Erste Hilfe bei epileptischen Anfällen: Ein umfassender Leitfaden

Epileptische Anfälle können für Betroffene und Umstehende gleichermaßen beängstigend sein. Es ist daher wichtig zu wissen, wie man in solchen Situationen richtig reagiert. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Erste Hilfe Maßnahmen bei epileptischen Anfällen, um Sicherheit und Unterstützung zu gewährleisten.

Was ist ein epileptischer Anfall?

Unter dem Begriff Epilepsie werden verschiedene Erkrankungen zusammengefasst, bei denen wiederholt epileptische Anfälle auftreten. Diese Anfälle sind Funktionsstörungen des Gehirns, die durch eine vorübergehende, gleichzeitige Entladung größerer Verbände von Nervenzellen verursacht werden. Diese Entladung beeinträchtigt die Kommunikation der Nervenzellen und kann zu Störungen der Sprache, Bewegung oder des Bewusstseins führen. Bis zu 10 von 100 Menschen erleben im Laufe ihres Lebens einen epileptischen Anfall, was jedoch nicht bedeutet, dass sie an Epilepsie leiden. Anfälle können auch nicht-epileptisch sein, wie beispielsweise Fieberkrämpfe bei Kleinkindern. Eine Epilepsie wird erst diagnostiziert, wenn mindestens zwei spontane Anfälle aufgetreten sind oder das Risiko eines weiteren Anfalls nach dem ersten Anfall als sehr hoch eingeschätzt wird.

Grundregeln der Ersten Hilfe

Die wichtigste Regel bei einem epileptischen Anfall lautet: Ruhe bewahren. Ein einzelner Anfall ist in der Regel kein Notfall, schädigt das Gehirn nicht und hört von selbst wieder auf. Die meisten epileptischen Anfälle dauern nur wenige Sekunden bis maximal zwei bis drei Minuten. Es ist wichtig, die Patientinnen und Patienten vor Verletzungen am Kopf zu schützen und gegebenenfalls aus einer Gefahrenzone zu bringen.

Erste Hilfe bei verschiedenen Anfallsformen

Je nachdem, welche Gehirnregionen betroffen sind, kann ein epileptischer Anfall unterschiedlich aussehen. Die Erste Hilfe Maßnahmen variieren je nach Anfallsform.

Kleine Anfälle

Solch kleinere Anfällen sind in der Regel nicht gefährlich - Betroffene können danach jedoch verwirrt und benommen sein. Hier ist es wichtig, Hilfe anzubieten und ihnen beizustehen, um das Gefühl von Sicherheit wieder aufzubauen.

Lesen Sie auch: Epileptische Anfälle: Frühwarnzeichen

Was kann man tun?

  • Ruhe bewahren: Ein epileptischer Anfall sieht für jeden Menschen beunruhigend aus, ist aber meist harmlos und nach wenigen Sekunden, aber meist nach höchstens zwei Minuten wieder vorbei. Es drohen dabei keine langfristigen Hirnschäden und es sterben keine Nervenzellen ab.
  • Hilfe anbieten: Bieten Sie den Betroffenen Hilfe und Unterstützung an, um ihnen ein Gefühl von Sicherheit zu geben.
  • Informationen sammeln: Ist eine Epilepsie bekannt? Dann ist oft keine akute Klinikbehandlung notwendig und der Betroffene weiß selbst Bescheid, wie mit dem erneuten Krampfanfall umzugehen ist. Wenn keine Epilepsie bekannt und oder wenn keine Information verfügbar ist, trotzdem die 112 anrufen. Als Laie kann man nicht einschätzen, was als nächstes zu tun ist.

