Die Suche nach einem wirksamen Medikament gegen Alzheimer treibt die Kurse der großen Pharmakonzerne an. Angesichts der steigenden Zahl von Alzheimer-Erkrankungen weltweit, wird ein wirksames Präparat seinem Erfinder einen erheblichen finanziellen Erfolg bescheren. Die Organisation Alzheimer's Disease International schätzt, dass bis 2050 weltweit 139 Millionen Menschen an Alzheimer leiden könnten, gegenüber derzeit 55 Millionen. Die Krankheitskosten könnten sich bis 2030 auf zwei Billionen US-Dollar verdoppeln.
Anleger verfolgen daher die Entwicklungen im Bereich der Alzheimer-Forschung aufmerksam und reagieren sensibel auf neue Nachrichten, was zu erheblichen Kursschwankungen führen kann. Erfolg und Misserfolg liegen hier eng beieinander, wie die jüngsten Studienergebnisse von Roche und Biogen zeigen.
Rückschlag für Roche, Hoffnung für Biogen
Roche hatte gemeinsam mit dem Biotech-Unternehmen MorphoSys den Antikörper Gantenerumab als potenziellen Hoffnungsträger identifiziert, scheiterte jedoch kürzlich mit enttäuschenden Ergebnissen in zwei groß angelegten klinischen Studien. Infolgedessen stürzten die Aktien von MorphoSys um rund 40 Prozent ab, während die des Schweizer Großkonzerns Roche nur leicht fielen.
Im Gegensatz dazu erzielte der US-Biotech-Konzern Biogen mit seinem Wirkstoff Lecanemab vielversprechende Ergebnisse. Die Studie zeigt, dass Lecanemab das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit um 27 Prozent verlangsamt. Bei Verabreichung im Frühstadium der Erkrankung bremst es den kognitiven Verfall der Patienten deutlich. Der von Biogen entwickelte Antikörper reduziert die Ablagerung von Plaques im Gehirn, die als eine der Hauptursachen für Alzheimer gelten.
Frank Jessen vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen bezeichnete dies als "historischen Meilenstein der Alzheimer-Forschung". Lecanemab kann Alzheimer zwar nicht heilen, ist aber offenbar das erste Präparat, das den Verlauf der Krankheit in relevantem Umfang verlangsamen kann.
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Kursanstieg und Zulassungsperspektiven für Biogen
Biogen hatte die vorläufigen Studienergebnisse bereits Ende September bekannt gegeben, woraufhin die Aktie um 40 Prozent in die Höhe schnellte. Die nun vollständig veröffentlichte Studie hat die Aktie weiter stabilisiert. Derzeit kostet ein Biogen-Titel 301 US-Dollar und befindet sich weiterhin im Aufwärtstrend. Auf Sicht von sechs Monaten liegt er mit fast 50 Prozent im Plus. Investoren sind offenbar zuversichtlich, dass das Medikament zugelassen wird. Die US-Arzneimittelbehörde FDA wird voraussichtlich Anfang des kommenden Jahres über die Zulassung entscheiden. Zulassungsanträge für Europa und Japan sind ebenfalls in Planung.
Risiken und Nebenwirkungen
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es auch Risiken und Nebenwirkungen, die berücksichtigt werden müssen. Bei fast 13 Prozent der 1.800 untersuchten Patienten traten den Studienergebnissen zufolge gefährliche Gehirnschwellungen auf. In einigen Fällen kam es sogar zu Hirnblutungen. Es soll auch zwei Todesfälle gegeben haben, die jedoch vermutlich im Zusammenhang mit anderen Medikamenten und Vorerkrankungen standen.
Trotz dieser Nebenwirkungen wird der Erfolg bei der Verlangsamung des Fortschreitens der Alzheimer-Krankheit voraussichtlich als so hoch bewertet, dass er eine Zulassung rechtfertigt. Für Biogen wäre dies ein großer Erfolg, insbesondere angesichts der früheren Erfahrungen mit dem Alzheimer-Medikament Aduhelm, dessen Wirksamkeit nicht eindeutig belegt war und das daher von vielen Krankenkassen nicht übernommen wurde.
Eisai und Lecanemab: Partnerschaft im Kampf gegen Alzheimer
Der Antikörper Lecanemab, der unter dem Namen Leqembi vermarktet wird, gehört zu den ersten Medikamenten weltweit, die kausal gegen die Alzheimer-Erkrankung wirken sollen. Die Europäische Kommission hatte dem Mittel bereits im April die Zulassung erteilt. Biogen und sein japanischer Partner Eisai haben die Vermarktung in Europa gestartet, zunächst in Österreich und dann in Deutschland.
