Eine spastische Lähmung, oft auch als Spastik oder Spastizität bezeichnet, ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom, das durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS) verursacht wird. Diese Schädigung führt zu einer krankhaft erhöhten Muskelspannung (Muskeltonus), die unkontrollierbare Muskelaktivität und dauerhafte Fehlstellungen von Gelenken in Armen und Beinen zur Folge haben kann. Dies wiederum führt zu Bewegungseinschränkungen, die als spastische Lähmung bekannt sind. Die Symptome können von leichten Beeinträchtigungen bis hin zu starken körperlichen Einschränkungen reichen und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Ursachen der Spastik
Die Ursache einer Spastik liegt immer in einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), also des Gehirns oder des Rückenmarks. Hierbei sind die Nervenbahnen betroffen, die das Gehirn mit dem Rückenmark verbinden und die Muskulatur des Körpers versorgen. Diese Nervenbahnen steuern unsere Bewegungen, indem sie Signale an die Skelettmuskulatur senden, um diese zu aktivieren oder zu entspannen. Bei einer Schädigung dieser Nervenbahnen kann die Feinabstimmung zwischen Muskelanspannung und Muskelentspannung gestört werden, was zu einer dauerhaften Erregung der Muskeln führt.
Häufige Ursachen für eine solche Schädigung sind:
- Hirninfarkt (Ischämischer Schlaganfall): Plötzliche Unterbrechung der Sauerstoff- und Glukoseversorgung des Gehirns.
- Frühkindliche Hirnschädigung: Sauerstoffmangel während der Geburt, wenn das Neugeborene nicht ausreichend über die Nabelschnur versorgt wird.
- Hirnblutung: Blutung im Gehirn, die zu Schädigungen der Nervenzellen führt.
- Tumore in Gehirn oder Rückenmark: Druck auf das umliegende Gewebe und Schädigung der Nervenbahnen.
- Multiple Sklerose (MS): Autoimmunerkrankung, die die schützende Myelinschicht um die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark angreift.
- Entzündungen im Bereich des zentralen Nervensystems (Meningitis, Myelitis, Enzephalitis): Entzündungen, die zu Schädigungen der Nervenzellen führen.
- Zerebralparese: Schädigung des sich entwickelnden Gehirns vor, während oder kurz nach der Geburt.
- Schädel-Hirn-Trauma: Verletzung des Gehirns durch äußere Gewalteinwirkung.
- Hereditäre spastische Spinalparalyse (HSP): Erbliche neurodegenerative Erkrankung, bei der sich Nervenzellen im Rückenmark fortschreitend abbauen.
Formen der Spastik
Je nach betroffener Körperregion und Ausmaß der Lähmung werden verschiedene Formen der Spastik unterschieden:
- Hemispastik: Arm und Bein einer Körperseite sind von der Lähmung betroffen.
- Paraspastik: Beide Beine sind von der Lähmung betroffen.
- Tetraspastik: Beide Beine und Arme sind von der Lähmung betroffen.
- Monospastik: Nur ein Arm oder ein Bein ist betroffen.
- Fokale Spastik: Die Spastik ist lokal begrenzt auf einzelne Muskeln oder Muskelgruppen.
- Generalisierte Spastik: Die Spastik betrifft den ganzen Körper.
Sofern eine Lähmung nicht vollständig ausgeprägt ist, sondern eher im Sinne einer Kraftminderung und Bewegungseinschränkung auftritt, wird hierfür auch der Begriff Parese verwendet.
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Symptome der Spastik
Die Symptome einer Spastik sind vielfältig und hängen von der Lokalisation und dem Ausmaß der Schädigung im Gehirn ab. Typische Symptome sind:
- Erhöhte Muskelspannung (Muskeltonus): Die Muskeln sind steif und angespannt, was die Beweglichkeit einschränkt.
- Muskelkrämpfe: Unkontrollierbare, schmerzhafte Muskelzuckungen.
