Beine nicht strecken: Ursachen, Behandlung und Management von Spastik

Spastik, abgeleitet vom griechischen Wort "Krampf", ist gekennzeichnet durch eine erhöhte Muskelspannung (Muskeltonus), die zu Muskelsteifheit, Krämpfen oder Lähmungen führen kann. Diese unkontrollierbare Muskelkontraktion kann von einem Schwere- und Spannungsgefühl begleitet sein. Es ist wichtig, Spastik nicht mit gewöhnlichen Muskelkrämpfen zu verwechseln, die beispielsweise nach sportlicher Betätigung auftreten können.

Derzeit wird geschätzt, dass weltweit zwölf Millionen Menschen an Spastik leiden, wobei die infantile Zerebralparese und die Multiple Sklerose die häufigsten Ursachen sind.

Ursachen und Formen der Spastik

Die Ursache einer Spastik liegt in einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), also des Gehirns, des Rückenmarks oder deren Verbindungen. Diese Schädigung kann verschiedene Ursachen haben, darunter:

  • Schlaganfall: Eine häufige Ursache für Spastik, bei der es zu einer plötzlichen Durchblutungsstörung im Gehirn kommt.
  • Schädel-Hirn-Trauma: Verletzungen des Gehirns durch äußere Einwirkung können ebenfalls zu Spastik führen.
  • Multiple Sklerose (MS): Eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Nervenbahnen schädigen und Spastik verursachen kann.
  • Zerebralparese: Eine Gruppe von Bewegungsstörungen, die durch Schädigungen des Gehirns vor, während oder kurz nach der Geburt verursacht werden.
  • Tumore im Gehirn oder Rückenmark: Diese können Druck auf Nervenbahnen ausüben und Spastik verursachen.
  • Andere akute oder chronische Entzündungen im Bereich des Zentralnervensystems.
  • Hereditäre Spastische Spinalparalysen (HSP): Eine Gruppe seltener, genetisch bedingter Erkrankungen, die durch eine fortschreitende Spastik und Schwäche der Beine gekennzeichnet sind.

Je nach Ausmaß der betroffenen Körperregionen wird die Spastik in verschiedene Formen eingeteilt:

  • Fokale Spastik: Die Spastik ist auf eine einzelne Körperregion begrenzt, z. B. Handgelenk, Fuß oder Zehen.
  • Multifokale Spastik: Die Spastik betrifft zwei oder mehrere Gliedmaßen oder Körperregionen, die nicht direkt nebeneinander liegen, z. B. Arm und Bein.
  • Generalisierte Spastik: Die Spastik betrifft den ganzen Körper.
  • Hemispastik: Von der Lähmung sind sowohl ein Bein als auch ein Arm einer Körperseite betroffen.
  • Tetraspastik: Von der Lähmung sind beide Beine und Arme betroffen. Je nach Ausprägung können auch die Hals- und Rumpfmuskulatur betroffen sein.

Symptome und Folgen der Spastik

Die Symptome einer Spastik können vielfältig sein und hängen von der Ursache, dem Ausmaß und der Lokalisation der Schädigung im ZNS ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Erhöhter Muskeltonus (Muskelhypertonie): Die Muskeln sind dauerhaft angespannt oder versteift.
  • Muskelkrämpfe: Unwillkürliche, schmerzhafte Zusammenziehungen der Muskeln.
  • Bewegungseinschränkungen: Schwierigkeiten beim Strecken, Beugen oder Drehen von Gliedmaßen.
  • Fehlhaltungen: Zwanghafte Beugung oder Streckung von Gelenken.
  • Schmerzen: Muskel- und Gelenkschmerzen aufgrund der erhöhten Muskelspannung und Fehlhaltungen.
  • Eingeschränkte Feinmotorik: Schwierigkeiten bei alltäglichen Tätigkeiten wie Kochen, Schreiben oder Anziehen.
  • Ermüdbarkeit: Schnelle Erschöpfung der Muskeln bei Belastung.
  • Schwierigkeiten beim Entleeren der Blase.
  • Schlafstörungen.
  • Sensibilitätsstörungen.

Unbehandelt kann Spastik zu schwerwiegenden Folgen führen, darunter:

  • Verkürzung der Muskeln und Sehnen.
  • Versteifung der Gelenke (Kontrakturen).
  • Gelenkfehlstellungen.
  • Dauerhafte Bewegungseinschränkungen bis hin zur Bewegungsunfähigkeit.
  • Hautschädigungen (Dekubitus) durch Druckstellen.
  • Thrombosen.
  • Knochenbrüche.
  • Einschränkungen im Alltag und Verlust der Selbstständigkeit.
  • Psychische Belastung durch Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und soziale Isolation.

