Demenzielle Erkrankungen stellen eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit dar, insbesondere im Kontext des demografischen Wandels in den Industrienationen. Bisher gibt es keine Medikamente, die Demenz, insbesondere die Alzheimer-Demenz, erfolgreich verhindern oder heilen können. Die derzeit zugelassenen Medikamente zeigen nur schwache und klinisch nicht relevante Wirkungen. Präventive Maßnahmen scheinen vielversprechender zu sein, da Demenz keine unvermeidliche Folge des Alterns ist. Studien an sogenannten "Supercentenarians" in den Blue Zones zeigen, dass geistige und kognitive Gesundheit ein wesentlicher Bestandteil eines gesunden Alterns sind.
Präventive Maßnahmen gegen Alzheimer
Wissenschaftlich anerkannte präventive Maßnahmen zur Reduzierung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind auch in der Prävention der Alzheimer-Demenz wirksam. Ein erhöhter LDL-Cholesterinspiegel ist mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko verbunden, und eine diätetische oder medikamentöse Senkung kann Vorteile bringen. Ebenso kann die Senkung erhöhter Blutdruckwerte das Auftreten kognitiver Beeinträchtigungen reduzieren.
Ernährung und Alzheimer-Risiko
Zahlreiche epidemiologische Studien zeigen, dass traditionelle und pflanzenbasierte Ernährungsformen mit einem reduzierten Alzheimer-Risiko verbunden sind. Weltweit ist die niedrigste Alzheimer-Erkrankungsrate im ländlichen Indien zu finden, wo die Bevölkerung sich überwiegend lakto-vegetarisch ernährt und reichlich Hülsenfrüchte, Gemüse, Grünblättriges, Vollkorngetreide und Obst konsumiert.
Heidelbeeren und andere Beeren
Innerhalb der Ernährung scheinen bestimmte Mikronährstoffgruppen besonders relevant zu sein. Kohortenstudien haben gezeigt, dass der Verzehr von Anthocyanen, die in Blaubeeren und anderen dunklen Beeren und Früchten enthalten sind, mit einer niedrigeren Alzheimer-Rate verbunden ist. In-vitro-Studien zeigen auch eine schützende Wirkung von Anthocyanen auf Nervenzellen im Alzheimer-Modell. Erste kleinere klinische Studien bestätigten eine positive Wirkung von Wild-Blaubeeren bzw. entsprechenden Extrakten auf die kognitive Funktion. Es ist wichtig zu beachten, dass die Studien mit Wild-Heidelbeeren durchgeführt wurden, die im Vergleich zu Kulturheidelbeeren einen 7- bis 10-fach höheren Anthocyan-Gehalt aufweisen. Andere Studien fanden auch Hinweise für schwarze Johannisbeeren, Brombeeren und Erdbeeren, obwohl die Studienlage hier weniger umfangreich ist als bei Heidelbeeren.
Eine Studie der University of Cincinnati untersuchte die Auswirkungen von Blaubeeren auf das Gedächtnis. In einer ersten Studie nahmen 47 Erwachsene ab 68 Jahren mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen teil. Ein Teil der Gruppe erhielt täglich Blaubeerpulver, das einer Schale Blaubeeren entsprach, während der andere Teil ein Placebo erhielt. Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer, die das Blaubeerpulver erhielten, eine Verbesserung ihrer kognitiven Leistungen und Gehirnfunktionen aufwiesen.
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Eine zweite Studie umfasste 94 Probanden im Alter von 62 bis 80 Jahren ohne kognitive Beeinträchtigungen, die jedoch über eine abnehmende Erinnerungsfähigkeit klagten. Die Probanden wurden in vier Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe erhielt Blaubeerpulver, eine Fischöl, eine Fischöl und Blaubeerpulver und die letzte ein Placebo. Die Ergebnisse waren hier nicht so eindeutig. Die Gehirnleistungen waren bei den Teilnehmern, die Blaubeerpulver oder Fischöl separat einnahmen, leicht verbessert. In Bezug auf das Erinnerungsvermögen gab es jedoch nur geringe Verbesserungen.
Diese Studien deuten darauf hin, dass Blaubeeren möglicherweise einen positiven Effekt auf die kognitiven Funktionen haben, insbesondere bei Personen mit bereits bestehenden Gedächtnisproblemen. Der Leiter der Studie, Robert Krikorian, vermutet, dass die positiven Effekte von Blaubeeren auf den Pflanzenstoff Anthocyan zurückzuführen sein könnten.
Fette
Die Wirkung von Fetten und verschiedenen Fettsäuren auf die kognitive Hirnfunktion ist komplex. Während die ketogene Ernährung bei kindlicher und jugendlicher therapieresistenter Epilepsie positive Wirkungen zeigt, können fettreiche Mahlzeiten zu einer reduzierten kognitiven Funktion führen. Es wird vermutet, dass gesättigte Fette Entzündungen im Gehirn verursachen können. Experimentelle Studien zeigten, dass eine ketogene Ernährung mit stärkerer Zellalterung verbunden ist. Obwohl eine extrem fettreiche Ernährung nicht empfehlenswert ist, deuten epidemiologische Studien darauf hin, dass Omega-3-Fettsäuren, Nüsse und einfach ungesättigte Fettsäuren in Nüssen und Olivenöl Vorteile für den Erhalt der kognitiven Leistung und das Demenzrisiko bieten können.
