Muskelzucken und Krämpfe sind weit verbreitete Phänomene, die viele Menschen im Laufe ihres Lebens erfahren. Während sie oft harmlos sind, können sie auch Anlass zur Sorge geben, insbesondere wenn sie häufig auftreten, schmerzhaft sind oder von anderen Symptomen begleitet werden. Dieser Artikel befasst sich mit den Ursachen, der Diagnose und der Behandlung von benignen Faszikulationen und Krämpfen, wobei der Schwerpunkt auf der Unterscheidung zwischen gutartigen und potenziell ernsteren Ursachen liegt.
Was sind Faszikulationen und Krämpfe?
Faszikulationen sind unwillkürliche, unregelmäßige Zuckungen kleiner Muskelbündel (Faszikel), die unter der Haut sichtbar sein können. Sie entstehen durch spontane Entladungen motorischer Einheiten. Betroffene spüren das schnelle Zusammenziehen von Muskeln oder bestimmten Muskelbereichen. Dieses Phänomen ist auch sichtbar, vor allem, wenn es sich um größere Muskelpartien handelt. Sie sind meist nicht schmerzhaft, können aber als lästig oder beunruhigend empfunden werden.
Krämpfe sind plötzliche, unwillkürliche und schmerzhafte Kontraktionen eines Muskels oder einer Muskelgruppe. Der betroffene Muskel verhärtet sich und ist bewegungsunfähig. Sie treten meist ohne Vorwarnung auf und können von wenigen Sekunden bis zu mehreren Minuten dauern. Die bekannteste Erscheinungsform ist der Wadenkrampf.
Ursachen von benignen Faszikulationen und Krämpfen
Benigne Faszikulationen und Krämpfe haben vielfältige Ursachen, die oft mit harmlosen Faktoren zusammenhängen. Zu den häufigsten Auslösern gehören:
- Stress und psychische Belastungen: Hoher emotionaler oder psychischer Stress ist eine sehr häufige Ursache. Psychische Probleme und andere Belastungen erhöhen den Stresspegel und sorgen für eine Überlastung des Gehirns.
- Elektrolytmangel: Ein Ungleichgewicht im Mineralienhaushalt, insbesondere in Bezug auf Calcium, Magnesium und Kalium, kann zu Störungen der Muskelaktivität führen.
- Flüssigkeitsmangel: Dehydration kann die Nährstoffversorgung der Muskelzellen beeinträchtigen und zu Zuckungen führen.
- Bewegungsmangel: Inaktivität kann einen verminderten Blutdruck zur Folge haben. Dadurch ist die Muskulatur unterversorgt und reagiert darauf möglicherweise mit Faszikulationen.
- Falsche Körperhaltung: Werden Teile des Körpers dauerhaft falsch belastet, werden u. U. Muskeln ständig oder auf unnatürliche Weise angespannt.
- Koffein und Alkohol: Stimulierende Substanzen wie Koffein oder Alkohol können zu sog. 'Impulskurzschlüssen' führen.
- Medikamente: Einige Medikamente können Faszikulationen als Nebenwirkung haben.
- Überlastung: Muskelzucken tritt häufig bei gesunden Menschen auf, es müssen keine gesundheitsbeeinträchtigenden Ursachen dahinterstecken. Des Weiteren liegen den harmlosen Muskelzuckungen häufig Überbelastungen sowie ein Elektrolytmangel, zum Beispiel durch übermäßiges Schwitzen, als Ursachen zugrunde. Deshalb verspüren vor allem Sportler häufig Muskelzuckungen in der Wade oder im Oberschenkel.
- Kälte: Auch Kälte (Unterkühlung) kann Muskelzucken verursachen.
- Schlafmangel: Das "Aufholen" von Schlafdefiziten und ausreichend Zeit für Mahlzeiten und Erholung bringt die Symptome oft zum Verschwinden.
- Magnesiummangel: Ein Magnesiummangel zeichnet sich durch verschiedene Symptome, wie z. B. Wadenkrämpfe oder Müdigkeit, aus.
