Kaufsucht: Ursachen, Auswirkungen und Therapie des zwanghaften Kaufverhaltens

Kaufsucht, auch bekannt als Oniomanie, ist eine Verhaltenssucht, die durch einen unkontrollierbaren Drang zum Kaufen gekennzeichnet ist, selbst wenn kein Bedarf besteht und negative Konsequenzen drohen. Im Gegensatz zu Substanzabhängigkeiten, die durch die Einnahme von Drogen ausgelöst werden, wird die Kaufsucht durch den Akt des Kaufens selbst befeuert. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten der Kaufsucht, um ein umfassendes Verständnis dieser oft unterschätzten Störung zu vermitteln.

Was ist Kaufsucht?

Kaufsucht ist eine psychische Störung, die sich durch wiederkehrendes, übertriebenes Kaufen von Gütern und Dienstleistungen auszeichnet. Betroffene verspüren einen starken Drang, dem Kaufen immer wieder nachzugehen, wobei sich ihre Gedanken ständig um dieses Thema drehen. Der Kontrollverlust über das eigene Kaufverhalten führt dazu, dass immer häufiger, deutlich mehr als geplant oder Dinge gekauft werden, die gar nicht benötigt werden.

Im Gegensatz zu harmlosem Schaufensterbummeln entwickelt sich bei Kaufsüchtigen schnell ein Kaufrausch. Der Zwang, etwas kaufen zu müssen, ohne es zu brauchen, nimmt exzessive Ausmaße an. Auf das kurzfristige Hochgefühl nach dem Kauf folgen Frustration und Gewissensbisse. Die gekauften Gegenstände sammeln sich immer mehr im Wohnraum an, oft ohne überhaupt ausgepackt oder verwendet zu werden.

Ursachen der Kaufsucht

Die Entstehung einer Kaufsucht ist ein komplexer Prozess, der durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird. Emotionale, psychologische, soziale und neurologische Aspekte spielen dabei eine Rolle.

Psychologische und emotionale Faktoren

Pathologisches Kaufen dient den Betroffenen meist zur kurzfristigen Kompensation unangenehmer Emotionen. Längerfristig stabilisiert sich jedoch die negative Verstimmung. Soziale und familiäre Konflikte sind programmiert.

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  • Geringes Selbstwertgefühl: Betroffene versuchen, durch den Erwerb von Besitz ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Besonders das Verkaufsgespräch vermittelt ihnen Wertschätzung, da jemand auf ihre Bedürfnisse eingeht.
  • Minderwertigkeitskomplexe und Selbstwertprobleme: Diese können ebenfalls eine Rolle spielen. Betroffene setzen stark auf Statussymbole und definieren sich selbst über das, was sie besitzen - und nicht über das, was sie als Person sind.
  • Emotionale Belastung: Kaufsucht tritt häufig in Verbindung mit Depressionen und Angsterkrankungen auf. Das Einkaufen dient als Kompensation für innere Leere, Angst oder Stress.
  • Kindheitserfahrungen: Wer in der Kindheit wenig emotionale Nähe erlebte oder durch Konsumgüter belohnt und bestraft wurde, entwickelt oft einen ungesunden Bezug zu Materiellem. Mangel an Zuwendung und Anerkennung, Liebe und Geborgenheit in der Kindheit können ebenfalls eine Rolle spielen. Betroffene mussten sich die Zuwendung der Eltern verdienen oder durften Gefühle nicht frei äußern.
  • Sehnsüchte: Wie hinter jeder Sucht steckt auch hinter der Kaufsucht eine Sehnsucht - die Sehnsucht nach Anerkennung und Bestätigung, der Wunsch, positive Gefühle zu verspüren und die Betäubung negativer Gefühle wie einer inneren Leere.
  • Probleme im Erwachsenenalter: Probleme in der Familie, Sorgen um den Arbeitsplatz, eine quälende innere Leere, Frustrationen oder Einsamkeit werden mit Konsum verdrängt.

Neurologische Faktoren

  • Belohnungssystem im Gehirn: Das Kaufen aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn und führt zur Ausschüttung von Dopamin, was als Glücksgefühl wahrgenommen wird. Bei empfindlichen Personen kann dies zu einer Verknüpfung zwischen Konsum und Glücksgefühl führen.
  • Funktionsstörungen im Gehirn: Als eine Ursache des pathologischen Kaufens werden Funktionsstörungen der frontalen Hirnregion und eine verminderte Aktivität des Serotonin- und Dopaminsystems diskutiert.