Die bisher größte epidemiologische Studie zum Thema Olivenöl und Demenz untersuchte 92.383 Teilnehmer über einen Zeitraum von 28 Jahren. Die Studie ergab, dass der Verzehr von mindestens 7 g Olivenöl pro Tag mit einem bis zu 28 % geringeren Risiko für demenzbedingte Todesfälle verbunden war.
Gewürze
Es gibt auch Hinweise darauf, dass bestimmte Gewürze die kognitive Funktion positiv beeinflussen können. Rosmarin, Salbei und Zitronenmelisse zeigten in kleinen Studien Hinweise auf eine Verbesserung der kognitiven Funktion. Safran ist das bestuntersuchte Gewürz in der Alzheimer-Forschung. Vier randomisierte Studien ergaben einen positiven Effekt von Safran auf die kognitive Funktion.
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Grünblättriges Gemüse
Grünblättriges Gemüse wie Salat, Spinat, Mangold und Grünkohl ist eine Hauptquelle für Folsäure. Epidemiologische Studien zeigen, dass eine reichliche Aufnahme von Folsäure durch die Ernährung zu einer Senkung von erhöhtem Homocystein im Blut führt, was das Demenzrisiko senken kann. Eine pflanzenbasierte Ernährung mit viel grünblättrigem Gemüse ist vermutlich mit besonderen Vorteilen verbunden. Es ist jedoch wichtig, bei veganen und pflanzenbasierten Ernährungsformen auf eine ausreichende Vitamin-B12-Zufuhr zu achten, da ein Mangel das Demenzrisiko erhöhen kann.
Kreuzblütler
Einige epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass der Verzehr von Kreuzblütlern wie Brokkoli, Kohl, Rosenkohl, Blumenkohl, Rucola oder Grünkohl mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden ist.
Kaffee und Tee
Experimentelle und epidemiologische Studien zeigen, dass der regelmäßige Konsum von Kaffee und grünem Tee mit einer Schutzwirkung auf Demenz verbunden ist. Bei grünem Tee gilt Epigallocatechingallat (EGCG) als Hauptwirkstoff, während bei Kaffee die Gesamtwirkung des Extraktes mit seinen zahlreichen Kaffeesäuren, Koffein und weiteren sekundären Pflanzenstoffen im Vordergrund steht.
Komplexe Ernährungsformen
Einzelne Nährstoffe oder spezifische Nahrungsmittel spiegeln nicht die komplexe Wirksamkeit dessen wider, was im vielschichtigen Ernährungsalltag stattfindet. Daher ist es wichtig, die Wirksamkeit von komplexen Ernährungsformen auf das Demenzrisiko und die kognitive Funktion zu untersuchen.
Die Finger-Studie
Die "Finger-Studie" (Finish geriatric intervention study to prevent cognitive impairment and disability) untersuchte eine komplexe Ernährungstherapie in Kombination mit einem Lebensstilprogramm. Über 1000 Frauen und Männer im Alter zwischen 60 und 80 Jahren wurden zu diesem Programm oder einer Kontrollgruppe randomisiert. Nach 2 Jahren war die Kognition in der Gruppe mit dem Ernährungs- und Lebensstilprogramm statistisch signifikant besser, obwohl der Effekt nicht sehr ausgeprägt war. Die Ernährungsempfehlungen der Studie umfassten den Verzehr von 4 Portionen Gemüse oder Obst täglich und die Bevorzugung von fettarmen Milchprodukten und magerem Fleisch.
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Mediterrane Ernährung und die MIND-Diät
Die mediterrane Diät hat sich in der Kardiologie und Diabetologie als "State of the Art" etabliert. Epidemiologische Studien haben auch einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr einer mediterranen Ernährung und der Senkung des Demenzrisikos festgestellt, wobei die absoluten Effekte nicht sehr ausgeprägt waren. Die wichtigsten Komponenten sind der reichliche Verzehr von Gemüse und das Verhältnis von ungesättigten zu gesättigten Fettsäuren.
Auf Basis der Evidenz zur mediterranen Ernährung und der DASH-Ernährung wurde die MIND-Diät (Mediterranean-DASH Intervention for Neurodegenerative Delay) entwickelt. Die MIND-Diät betont den Verzehr von Bohnen, Nüssen und grünblättrigem Gemüse, wobei Beeren im Vordergrund stehen. Zudem sollen Frittiertes und Fastfood reduziert werden. Eine große randomisierte Studie untersuchte die Wirksamkeit des MIND-Konzeptes auf Kognition und Bildgebung. Die Ergebnisse waren schwer zu interpretieren, da sich in beiden Gruppen die kognitive Funktion verbesserte und es keine Unterschiede in den Hirn-MRT-Scans gab.
Pflanzliche Ernährung und das Ornish-Programm
Eine Studie von Dean Ornish zeigte, dass sein Programm aus vollwertiger, pflanzlicher, fettarmer Ernährung, täglichem Walking und Meditation Verengungen an den Herzkranzgefäßen zurückbilden und auch bei fortgeschrittenem Prostatakrebs eine Rückbildung des Tumors ermöglichen kann. In einer kleinen Studie mit Patienten mit beginnender Demenz zeigte sich nach 5 Monaten eine deutliche Verbesserung der Gehirnfunktion in der Interventionsgruppe, die das Lebensstilprogramm befolgte.
Die Studie deutet darauf hin, dass umfassende Ernährungsmodifikationen notwendig sind, um Effekte auf die Demenz zu erzielen.
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