Bin ich mein Gehirn? Eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein

Die Frage, ob der Mensch sein Gehirn ist, beschäftigt Philosophen, Neurowissenschaftler und zunehmend auch die breite Öffentlichkeit. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht diskutiert wird, ob Computer Bewusstsein erlangen können, ob unser Universum eine Simulation ist oder ob der Geist eine einzigartige Eigenschaft des Menschen darstellt. Der Autor Tim Parks begibt sich in seinem Buch "Bin ich mein Gehirn?" auf eine Reise, um diese Fragen zu ergründen und die philosophischen und neurowissenschaftlichen Theorien mit den eigenen Erfahrungen zu konfrontieren.

Die Dualität von Erfahrung und Wissenschaft

Die meisten Philosophen gehen davon aus, dass unsere Erfahrungen in unserem Gehirn eingeschlossen sind und die äußere Realität unzuverlässig repräsentieren. Farbe, Geruch und Klang, so heißt es, existieren nur in unseren Köpfen. Neurowissenschaftler hingegen finden bei der Untersuchung des Gehirns lediglich Milliarden von Neuronen, die elektrische Impulse austauschen und chemische Substanzen freisetzen. Diese Diskrepanz wirft die Frage auf, wie subjektive Erfahrungen aus rein physischen Prozessen entstehen können.

Tim Parks wurde durch ein zufälliges Gespräch mit Riccardo Manzottis radikal neuer Theorie des Bewusstseins dazu angeregt, seine eigenen Erfahrungen zu hinterfragen und mit den gängigen Theorien zu konfrontieren. Er beleuchtet die Leerstellen, die der wissenschaftliche Jargon in vielen Büchern über das Gehirn übertüncht und versucht, das Wesen des menschlichen Bewusstseins zu ergründen.

Parks' Ansatz: Die Erforschung des Bewusstseins durch Selbsterfahrung

Parks beginnt sein Buch mit einer ausführlichen Schilderung seines Erwachens in einem Hotelzimmer. Er beschreibt detailliert, was er sieht, empfindet und denkt. Diese "Rohdaten" dienen ihm als Grundlage für die Erforschung des Bewusstseins. Im Gespräch mit einer Entwicklungspsychologin, einem Psychiater, einem Philosophen und einer Hirnforscherin versucht er, die verschiedenen Perspektiven auf das Bewusstsein zu verstehen.

Einige Wissenschaftler sehen das Erleben verschlüsselt in den Nervenimpulsen, während andere die Interaktion zwischen Gehirn und Welt als entscheidend betrachten. Parks hingegen findet viele Lücken in diesen Theorien. Er fragt sich beispielsweise, wo die Objekte der Traumerfahrung ihren Ursprung haben. Er kritisiert auch die Redeweise in Artikeln, in denen davon die Rede ist, dass Nerven und Hirnregionen Informationen austauschen. Was ist damit gemeint, fragt Parks? Das Neuron "weiß" nicht, dass es gerade auf eine Beethoven-Symphonie reagiert. Die gleichen Impulse könnten an anderer Stelle etwas mit einem Tritt oder einem Traum zu tun haben. Parks ist überrascht, wie konfus sich Wissenschaftler ausdrücken können, wenn es um Vorstellungen zum Thema Bewusstsein geht.

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Die Spread-Mind-Theorie als Gegenentwurf

Parks nähert sich der sogenannten "Spread-Mind-Theorie", die von dem italienischen KI-Forscher Riccardo Manzotti entwickelt wurde. Diese Theorie besagt, dass Bewusstsein weder im Gehirn noch zwischen Gehirnen angesiedelt ist, sondern in der Welt da draußen. Das Objekt unserer Wahrnehmung sei identisch mit dem Ort des bewussten Erlebens. Sprich: Der Apfel, den ich sehe, ist mein Bewusstsein (der Existenz des Apfels).