- Bewegungseinschränkungen: Schwierigkeiten bei der Ausführung von Bewegungen, insbesondere bei schnellen Bewegungen.
- Fehlstellungen der Gelenke: Durch die erhöhte Muskelspannung können sich die Gelenke in eine unnatürliche Position verlagern.
- Koordinationsstörungen: Schwierigkeiten bei der Koordination von Bewegungen, z.B. beim Zusammenspiel von Auge und Hand.
- Probleme beim Schlucken und Sprechen: Beeinträchtigung der Sprach- und Schluckmuskulatur.
- Schielen und Doppelbildsehen: Betroffenheit der Augenmuskulatur.
- Schmerzen: Durch die Muskelverspannungen und Fehlstellungen können Schmerzen entstehen.
- Haltungsstörungen: Veränderung der Körperhaltung aufgrund der Muskelverspannungen.
- Eingeschränkte Feinmotorik: Schwierigkeiten bei der Ausführung von feinen, präzisen Bewegungen.
- Blasenstörungen: Probleme mit der Blasenentleerung, wie z.B. häufiger Harndrang, Inkontinenz oder Restharnbildung.
- Schlafstörungen: Durch die Muskelverspannungen und Schmerzen können Schlafstörungen auftreten.
Bei einer spastischen Lähmung kann auch die Sprach- und Schluckmuskulatur beeinträchtigt sein. Das kann dazu führen, dass sich Betroffene nicht richtig ausdrücken können oder Probleme beim Schlucken haben. Ist die Augenmuskulatur betroffen, so kann es zu Schielen und dem Sehen von Doppelbildern kommen. Außerdem können Koordinationsstörungen auftreten - etwa beim Zusammenspiel von Auge und Hand.
Diagnose der Spastik
Die Diagnose einer Spastik basiert auf einer ausführlichen Anamnese (Gespräch mit dem Patienten über seine Krankengeschichte und Symptome) sowie einer körperlichen und neurologischen Untersuchung. Dabei werden unter anderem die Beweglichkeit der Gelenke, die Muskelkraft und -anspannung (z.B. mithilfe der Ashworth-Skala), die Reflexe und das Schmerzempfinden an den betroffenen Stellen geprüft.
Zur weiteren Abklärung können bildgebende Diagnoseverfahren wie die strahlungsarme digitale Volumentomografie (DVT) oder die Magnetresonanztomografie (MRT) eingesetzt werden, um die Ausprägung der spastischen Lähmung genauer zu bestimmen. Mithilfe der Elektromyografie (EMG) kann die Muskelaktivität gemessen und festgestellt werden, ob die Erkrankung vom Muskel (Myopathie) oder dem zugehörigen Nerv (Neuropathie) ausgeht. Störungen von Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark (periphere Nerven) können anhand einer Elektroneurografie (ENG) untersucht werden.
Therapie der Spastik
Die spastische Lähmung ist nicht heilbar. Daher ist das Ziel der Therapie, die Folgeschäden zu vermindern und eine Besserung zu erzielen. Durch eine Spastik kann es unter anderem zur Verkürzung von Muskeln kommen. Zudem haben Betroffene oft Haltungsschäden und Fehlstellungen der Gelenke, die bis zur Deformation von Gelenken reichen können. Aufgrund der Fehlbelastung kommt es zu einem schnelleren Verschleiß von Gelenken.
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Die Therapie der Spastik ist multimodal und umfasst verschiedene Ansätze, die individuell auf den Patienten abgestimmt werden:
- Physiotherapie: Intensive, regelmäßig durchgeführte Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage (z.B. Therapie nach Bobath), um die Gelenke zu mobilisieren, verkürzte Muskeln zu dehnen und durch gezielte Kräftigungsübungen eine Balance zwischen der betroffenen und weniger betroffenen Extremitäten herzustellen.
