Schlaganfallbehandlung: Physiotherapeutische Methoden im Überblick

Ein Schlaganfall ist ein einschneidendes Ereignis, das das Leben der Betroffenen von einem Tag auf den anderen verändern kann. Neben der medizinischen Notfallversorgung spielt die physiotherapeutische Behandlung eine entscheidende Rolle bei der Rehabilitation und der Wiederherstellung verlorener Funktionen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene physiotherapeutische Methoden, die bei der Behandlung von Schlaganfallpatienten eingesetzt werden.

Schlaganfall: Ursachen und Folgen

Ein Schlaganfall (Apoplex, Hirninfarkt, Hirnschlag, Hirnembolie) tritt meist ohne Vorwarnung auf. Ursächlich hierfür ist eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns, die entweder durch ein Blutgerinnsel (ischämischer Schlaganfall) oder eine Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) verursacht wird. Infolge des Sauerstoffmangels sterben Gehirnzellen ab, was zu vielfältigen Beeinträchtigungen führen kann.

Zu den häufigsten Folgen eines Schlaganfalls gehören:

  • Lähmungen (Hemiparese oder Hemiplegie)
  • Sprachstörungen (Aphasie)
  • Gangstörungen und Gleichgewichtsprobleme
  • Sehstörungen
  • Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten
  • Verlust motorischer Fähigkeiten

Etwa 70 Prozent der Betroffenen erleiden Folgeschäden, was die Bedeutung einer frühzeitigen und effektiven Rehabilitation unterstreicht.

Bedeutung der Physiotherapie nach einem Schlaganfall

Die Physiotherapie ist ein wichtiger Baustein in der Schlaganfallbehandlung, um Folgeschäden und Einschränkungen möglichst gering zu halten. Sie sollte möglichst früh, idealerweise bereits in der Klinik, beginnen und nach dem Krankenhausaufenthalt ambulant fortgesetzt werden. Durch gezielte Übungen und therapeutische Maßnahmen wird die Neuroplastizität des Gehirns gefördert, also dessen Fähigkeit, neue Verbindungen zu bilden und Funktionen neu zu erlernen oder zu kompensieren.

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Die Ziele der Physiotherapie nach einem Schlaganfall sind vielfältig:

  • Stärkung der Muskulatur
  • Verbesserung der Bewegungskoordination
  • Förderung der Gelenkbeweglichkeit
  • Management von Spastiken
  • Verbesserung von Körperwahrnehmung und Gleichgewicht
  • Erlernen von Alltagsaktivitäten
  • Steigerung der Selbstständigkeit und Teilhabe am sozialen Leben

Physiotherapeutische Behandlungskonzepte und Methoden

In der Physiotherapie stehen verschiedene Konzepte und Methoden zur Verfügung, die individuell auf die Bedürfnisse und Einschränkungen des Patienten abgestimmt werden. Zu den gängigsten Therapieansätzen gehören:

Bobath-Konzept

Das Bobath-Konzept ist ein weltweit anerkanntes, ganzheitliches und alltagsorientiertes Therapiekonzept zur Behandlung von Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall. Es basiert auf der Annahme, dass das Gehirn auch nach einer Schädigung in der Lage ist, neue Bewegungsmuster zu erlernen. Ziel ist es, abnormale Haltungsmuster und Bewegungsabläufe zu hemmen und normale Bewegungen zu fördern.

Besonderes Merkmal des Bobath-Konzeptes ist das 24-Stunden-Konzept: Der Behandlungsansatz beschränkt sich nicht nur auf eine spezielle Therapieform, wie z.B. die Physiotherapie, sondern bezieht alle beteiligten Personen mit ein, d.h. der Betroffene, das multidisziplinäre Team (Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Ärzte, Logopädie, Neuropsychologie, Hol- und Bringdienste, etc.) und die Angehörigen, führen die "Therapie" jeden Tag bei jeder Aktivität im Alltag oder während der Rehabilitation interaktiv über die 24 Stunden des Tages fort.

Im Rahmen des Bobath-Konzepts werden Bewegungen durch gezielte Stimulation und Unterstützung trainiert. Der Therapeut unterstützt den Patienten dabei, die Kontrolle über seine Bewegungen wiederzuerlangen und die betroffene Körperseite in alltägliche Aktivitäten zu integrieren.

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Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF)

PNF ist eine funktionelle Behandlungsmethode, die darauf abzielt, komplexe Bewegungsabläufe zu bahnen und in ihrer Effektivität zu verbessern. Sie basiert auf der Annahme, dass jeder Mensch ungenutzte Bewegungsreserven besitzt, deren Einsatz gefördert werden kann. Durch äußere und innere Reize wird die Zusammenarbeit zwischen Nerven und Muskeln verbessert, was zu einer gesteigerten Koordination und Bewegungsfähigkeit führt.

Behandlungsgrundlage von PNF sind definierte Bewegungsmuster (Pattern), die sich an Alltagsfunktionen orientieren. Sie sind synergistisch, spiralförmig und 3-dimensional und beziehen sich auf Schulter- und Hüftgelenk. Die Behandlung selbst erfolgt in diesen Mustern und mit spezifischen Techniken.

Vojta-Therapie

Die Vojta-Therapie aktiviert im Gehirn vorhandene, angeborene Bewegungsmuster durch gezielte Druckstimulation bestimmter Körperpunkte. Diese Stimulation löst reflektorische Bewegungsmuster aus, die die Muskel- und Nervenfunktionen anbahnen und die allgemeine Beweglichkeit verbessern. Die Vojta-Therapie kann besonders in der Frühphase der Rehabilitation eingesetzt werden, um Haltungskontrolle und Motorik positiv zu beeinflussen.

