Neuroathletik ist ein Trainingsansatz, der darauf abzielt, die Kommunikation zwischen Gehirn, Nervensystem und Körper zu verbessern. Ursprünglich im Sport zur Leistungssteigerung eingesetzt, findet die Neuroathletik zunehmend Anwendung bei neurologischen Einschränkungen, insbesondere bei Multipler Sklerose (MS). Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen der Neuroathletik, ihre potenziellen Vorteile für MS-Patienten und gibt einen Überblick über Übungen und Anwendungsbereiche.
Grundlagen der Neuroathletik
Neuroathletik basiert auf der Erkenntnis, dass Bewegungen nicht nur durch Muskeln gesteuert werden, sondern maßgeblich von neurologischen Prozessen beeinflusst werden. Jeder Bewegung geht eine Informationsverarbeitung im Gehirn voraus. Optimale körperliche Leistungen sind demnach nur möglich, wenn das Gehirn hochwertige Informationen aus den drei zentralen Steuerungssystemen erhält:
- Visuelles System (Augen): Die Augen liefern Informationen über die Umgebung und die Position des Körpers im Raum.
- Propriozeptives System (Körper): Sensoren in Muskeln, Sehnen und Gelenken liefern Informationen über die Körperhaltung und Bewegung.
- Vestibuläres System (Gleichgewichtssinn): Der Gleichgewichtssinn im Innenohr trägt zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts und zur räumlichen Orientierung bei.
Funktionieren diese Systeme nicht optimal, kann es zu Bewegungseinschränkungen, Unsicherheiten und Leistungseinbußen kommen. Neuroathletik zielt darauf ab, diese Systeme gezielt zu trainieren und die Informationsverarbeitung im Gehirn zu optimieren.
Neuroathletik bei Multipler Sklerose: Ein neuer Anwendungsansatz
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen kann, darunter motorische Einschränkungen, Koordinationsstörungen, Gleichgewichtsprobleme, Fatigue und kognitive Beeinträchtigungen.
Dr. Barbara Mecklenburg, selbst an MS erkrankt, hat durch neuroathletische Übungen eine deutliche Verbesserung ihrer motorischen Fähigkeiten und ihres Sprachvermögens erzielt. Sie stellt in ihrem Buch einen neuen Anwendungsansatz vor, der zeigt, wie Neuroathletik erfolgreich bei der Behandlung von MS und anderen neurodegenerativen Erkrankungen oder neurologischen Einschränkungen, wie etwa nach einem Schlaganfall, eingesetzt werden kann. Gehirnbasierte Übungen führen zu einer besseren Körperwahrnehmung und -koordination.
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Neuroathletik kann bei MS-Patienten auf verschiedenen Ebenen ansetzen:
- Verbesserung der motorischen Fähigkeiten: Gezielte Übungen können die Ansteuerung der Muskeln verbessern, die Koordination fördern und die Beweglichkeit erhöhen.
- Reduktion von Fatigue: Durch die Optimierung der neuronalen Prozesse kann die Energieeffizienz des Körpers gesteigert und die Fatigue reduziert werden.
- Verbesserung der kognitiven Funktionen: Neuroathletik kann die Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung verbessern.
- Steigerung der Lebensqualität: Durch die Verbesserung der körperlichen und geistigen Funktionen kann die Lebensqualität von MS-Patienten deutlich gesteigert werden.
Übungen und Trainingsmethoden in der Neuroathletik
Das Neuroathletiktraining besteht aus einer Anamnese und damit einhergehenden Trainingsübungen. Innerhalb der Anamnese suchen Ärztin oder Arzt bzw. Trainerin oder Trainer nach den Ursachen für die Bewegungseinschränkung oder anderen Beschwerden. Für ein gezieltes Training erstellen die Therapeutinnen und Therapeuten der Neuroathletik einen individuellen Trainingsplan. Im neuronalen Training selbst beanspruchen die Patientinnen und Patienten dann gezielt das Gehirn und das Nervensystem. Die Anamnese bildet die Grundlage für ein erfolgreiches Neuroathletiktraining.
Das Neuroathletiktraining setzt dabei auf spezialisierte Übungen, die gezielt das visuelle, vestibuläre und propriozeptive System ansprechen. Diese überwiegend kopflastigen Übungen konzentrieren sich auf die Wahrnehmung, Körperhaltung und Bewegung und sind weniger körperlich anstrengend als klassisches Athletiktraining. Dennoch können sie einen erheblichen Einfluss auf die Bewegungsqualität und Stabilität der Gelenke haben.
Ein zentraler Bestandteil der Neuroathletik ist die Optimierung der Reizverarbeitung. Dazu gehören Übungen zur Stärkung der drei wichtigsten neurologischen Systeme:
- Visuelles System: Spezielle Augenübungen verbessern die Informationsverarbeitung im Kopf, was die Bewegungssteuerung optimiert. Durch gezielte Fixpunkt- und Blicksprungübungen kann das Gehirn lernen, Bewegungen präziser zu koordinieren. Eine Verbesserung der Augenbeweglichkeit hilft zudem, Verspannungen im Nackenbereich und Fehlhaltungen zu reduzieren. Wenn zum Beispiel ein Fußballer immer Probleme hat, den Ball in die rechte obere Ecke zu schießen, kann das daran liegen, dass die Augen nicht richtig zueinander abgestimmt sind. Das Sichtfeld ist geringfügig verschoben. Wenn die die besagte Ecke anvisiert wird, zielt man mit dem Körper tatsächlich ein paar Zentimeter zur Seite und der Schuss geht immer daneben. Hier kann das Neuroathletik Training Abhilfe schaffen. Übungen für die Augen korrigieren das Sichtfeld, so wird die Ecke schnell und präzise angepeilt und ein Treffer wird gelandet. Ein Fußballer verschießt einen Elfmeter, weil sein Blick den Fixpunkt verliert.