Diagnose der Spastik

Die Diagnose einer Spastik umfasst in der Regel folgende Schritte:

  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht die Muskelspannung, Beweglichkeit und Reflexe des Patienten. Die Muskelspannung wird mithilfe der Ashworth-Skala gemessen (entweder im Originalformat oder in dem 1987 modifizierten Format).
  • Neurologische Tests: Überprüfung der Nervenfunktion und Koordination.
  • Bildgebende Verfahren (CT, MRT): Zur Darstellung von Schädigungen im Gehirn oder Rückenmark.
  • Elektromyographie (EMG): Messung der Muskelaktivität zur Unterscheidung zwischen Spastik und anderen Ursachen für Muskelsteifheit.
  • Ganganalyse: Eine Instrumenten-gestützte Ganganalyse kann zur besseren Therapieplanung hilfreich sein. Hierbei wird die Gangfunktion einschließlich genauer Bestimmung der Gelenkwinkelverläufe von Hüfte-, Knie und Sprunggelenk sowie entsprechende Gelengbelastungen und -Leistungen beim Gehen dreidimensional erfasst. Darüber hinaus wird über dynamische Elektromyographie die Aktivität der oberflächlich liegenden Muskulatur beim Gehen bestimmt.

Behandlungsmöglichkeiten der Spastik

Spastik kann nicht geheilt werden, aber es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, um die Symptome zu lindern, die Beweglichkeit zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Die Behandlung ist individuell und hängt von der Ursache, dem Ausmaß und der Schwere der Spastik ab.

Die wichtigsten Ziele der Behandlung sind:

  • Verbesserung der Beweglichkeit und Körperhaltung.
  • Linderung von Schmerzen.
  • Erhalt der Selbstständigkeit.
  • Vermeidung von Folgeerkrankungen.
  • Verbesserung des Selbstwertgefühls.

Die Behandlungsmöglichkeiten lassen sich in zwei Kategorien einteilen:

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Nicht-medikamentöse Behandlung

  • Physiotherapie (Krankengymnastik): Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Behandlung von Spastik. Gezielte Übungen helfen, die Muskeln zu dehnen, die Gelenke beweglich zu halten und gesunde Bewegungsabläufe wiederzuerlernen. Eine intensive, regelmäßig durchgeführte Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage ist dabei besonders wichtig.
  • Ergotherapie: Hilft Betroffenen, alltägliche Aktivitäten trotz der Einschränkungen durch die Spastik zu bewältigen.
  • Orthopädische Hilfsmittel: Orthesen, Schienen oder Gipsverbände können eingesetzt werden, um die betroffenen Körperregionen zu stützen, zu fixieren oder zu entlasten. Für die Beine ist das Aufrichten der Betroffenen die beste Mobilisationsform.
  • Elektrostimulation und Elektroakupunktur: Diese Methoden werden direkt am spastischen Muskel angewendet, um die überhöhte Muskelspannung zu behandeln und langfristig die Beweglichkeit zu verbessern. Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen.
  • Positionierung: Die Positionierung von Gliedmaßen kann eine wesentliche Rolle bei der Hemmung spastischer Reaktionen spielen, da sie gezielt die Muskelspannung beeinflusst und dadurch die Spastik mindern kann. Beispielsweise kann ein enger Beinwinkel von etwa 88° bis 92° (anstatt der üblichen 100°) gewählt werden, manchmal ist hier auch eine zusätzliche Rahmenkröpfung sinnvoll. Auch zur Hemmung von Hüftstreckerspastiken kann die Rollstuhlanpassung beitragen. Ein reduzierter Sitzwinkel (z. B. eine Sitzneigung von 5-10°) kombiniert mit einem nach vorne geneigten Rückenwinkel (einstellbar auf unter 90°) kann die Spastik wirksam hemmen. Darüber hinaus können spezielle Positionierungskissen zur Regulierung des Muskeltonus beitragen, indem sie eine anatomisch unterstützende Sitzhaltung fördern.
  • Therapeutisches Reiten (Hippotherapie): Kann ebenfalls zur Verbesserung der Beweglichkeit und Muskelentspannung beitragen.
  • Stoßwellentherapie: Kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs (extrakorporale Stoßwellentherapie, ESTW).
  • Gezielte Magnetfeldreize: Eine spastische Tonuserhöhung lässt sich mit gezielten Magnetfeldreizen zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen behandeln (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS).
  • Robotik: Für die Therapie von Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion sieht man vielversprechende Verbesserungen bei einer Spastik durch den Einsatz von Robotern.

Medikamentöse Behandlung

Medikamente zur Behandlung der Spastik sollten eingesetzt werden, wenn die Beeinträchtigungen und Beschwerden mit einer ausschließlich nicht-medikamentösen Therapie nicht zufriedenstellend verbessert werden konnten. Dabei wird unterschieden zwischen Medikamenten, die per Injektion oder Infusion verabreicht werden, und solchen, die man einnehmen kann (orale Antispastika).

