmerzen, die die Kinder nicht unbedingt als pulsierend empfinden, treten oft beidseitig und auch im Stirnbereich auf. Durch Bewegung und Aktivität wird der Schmerz schlimmer. Eine Besonderheit der kindlichen Migräne ist die kürzere Attackendauer. Häufig wird Migränekopfschmerz von vegetativ autonomen Symptomen wie Tachykardie, Blässe, Durst, Appetit oder Appetitlosigkeit, Harndrang, Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Apathie, Ausfluss aus der Nase, Tränenfluss oder Diarrhö begleitet.
Migräne bei Kindern beginnt aber nicht erst beim Symptom Kopfschmerzen. Auch Beschwerden wie Koliken im Säuglingsalter, kindliche Reisekrankheit, paroxysmaler Schwindel oder die sogenannte abdominelle Migräne, die sich nur mit Magen-Darm-Beschwerden äußert, zählen zum Formenkreis Migräne. Kinder mit diesen auch als Migräne-Vorstufe oder Migräne-Äquivalent bezeichneten Störungen weisen in der Symptomatik vorerst keine Kopfschmerzen auf.
Migräne ist eine anfallsweise Erkrankung, die von 4 Stunden bis zu 3 Tagen auftreten kann. Bei Kindern können Migräneattacken auch kürzer auftreten und nur 2-3 Stunden dauern. Am häufigsten beginnen die Kopfschmerzen am Morgen nach dem Aufwachen. Sie klingen dann meist bis zum späten Vormittag ab. Die Kopfschmerzen haben einen pulsierenden, pochenden Charakter. Die Schmerzintensität ist sehr stark. Die Schmerzen können einseitig auftreten. An Begleitsymptomen treten Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit auf. Die Migräneattacken können durch neurologische Symptome eingeleitet werden, die sogenannte Aura.
Spannungskopfschmerzen bei Kindern
Die zweite wichtige primäre Kopfschmerzart, der Spannungskopfschmerz, tritt bei Kindern unter zehn Jahren nur selten auf. Ab dem 15. Lebensjahr ist sie allerdings das häufigste Kopfschmerzleiden. Zu den Merkmalen zählen wie bei Erwachsenen drückende Schmerzen des gesamten Kopfs, besonders im Nackenbereich, die weniger stark als bei Migräne sind.
Der Kopfschmerz vom Spannungstyp ist ein beidseitiger dumpf-drückender Kopfschmerz. Die Schmerzintensität ist schwach bis mittelstark. Die Dauer beträgt 30 Minuten bis zu 7 Tage. Die übliche Tätigkeit wird zwar behindert, jedoch nicht unmöglich gemacht. Lärm- oder Lichtüberempfindlichkeit können bestehen, Übelkeit oder Erbrechen treten typischerweise nicht auf.
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Warnzeichen und wann ein Arzt aufgesucht werden sollte
In seltenen Fällen können Kopfschmerzen ein Signal für ernste und gefährliche Krankheiten sein, etwa Kopfverletzungen nach einem Sturz oder Unfall, eine akute Blutung oder ein Schlaganfall. Weitere Warnzeichen (jenseits des Kleinkindalters) sind Nackensteife, ungewohnt starkes Erbrechen, starke Benommenheit und Schläfrigkeit, das erstmalige Auftreten eines Krampfanfalls oder von neurologischen Symptomen wie Seh- und Sprachstörungen, Schwäche in Armen und Beinen oder Gangunsicherheit. Eine ärztliche Abklärung ist auch erforderlich, wenn bei einem Kind Aura-Symptome ohne migränetypische Kopfschmerzen auftreten.
Treten Kopfschmerzen bei Kindern neu auf, sollte immer ein Arzt konsultiert werden, der dann eine präzise Diagnose der Kopfschmerzformen erstellt. Diese genaue Diagnose ist Voraussetzung für die weitere Behandlung der Kopfschmerzen. Kopfschmerzen sollten jedoch auch dann einer ärztlichen Behandlung unterzogen werden, wenn das bisherige Therapiekonzept nicht mehr greift. Eine Untersuchung ist auch dann notwendig, wenn neue Symptome auftreten, die Kopfschmerzen häufiger werden, das Auftretensmuster sich ändert oder wenn es ungewohnte Begleitsymptome gibt. Treten Kopfschmerzen auf, die plötzlich ganz anders sind als zuvor, sollte dringend ein Arzt aufgesucht werden. Dies gilt auch, wenn Symptome wie z.B.