Parks kritisiert ausgiebig die Redeweise der Hirnforschung, gestützt auf die Lektüre von Büchern wie "Neurowissenschaft für Dummies" und Christof Kochs populäre Einführung "Bewusstsein - ein neurobiologisches Rätsel". Er analysiert verschiedene Fachaufsätze und lehnt Begriffe wie "Repräsentation", "Engramm" oder "Feuern" von Neuronen ab, da sie von der falschen Idee des Homunkulus (lateinisch für Männlein) zeugen - jenes inneren Agenten, den es nicht gibt.

Der Philosoph Thomas Nagel brachte den dahinterstehenden Fehlschluss einmal so auf den Punkt: Könnte man am Hirn eines Menschen lecken, der gerade ein Stück Schokolade genießt, würde es dort nirgends nach Schokolade schmecken. Ebenso wenig gibt es Bilder im Kopf, erklärt Parks, und niemand bedient sich seiner grauen Zellen als Werkzeug.

Parks' Sprachkritik gerät jedoch zur Wortklauberei, da Sprache oft einfach nicht wortwörtlich zu verstehen ist, sondern mit Analogien und Metaphern arbeitet. Solange klar ist, dass mit "Feuern" Aktionspotenziale gemeint sind und mit "Informationsverarbeitung" das Modulieren von Spike-Frequenzen und vieles andere mehr - halb so wild, könnte man meinen. Parks aber setzt eine bestimmte Art zu reden mit "der Neurowissenschaft" gleich. Dabei erliegt er einem Missverständnis: So wie Fußballreporter oder Funktionäre nicht selbst Tore schießen, ist auch die Popularisierung der Hirnforschung nicht selbst Wissenschaft. Viele öffentlich geäußerte Vereinfachungen, Übertreibungen und forsche Objektivitätsansprüche kann und muss man hinterfragen - Parks sieht in ihnen freilich etwas, was sie nicht sind.

Gegenargumente und Kritik an der Spread-Mind-Theorie

Die Spread-Mind-Theorie provoziert viele Gegenargumente. Als einziges nennt Parks selbst das Problem bewusster Trauminhalte, die augenscheinlich ohne externe Welt auskommen. Der Autor erklärt sie kurzerhand zu "verzögerten Wahrnehmungen", da in Träumen nichts zu Tage träte, was nicht schon (potenziell) wahrgenommen worden sei.

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Allerdings kann man noch viel mehr gegen die Spread-Mind-Idee ins Feld führen. Halluzinationen etwa, Täuschungen, systematische Verzerrungen oder schlicht die Tatsache der Objektpermanenz: Ein weißes Blatt Papier erscheint uns stets weiß, selbst wenn es röteres Licht reflektiert als ein reifer Apfel. Hier klaffen objektive Fakten und subjektives Erleben weit auseinander, was darauf hindeutet, dass unsere Wahrnehmungen (ebenso wie Erinnerungen) vom Gehirn konstruierte geistige Zustände darstellen.

Parks' Grundproblem liegt darin, dass er Wissenschaft missversteht. Forschung bedeutet nicht, Theorien in die Welt zu setzen, für deren Richtigkeit und Geltung man dann kämpft. Es bedeutet, möglichst sparsame, überprüfbare Antworten auf sinnvolle Fragen zu geben und diese immer wieder auf die Probe zu stellen. Parks geht es um Gewissheit und Identifikation - das ist nicht verboten, jeder darf sich mit seiner persönlichen Wahrnehmung so sehr identifizieren, wie er mag. Nur ist das eben keine Wissenschaft.

Die Suche nach dem "Ich" in den Neurowissenschaften

Gerhard Roth, Hirnforscher an der Universität Bremen, gehört zu den neuen Gelehrten, die das Rätsel des Ichs anders als bisher angehen wollen. Roth, der Philosophie studierte, bevor er sich der Neurowissenschaft widmete, möchte die spekulativen Theorien der Philosophen hinter sich lassen. Er möchte das Ich auf empirische Grundlagen stellen. Vor allem schüttelt er den Kopf, wenn er Menschen von "dem Ich" sprechen hört.

Roth argumentiert, dass es kein Ich-Zentrum gibt und dass der Gedanke einer geistigen Ich-Substanz in uns eine Illusion ist. Er verweist auf die Erkenntnisse der Neurologie, die zeigen, dass wir ein Wahrnehmungs-Ich, ein Gedächtnis-Ich, ein emotionales Ich und viele Unter-Iche haben, die relativ unabhängig voneinander ausfallen können.