- Vestibuläres System: Übungen für den Gleichgewichtssinn fördern eine stabile Körperhaltung und eine präzise Bewegungskoordination. Das vestibuläre System beeinflusst maßgeblich die Haltung und Stabilität. Übungen auf instabilen Untergründen, Kopfbewegungen oder gezieltes Training der Gleichgewichtsnerven verbessern die Koordination und Körperkontrolle.
- Propriozeptives System: Durch gezielte Reize und Bewegungen wird das Körpergefühl geschult, um Haltungs- und Bewegungsfehler zu korrigieren. Die Körperwahrnehmung wird durch spezielle Reize geschult. Übungen mit gezieltem Druck auf bestimmte Körperstellen oder das bewusste Ansteuern einzelner Gelenke helfen, Bewegungsfehler zu korrigieren und präzisere Abläufe zu ermöglichen. Eine Läuferin stolpert, obwohl ihre Muskulatur bestens trainiert ist. Oft liegt die Ursache nicht in der Kraft oder Ausdauer, sondern in der Art und Weise, wie das Gehirn Bewegungssteuerung ausführt.
- Atemtraining: Die Atmung beeinflusst nicht nur die Sauerstoffversorgung des Körpers, sondern auch die Spannung der Muskulatur und die Stabilität der Gelenke. Atemtechniken, wie zum Beispiel die bewusste Bauchatmung oder das Training des Zwerchfells, können Verspannungen lösen und die Leistungsfähigkeit steigern.
- Reflex- und Reaktionsübungen: Durch bestimmte Impulse, wie plötzliche Lichtreize oder unerwartete Gleichgewichtsverlagerungen, wird das Nervensystem dazu trainiert, Bewegungen schneller und effizienter anzupassen.
Ein Beispiel: Eine einfache kreisende Bewegung der rechten Hand kann Rezeptoren aktivieren, die Signale an das rechte Kleinhirn senden. Diese Informationen kreuzen in die linke Hirnrinde und aktivieren dort den linken Hirnstamm. Tatsächlich hat das Gehirn bereits 90 Prozent der kognitiven Leistung erbracht, bevor der Körper sich bewegt. Das Training des Nervensystems verbessert somit die Informationsaufnahme und -verarbeitung, wodurch die Steuerung von Bewegungen präziser ausfällt.
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Der SensoPro Luna ist ein Trainingsgerät für ein funktionelles Training. Durch Koordinationstraining am Sensopro können bei neurologischen Krankheitsbildern wie Multiple Sklerose, Parkinson oder Hemiparese Therapieerfolge erzielt werden.
Anwendungsbereiche der Neuroathletik
Neuroathletik ist vielseitig einsetzbar und eignet sich für verschiedene Anwendungsbereiche. Ob zur Leistungssteigerung, zur Vorbeugung von Verletzungen oder zur Behandlung von Beschwerden - das Gehirntraining kann gezielt genutzt werden, um Bewegungsabläufe zu optimieren. Neuroathletik eignet sich dabei für Patientinnen und Patienten, deren Beschwerden auf fehlerhafte Bewegungen oder Haltungen zurückzuführen sind, für professionelle Athletinnen und Athleten, die aktiv ihre Leistungsfähigkeit verbessern wollen sowie auch für Trainerinnen und Trainer.
- Rehabilitation: Menschen, die sich von Verletzungen oder Operationen erholen, können besonders von Neuroathletik profitieren. Da das Athletiktraining das Nervensystem stimuliert, kann es den Heilungsprozess beschleunigen und dazu beitragen, die motorische Kontrolle über verletzte Körperteile schneller wiederzuerlangen.
- Neurologische Erkrankungen: Menschen, die an neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson oder nach einem Schlaganfall leiden, können ebenfalls von Neuroathletik profitieren. Neuroathletik- Fitness für Körper und Geist! Ein neues Angebot bei Erkrankungen wie Schlaganfall, Parkinson, Multiple Sklerose, und Neuropathie.
- Prävention: Neuroathletik kann älteren Menschen helfen, ihre Beweglichkeit, ihr Gleichgewicht und ihre Koordination zu verbessern, was wiederum das Risiko von Stürzen und Verletzungen verringert.
- Sport: Für Profi-Sportler und -Sportlerinnen ist Neuroathletik besonders interessant, da es die sportliche Leistung auf ein neues Niveau heben kann. Durch die gezielte Optimierung des Nervensystems werden Reaktionszeiten, Koordination, Balance und Bewegungsqualität verbessert. Auch für Freizeitsportler bietet Neuroathletik klare Vorteile. Viele Hobbysportler haben unausgeglichene neuronale Muster, die ihre Bewegungsqualität einschränken oder das Verletzungsrisiko erhöhen.
Wissenschaftliche Bewertung der Neuroathletik
Während die Forschung zu Neuroathletik noch jung ist, gibt es bereits Hinweise darauf, dass gezieltes Training des Nervensystems eine positive Wirkung auf Reaktionsfähigkeit, Koordination und Bewegungsmuster haben kann. Manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler merken jedoch an, dass viele Methoden der Neuroathletik bereits in anderen Trainingsformen genutzt werden - etwa in der Physiotherapie oder im motorischen Lernen.
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