Soziale und gesellschaftliche Faktoren

  • Konsumorientierte Gesellschaft: In konsumorientierten Gesellschaften wird der soziale Status oft über Luxusgüter definiert. Teure Produkte wie Uhren oder Autos vermitteln nach außen Stabilität und Erfolg, auch wenn diese nicht der Realität entsprechen.
  • Werbung und Verfügbarkeit: Unsere Gesellschaft ist auf Konsum ausgelegt. Werbung, Schnäppchen und Einkaufsmeilen locken überall. Digitale Rabatt-Events wie Black Friday, Cyber Monday oder Mid-Season-Sales verstärken das Problem zusätzlich. Die ständige Verfügbarkeit von Angeboten und der Druck, „jetzt oder nie“ zuzuschlagen, können Kaufsucht verstärken.
  • Personalisierte Werbung: Algorithmen spielen gezielt personalisierte Werbung aus, die das Gefühl verstärken, ein Angebot nicht verpassen zu dürfen.
  • Influencer-Marketing und Apps: Influencer-Marketing und zahlreiche Apps machen es leicht, spontan Geld auszugeben - oft ohne die Qualität oder Notwendigkeit des Produkts zu hinterfragen.
  • Überbetonung materieller Werte: Eine Studie der Universität Sussex zeigte, dass die Überbetonung materieller Werte in Elternhaus und Gesellschaft eine Rolle spielt. Vor allem solche Personen neigen zu pathologischem Kaufen, die Konsumgüter als Zeichen von Erfolg und als Schlüssel zum Glück sehen.
  • Soziale Anerkennung: Rund um die Uhr werden die Bürger zum Konsumieren animiert und mit sozialer Anerkennung belohnt, weil Konsum zeigt: „Man kann es sich leisten“ und „man hat es zu etwas gebracht“.
  • Erleichterte Konsummöglichkeiten: Moderne Zahlungssysteme, Kunden- und Kreditkarten sowie Kreditangebote erleichtern das Konsumieren zusätzlich.

Symptome der Kaufsucht

Die Symptome einer Kaufsucht können vielfältig sein und sich individuell unterschiedlich äußern. Einige der häufigsten Anzeichen sind:

  • Unkontrollierbarer Kaufdrang: Ein starker, unwiderstehlicher Drang, etwas kaufen zu müssen, selbst wenn kein Bedarf besteht.
  • Kontrollverlust: Die Unfähigkeit, das eigene Kaufverhalten zu steuern und zu begrenzen. Man kauft immer mehr, als geplant war, oder Dinge, die man gar nicht benötigt.
  • Hohe Kauffrequenz: Regelmäßiges, sehr häufiges Einkaufen, oft mehrmals pro Woche oder sogar täglich.
  • Kaufen als Kompensation: Das Einkaufen wird genutzt, um negative Gefühle wie Stress, Angst, Trauer oder Einsamkeit zu kompensieren.
  • Verheimlichung des Kaufverhaltens: Die Einkäufe werden vor anderen versteckt, um Scham- und Schuldgefühle zu vermeiden.
  • Finanzielle Probleme: Schulden, Mahnungen, Kredite oder sogar Privatinsolvenz aufgrund des exzessiven Kaufverhaltens.
  • Vernachlässigung anderer Aktivitäten: Hobbys, soziale Kontakte und andere wichtige Lebensbereiche werden zugunsten des Kaufens vernachlässigt.
  • Entzugserscheinungen: Unruhe, Nervosität, Reizbarkeit oder Angstzustände, wenn man nicht einkaufen kann.
  • Geringes Selbstwertgefühl: Ein Gefühl der Wertlosigkeit und Unzufriedenheit, das durch das Kaufen kurzfristig kompensiert wird.
  • Hamsterkäufe: Das Horten von Waren, die nicht benötigt werden und oft ungenutzt bleiben.
  • Schuld- und Schamgefühle: Nach den Kaufexzessen stellen sich Schuld- und Schamgefühle ein, die dazu führen, dass die Einkäufe verheimlicht und die Waren versteckt, verschenkt oder vergessen werden.
  • Kaufattacken: Tägliche und episodische Kaufattacken, der Kauf ganz spezieller und multiplen Käufen gleicher Waren, der Kauf unnötiger und sinnloser Dinge sowie der Kauf von Geschenken für andere Personen, vor allem für nahe Bezugspersonen, sowie von Selbstgeschenken.

