Berühmte Neurologen und Psychologen: Pioniere der Gehirn- und Seelenforschung

Die Erforschung des menschlichen Gehirns und der Psyche hat im Laufe der Geschichte viele herausragende Persönlichkeiten hervorgebracht. Diese Neurologen und Psychologen haben mit ihren bahnbrechenden Entdeckungen und innovativen Therapieansätzen unser Verständnis von neurologischen und psychischen Erkrankungen grundlegend verändert.

Walter Freeman: Der "Lobotomist" und seine umstrittene Methode

Walter Jackson Freeman, geboren am 14. November 1895 in Philadelphia, erlangte traurige Berühmtheit als Verfechter der Lobotomie. Nach einem eher unmotivierten Start an der Eliteuniversität Yale entdeckte er seine Leidenschaft für die Medizin, insbesondere die Erforschung des menschlichen Gehirns. Als Neurologe am angesehenen Saint Elizabeths Hospital in Washington D.C. stieg er schnell zu einer Koryphäe auf.

Freeman war fasziniert von den Möglichkeiten der Psychochirurgie, die 1935 durch den Neurologen Egas Moniz in Europa eingeführt wurde. Moniz hatte bei seinen psychisch kranken Patienten Löcher in den Schädel gebohrt und Nervenstränge in der Region des Stirnlappens zerschnitten. Freeman entwickelte diese Methode weiter und führte 1946 die "transorbitale Lobotomie" ein, bei der er mit einem Eispickel durch die Augenhöhle ins Gehirn eindrang.

Er glaubte, mit dieser Methode eine Vielzahl von neurologischen und psychischen Erkrankungen heilen zu können, darunter Depressionen, Schizophrenie, Psychosen und Alkoholismus. Seine erste Patientin war die 29-jährige Ellen Ionesco, die unter manischen und depressiven Schüben litt.

Freeman reiste mit seinem "Lobotomobil" durch die USA und pries seine Methode an, die er als Hoffnung für psychisch kranke Menschen und deren Angehörige darstellte. Er prägte den Werbespruch "Die Lobotomie wird sie nach Hause bringen".

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Seine Lobotomien waren jedoch in der Fachwelt höchst umstritten. Der Neurophysiologe John Farquhar Fulton kritisierte ihn scharf für seine unkonventionellen Methoden. Trotzdem brach nach der Verleihung des Nobelpreises an Egas Moniz im Jahr 1949 ein wahres Lobotomie-Fieber aus.

Erst mit der Einführung des ersten Neuroleptikums "Thorazine" im Jahr 1954, das als "chemische Lobotomie" beworben wurde, geriet Freemans Karriere ins Schlingern. 1967 wurde ihm endgültig das Handwerk gelegt, nachdem eine seiner Patientinnen nach einer Lobotomie gestorben war.

Freemans Ruf war zu diesem Zeitpunkt ohnehin ruiniert, da bekannt geworden war, dass er auch kleine Kinder lobotomisiert hatte. Obwohl seine Methode vielen Patienten Leid zufügte, starb er 1972 mit sich im Reinen.

Oliver Sacks: Der Geschichtenerzähler der Neurologie

Oliver Sacks, geboren 1933, war ein britisch-amerikanischer Neurologe und Schriftsteller. Er erlangte weltweite Bekanntheit durch seine Bücher, in denen er auf einfühlsame Weise die Geschichten seiner Patienten erzählte.

Sacks studierte Medizin in Oxford und wanderte 1965 in die USA aus. Er arbeitete als Neurologe in verschiedenen Krankenhäusern und widmete sich der Erforschung neurologischer Erkrankungen.

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Sein bekanntestes Buch, "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" (1985), präsentierte zwanzig Fallgeschichten von Menschen mit neurologischen Veränderungen oder Verletzungen des Gehirns, die aus der Normalität gefallen waren. Sacks schilderte die Patienten sehr anschaulich und menschlich und beleuchtete auch die Umfeldbedingungen.

In seinem Buch "Zeit des Erwachens" (1973) beschrieb er die außergewöhnlichen Reaktionen von Patienten mit der Europäischen Schlafkrankheit (Encephalitis lethargica) auf das Medikament L-Dopa. Das Buch wurde 1990 mit Robert De Niro und Robin Williams in den Hauptrollen verfilmt.

Sacks veröffentlichte zahlreiche weitere Bücher, in denen er seine Erfahrungen als Neurologe und seine Gedanken über das menschliche Gehirn und die Psyche teilte. Er war ein außergewöhnlicher Erzähler und verstand es, komplexe neurologische Sachverhalte für ein breites Publikum verständlich zu machen.