- Ergotherapie: Erproben und Integrieren von Hilfsmitteln in den Alltag sowie Üben von Tätigkeiten wie Körperpflege und Handfunktionen, um die Wahrnehmung des Patienten zu verbessern und seine Fähigkeit zu sozialer Kommunikation zu stärken.
- Medikamentöse Therapie:
- Muskelrelaxanzien (z.B. Baclofen, Tizanidin): Entspannung der Skelettmuskulatur.
- Botulinumtoxin (Botox): Injektion des Nervengiftes in stark verdünnter Form, um die Reizweiterleitung von den Nervenfasern auf die Muskeln zu hemmen.
- Cannabinoid-haltige Medikamente: Können bei Versagen von Antispastika eingesetzt werden, um die Reizweiterleitung des ZNS zu beeinflussen.
- Anticholinergika (z.B. Oxybutynin, Trospium, Propiverin): Zur Dämpfung eines überaktiven Blasenmuskels bei Blasenfunktionsstörungen.
- Alphablocker (z.B. Tamsulosin): Zur Entspannung des Blasenschließmuskels bei Blasenentleerungsstörungen.
- Hilfsmittel: Orthesen zur Stützung, Führung oder Entlastung der Gelenke, Gehstöcke, Rollatoren, spezielle Bestecke zur Erleichterung des Alltags.
- Operationen: In bestimmten Fällen können Operationen zur Behandlung von Bewegungs- oder Wachstumsproblemen erforderlich sein, z.B. zur Verlängerung von Muskeln und Sehnen.
- Lokale Vibrationstherapie: Einsatz von Schallwellengeräten zur Reduktion von Schmerzen und Linderung der Folgen eines Schlaganfalls.
- Tiefe Hirnstimulation (THS): In seltenen Fällen kann eine THS in spezialisierten Zentren in Betracht gezogen werden, bei der eine Sonde in ein bestimmtes Gehirnareal (Thalamus) platziert und mit einem Schrittmacher verbunden wird, um das Zittern zu verringern oder zu unterbinden.
Atembehinderung bei Spastik
Eine Störung der Atemfunktion (respiratorische Insuffizienz) betrifft entweder das Lungengewebe und damit den Gasaustausch - oder die Lunge ist gesund, aber die Atempumpe fällt teilweise oder komplett aus und muss künstlich ersetzt werden. So kann schon bei Paraplegie durch Beeinträchtigungen der Bauchmuskulatur die Atmung mit betroffen und etwa ein Hustenstoß nur noch eingeschränkt möglich sein. Selbst Einschränkungen im Bereich der Beckenbodenmuskulatur können Einfluss auf die Atmung haben. Je höher das Lähmungsniveau, umso mehr erstreckt sich die Lähmung auch auf die direkt an der Atmung beteiligten Muskeln, die z. B. den Brustkorb beim Atmen anheben und damit die Lunge auseinanderziehen (s. Tabelle).
Bei Tetraplegie kann eine Spastik das Luftholen erschweren oder unterbrechen. Auch die Beatmung ist durch die ungesteuerte Muskelaktivität nicht konstant durchführbar. Ggf. muss eine bronchiale Spastik mit einem krampflösenden Mittel (per Dosieraerosol) durchbrochen werden. Auswirkungen auf die Atemfunktion hat auch ein Zwerchfellhochstand, der vorkommen kann, wenn vermehrte Darmgase und Stuhl im Darm das Zwerchfell hochschieben.
Dystonie bedingt rhythmisches oder myoklones Krampfen von Muskulatur, die unmittelbar oder mittelbar an der Atmung beteiligt ist, kann dazu führen, dass wieder Willen unregelmäßig bzw. ruckartig ein- und/oder ausgeatmet wird.Zahlreiche Dystoniebetroffene rücken gewissen dystonen Symptome vermittels der Botolinumtoxin-Injektionstherapie zu Leibe. Diese Therapie ist grundsätzlich hochwirksam, vermag jedoch vereinzelt auch Atemstörungen zu bewirken, dies vor allem, wenn in die Hals- oder Nackenmuskulatur, im Mund oder im Bereich des Kehlkopfes gespritzt wird.