Auswirkungen der Kaufsucht

Die Kaufsucht hat weitreichende negative Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche der Betroffenen:

  • Finanzielle Probleme: Konsumieren im Übermaß führt in vielen Fällen zur Verschuldung. Betroffene leben über ihre Verhältnisse und kaufen mehr, als sie sich eigentlich leisten können. Dies kann zu Mahnungen, Krediten, Betrugsanzeigen, Strafverfahren, Gefängnisstrafen und letztendlich zur Privatinsolvenz führen.
  • Soziale Isolation: Soziale Beziehungen werden immer weniger wichtig oder zur Belastung, wenn es zu Streit wegen der Schulden kommt. Auch wer sich für das eigene Verhalten schämt, kapselt sich ab. Da die Betroffenen das unkontrollierte Kaufverhalten aus eigener Kraft nicht stoppen können, sind familiäre und soziale Konflikte programmiert.
  • Psychische Probleme: Neben den Schuld- und Schamgefühlen leiden Betroffene unter Entzugserscheinungen, die sich vor allem in vielschichtigen psychischen Belastungen ausdrücken. Depressionen, Angstzustände und ein geringes Selbstwertgefühl können die Folge sein.
  • Verlust von Wohnraum: Das Horten der Waren füllt bald alle Schränke, den Keller und Dachboden und macht wertvollen Wohnraum unbenutzbar.
  • Kriminelle Aktivitäten: In manchen Fällen kann die Anhäufung von Schulden zu kriminellen Aktivitäten führen.

Diagnose der Kaufsucht

Die Diagnose einer Kaufsucht ist nicht immer einfach, da das pathologische Kaufen vonseiten der Gesellschaft tabuisiert oder nicht ernst genommen wird und die Betroffenen nur wenig Verständnis und Behandlungsangebote vorfinden. Es gibt keine eindeutige Klassifikation des pathologischen Kaufens. Folgende Einordnungen und Krankheitsmodelle werden zurzeit diskutiert:

  • Impulskontrollstörung: Nach der ICD-10 (F63.9) kann pathologisches Kaufen als „nicht näher bezeichnete abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle“ diagnostiziert werden.
  • Zwangsspektrum: Pathologisches Kaufen wird auch dem Spektrum der Zwangserkrankungen zugeordnet.
  • Affektives Spektrum: Für eine Einordnung des pathologischen Kaufens in das Spektrum affektiver Störungen sprechen die Symptomprovokation in depressiven Episoden, ein Verlauf parallel zu affektiven Störungen und die Wirksamkeit antidepressiver Medikamente.
  • Sucht: Immer wieder wird pathologisches Kaufen mit „Kaufsucht“ (Oniomanie) gleichgesetzt.
  • Allgemeines Neurosenmodell oder Symptommodell: Schließlich besteht auch noch die Möglichkeit, die Symptome als unspezifischen Ausdruck einer neurotischen Konfliktverarbeitung zu sehen.

In der Regel tritt pathologisches Kaufen gleichzeitig mit anderen psychischen Störungen auf, vor allem mit affektiven Störungen, Angststörungen, Substanzabhängigkeiten, Essstörungen, Störungen der Impulskontrolle und Zwangsstörungen. Aufgrund der hohen Komorbidität muss diagnostisch stets abgeklärt werden, welche Störung primär und welche sekundär ist.

Behandlung der Kaufsucht

Die Behandlung der Kaufsucht erfordert einen individuellen Ansatz, der auf die spezifischen Bedürfnisse und Umstände des Betroffenen zugeschnitten ist. Ziel ist es, das zwanghafte Kaufverhalten zu reduzieren, die zugrunde liegenden Ursachen zu bearbeiten und gesunde Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

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Psychotherapie

Die Art der Behandlung mit Psychotherapie beziehungsweise Pharmakotherapie hängt maßgeblich von der gewählten Klassifikation ab. Da die Klassifikationsmöglichkeiten einen großen Spielraum lassen, wurden bisher ganz unterschiedliche Therapien angewandt, beispielsweise Psychotherapie, wobei unter anderem psychodynamische Ansätze und Psychoanalyse, Elemente der Suchttherapie sowie kognitiv-behaviorale Verfahren eingesetzt wurden.