Aufgabenorientiertes Training (AOT)

Aufgabenorientiertes Training kommt unter anderem für Menschen mit grob- und feinmotorischen Störungen infrage, wie sie zum Beispiel bei einer halbseitigen Lähmung auftreten. Ziel ist es, die einzelne Bewegungsabläufe zu verbessern. Dies kann sich auf den Gang beziehen, aber auch auf Arm- und Handbewegungen. Beim AOT orientiert sich das Training an einem konkreten Alltagsbezug der Übungen. Das kann dabei unterstützen, dass das Gelernte direkt im Alltag eingesetzt werden kann.

Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT)

Die Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT), auch bekannt als Bewegungsinduktionstherapie, ist eine spezielle Therapieform für Schlaganfallpatienten mit einem "erlernten Nicht-Gebrauch" des betroffenen Arms. Dabei wird der nicht-betroffene Arm für einen bestimmten Zeitraum immobilisiert, um den Patienten zu zwingen, den betroffenen Arm im Alltag einzusetzen. Ziel ist es, den verstärkten Einsatz des betroffenen Arms im Alltag zu fördern und die spontane Nutzung wieder anzubahnen.

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Elektrostimulation

Die Elektrostimulation wird eingesetzt, um die Muskelaktivität und die Signalweiterleitung zwischen Gehirn und Muskeln zu verbessern. Durch elektrische Impulse werden Nerven und Muskeln stimuliert, was zu einer Kontraktion der Muskeln führt. Es gibt verschiedene Formen der Elektrostimulation, wie die neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES), die EMG-getriggerte Elektrostimulation (EMG-ES) und die funktionelle Elektrostimulation (FES).

Spiegeltherapie

Bei der Spiegeltherapie betrachtet der Patient im Spiegel die Bewegung seiner nicht gelähmten Hand. Durch den Blick in den Spiegel sieht diese Bewegung so aus als würde sich seine gelähmte Hand ganz normal bewegen. Dies kann dazu beitragen, die Aktivität im Gehirn anzuregen und die Funktion der betroffenen Hand zu verbessern.

Laufbandtraining

Das Laufbandtraining ist eine effektive Methode zur Verbesserung der Gehfähigkeit und Ausdauer nach einem Schlaganfall. Bei Bedarf kann ein Gurtsystem eingesetzt werden, um das Körpergewicht zu verringern und die Bewegung zu erleichtern. Zusätzlich kann die Elektrostimulation eingesetzt werden, um bestimmte Muskeln gezielt anzusteuern und die Spastik zu reduzieren.

Robotik-gestützte Therapie

Arm-Therapie-Roboter können je nach Bauart Schulter- und Ellenbogen-Bewegungen, Unterarm- und Handgelenksbewegungen oder Fingerbewegungen mechanisch unterstützen. Die Arm-Therapie-Roboter erkennen, welchen Anteil an Bewegungen der Betroffene schon selbst ausführen kann und ergänzen den Rest der Trainingsbewegungen. Mit ihnen können Betroffene mit sehr hohen Wiederholungsraten die gezielte Bewegungsfähigkeit in den einzelnen Armabschnitten trainieren und verbessern.

Weitere Therapieansätze

Ergänzend zu den genannten Methoden können auch andere Therapieansätze in der Schlaganfallrehabilitation eingesetzt werden, wie z.B.:

  • Manuelle Therapie
  • Manuelle Lymphdrainage
  • Sensible Stimulation
  • Akupunktur
  • Mentales Training

Ambulante, stationäre oder häusliche Therapie?

Nach der Akutbehandlung im Krankenhaus stellt sich die Frage, welche Therapieform am besten geeignet ist. Grundsätzlich stehen drei Optionen zur Verfügung:

  • Stationäre Rehabilitation: In spezialisierten Reha-Kliniken arbeiten Patienten mehrere Wochen intensiv an ihrer Genesung.
  • Ambulante Rehabilitation: Die Behandlung erfolgt wohnortnah in Praxen und ist sinnvoll bei leichteren Einschränkungen oder nach einer stationären Reha.
  • Häusliche Rehabilitation: Für stark beeinträchtigte Patienten sind Hausbesuche oft die beste Lösung. Eine mobile Physiotherapie bringt die notwendige Behandlung direkt ins vertraute Umfeld.

Die Wahl der Therapieform hängt von der Schwere des Schlaganfalls, den individuellen Bedürfnissen des Patienten und den vorhandenen Ressourcen ab.

Die Rolle des Physiotherapeuten

Physiotherapeuten spielen eine Schlüsselrolle in der Schlaganfallrehabilitation. Sie erstellen individuelle Therapiepläne, führen die Behandlungen durch und passen sie kontinuierlich an den Fortschritt des Patienten an. Darüber hinaus motivieren und unterstützen sie die Patienten, helfen ihnen bei der Alltagsintegration und beraten Angehörige.

Langfristige Behandlung und Genesungsprozess

Die Schlaganfallrehabilitation ist ein langfristiger Prozess, der Geduld und Ausdauer erfordert. Auch viele Jahre nach dem Schlaganfall können noch Verbesserungen erzielt werden. Eine kontinuierliche physiotherapeutische Begleitung hilft, Muskelatrophie zu verhindern, die Bewegungsfähigkeit zu verbessern und die Selbstständigkeit zu stärken.

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