Behandlungen mit Medikamenten zur Injektion oder Infusion:

  • Botulinumtoxin Typ A: Wird zur Behandlung der fokalen und multifokalen Spastik eingesetzt. Die Behandlung erfolgt gezielt durch Injektionen in den von der Spastik betroffenen Muskel. Der Wirkstoff blockiert vorübergehend die Signalübertragung vom Nerven zum Muskel, wodurch sich die Muskeln entspannen.
  • Baclofen (intrathekal): Bei einer sehr stark ausgeprägten Spastik, die den Alltag deutlich behindert und wenn die bisherige Therapie nicht erfolgreich war, kann die intrathekale Therapie mit Baclofen (ITB) zum Einsatz kommen. Dabei wird das muskelentspannende Medikament über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe direkt in den das Rückenmark umgebenden Raum (Liquor) verabreicht.

Orale Antispastika:

  • Klassische Antispastika (Baclofen, Tizanidin, Tolperison): Diese Medikamente wirken krampflösend und können die Spastik lösen und Bewegungseinschränkungen verbessern.
  • Dantrolen: Hemmt gewisse Vorgänge im Muskel und bewirkt dadurch eine Muskelentspannung.
  • Benzodiazepine: Wirken angstlösend, schlaffördernd und entspannend auf die Muskulatur. Werden aber nicht immer empfohlen.
  • Cannabinoide (THC, CBD): Können bei schmerzhaften Krämpfen der Muskulatur helfen. Sind als Spray zur Anwendung in der Mundhöhle derzeit ausschließlich zur Behandlung der Spastik im Zusammenhang mit der Erkrankung Multiple Sklerose (MS) zugelassen, werden aber ebenfalls bei einer Spastik nach einem Schlaganfall eingesetzt.

Orale Antispastika weisen - in Abhängigkeit von der verabreichten Dosis - häufig Nebenwirkungen auf, die den ganzen Körper betreffen, wie Schläfrigkeit und Kraftlosigkeit. Daher sollten vor der Therapie Nutzen und Risiken abgewogen werden. Zudem wird empfohlen, die Behandlung mit einer geringen Dosis zu beginnen und diese allmählich zu steigern, um möglicherweise auftretende unerwünschte Wirkungen frühzeitig zu erkennen.

Operative Behandlung

In seltenen Fällen kann eine Operation in Erwägung gezogen werden, um Sehnen zu verlängern oder zu verkürzen, Verwachsungen zu lösen oder Fehlstellungen und Verformungen der Knochen zu korrigieren. Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln sind, gibt es chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark). Durch sie können ausgeprägte Fehlhaltungen vermieden werden und damit verbundene Pflegehemmnisse, hygienische Probleme und Komplikationen wie Kontrakturen oder Hautläsionen. Nach Versagen der Standardtherapieverfahren und damit verbundenen Schmerzen können in weiteren chirurgischen Verfahren bestimmte Stellen eines Nerven durchtrennt werden (motorische Endäste, z.B. Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß, „pes equinus“).

Prävention von Spastik

Die Prävention von Spastik konzentriert sich auf die Vermeidung von Risikofaktoren, die zu Schädigungen des zentralen Nervensystems führen können. Dazu gehören:

  • Vorbeugung von Schlaganfällen: Durch gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, Vermeidung von Rauchen und übermäßigem Alkoholkonsum sowie Kontrolle von Bluthochdruck und Cholesterinspiegel.
  • Schutz vor Kopfverletzungen: Tragen von Helmen bei sportlichen Aktivitäten und im Straßenverkehr.
  • Vermeidung von Infektionen des zentralen Nervensystems: Impfungen und Hygienemaßnahmen.
  • Frühe Behandlung von neurologischen Erkrankungen: Um das Fortschreiten der Erkrankung und das Auftreten von Spastik zu verzögern.

Darüber hinaus ist die Prävention von Folgeerkrankungen der Spastik, wie Kontrakturen und Dekubitus, von großer Bedeutung. Dies kann durch regelmäßige Physiotherapie, правильное Positionierung und Hautpflege erreicht werden.

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Leben mit Spastik

Das Leben mit Spastik kann eine Herausforderung sein, aber mit der richtigen Behandlung und Unterstützung können Betroffene ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben führen. Wichtig ist, sich aktiv an der Therapie zu beteiligen, реабилитационные Maßnahmen konsequent durchzuführen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Es gibt zahlreiche Hilfsmittel und Unterstützungsmöglichkeiten, die das Leben mit Spastik erleichtern können, darunter:

  • Technische Hilfsmittel: Rollstühle, Gehhilfen, Orthesen, Kommunikationshilfen.
  • Therapeutische Angebote: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, психотерапия.
  • Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen und gegenseitige Unterstützung.
  • Beratungsstellen: Informationen und Unterstützung bei Fragen zu Behandlung, Rehabilitation und sozialrechtlichen Ansprüchen.

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