Thomas Metzinger, ein Philosoph, der sich stark auf die Ergebnisse der Hirn- und Kognitionsforschung bezieht, um das Ich zeitgemäß zu verstehen, fasst den Menschen und sein Gehirn als ein informationsverarbeitendes System auf. Dieses erstellt ein Modell seiner selbst, ein so genanntes "Selbstmodell". Das Selbstmodell steht bei Metzinger für das traditionelle "Ich". Und das Fundament dieses Selbstmodells ist das Körperschema, denn es enthält die stabilste Repräsentation des Organismus, über die ein Mensch verfügt.

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Metzinger argumentiert, dass wir dieses Hirnprodukt jedoch nicht als Produkt, sondern als eine eigenständige, reale Einheit wahrnehmen, eben als unser ureigenes Ich. Die Vorstellung vom einheitlichen Ich kommt zustande, weil wir verkennen, dass die Inhalte des Ichs nur ein ständig vom Gehirn produziertes Modell unserer inneren Vorgänge sind. Sie ist also in Wirklichkeit nur ein neuronales Konstrukt oder eine Illusion. Dennoch ist diese Illusion wirksam - vor allem im sozialen Zusammenleben.

Albert Newen und Kai Vogeley, Philosophen und Neuropsychiater, untersuchen empirisch, wie das Ich im Gehirn realisiert ist. Dazu haben beide das Ich in seine wesentlichen Elemente zerlegt: Perspektivität, Urheberschaft und Einheit der Erfahrung. Mit dieser Maxime widmen sie sich vor allem der Perspektivität des Ichs: Gibt es spezielle Hirnareale dafür, dass ich die Welt von meiner Perspektive aus wahrnehme?

Die kognitiven Delfine: Gedanken als Sprünge ins Bewusstsein

Ein anderes Bild zur Veranschaulichung des Bewusstseins ist das der kognitiven Delfine. Ähnlich wie Delfine aus dem Wasser springen, tauchen Gedanken für kurze Zeit aus dem Ozean unseres Unterbewusstseins auf, bevor sie wieder abtauchen. Die Zeitfenster, in denen sich diese Sprünge ins Bewusstsein entfalten, sind unterschiedlich groß. Es gibt einen ständigen Wettlauf zwischen unseren Gedanken, einen inneren Wettbewerb um den Fokus der Aufmerksamkeit und darum, welcher Delfin-Gedanke schließlich die Kontrolle über unser Verhalten übernimmt.

Die empirischen Ergebnisse der Neurowissenschaften zeigen, dass wir während unseres Wachlebens bis zu 50 Prozent keine Kontrolle über unsere Gedanken haben. Der ziellos umherschweifende Geist, das Tagträumen, die ungebetenen Erinnerungen und das automatische Planen sind Beispiele für mentales Schlafwandeln, also das permanente Auftreten anscheinend spontaner, aufgabenunabhängiger Gedanken.

Die Bedeutung von Autonomie und kritischer Rationalität

Die Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften haben große Bedeutung für Politik, Bildung und Moral. Sie zeigen, dass stabile kognitive Kontrolle die Ausnahme ist, während ihr Fehlen die Regel ist. Das autonome "Selbst" als Initiator oder Ursache unserer kognitiven Handlungen ist ein weit verbreiteter Mythos.

Rationalität ohne Veto-Kontrolle gibt es nicht. Um innezuhalten, um einen inneren Monolog oder den ziellos wandernden Fokus der Aufmerksamkeit aber überhaupt stoppen zu können, müsste der Schlafwandler aufwachen, sich des eigenen inneren Verhaltens zunächst einmal bewusst werden.

Wer kritische Rationalität will, muss geistige Autonomie wollen. Wenn uns die Forschung zunehmend mehr darüber sagt, was die einschränkenden Faktoren für mentale Autonomie wirklich sind, dann muss sich dies auch in der akademischen Lehre widerspiegeln. Rationalität kann man genauso trainieren wie innere Bewusstheit.

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