Anfälle mit Bewusstseinsbeeinträchtigung

Es gibt auch Anfallsformen, bei denen das Bewusstsein beeinträchtigt ist - es reicht von schwacher Benommenheit bis hin zur Bewusstlosigkeit. Betroffene wirken mitunter verwirrt und orientierungslos. Meist fällt ein solcher Krampfanfall durch auffälliges Verhalten auf - durch Muskelzuckungen, automatisch ablaufende Bewegungsabläufe wie Kau- und Essbewegungen (Schmatzen, Kauen), mechanisches Öffnen und Schließen der Hände und Scharren der Füße. Auch können die Personen plötzlich die Muskelspannung verlieren und infolgedessen stürzen.

Was kann man tun?

  • Gefahrensituationen vermeiden: Schützen Sie die Betroffenen vor Gefahrensituationen, z. B. indem Sie verhindern, dass sie auf die Straße laufen.
  • Ruhig bleiben: Reagieren Sie nicht hektisch und versuchen Sie, die Person nicht zu grob anzufassen. Das könnte zu unerwarteten Reaktionen führen.
  • Sicherheit vermitteln: Vermitteln Sie Sicherheit und Halt. Es hilft schon, wenn Sie einfach da sind und den Anfall mit durchstehen. Auch nach dem Anfall ist Unterstützung und Nähe hilfreich für die Betroffenen.

Größere Anfälle mit Krämpfen und Zuckungen (Grand Mal)

Bei größeren Anfällen kann der gesamte Körper verkrampfen. Die betroffenen Personen stürzen dabei häufig, beißen sich auf die Zunge oder verlieren die Kontrolle über die Blase. Nach einem größerem Anfall sind die Betroffenen meist verwirrt. Das ist eine Phase, in der sie sich nicht gut orientieren können.

Was kann man tun?

  • Ruhe bewahren: Am wichtigsten ist es, Ruhe zu bewahren.
  • Kopf schützen: Legen Sie etwas Weiches unter den Kopf, zum Beispiel ein Kleidungsstück, damit die Person sich nicht selbst verletzt.
  • Sichere Umgebung schaffen: Entfernen Sie alle Gegenstände aus dem unmittelbaren Umfeld, an denen sich der Betroffene verletzen könnte. Scharfkantige Gegenstände sind nach Möglichkeit zu entfernen, die Brille ist abzunehmen, brennende Zigaretten sind aus der Hand zu nehmen.
  • Nicht festhalten: Halten Sie den Menschen nicht fest. Damit steigt nur das Risiko, das die krampfende Person sich oder die Helfenden verletzt.
  • Nichts in den Mund stecken: Auf keinen Fall sollte versucht werden, den Kiefer zu öffnen oder gewaltsam Gegenstände zwischen die Zähne zu schieben. Schwere Verletzungen (z.B. Kieferbruch) können die Folge sein!
  • Auf die Uhr schauen: Die meisten Anfälle dauern ein bis zwei Minuten und hören von allein auf. Hält der Anfall länger an oder wenn die Person wiederholt krampft: 112 anrufen.
  • Nach dem Anfall: Bleiben Sie auch nach dem Anfall bei der Person. Es kann sein, dass sie desorientiert ist. Falls die Person direkt nach dem Anfall einschläft: in die stabile Seitenlage bringen. Dem Betroffenen nach Möglichkeit mit einer Decke oder ähnlichem zudecken, um ihn vor neugierigen Blicken zu schützen. Lockern Sie beengende Kleidungsstücke - vor allem am Hals - und drehen Sie den Betroffenen in eine stabile Seitenlage, um ein Verschlucken zu verhindern.

Wann ist ein Notarzt erforderlich?

