Das enterische Nervensystem: Eine Verbindung zwischen Psyche und Bauch

Gefühle wie Aufregung oder Ärger können sich unmittelbar auf unseren Magen-Darm-Trakt auswirken. Dieses Phänomen ist auf die enge Verbindung zwischen unserem Gehirn und dem sogenannten enterischen Nervensystem (ENS) zurückzuführen, auch bekannt als "Bauchgehirn" oder "zweites Gehirn".

Das enterische Nervensystem (ENS)

Das ENS ist ein komplexes Netzwerk von Nervenzellen, das den gesamten Magen-Darm-Trakt durchzieht, von der Speiseröhre bis zum Darmausgang. Es besteht aus dem enterischen, sympathischen und parasympathischen Nervensystem und arbeitet autonom. Obwohl es eine Komponente des vegetativen Nervensystems ist, agiert es unabhängig vom Gehirn und Rückenmark und koordiniert selbstständig die Funktionen von Speiseröhre, Magen und Darm.

Funktionen des ENS

Das ENS steuert verschiedene wichtige Funktionen im Verdauungstrakt:

  • Motilität: Es reguliert die Muskelbewegungen von Speiseröhre, Magen und Darm, die für den Transport des Nahrungsbreis verantwortlich sind.
  • Sekretion von Verdauungssäften und Hormonen: Es beeinflusst die Ausschüttung von Hormonen und Enzymen in den Verdauungsorganen, die für die Aufspaltung der Nahrung notwendig sind.
  • Lokale Durchblutung: Es reguliert die Durchblutung in den Verdauungsorganen, um eine optimale Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff zu gewährleisten.

Einzigartig ist, dass der Magen-Darm-Trakt aufgrund des ENS der einzige Organabschnitt ist, der im isolierten Zustand komplett unabhängig funktionieren kann. Ein aus dem Körper entferntes Stück Darm wäre theoretisch immer noch in der Lage, den Nahrungsbrei weiter zu transportieren. Dies geschieht durch den sogenannten peristaltischen Reflex.

Die Darm-Hirn-Achse

Das ENS kommuniziert über den Nervus vagus, einen Hirnnerv, der vom Gehirn entlang der Speiseröhre durch das Zwerchfell verläuft, mit dem Gehirn. Dabei werden etwa 90 Prozent der Informationen vom Bauch an das Gehirn gesendet und nur 10 Prozent in die andere Richtung. Das Bauchgehirn informiert das Kopfgehirn beispielsweise, wenn Giftstoffe über die Nahrung in den Körper gelangt sind.

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Diese bidirektionale Kommunikationsstrecke wird als Darm-Hirn-Achse bezeichnet und beinhaltet nervliche, hormonelle und immunologische Signale.

Die Darm-Hirn-Achse spielt eine Rolle bei Entscheidungen, die wir "aus dem Bauch heraus" treffen. Stressfaktoren können über die Nervenverbindungen der Hirn-Bauch-Achse auf das enterische Nervensystem im Magen-Darm-Trakt einwirken und dort Störungen verursachen, die wiederum an das Gehirn zurückgemeldet werden.

Neurogastroenterologie

Die Neurogastroenterologie ist ein medizinischer Fachbereich, der sich mit der Erforschung und Behandlung von Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt befasst, die auf Störungen des enterischen Nervensystems zurückzuführen sind. Typische neurogastroenterologische Erkrankungen sind Schluckstörungen, Refluxerkrankung, Reizmagen, Reizdarmsyndrom, chronische Verstopfung sowie Stuhlinkontinenz.

Reizdarmsyndrom

Das Reizdarmsyndrom ist eine der häufigsten Erkrankungen im Zusammenhang mit Störungen des enterischen Nervensystems. Es äußert sich durch Unregelmäßigkeiten in der Darmentleerung (Verstopfung und/oder Durchfälle), die mit Schmerzen und Blähungen einhergehen können. Oft liegt dem Syndrom eine Überaktivierung des enterischen Nervensystems zugrunde.

Depression

Da die Serotonin-Menge im Bauch die vorhandene Menge an Serotonin im Gehirn beeinflusst, kann eine Störung im Darm bezüglich der Bildung des Hormons auch Auswirkungen auf die Psyche haben und zu Depressionen führen.

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Das Mikrobiom und die Psyche

Das Darmmikrobiom, die Gemeinschaft der Mikroorganismen in unserem Darm, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle in der Darm-Hirn-Achse. Es beeinflusst die Produktion von Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin und GABA, die unsere Stimmung, Motivation und Stressresistenz beeinflussen.

Veränderungen im Mikrobiom oder entzündliche Prozesse können die Konzentrationen der Botenstoffe verschieben und somit unsere Psyche beeinflussen.

Was können wir tun?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das enterische Nervensystem und die Darm-Hirn-Achse positiv zu beeinflussen:

  • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und Ballaststoffen fördert eine gesunde Darmflora und unterstützt die Produktion wichtiger Neurotransmitter.
  • Stressmanagement: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und die Darmfunktion zu verbessern.
  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung fördert die Darmperistaltik und kann Verstopfung vorbeugen.
  • Probiotische und präbiotische Lebensmittel: Der Verzehr von probiotischen Lebensmitteln wie Joghurt, Kefir oder Sauerkraut kann die Darmflora positiv beeinflussen. Präbiotische Lebensmittel wie Haferflocken, Leinsamen, Zwiebeln oder Knoblauch dienen als Nahrung für die Darmbakterien.
  • Schlaf: Ausreichend Schlaf ist wichtig für die Regeneration des Körpers und die Aufrechterhaltung einer gesunden Darmflora.

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