Wann sind Faszikulationen und Krämpfe ein Grund zur Sorge?
Obwohl die meisten Faszikulationen und Krämpfe harmlos sind, können sie in einigen Fällen auf eine ernstere Erkrankung hinweisen. Es ist wichtig, einen Arzt aufzusuchen, wenn:
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- Die Faszikulationen oder Krämpfe häufig auftreten, anhalten oder sich verschlimmern.
- Sie von Schmerzen, Schwäche, Taubheit, Kribbeln oder anderen neurologischen Symptomen begleitet werden.
- Sie generalisiert auftreten, d. h. sich am ganzen Körper ausbreiten.
- Sie mit Muskelatrophie (Muskelschwund) einhergehen.
- Sie im Zusammenhang mit einer bekannten neurologischen Erkrankung auftreten.
In seltenen Fällen können Faszikulationen und Krämpfe Symptome von Erkrankungen wie der amyotrophen Lateralsklerose (ALS), Polyneuropathien oder anderen neuromuskulären Störungen sein.
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch den Untergang von motorischen Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark gekennzeichnet ist. Dies führt zu Muskelschwäche, Muskelatrophie, Faszikulationen und Krämpfen. Die ALS ist eine ernste Erkrankung, die unbehandelt meist innerhalb von 2 bis 4 Jahren zum Tod führt.
Bei der ALS kombinieren sich die Läsion der Betz-Zellen des motorischen Kortex und der Pyramidenbahn (des ersten Motoneurons), sowie der motorischen Vorderhornzellen (des zweiten Motoneurons). Das Krankheitsbild führt zur respiratorischen Insuffizienz und unbehandelt meist über eine alveoläre Hypoventilation zum Tod.
Charakteristisches klinisches Leitsymptom der Erkrankung ist das Nebeneinander von Schädigungszeichen der Betz-Zellen (des „1. Motoneurons“) und der motorischen Vorderhornzellen (des „2. Motoneurons“). Meist nur retrospektiv kann der Patient typische Erstsymptome wie fokale - belastungsabhängige oder spontan auftretende - (Wadenmuskeln!) oder globale Muskelkrämpfe und Faszikulationen, manchmal auch eine vermehrte Erschöpfbarkeit, als Zeichen der Erkrankung erkennen. Eine große Anzahl der Erkrankten erinnern sich an Parästhesien, die in der Initialphase bemerkt wurden.
Mit Auftreten der Paresen nehmen die Krämpfe und Faszikulationen ab oder verschwinden sogar. Auch bei der progressiven Bulbärparalyse treten Faszikulationen auf, und es kommt zu einer weitreichenden Atrophie und Funktionsbeeinträchtigung der Zungen-, Schlund- und Gaumenmuskulatur, sodass Probleme bei Aufnahme von Flüssigkeiten auftreten, schließlich der Schluckakt komplett unterbrochen wird, eine Gewichtsabnahme sowie Aspirationsgefahr resultiert und die Sprechstörung in eine komplette Dys- und Anarthrie mündet.
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Auch die Unterscheidung der bei der ALS auftretenden malignen von den häufigeren benignen Faszikulationen gelingt meist ohne Schwierigkeiten; wegweisend sind das - zumindest initial - fokale Auftreten der Faszikulationen bei der ALS und ihre eindeutige Assoziation mit pathologischen Befunden bei der elektromyografischen Untersuchung der Potenziale motorischer Einheiten bzw. dem Nachweis von pathologischer Spontanaktivität in Form von Fibrillationspotenzialen und positiven scharfen Wellen.
Polyneuropathien
Polyneuropathien sind Erkrankungen, die mehrere periphere Nerven schädigen. Dies kann zu Muskelschwäche, Taubheit, Kribbeln, Schmerzen und Faszikulationen führen. Polyneuropathien können durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter Diabetes, Alkoholmissbrauch, Vitaminmangel, Medikamente und Autoimmunerkrankungen.
Es kommt oft zu einer Abnahme der Muskelmasse in den betroffenen Regionen. Das Gehen, Stehen und Greifen kann erschwert sein, das Gleichgewicht kann gestört sein.
