Demenz ist eine Herausforderung, die weit über den Verlust geistiger Fähigkeiten hinausgeht. Sie beeinflusst die Wahrnehmung, das Verhalten und das Erleben der Betroffenen. In ihrer Welt haben Dinge und Ereignisse oft eine andere Bedeutung als in der Welt der Gesunden. Doch auch wenn die Krankheit fortschreitet, bleibt die Hoffnung bestehen.
Die spirituelle Dimension: Glaube als Anker
Uli Zeller, Krankenpfleger und Seelsorger, hat einen besonderen Ansatz gefunden, um Menschen mit Demenz den Glauben erfahrbar zu machen. Er arbeitet praktisch und wissenschaftlich mit Alltagsgegenständen wie Erdbeeren, einem Telefon oder Geldscheinen, um biblische Geschichten zu vermitteln.
In Altenheimen hat Zeller in Kleingruppen bis zu zehn Teilnehmern ausprobiert, wie man Menschen mit Demenz angemessen begegnen kann. Etwa die Hälfte der Bewohner nimmt wöchentlich an den überkonfessionellen Bibelkreiskleingruppen teil. Dabei geht es darum, die Lebenswirklichkeit der Teilnehmer und eine gemeinsame Glaubensausübung in Einklang zu bringen. Zeller betont die biblischen Gemeinsamkeiten, die von Protestanten und Katholiken anerkannt werden.
Hören und Erleben statt Zuhören und Nachdenken
Menschen mit Demenz können durch Zuhören und Nachdenken überfordert sein. Zeller erzählt biblische Geschichten und zeigt dazu passende Gegenstände, die die Ereignisse erklären. Er vermeidet lange Texte und erzählt die Geschichten anschaulich und packend, so dass sie erlebbar werden.
Zwischen den Geschichten werden Taizélieder gesungen, die auf einer Tonebene bleiben und einen Ohrwurmcharakter haben. Viele kennen den Text und singen mit, der Rhythmus regt den Tastsinn an und es entsteht eine Art Kreislauf. Auch das gemeinsame Beten des "Vater unser" spielt eine wichtige Rolle.
Lesen Sie auch: Hoffnung im Kampf gegen Alzheimer
Vereinfachen und Wiederholen auf natürliche Weise
Zeller reduziert die Zusammenhänge, indem er sie vereinfacht und einfache Wörter und Sätze ohne Nebensätze verwendet. Statt alles langsam, deutlich und mehrmals zu wiederholen, was von oben herab wirken könnte, nutzt er Bauklötze, eine Münze und Weintrauben, um biblische Geschichten zu erzählen und Aspekte unaufdringlich zu wiederholen.
Gegenstände als Türöffner zur Erinnerung
Gegenstände können biblische Geschichten erfahrbar machen. So nutzte Zeller ein altes Telefon mit Wählscheibe, um auf Psalm 50,15 hinzuweisen, die "himmlische Telefonnummer": "Rufe mich an in der Not, so will ich Dich erretten." Das Telefon und das schnarrende Geräusch der Wählscheibe können Erinnerungen bei Menschen mit Demenz wecken.
In der Geschichte vom "Verlorenen Sohn" legte Zeller 1000 Euro in die Bibelkreisrunde. Obwohl keiner der Teilnehmer mit dem Euro groß geworden ist, erregten die Euroscheine viel Aufsehen.
Beobachten und Anpassen
Zeller beobachtet das Verhalten der Teilnehmer genau. Bei einer Frau in der letzten Demenzphase, die ihren Namen nicht mehr kannte, betete er abends das "Vater unser". Er dokumentierte und wertete etwa 100 solcher Gebetssituationen aus und beobachtete an ihrem Gesichtsausdruck, ihrer Mimik und Gestik, dass sie sehr wohl merkte, ob der Pfleger abgelenkt oder unruhig war oder wie man sie ansprach.
Die Bibel im Spiegel des Alters
Das Alte Testament bietet einen differenzierten Blick auf das Alter. Die Stammväter Abraham, Isaak oder Jakob starben "alt und lebenssatt", was positiv gemeint ist. Das Leben hat sich erfüllt, das Alter ist eine Belohnung. Die Bibel verherrlicht das Alter aber auch nicht, sondern spricht von Altersgebrechen, zum Beispiel im Kapitel Prediger 12, wo verschiedene Altersleiden bildhaft dargestellt werden. So kann "die Sonne wird sich verfinstern" bedeuten, dass man schlechter sieht, oder "die Hüter des Hauses zittern", dass die Beine wackelig werden.
Lesen Sie auch: Schüttellähmung: Neue Hoffnung
Das Wort Demenz steht nicht in der Bibel, aber in einem Psalm ist die Rede von einem, der vergisst, sein Brot zu essen. Im Neuen Testament tritt das Alter als Lebensstand in den Hintergrund.
Glaube als Hoffnung
Der Glaube gibt Hoffnung. Menschen erkennen Dinge wieder, die ihnen Hoffnung geben. Früher lernten Schüler viele biblische Geschichten auswendig, heute wird mehr über das Erleben vermittelt. Der Glaube geht über den Verstand hinaus, Gott will Menschen mit oder ohne Demenz begegnen, sowohl über den Verstand als auch über das Gefühl.
Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen
Angehörige von Menschen mit Demenz stehen oft vor großen Herausforderungen. Typische Verhaltensweisen der Betroffenen können belastend sein. Es ist wichtig, die betroffene Person so anzunehmen, wie sie ist, und das zu akzeptieren, was sie tatsächlich leisten kann.