Diagnostik bei Atemproblemen
Das Röntgen der Lunge und ggf. eine Computertomographie (CT) oder eine Magnetresinanztomographie (MRT) geben einen Einblick in die Situation der Lunge. Eine Analyse der Blutgase (BGA) und des Sauerstoffgehaltes im Blut (Pulsoxymetrie) und eine Messung des Kohlendioxids in der Atemluft (Kapnometrie) können den Atembefund ergänzen.
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Therapie bei Atemproblemen
- Lagerung: Durch unterschiedliche Techniken der Lagerung kann die Belüftungssituation unterstützt werden. In der Regel sollte eine Person vorwiegend auf der besser belüfteten Lungenseite liegen, damit auf der anderen Seite die Entfaltung und der Sekretabfluss ermöglicht werden.
- Sekretmobilisation: Maßnahmen, die das Sekret in Bewegung und zum Abfluss bringen sollen, funktionieren nur dann, wenn durch ausreichendes Trinken das Sekret flüssig genug ist. Durch sogenannte Vernebelung, das Einbringen von Luft mit hoher Feuchtigkeit und einem bestimmten Salzgehalt in die Lunge, kann das Sekret zusätzlich flüssiger werden.
- Thoraxkompression: Der Betroffene atmet langsam tief ein und hustet, während eine andere Person seinen Brustkorb zusammendrückt. Auch der Bauchraum muss während des Abhustens komprimiert werden, um den Druck nach oben zu lenken.
- Airstacking („Luftstapeln“): Über einen Handatembeutel werden 3 bis 4 Hübe Luft in die Lunge gepumpt, dazu atmet die betroffene Person ein, aber zwischendurch nicht wieder aus.
- Perkussion: Durch Klopfen soll die Luftsäule in den Atemwegen zum Schwingen und Sekret in Bewegung gebracht werden.
- Maschinelle Unterstützung: Die Lunge kann auch maschinell durch künstlich herbeigeführtes Einatmen (Überdruckinhalation) entfaltet bzw. durch Sog wieder zusammengezogen werden (z.B. mit dem Cough-Assist®).
- Tracheostoma: Sollten diese Interventionen nicht ausreichen, bleibt die Möglichkeit eines Luftröhrenschnitts, um durch diesen Sekret absaugen zu können.
- Beatmung: Eine durchgehende oder teilweise Beatmung kann notwendig werden, wenn andere Maßnahmen nicht genügen oder sie zumindest entlasten soll. In Kombination mit oben vorgestellten Interventionen erfolgt die Beatmung meistens nachts, damit sich die Atemmuskulatur im Schlaf erholen kann.
Ergänzend zu einer Atemtherapie könnten Entspannungstechniken etwa bei Muskelverspannungen hilfreich sein. Betroffene sollten immer auch auf ausreichend weite Kleidung achten, damit die ohnehin beeinträchtigte Atemfunktion nicht noch zusätzlich belastet wird
Leben mit Spastik
Da eine spastische Lähmung nicht heilbar ist, und Betroffene dadurch dauerhaft im Alltag eingeschränkt sind, liegt eine chronische Erkrankung vor, die als Schwerbehinderung gilt. Der Grad der Behinderung (GDB) liegt bei mindestens 50. Je nach Schwere kann vom Versorgungsamt oder der örtlich zuständigen Behörde jedoch auch ein höherer Grad der Behinderung anerkannt werden.
Die Diagnose einer Spastik und die damit verbundenen Einschränkungen können für Betroffene und ihre Angehörigen eine große Herausforderung darstellen. Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Durch eine individuelle Therapie und die Anpassung des Lebensstils können die Symptome gelindert und die Lebensqualität verbessert werden.