Diagnose von Kopfschmerzen bei Kindern
Die Diagnose kann bei Kindern erschwert sein, da vor allem die Kleinen noch keine klaren sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten etwa für Migräneattacken haben. Bei Kleinkindern kann bei einer Migräneattacke das Alice-im-Wunderland-Syndrom auftreten. Als Alice-im-Wunderland-Syndrom bezeichnet man eine verzerrte, für Kinder oft angstmachende und irritierende Wahrnehmung der Umgebung. Dinge und Körper erscheinen plötzlich im Verhältnis zu sich selbst und dem Raum zu groß oder zu klein oder bewegen sich auf unnormale Weise. Es werden auch Gefühlsstörungen in Händen und Armen, Sprachstörungen, Störungen der taktilen Wahrnehmung sowie visuelle Störungen, etwa Flimmersehen oder Lichtblitze vor den Augen, beschrieben. Begleitend können Kopf- und Bauchschmerzen oder Übelkeit auftreten.
Für die Diagnose und das Aufspüren von Triggerfaktoren kann ein Kopfschmerztagebuch hilfreich sein. In dem Tagebuch hält der Nachwuchs oder seine Eltern fest, wann die Beschwerden in welchem Schweregrad auftreten, wie lange sie anhalten und welche Ereignisse ihnen vorausgegangen sind. Es reiche, das Tagebuch erst einmal eine Woche lang zu führen, keinesfalls über Monate hinweg.
Behandlung von Kopfschmerzen bei Kindern
Die Kopfschmerztherapie bei Kindern soll sich nicht auf die Behandlung von Symptomen und kritischen Krankheitszuständen beschränken. Es gibt verschiedene Ansätze zur Behandlung von Kopfschmerzen bei Kindern, die sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Maßnahmen umfassen.
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Nicht-medikamentöse Behandlung
Eine wichtige Rolle kommt der nicht-medikamentösen Vorbeugung zu. Empfehlenswert sind regelmäßige Nahrungsaufnahme und ausreichendes Nahrungsangebot, individuelles »Gewusst-Wie« bei Anstrengung und Stress, regelmäßige Schlafenszeiten und kluger, nicht einfach konsumierender Umgang mit Medien. Vermeiden von identifizierten Auslösern, ausgewogener Tagesablauf, ausreichend Ruhepausen: Das kann die Apotheke den Kindern ebenso empfehlen wie regelmäßige sportliche Betätigung sowie Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Fantasiereisen.
- Information und Wissen: Gerade bei Kindern sind Information, Wissen und verhaltensmedizinische Maßnahmen die wichtigsten Therapiesäulen.
- Vermeidung von Stress: Ein wichtiger Auslöser von Migräneanfällen bei Kindern sind körperliche Überanstrengung und Stress. Solche Faktoren können immer dann wirken, wenn Kinder z.B. zu lange oder zu kurz schlafen.
- Ernährung: Auch ein plötzlicher Wechsel in der Ernährung und im Essverhalten ist zu vermeiden.
- Umwelt: Aber auch äußere Faktoren, die man nur schlecht selbst beeinflussen kann, können körperlichen Stress verursachen. Dazu zählen eine hohe Luftfeuchtigkeit bei schwülem Wetter, große Hitze, plötzliche Wetterveränderungen, schlechte Luftverhältnisse durch wenig belüftete Räume, starke Gerüche, plötzlich veränderte Lichtverhältnisse, Lärm oder Windzug.
- Sport: Exzessive Sportaktivitäten können ebenfalls zu Migräneanfällen führen. Die Kinder sollten möglichst auf Sportarten ausweichen, bei denen eine sehr schnelle Veränderung der körperlichen Aktivität nicht erforderlich ist.
- Digitale Medien und TV: Häufiges Fernsehen mit Aufnahme der oft aggressiven und belastenden Inhalte, Computerspiele, das lange Verweilen am Gameboy, aufpeitschende Musik und viele Termine im Zeitprogramm sind bei Kindern oft Alltag. All dies kann Migräneanfälle auslösen.
- Licht: Auch ständig wechselnde Veränderungen der Lichtverhältnisse sollten vermieden werden. Dazu zählt auch der - oft gut gemeint - platzierte Schreibtisch vor einem Fenster. Die ständige Anpassung an die Hell-Dunkel-Situation ist ein permanenter Stressfaktor für das Nervensystem und kann Migräneattacken auslösen.
Bei Spannungskopfschmerzen sind nicht-medikamentöse Maßnahmen Mittel der Wahl. Oft reichen schon etwas Bewegung und frische Luft, um Erleichterung zu verschaffen.