  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Ein zentraler Ansatz zur Behandlung von Kaufsucht ist die kognitive Verhaltenstherapie (CBT), die sich als wissenschaftlich gut gestützt erwiesen hat. Zu den zentralen verhaltenstherapeutischen Interventionen zählen graduierte Exposition mit Reaktionsverhinderung, Erlernen von Selbstkontrolltechniken und Stimuluskontrolle sowie Techniken der kognitiven Umstrukturierung. In einer Therapie geht es darum, persönliche Auslöser zu verstehen, alte Denkmuster zu hinterfragen und gesunde Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln.
  • Gruppentherapie und Selbsthilfegruppen: Gruppentherapie und Selbsthilfegruppen bieten bei Kaufsucht die Möglichkeit, dass der Austausch mit Menschen mit ähnlichen Erfahrungen Halt geben kann.

Medikamentöse Behandlung

In Fällen mit begleitender Depression oder Angststörung kann eine medikamentöse Unterstützung durch Antidepressiva erwogen werden, wobei die Evidenz hierfür jedoch begrenzt ist. Auch medikamentöse Behandlungen wurden durchgeführt, wobei sich Erfolge mit Opiat-Antagonisten und Antidepressiva zeigten, vor allem mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Diese konnten in kontrollierten Studien jedoch bisher nicht bestätigt werden.

Selbsthilfestrategien

Neben professioneller Hilfe können Betroffene auch selbst aktiv werden, um ihr Kaufverhalten zu kontrollieren:

  • Finanzielle Übersicht: Ein erster Schritt ist es, die eigenen Finanzen im Blick zu behalten. Wer ein Haushaltsbuch führt, erkennt schnell, wo das Geld hingeht und kann gezielt Einsparpotenziale entdecken.
  • Vermeidung von Kaufreizen: Vermeiden Sie gezielt Kaufreize wie Sonderangebote.
  • Kontrollmechanismen: Praktische Kontrollmechanismen können ebenfalls helfen, Kaufsucht zu behandeln. Etwa die Nutzung von Bargeld statt Kreditkarten, das Auslagern von Konten, der Verzicht auf Online-Shopping-Apps oder das Setzen von klaren Limits.
  • Emotionale Achtsamkeit: Um spontane Kaufentscheidungen besser zu kontrollieren, hilft es, die eigenen Emotionen zu hinterfragen.
  • Soziales Umfeld: Ein starkes soziales Umfeld kann ebenfalls eine wichtige Stütze sein. Mit Familie und Freunden offen über das Problem zu sprechen, schafft nicht nur Verständnis, sondern auch Motivation.
  • Alternativen zum Kaufen: Suchen Sie nach alternativen Aktivitäten, die Ihnen Freude bereiten und Ihre Bedürfnisse erfüllen, ohne Geld auszugeben.
  • Bewusster Konsum: Ein gutes Beispiel für Minimalismus ist die Kapselgarderobe: Statt einen überfüllten Schrank voller ungetragener Teile zu besitzen, setzt man hier auf eine kleine Anzahl vielseitig kombinierbarer Kleidungsstücke, die sorgfältig ausgewählt wurden.
  • Verzichten Sie auf elektronische Zahlungsmittel: und führen Sie ein Haushaltsbuch, um Ihre Ausgaben im Blick zu behalten.

Wo finden Betroffene Hilfe?

  • Eine erste Anlaufstelle kann der Hausarzt sein, der auch ambulante Behandlung auf den Weg bringen kann.
  • Bei der Vermittlung geeigneter Therapeut:innen kann die Krankenkasse helfen.
  • Auch im stationären Bereich haben sich einige Klinken auf die Behandlung von Impulskontrollstörungen spezialisiert.
  • Zusätzlich können Suchtberatungsstellen oder der psychosoziale Krisendienst Unterstützung bieten, ebenso wie die Telefonseelsorge.
  • Betroffene können auch nach Selbsthilfegruppen in ihrer Nähe suchen.
  • Universitäten und Psychosomatische Kliniken bieten spezielle Sprechstunden für Verhaltenssüchte, wie etwa der Kaufsucht an. Auch die örtlichen Fachstellen der Suchthilfe eignen sich als erste Anlaufstelle.
  • Auf der Webseite der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) bietet Hilfe an.

Prävention von Kaufsucht

Ein bewusster Umgang mit Konsum ist der Schlüssel, um Kaufsucht vorzubeugen und langfristig gesunde Einkaufsgewohnheiten zu entwickeln. Wichtig ist es, sich der Mechanismen bewusst zu sein, die zu unkontrolliertem Kaufverhalten führen können, und frühzeitig gegenzusteuern.

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