Diagnose von Faszikulationen und Krämpfen
Die Diagnose von Faszikulationen und Krämpfen umfasst in der Regel eine gründliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung und gegebenenfalls zusätzliche Tests.
- Anamnese: Der Arzt wird nach der Häufigkeit, Dauer, Lokalisation und den Begleitsymptomen der Faszikulationen und Krämpfe fragen. Es ist wichtig, alle relevanten Informationen preiszugeben, einschließlich der Einnahme von Medikamenten, des Konsums von Alkohol und Koffein sowie des Stresslevels.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird die Muskeln, Nerven und Reflexe untersuchen, um mögliche Ursachen für die Faszikulationen und Krämpfe zu identifizieren.
- Elektromyographie (EMG): Das EMG ist eine elektrophysiologische Untersuchung, bei der die elektrische Aktivität der Muskeln gemessen wird. Es kann helfen, zwischen benignen und pathologischen Faszikulationen zu unterscheiden und andere neuromuskuläre Erkrankungen auszuschließen.
- Nervenleitgeschwindigkeitsstudien (NLG): Die NLG messen die Geschwindigkeit, mit der elektrische Signale entlang der Nerven wandern. Sie können helfen, Polyneuropathien und andere Nervenschäden zu diagnostizieren.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können durchgeführt werden, um Elektrolytmängel, Vitaminmangel, Schilddrüsenstörungen und andere medizinische Ursachen für Faszikulationen und Krämpfe auszuschließen.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Ein MRT der Muskeln wird immer dann benötigt, wenn Faszikulationen nicht erklärbar sind, große Muskeln betroffen sind und diese Faszikulationen über einen langen Zeitraum oder immer wieder auftreten. In diesem Fall sollte das MRT der betroffenen Körperregion zeigen, in welchem Zustand die faszikulierenden Muskeln sind und ob die versorgenden Nerven in irgendeiner Weise komprimiert oder gereizt sind.
Behandlung von benignen Faszikulationen und Krämpfen
Die Behandlung von benignen Faszikulationen und Krämpfen zielt in erster Linie darauf ab, die Symptome zu lindern und die zugrunde liegenden Ursachen zu beheben. Zu den möglichen Behandlungsansätzen gehören:
- Stressmanagement: Reduzieren Sie Stress durch Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation, Achtsamkeitsübungen oder Progressive Muskelentspannung.
- Elektrolytausgleich: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Calcium, Magnesium und Kalium. Bei Bedarf können Elektrolytpräparate eingenommen werden.
- Flüssigkeitszufuhr: Trinken Sie ausreichend Wasser, um Dehydration zu vermeiden.
- Regelmäßige Bewegung: Achten Sie auf eine ausreichende körperliche Aktivität, um Muskelzuckungen der Brust oder in anderen Muskelpartien vorzubeugen.
- Richtige Körperhaltung: Vermeiden Sie falsche Belastungen und achten Sie auf eine gute Körperhaltung.
- Koffein- und Alkoholkonsum reduzieren: Der Konsum von Stimulanzien kann die Nerven- und Muskelerregbarkeit erhöhen.
- Medikamente: In einigen Fällen können Medikamente wie Carbamazepin oder Gabapentin zur Linderung von Faszikulationen eingesetzt werden. Meistens werden einfache und manchmal auftretende Faszikulationen gar nicht behandelt. Es gibt jedoch Situationen, in denen Patienten einen hohen Leidensdruck erfahren. Dies macht es dann manchmal notwendig, einen Behandlungsversuch mit einem Medikament zu unternehmen. Hier steht zum einen einfaches Magnesium zur Verfügung, das dann einige Tage gegeben werden kann. Weiterhin, und vor allem beim Ausbleiben einer Besserung, werden mitunter auch Medikamente gegen Faszikulationen eingesetzt, die aus der Epilepsiebehandlung bekannt sind. Diese Medikamente erhöhen die Hemmschwelle des Muskels, sich zusammenzuziehen, das heißt, es bedarf eines größeren Reizes, bis sich dann ein Muskel kontrahiert.