Neben seiner Arbeit als Arzt und Schriftsteller war Sacks auch ein begeisterter Motorradfahrer und Chemiker. Er starb am 30. August im Alter von 82 Jahren in New York City.

Paul Julius Möbius: Zwischen neurologischen Erkenntnissen und fragwürdigen Thesen

Paul Julius Möbius, geboren 1853 in Leipzig, war ein deutscher Neurologe, dem wichtige Beiträge zur Neurologie zu verdanken sind. So verdankt die Neurologie ihm unter anderem die Einteilung der Nervenkrankheiten in endogene und exogene, wesentliche Erkenntnisse zur Migräne, die Erforschung der Basedowschen Krankheit und des nach ihm benannten Möbius-Syndroms.

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Möbius entstammte einer angesehenen Akademikerfamilie und wurde früh zu akademischer Leistung und gesellschaftlicher Stellung angehalten. Trotz seiner unbestrittenen Leistungen blieb ihm die Anerkennung im akademischen Betrieb jedoch verwehrt.

Um aufzufallen, veröffentlichte Möbius eine Abhandlung nach der anderen und geriet durch seine Sucht nach Aufmerksamkeit zuweilen hart an die Grenze zum Dilettantenhaften. Die Resonanz ist gleich Null - bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts jene Publikation mit dem bewusst reißerischen Titel "Ueber den physiologischen Schwachsinn des Weibes" erscheint. Mit einem Schlag ist Paul Julius Möbius eine europäische Berühmtheit, bekannt wie ein bunter Hund.

Mit seinem Traktat "Ueber den physiologischen Schwachsinn des Weibes" sicherte er sich jedoch einen Platz im Kuriositätenkabinett der medizinischen Wissenschaft. In diesem Werk vertrat er die These, dass Frauen aufgrund ihrer biologischen Beschaffenheit minderwertig seien. Diese Ansichten stießen auf breite Kritik und trugen dazu bei, dass Möbius zu einer umstrittenen Figur wurde.

Trotz seiner fragwürdigen Thesen bleibt Möbius ein wichtiger Vertreter der Neurologie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Wilhelm Griesinger: Pionier der modernen Psychiatrie

Wilhelm Griesinger (1817-1868) war ein deutscher Psychiater und Neurologe, der als einer der Begründer der modernen Psychiatrie gilt. Er leitete zwischen 1865 und 1868 als erster Direktor die kombinierte neurologische und psychiatrische Abteilung und formulierte in einem klaren Bekenntnis das Dogma der neuen Generation von ´Irrenärzten´: "Geisteskrankheiten sind Hirnkrankheiten". Er konzipierte damit in Berlin eine neue Form der "Irrenanstalt", die nun mehr einem Krankenhaus als einem Gefängnis glich.

Griesinger betonte die Bedeutung biologischer Faktoren bei der Entstehung psychischer Erkrankungen und forderte eine wissenschaftliche Herangehensweise an die Psychiatrie. Er setzte sich für eine humane Behandlung von psychisch Kranken ein und trug maßgeblich zur Verbesserung der psychiatrischen Versorgung bei.

Carl Wernicke: Sprachforscher und Lokalisationslehre

Carl Wernicke (1848-1905) war ein deutscher Arzt der Psychiatrie und Neurologie. Er gilt als einer der wichtigsten Lokalistationisten des 19. Jahrhunderts. Er entdeckte 1874 die nach ihm benannte sensorische Sprachregion.

Otfrid Foerster: Neurochirurg und Schmerzforscher

Otfrid Foerster (1873-1941) war ein deutscher Neurologe und Neurochirurg. Er war ein Pionier der Neurochirurgie und entwickelte innovative Operationsmethoden zur Behandlung von Schmerzen und neurologischen Erkrankungen.

Foerster habilitierte sich 1903 für Neurologie und Psychiatrie mit einer Arbeit über Koordinationsstörungen. Zusammen mit Wernicke veröffentlichte er in jenem Jahr auch einen fotografischen „Atlas des Gehirns“. Auf Wernickes Vorschlag verbrachte Foerster zwei Jahre im Ausland, in Paris und in der Schweiz. 1911 wurde er leitender Arzt der Nervenabteilung des Allerheiligen-Hospitals, 1917 erhielt er dort als Honorarprofessor ein persönliches, auf ihn zugeschnittenes Ordinariat für Neurologie, eines der ersten in Deutschland.