In den meisten Fällen ist bei einem einzelnen epileptischen Anfall kein Arzt erforderlich. Es gibt jedoch Situationen, in denen ein Notarzt verständigt werden muss:

  • Anfall dauert länger als 5 Minuten: Hat der Anfall nach 5 Minuten nicht aufgehört, sollte unbedingt ein Notarzt verständigt und ein Notfallmedikament - falls dieses vorhanden ist - verabreicht werden. Es könnte sich dann um einen Status epilepticus handeln, der medikamentös unterbrochen werden muss.
  • Wiederholte Anfälle: Wenn auf den ersten Anfall direkt ein zweiter Anfall folgt, ohne dass der/die Patient*in zwischendurch wieder zu Bewusstsein gelangt ist.
  • Verletzungen: Wenn es durch den Anfall zu Verletzungen gekommen ist.
  • Erstanfall: Wenn es sich um den ersten epileptischen Anfall des/der Betroffenen handelt.
  • Bewusstlosigkeit: Bei anhaltender Ohnmacht oder Benommenheit nach dem Anfall.

Was tun nach dem Anfall?

Nach dem Anfall ist es wichtig, den Betroffenen zu beruhigen und zu unterstützen. Oft kommt es in der Erholungsphase nach dem epileptischen Anfall zu vorübergehender Verwirrtheit. Ein Helfer sollte daher so lange bei dem anfallskranken Menschen bleiben, bis dieser wieder vollständig orientiert ist. Bieten Sie eine Ruhegelegenheit und Begleitung an und halten Sie den Betroffenen warm. Informieren Sie den Betroffenen darüber, wie der Anfall ablief und wie lange er dauerte.

Notfallmedikation

Manchmal hat der/die Arzt/Ärztin für einen akuten Anfall ein krampflösendes Mittel verordnet, das auch von einem Laien angewendet werden kann. Es handelt sich hierbei um Diazepam Rectiolen, die in den After eingeführt werden oder um bukkales Midazolam, das mit Hilfe einer vorbefüllten Spritze ohne Nadel zwischen Wange und Zahnfleisch gespritzt wird. In Rücksprache mit dem/der Arzt/Ärztin erhalten aber auch Eltern von epilepsiekranken Kindern oder die Partner*innen von Epilepsie-Patientinnen und Patienten entsprechende Benzodiazepine zur Verabreichung im Notfall. Wichtig ist, dass Sie über die richtige Anwendung der Notfallmedikation informiert sind.

Lesen Sie auch: Was passiert bei einem epileptischen Anfall?

Der Status epilepticus

Dauert ein großer Anfall (Grand Mal, generalisiert tonisch-klonischer Anfall) länger als 5 Minuten, so spricht man vom Status epilepticus. In diesem Fall müssen besondere Maßnahmen zur Unterbrechung des Anfallsgeschehens ergriffen und der Notruf gewählt werden. Der „Status epilepticus“ ist ein potentiell lebensbedrohlicher Notfall. Er beschreibt einen langanhaltenden epileptischen Anfall, der sich aus allen Anfallsformen heraus entwickeln kann. Ein Status epilepticus birgt die Gefahr, dass es während dieses lange andauernden Anfalls zu einer erheblichen Schädigung des Gehirns bzw.

Wichtige Verhaltensweisen, die vermieden werden sollten

Es gibt einige Dinge, die man bei einem epileptischen Anfall vermeiden sollte:

  • Nicht in Panik geraten: Ruhe bewahren ist das A und O.
  • Keine Gegenstände in den Mund stecken: Dies kann zu schweren Verletzungen führen.
  • Nicht festhalten: Dies kann das Risiko von Verletzungen erhöhen.
  • Nicht beatmen: Eine Beatmung ist in der Regel nicht erforderlich.
  • Nichts zu trinken geben: Es besteht die Gefahr des Verschluckens.

Epilepsie im Alltag

Menschen mit Epilepsie wird geraten, ständig einen Notfallausweis mit sich zu führen, auf dem Kontaktpersonen, eventuell einzunehmende Notfallmedikamente und weitere Informationen hinterlegt sind. Aufgrund der Risiken sollte die Anfallshäufigkeit möglichst weit gesenkt werden. Schwimmen und Autofahren sind mit Epilepsie nicht sicher.

Lesen Sie auch: Autofahren mit Epilepsie

tags: #bei #epileptischen #anfallen #in #den #nacken