Medikamentöse Behandlung
Viele Eltern sind verunsichert, wann und wie oft sie ihrem Kind Schmerzmittel geben sollen. Entscheidend ist, die Medikamente gleich ausreichend hoch zu dosieren, um die Schmerzen schnell und effektiv zu bekämpfen. Eine Alternative, die sich in Studien als etwas weniger wirksam erwiesen hat und daher nur als Mittel zweiter Wahl gilt, ist Paracetamol (15 mg/kg KG). Jugendliche ab dem zwölften Lebensjahr können auch Acetylsalicylsäure (als Einzeldosis 500 bis 1000 mg) einnehmen. Bei Jugendlichen ab zwölf Jahren können bei Migräne auch Sumatriptan oder Zolmitriptan als Nasenspray eingesetzt werden. Das Apothekenteam sollte darauf hinweisen, dass Kinder Arzneimittel, vor allem Triptane, nur nach Absprache mit dem behandelnden Arzt anwenden sollten. Keinesfalls sollten Eltern dem Nachwuchs ihr eigenes Migränemedikament geben.
Bei chronischen, also fast täglich auftretenden Schmerzen sind Analgetika kontraindiziert, um eine Chronifizierung zu verhindern.
Der Nutzen einer medikamentösen Vorbeugung ist hingegen unklar. Anfang dieses Jahres zeigte eine Studie, dass Amitriptylin in einer Dosis von 1 mg/kg KG täglich und Topiramat in der Dosis von 2 mg/kg KG täglich in der Prophylaxe von Migräneepisoden bei Patienten im Alter von acht bis 17 Jahren nicht wirksamer sind als Placebo. Ist eine medikamentöse Prophylaxe erforderlich, kann der Arzt (off label bei Kindern) Betablocker wie Propranolol oder Flunarizin erproben und nach drei bis sechs Monaten den Nutzen überprüfen. Bei dem Calcium-Antagonisten ist das Nebenwirkungsprofil zu beachten. Ziel der Prophylaxe ist es, die Attackenstärke und -häufigkeit soweit zu reduzieren, dass das Kind seinen Alltag mitsamt Schulbesuch wieder bewältigen kann.
Alternative Ansätze
Klagen die Kindern nur über leichtes Unwohlsein, können Eltern es zunächst mit nicht-medikamentösen Maßnahmen versuchen. Zu empfehlen ist, das Kind in einen abgedunkelten Raum zu bringen und es von Reizen abzuschirmen. Ein kalter Waschlappen zur Kühlung auf die Stirn gelegt, kann angenehm sein. Auch einige Tropfen Pfefferminzöl an Schläfe, Scheitel und Nacken tun gut. Dabei sollten sich die Eltern zunächst vergewissern, dass ihr Nachwuchs den Geruch des Öls als angenehm empfindet. Wenn das Kind mag, kann es ein Glas kaltes Wasser trinken.
Schulvermeidung verhindern
Experten fordern auf, diese Herangehensweise zu überdenken. So kann unter Umständen eine Schulvermeidung verhindert werden.
Interdisziplinäre Konzepte
Haben Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen erst einmal Einschränkungen des Alltages zur Folge, bedarf es interdisziplinärer Konzepte - wie etwa dem Dresdner Kinderkopfschmerzprogramm (DreKiP). Es handelt sich um ein Gruppentherapieprogramm, das aus acht unterschiedlichen Modulen besteht.
Auswirkungen von Kopfschmerzen auf die Lebensqualität
Die häufigen Kopfschmerzen können die Kinder und Jugendlichen erheblich belasten und ihre Lebensqualität signifikant beeinträchtigen. Durch wiederholtes Fehlen können sie den Anschluss im Unterricht verlieren; es droht ein allgemeiner Leistungsabfall, womöglich auch das Wiederholen einer Klasse. Betroffene Kinder könnten zudem gefährdet sein, Drogen auszuprobieren. Sie werden von der Hoffnung getrieben, dass die illegalen Mittel die Schmerzen zumindest kurzzeitig ausschalten.
Migräne erweist sich als eine der Hauptursachen für gesundheitliche Einschränkungen bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen. Die Betroffenen beschreiben Beeinträchtigungen der schulischen Leistungen und der allgemeinen Schulfähigkeit, emotionale Belastungen sowie soziale Isolation im Alltag. Sie zeigten für Jugendliche mit Migräne im Verlauf von 10 Jahren ein 2,1-fach höheres Risiko für stressbedingte, auch somatoforme Störungen und ein 1,6-fach höheres Risiko für Rückenschmerzen.
Forschung und zukünftige Entwicklungen
Die DMKG nimmt den Kopfschmerztag 2024 zum Anlass, das Bewusstsein für die zunehmende Problematik von Migräne und Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen zu schärfen. Diagnostik und Therapie werden nicht konsequent verfolgt, passende Behandlungsmöglichkeiten sind zu wenig vorhanden. Die Forschung zu kinder- und jugendspezifischen Therapieansätzen muss intensiviert und multimodale Behandlungsansätze wie z. B. das Dresdner Kinderkopfschmerz-Programm (DreKiP) müssen in Deutschland flächendeckend angeboten werden.