Er entwickelte die „dorsale Rhizotomie“, um die spastische Tonussteigerung bei Schädigungen der Rückenmarkswurzeln zu mindern - diese Methode ist seither nach ihm benannt.

Foerster wurde insgesamt 17 Mal für den Nobelpreis nominiert. Allgemeine Themen in den Nominierungen waren die Behandlung von Schmerzen, die Topik des peripheren Nervensystems, Querschnittssyndrome und Epilepsieforschung. Als spezifische Leistungen im Bereich der Neurochirurgie erwähnten die Nominatoren primär Foersters Forschung in den Jahren 1929 bis 1937, die sich in seinen Publikationen „Die Leitungsbahnen des Schmerzgefühles und die chirurgische Behandlung der Schmerzzustände“ (1927; [2]) und „Symptomatologie der Erkrankungen des Rückenmarks und seiner Wurzeln“ (1936; [3]) abbildete. Neben seinen Forschungsergebnissen wurden sein gesamtes Lebenswerk und seine von den Nominatoren geschätzte „Forscherpersönlichkeit“ als unterstützende Nominierungsgründe genannt. Er galt als ein „weit über den Rahmen seines Heimatlandes hinaus gewachsener zur internationalen Berühmtheit gelangter Forscher und Arzt“ [10] und als „Begründer der modernen Neurochirurgie“ [10].

Wladimir Bechterew: Pionier der Psychoneurologie

Wladimir Bechterew (1857-1927) war ein russischer Neurologe, Psychiater und Psychologe. Er gilt als einer der Begründer der Psychoneurologie in Russland.

Bechterew wurde am 1. Februar 1857 im Ural-Dorf Sorali als jüngster von drei Brüdern geboren. Er ist acht Jahre alt, als sein Vater, ein Polizeioffizier, stirbt. Mit 16 Jahren beginnt er ein Studium an der Militär-Medizinischen Akademie zu St. Petersburg, das er fünf Jahre später abschließt. Danach arbeitet er als Assistent in der psychiatrischen Klinik der Akademie und legt 1881 seine Dissertation über Körpertemperaturen bei Geisteskrankheiten vor. Mit 22 heiratet er eine Jugendfreundin, mit der er sechs Kinder haben wird. 1884 gelingt ihm ein Coup: Er gewinnt einen wissenschaftlichen Wettbewerb für ein 18-monatiges Auslandsstipendium, das ihn mit den führenden Köpfen der Psychologie und Neurologie in Berlin, Leipzig, Paris und Wien zusammenbringt. Zum Professor berufen, gründet er in Kazan das erste experimental-psychologische Labor im russischen Zarenreich. 1893 wechselt er als Professor für Neurologie und Psychiatrie an seine ehemalige Ausbildungsstätte in St. Petersburg. Wegen seiner kritischen Äußerungen zum Staatswesen wird er 1913 entlassen, nach der Oktoberrevolution kommt seine Karriere wieder in Schwung. 1918 gründet er das später nach ihm benannte Institut für Hirnforschung in St. Petersburg. Er behandelt sogar den schwerkranken Lenin.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere starb er in Moskau unter mysteriösen Umständen, nachdem er bei Stalin eine schwere Paranoia diagnostiziert hatte.

Die Entwicklung der Neurologie und Psychiatrie in Berlin

Die Entwicklung der Neurologie und Psychiatrie in Berlin ist eng mit der Geschichte der Charité verbunden. Bereits im 18. Jahrhundert gab es in der Charité eine Abteilung für "Irre und Wahnwitzige". Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Neurologie und Psychiatrie zu eigenständigen Disziplinen.

Ernst Horn (1774-1848) wurde 1808 als erster Professor für Psychiatrie in Deutschland berufen. Heinrich-Moritz Romberg (1795-1873) begründete durch die Herausgabe des ersten "Lehrbuch der Nerven-Krankheiten des Menschen" (1840) eine Neugestaltung der Medizin, in der der Neurologie neben der Inneren Medizin und Psychiatrie ein eigener Platz zugewiesen wurde.

Wilhelm Griesinger (1817-1868) leitete zwischen 1865 und 1868 als erster Direktor die kombinierte neurologische und psychiatrische Abteilung und formulierte das Dogma "Geisteskrankheiten sind Hirnkrankheiten". Carl Westphal (1833-1890) war als erster ordentlicher Professor für Neurologie/Psychiatrie (1874) für die Einführung der Nervenheilkunde zum Lehrfach verantwortlich.