- Hausmittel: Ausreichend Flüssigkeit trinken, Kaliumreiche Ernährung, Stressmanagement, Ausreichender und erholsamer Schlaf, Koffein- und Alkoholreduktion, Regelmäßige, aber moderate Bewegung, Vermeiden Sie extreme körperliche Erschöpfung, Wärme- oder Kälteanwendungen.
Übungen gegen Faszikulationen
Welche Übungen gegen Faszikulationen zum Einsatz kommen, hängt zunächst von der Ursache der Faszikulationen ab, zum anderen aber auch davon, welche Muskelgruppen von den Faszikulationen betroffen sind. Treten die Faszikulationen im Gesicht auf, unterscheidet sich das entsprechende Übungsprogramm natürlich deutlich von dem, das angewandt werden muss, wenn es sich um Faszikulationen der Oberschenkel und Waden handelt. Man unterscheidet bei den durchzuführenden Übungen muskelaufbauende Übungen von muskeldehnenden Übungen und schließlich muskellockernden Übungen. Dehnungsübungen spielen in der Behandlung von immer wiederkehrenden Faszikulationen eine zentrale Rolle. Dies liegt daran, dass sich verkürzende Muskeln eher zu Faszikulationen neigen. Aus diesem Grund zeigen muskeldehnende Übungen deutlich bessere Erfolge.
- Obere Extremität: Ist die obere Extremität betroffen, wäre eine effektive Übung, sich gerade hinzustellen. Die Hand des betroffenen Arms wird auf das Schulterblatt gelegt. Mit der anderen Hand greift man nun den nach oben stehenden Ellenbogen und zieht ihn in Richtung Wirbelsäule. Man wird schnell ein ziehendes Gefühl spüren. Diese Position sollte einige Sekunden gehalten werden, bevor der Arm wieder locker gelassen wird. Aufgrund der Symmetrie sollte die gleiche Bewegung auch auf der anderen Seite durchgeführt werden. Nach ca. 4-5 Wiederholungen kann die Übung beendet werden.
- Untere Extremität: Treten die Faszikulationen im Bereich der unteren Extremität auf, sollte man die Oberschenkelmuskulatur dehnen. Hierfür stellt man sich gerade hin und greift mit einer Hand den Fuß des betroffenen Beins. Sodann zieht man den Fuß in Richtung Gesäß, wodurch ein Ziehen im Bereich des Oberschenkels spürbar wird. Diese Position sollte einige Sekunden gehalten werden, bevor der Oberschenkel wieder gelockert wird. Danach sollte die Übung auf der anderen Seite durchgeführt werden. Die Ausfallschrittübung ist ebenfalls hervorragend geeignet, um Muskeln zu dehnen und so die Häufigkeit von Faszikulationen zu reduzieren. Hierbei stellt man ein Bein angewinkelt nach vorne, während das andere gestreckt nach hinten gestellt wird. Auch hier wird ein Ziehen im Oberschenkel des hinteren Beins spürbar. Faszikulationen der Waden können durch den sogenannten Zehengang behandelt werden. Dabei stemmt man sich langsam, aber kraftvoll auf die Zehen, abwechselnd mit dem linken und dann rechten Bein. Es sollte darauf geachtet werden, dass die Ferse nie ganz den Boden berührt. Diese Übung führt schnell zu einem Ziehen in den Waden. Zur Ergänzung sollte man bei jedem Schritt die Arme in Richtung Decke strecken, was einen wirbelsäulenstreckenden Effekt hat und gut für die Haltung ist.
- Faszikulationen der Augenlider: Um Faszikulationen der Augenlider zu behandeln, setzt man sich bequem und gerade auf einen Stuhl. Die Arme liegen entspannt an der Seite. Nun sollten beide Augen kräftig zugedrückt werden, sodass das Ziehen der Augenmuskeln seitlich spürbar wird. Nach einigen Sekunden können die Augen wieder geöffnet werden.
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