Paroxysmale Symptome
Paroxysmale Symptome ist der Sammelbegriff für Beschwerden, die überfallartig, kurz (maximal wenige Minuten), aber wiederkehrend auftreten. Meist handelt es sich um einschießende Schmerzen in einer bestimmten Körperregion, es kann sich aber auch um plötzliche Gefühls-, Sprech- oder Bewegungsstörungen handeln, seltener auch Juckreiz. Das häufigste paroxysmale Symptom ist die MS-bedingte Trigeminusneuralgie, die im Gegensatz zur „normalen Trigeminusneuralgie“ oft beidseitig auftritt. Außerdem werden das Lhermitte-Zeichen und das Uhthoff-Phänomen zu den paroxysmalen Symptomen gerechnet.
Paroxysmale Symptome werden durch verschiedene Reize ausgelöst: plötzliche Bewegungs- oder Haltungsänderungen, Sprechen, Lachen, Schlucken, heißes oder kaltes Essen und andere, können aber auch spontan entstehen.
Therapieziele
Vermeidung der jeweiligen Symptome ohne Beeinträchtigung des Patienten durch die Therapie und damit Steigerung der Lebensqualität.
Nicht-medikamentöse Therapie
Es kann hilfreich sein, ein Tagebuch zu führen, um zu erkennen, in welchen Situationen paroxysmale Symptome auftreten. Unter Umständen lassen sich solche Situationen, wenn nicht vermeiden, so doch reduzieren.
Bei einem Uhthoff-Phänomen sollten Patienten Wärme meiden und kalte Duschen, kalte Getränke oder kühlende Kleidung (Westen, Stirnbänder etc.) einsetzen.
Medikamentöse Therapie
Die meisten paroxsymalen Symptome lassen sich gut mit Medikamenten behandeln. Eingesetzt werden Antiepileptika wie Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin, bei ausgeprägter Wärmeempfindlichkeit (Uhthoff-Phänomen) auch 4-Aminopyridin.
Invasive Therapie
Schwere Fälle von Trigeminusneuralgie können mittels spezieller Operationen gebessert werden. Dabei wird der Trigeminus-Nerv entweder thermisch (Thermokoagulation des Ganglion Gasseri) oder chemisch (Glycerol-Injektion) teilweise ausgeschaltet. Diese Operationen können nur von ausgewiesenen Spezialisten durchgeführt werden.
Wissenswertes
Bei der Diagnose paroxsysmaler Symptome ist der Neurologe ausschließlich auf die Angaben des Patienten zu Art, Dauer, Auslöser, Ausbreitungsgebiet und Häufigkeit der Beschwerden angewiesen. Es ist daher sinnvoll, diese Angaben präzise in einem Tagebuch zu notieren und dem Arzt vorzulegen.
MS-bedingte Ataxie
Die MS-bedingte Ataxie - auch ataktische Bewegungsstörung genannt - bezeichnet Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen: Das Zusammenspiel verschiedener Muskeln - vor allem der Arme und Beine, seltener des Rumpfes - ist beeinträchtigt. Feinmotorische, zielgerichtete Bewegungen, wie sie in vielen Alltagssituationen gebraucht werden, sind eingeschränkt. Dazu gehören zum Beispiel das sichere Greifen eines Glases, das Zähneputzen, das Ankleiden, Arbeiten im Haushalt und Tätigkeiten am Arbeitsplatz. Betrifft die Ataxie die Beine, wird der Gang unsicher und breitbeinig. Sturz- und Stolpergefahr sind erhöht.
Tremor, eine Form ataktischer Bewegungsstörungen, bezeichnet das gleichmäßige Zittern eines Körperteils oder des gesamten Körpers.