Im 20. Jahrhundert erlebten die Neurologie und Psychiatrie in Berlin eine Blütezeit. Zahlreiche bedeutende Wissenschaftler wirkten an der Charité, darunter Carl Wernicke, Hermann Oppenheim und Karl Bonhoeffer.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele jüdische Wissenschaftler aus der Charité vertrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte ein Neuanfang. Karl Leonhard sorgte mit seiner Klassifikation der endogenen Psychosen für internationales Renommé.

Heute sind die Neurologie und Psychiatrie an der Charité wieder international anerkannt. Die Klinik verfügt über eine moderne Ausstattung und bietet ein breites Spektrum an diagnostischen und therapeutischen Leistungen.

Heutige Berufsgruppen im Bereich Gehirn und Seele

Die Berufe, die sich heute mit dem Gehirn und mit der Seele beschäftigen, sind erst im 20. Jahrhundert als eigenständige Berufe entstanden.

  • Neurologe: Facharztausbildung, Diagnostik und Behandlung von Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks, der peripheren Nerven und der Muskeln.
  • Psychiater: Facharztausbildung, Behandlung von seelischen Erkrankungen, dazu gehören Erkrankungen wie Schizophrenie, Depressionen, Zwangsstörungen, Angsterkrankungen.
  • Psychotherapeut: Entweder ärztliche oder psychologische Universitätsausbildung, Psychotherapieausbildung beginnt nach Abschluss des Examens. Medikamentöse Behandlung von psychischen Störungen, Behandlung von psychischen Störungen, die nach belastenden Lebensereignissen auftreten, die durch Verletzungen in der Kindheit beruhen oder von Partnerschaftskonflikten. Die Psychotherapeuten arbeiten mit verschiedenen Techniken, dazu gehören die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie, die kognitiv-behaviorale Therapie und u.a.
  • Nervenarzt: Fachärztliche Doppelqualifikation in Neurologie und Psychiatrie, Gesamtgebiet der Neurologie und Psychiatrie, Schwerpunkt häufig auf den Grenzgebieten zwischen beiden Gebieten, so z.B. auf den Folgen von schweren Hirnverletzungen.
  • Neurochirurg: Facharztausbildung, Operative Behandlung von Tumoren, Fehlbildungen des zentralen Nervensystems, Operationen von Einengungen peripherer Nerven, Operationen von Bandscheibenvorfällen mit Einklemmung von Nervenwurzeln.
  • Neuroradiologe: Schwerpunkt nach der Facharztausbildung zum Radiologen, Diagnostik von Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks, der peripheren Nerven und der Muskeln, nicht-operative Behandlung von Gefäßmissbildungen oder Gefäßeinengungen, so genannte interventionelle Neuroradiologie.
  • Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: Facharztausbildung, Therapie von Erkrankungen, die ursprünglich körperlicher Art waren oder Erkrankungen, die sich körperlich äußern, aber seelischer Ursache sind.
  • Neuropsychologe: Voll abgeschlossene Universitätsausbildung in Psychologie mit anschließender Zusatzausbildung in der Neuropsychologie, Diagnostik und Behandlung von seelischen und mentalen Störungen nach Erkrankungen des Gehirns, z.B. Hirnverletzung, Schlaganfall, entzündliche Erkrankungen des zentralen Nervensystems.
  • Kinder- und Jugendpsychiater: Facharztausbildung, Die Kinder- und Jugendpsychiater sind Psychiater mit Spezialisierung auf Kinder und Jugendliche bis etwa zum 18. Lebensjahr. Behandlung von jungen Menschen mit so genannten Borderline-Störungen, Essstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS), sowie Lern- und Schulschwierigkeiten.
  • Schulpsychologe: Nach Ländern unterschiedlich, oft sind es Lehrer, die eine psychologische Zusatzausbildung absolviert haben und nicht von der Ausbildung Psychologen sind, Beratung von Schülern und ihren Eltern bei Lernschwierigkeiten und Verhaltensproblemen.

Kooperation zwischen Neurowissenschaft und Psychoanalyse

In den letzten Jahren gibt es verstärkt Bemühungen um eine Kooperation zwischen Neurowissenschaft und Psychoanalyse. Während die Psychoanalyse vom Unbewussten spricht, spricht die Hirnforschung vom Gehirn.

Mark Solms und Oliver Turnbull haben mit ihrer Neuro-Psychoanalyse einen Ansatz entwickelt, der beide Forschungsrichtungen miteinander verbindet. Sie wollen zeigen, wie sich beide Forschungen gegenseitig befruchten und wie das subjektive emotionale Erleben auch mit den Mitteln der Neurobiologie erfasst werden kann.

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