Die Welt der Demenz verstehen
Um Menschen mit Demenz besser zu verstehen, ist es wichtig, sich in ihre Welt zu begeben. Der Schlüssel für etliche Verhaltensweisen liegt in ihrer Biografie verborgen. Einschneidende Erlebnisse, persönliche Ängste und Charaktereigenschaften zu kennen, hilft, sie auch im Verlauf der Demenz besser zu verstehen.
Erinnerungen bewahren
Halten Sie biografische Erinnerungen des Menschen mit Demenz lebendig. In fehlenden Erinnerungen liegt häufig der Grund für das unverständliche Verhalten. Wer sich nicht mehr an die Person erinnert, die einem gerade aus den Kleidern helfen möchte, wird sie als Zumutung für seine Intimsphäre empfinden.
Lesen Sie auch: Fortschritte in der Alzheimer-Forschung
Logik und Argumentation vermeiden
Logische Erklärungen versteht die betroffene Person häufig nicht mehr, genauso wenig kann sie Fragen nach Gründen für ihr Verhalten oder ihre Gefühlsäußerungen beantworten. Deshalb ist es nicht zielführend, sich mit Menschen mit Demenz auf Streitereien oder Diskussionen einzulassen und dabei zu versuchen, die betroffene Person durch logische Argumente zu überzeugen.
Verlustängste ernst nehmen
Das Zurechtfinden auch in vertrauter Umgebung wird immer schwieriger. Die Betroffenen sehnen sich in dieser Situation danach, nicht noch mehr Einschränkungen und Verluste zu erleiden.
Ernährung für das Herz: Mehr als nur körperliche Bedürfnisse
Menschen mit Demenz brauchen täglich Herzensnahrung. Tom Kitwood hat auf die fünf psychischen Grundbedürfnisse des Menschen hingewiesen: Bindung, Einbeziehung, Trost, Beschäftigung und Identität. Der Mensch mit Demenz hat diese Bedürfnisse genauso und spürt, wenn ihm z.B. Trost fehlt.
Pflegekräfte können aus Zeitnot häufig nur noch auf die körperlichen Bedürfnisse achten. Doch ohne freundliche Worte und Liebe, ohne Zuwendung oder ein Lächeln, ohne Lachen und Freundlichkeit verkümmern Herz und Seele.
Die Rose als Hoffnungsgeber
Ein freundlicher Blick, eine liebevolle Zuwendung, ein herzliches In-den-Arm-Nehmen, ein gemeinsames Lachen, ein respektvoller Umgangston - all das kann ein Hoffnungsgeber wie die Rose sein. Die besondere Bedürftigkeit von Menschen mit Demenz besteht darin, dass sie die „Rose“ jeden Tag neu benötigen, da der gestrige Tag aus der Erinnerung gelöscht ist.
Prävention und Risikofaktoren
Forschungsergebnisse zeigen, dass sich bis zu 40 Prozent der Alzheimer-Erkrankungen vermeiden lassen. Die Alzheimer-Forschung Initiative (AFI) hat 12 Risikofaktoren zusammengefasst, die zeigen, dass wir Menschen einen Teil des Erkrankungsrisikos selbst in der Hand haben.
Präventionsmaßnahmen
- Ausreichend Bewegung: Das Gehirn wird bei körperlicher Aktivität besser durchblutet und es können sich sogar Nervenzellen neu bilden.
- Geistige Fitness: Alzheimer-Symptome treten bei Menschen, die geistig aktiv sind, nachgewiesenermaßen später auf. Musizieren, Sprachen lernen, Abwechslung halten das Hirn in Schwung.
- Gesunde Ernährung: Sie hält das Gehirn länger fit und schützt vor Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck, die ihrerseits das Erkrankungsrisiko erhöhen. Auch Übergewicht sollte vermieden werden.
- Regelmäßig hoher Alkoholkonsum: Davon raten Neurolog:innen ab.
- Soziale Kontakte: Sie wirken ebenfalls einer Demenz entgegen, da hier Konzentrationsfähigkeit, das Kurzzeitgedächtnis, die Sinne und das Sprachvermögen gefragt sind.
- Ausreichend Schlaf: Im gesunden Gehirn wird schädliches Eiweiß durch eine Art Müllabfuhr im Tiefschlaf entsorgt.
- Nicht Rauchen: Rauchen ist bei Menschen über 65 Jahren der wichtigste beinflussbare Risikofaktor und erhöht das Erkrankungsrisiko um 60 Prozent.
Medizinische Vorsorge
Ein unbehandelter Blutdruck kann genauso ein Treiber für diese Demenzerkrankung sein wie Diabetes. Eng verbunden mit der Alzheimer-Erkrankung sind auch Depressionen; sie können sowohl Symptom als auch Risikofaktor sein. Eine möglichst frühe Diagnose ist wichtig für eine erfolgversprechende Behandlung.
Nicht beeinflussbare Risikofaktoren
Das Altern und die Gene spielen eine Rolle. Mutationen können zum sicheren Ausbruch der Alzheimer-Erkrankung führen, was aber sehr selten der Fall ist. Es gibt aber auch Genvarianten, die das Krankheitsrisiko erhöhen, aber nicht zum sicheren Ausbruch der Krankheit führen.
Sprüche und Zitate als Wegweiser
Sprüche und Zitate können uns im Umgang mit Demenz begleiten und uns Hoffnung schenken. Sie erinnern uns daran, das Leben zu schätzen, im Hier und Jetzt zu leben und uns auf das Positive zu konzentrieren.
- "Carpe diem - jeder Tag ist ein Geschenk. Versuche in jedem einzelnen Tag deines Lebens etwas Wertvolles zu entdecken. Das wird dich glücklicher und reicher machen. Schätze dein Leben."
- "Man ist so jung wie seine Hoffnung, so alt wie seine Verzweiflung." (Pearl S. Buck)
- "Das Herz wird nicht dement."