Interessanterweise liegen die Ursprünge von Lecanemab nicht in den USA (Biogen) oder Japan (Eisai), sondern in Schweden. Die Biotech-Gesellschaft BioArctic hat den Wirkstoff entdeckt und dann an Eisai verpartnert. Dieses Forschungstrio hat viel Zeit und Geld investiert, um das erste Alzheimer-Medikament in der EU zur Zulassung zu bringen. In den USA wurde das Mittel bereits 2023 zugelassen.
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Die Eisai Aktie (ISIN JP3160400002) ist ein börsennotiertes Unternehmen in Japan mit einer Marktkapitalisierung von 7,82 Mrd. EUR, das hauptsächlich in der Pharmaindustrie tätig ist. Die Aktie verzeichnet eine Jahresperformance von +1,33 %. Der aktuelle Eisai Realtimekurs (09.01.26) liegt bei 26,81€.
Lecanemab (Leqembi): Details zur Anwendung und Wirksamkeit
Lecanemab ist ein Antikörper-Wirkstoff zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit. Er bindet gezielt eine Vorstufe der für Alzheimer typischen Amyloid-beta-Protein-Plaques im Gehirn und aktiviert so das körpereigene Immunsystem, das die Ablagerungen abbaut oder deren Neubildung hemmt.
Leqembi ist nur für Menschen mit einer Alzheimer-Diagnose zugelassen, die sich im Stadium einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) oder einer frühen Alzheimer-Demenz befinden. Die Amyloid-beta-Ablagerungen müssen durch eine Lumbalpunktion oder ein Amyloid-PET nachgewiesen werden. Zudem dürfen Erkrankte höchstens eine Kopie des ApoE4-Gens tragen, da Personen mit zwei Kopien wegen des erhöhten Risikos für Hirnblutungen von der Behandlung ausgeschlossen sind. Leqembi eignet sich außerdem nicht für Menschen, die Gerinnungshemmer einnehmen.
Leqembi wird als Infusion alle zwei Wochen direkt in die Vene verabreicht. Vor und während der Behandlung sind MRT-Untersuchungen notwendig, um mögliche Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder kleine Blutungen frühzeitig zu erkennen.
Einschränkungen und Perspektiven
Leqembi kann Alzheimer weder heilen noch den Krankheitsverlauf aufhalten. Ziel der Behandlung ist es, den geistigen Abbau bei Menschen im frühen Krankheitsstadium zu verlangsamen. In der großen Phase-3-Studie CLARITY AD zeigte sich, dass die Erkrankung bei den Teilnehmenden, die Leqembi erhielten, langsamer fortschritt als in der Placebo-Gruppe.
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Nach einer Einschätzung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) von Mai 2025 erfüllt etwa 1 von 100 Menschen mit einer Alzheimer-Demenz alle Voraussetzungen für eine Behandlung mit Leqembi, also rund 12.000 Erkrankte in Deutschland. Neuere Berechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) von August 2025 gehen von bis zu 73.000 Patientinnen und Patienten in Deutschland aus.
Kosten und Verfügbarkeit
Die Behandlung mit Leqembi wird zunächst von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Apothekenpflichtige verschreibungspflichtige Arzneimittel sind in Deutschland grundsätzlich unmittelbar nach der Zulassung für alle Patientinnen und Patienten in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verfügbar. Aktuell wird geprüft, ob die Therapie mit Leqembi einen Vorteil gegenüber einer medikamentösen Behandlung hat, die ausschließlich mit den bisher verfügbaren Antidementiva aus der Gruppe der Acetylcholinesterasehemmer durchgeführt wird.
Der Hersteller Eisai beziffert den Herstellerpreis auf 310 Euro pro 2-Milliliter-Packung und 615 Euro pro 5-Milliliter-Packung. Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) liegt der Verkaufspreis für die kleine Packung zunächst bei 403,27 Euro und bei 788,86 Euro für die große Packung. Dem Hersteller Eisai zufolge würde dies in Bezug auf den Herstellerpreis auf Medikamentenkosten von 24.050 Euro pro Jahr hinauslaufen. Die Kosten für Tests, Durchführung der Therapie und Überwachung könnten sich auf etwa 10.000 Euro belaufen.