Ataktische Bewegungsstörungen betreffen etwa jeden zweiten MS-Patienten (Deutsches MS-Register). Die Ausprägung von Ataxie und Tremor ist oft abhängig von der seelischen und körperlichen Verfassung der Patienten: Schmerzen, Erschöpfung, Stress, Aufregung, Angst, manchmal nur die Gewissheit, beobachtet zu werden, verstärken die Symptome.
Therapieziele
Verbesserung der Feinmotorik mit dem Ziel, die Selbstständigkeit im Alltag und möglichst auch die Berufsfähigkeit zu erhalten.
Erhalt der Gehfähigkeit.
Nicht-medikamentöse Therapie
Basis der Behandlung ist eine intensive Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage (Bobath, propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation und andere), kombiniert mit Ergotherapie.
Sinnvoll ist darüber hinaus, Entspannungstechniken zu erlernen und anzuwenden, zum Beispiel Autogenes Training oder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson.
Hilfsmittel - Gehstöcke, Rollatoren, spezielle Bestecke - erleichtern den Alltag.
Eisanwendungen (eine Minute Kältekompresse oder Eiswasserbad) können die Ataxie der Arme kurzfristig (für ca. 45 Minuten) bessern: hilfreich etwa vor dem Einnehmen einer Mahlzeit oder dem Leisten einer Unterschrift.
Medikamentöse Therapie
Medikamente sind wenig hilfreich und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Zudem könnnen sie ausschließlich den Tremor lindern. Deshalb werden Clonazepam (Rivotril®), Propranolol (Dociton®), Primidon (Liskantin®) oder Ondansetron (Zofran®) erst versucht, wenn nicht-medikamentöse Therapien bei Tremor versagen. Neueste Ergebnisse zeigen sehr gute Erfolge von Topiramat, sonst bei Migräne oder Epilepsie eingesetzt.
Invasive Therapie
Bei erheblichem Tremor bleibt als letzte Möglichkeit die stereotaktische Operation mit Stimulation der Stammganglien an spezialisierten Zentren: Eine sehr dünne Sonde wird in einem bestimmten Gehirnareal (Thalamus) platziert, gleichzeitig ein Schrittmacher am Schlüsselbein unter der Haut eingesetzt und mit der Sonde verbunden. Vom Schrittmacher aus kann über die Sonde ein sehr schwacher elektrischer Strom verabreicht werden, der das Zittern verringert oder unterbindet. Die Einstellung des Schrittmachers lässt sich von außen ohne Operation verändern.
Wissenswertes
Ataxie und Tremor werden von Außenstehenden oft als Trunkenheit missdeutet.
Neurogene Blasenstörungen
Neurogene, d. h. auf der fehlerhaften Funktion wichtiger Nervenbahnen beruhende, Blasenstörungen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen der MS. Im Verlauf der Erkrankung sind 50 bis 80 Prozent der Patienten davon betroffen. In 2 Prozent der Fälle sind Blasenstörungen alleiniges Erstsymptom, aber bei immerhin 10 bis 14 Prozent wesentlicher Teil der Erstsymptomatik. Zwischen dem Schweregrad der Blasenstörung und dem Ausmaß der Spastik besteht ein enger Zusammenhang, was dafür spricht, dass im Wesentlichen Schädigungen des Rückenmarks für die Blasenstörung verantwortlich sind. Zur langfristigen Vermeidung von Folgeschäden ist die frühzeitige Erkennung und symptomorientierte Behandlung von zentraler Bedeutung. Dabei ist oftmals die Bestimmung der Restharnmenge mittels Sonographie oder Einmalkatheter ausreichend. Bei unzureichendem Therapieerfolg (fortbestehende Inkontinenz und Restharnbildung) ist allerdings unbedingt eine urodynamische Untersuchung erforderlich, um die Speicher- und Entleerungsfunktion der Blase zuverlässig bestimmen zu können.
Bei MS auftretende Blasenfunktionsstörungen lassen sich in 3 Gruppen unterteilen: Am Häufigsten ist die sogenannte Detrusor-Hyperreflexie („überaktive Blase“), bei der die Speicherfunktion der Blase eingeschränkt ist. Sie äußert sich zum Beispiel in häufigem Harndrang, Inkontinenz und Einnässen. Es kann aber auch das Gegenteil auftreten: eine Blasen-Hyporeflexie mit verzögerter Blasenentleerung, Entleerung kleiner Urinportionen, Nachträufeln und Restharnbildung. Daneben kommt auch eine Kombination beider Symptome vor. 6 bis 30 Prozent der Patienten betrifft die sogenannte Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie, also eine unkoordinierte Aktivität von Austreibermuskulatur und Blasenschließmuskel. Sie ist gekennzeichnet durch Harndrang, Inkontinenz, verzögerter und nicht vollständiger Blasenentleerung.
Therapieziele
Verbesserung der Speicherfunktion der Blase, ihre möglichst vollständige Entleerung und Normalisierung des Harndrangs,
Vermeidung von Komplikationen wie wiederholte Harnwegsinfekte, Nierensteinbildung und eingeschränkte Nierenfunktion,
Verbesserung der Lebensqualität.
Nicht-medikamentöse Therapie
Durch das eigene richtige Verhalten können Blasenfunktionsstörungen vor allem im Frühstadium günstig beeinflusst werden. Wichtig ist:
- regelmäßig ausreichend trinken (ca. 2 Liter über den Tag verteilt, sofern Herz und Nieren gesund sind)
- regelmäßige, auch vorbeugende Toilettengänge
- Kontrolle von Trink- und Urinmenge durch ein Tagebuch
- Harndrang nicht über längere Zeit unterdrücken (das Überkreuzen der Beine kann zur Verstärkung einer Spastik führen)
- Beckenbodengymnastik (kann in der Physiotherapie erlernt werden)
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Behandlung umfasst - je nach Art der Funktionsstörung - verschiedene Substanzen:
Anticholinergika zur Dämpfung eines überaktiven Blasenmuskels unterdrücken das übermäßige Zusammenziehen der Blase.
Bei Blasenentleerungsstörungen mit Restharnbildung werden in der Regel Alphablocker (Tamsulosin, zum Beispiel Omnic®) eingesetzt, die zur Entspannung des Blasenschließmuskels beitragen. Da Spastik diese Form der Blasenstörung mitverursachen kann, erfolgt die Behandlung unter Umständen auch mit Antispastika (Baclofen, siehe Spastik-Kapitel).
Um die Urinproduktion und -ausscheidung vorübergehend zu verringern (zum Beispiel, um nachts durchschlafen zu können), kann Desmopressin (diverse Handelspräparate) eingesetzt werden.
Wenn andere Medikamente nicht vertragen werden und ISK nicht möglich ist, kann bei häufigem Harndrang mit kleinen Urinmengen und Inkontinenz Botulinumtoxin (zum Beispiel Botox®, Dysport®) unter Narkose direkt in den Detrusormuskel gespritzt werden. Das Medikament schwächt den Muskel gezielt; die Wirkung hält mehrere Monate an. Das Verfahren sollte nur von sehr erfahrenen Ärzten angewandt werden.
Akute Harnwegsinfekte werden mit Antibiotika behandelt.
Wiederholte Blaseninfekte können zur Verschlechterung der MS beitragen. Ihnen wird am besten durch eine restharnfreie Entleerung der Blase vorgebeugt. Wichtig ist darüber hinaus eine ausreichende Trinkmenge (2 Liter täglich). Zusätzlich kann es hilfreich sein, den Urin anzusäuern, um das Bakterienwachstum zu hemmen. Dies kann durch Trinken von Preiselbeer- oder Cranberrysaft oder durch Medikamente wie Methionin (zum Beispiel Acimethin®, Methiotrans®) geschehen.
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