Die Sepsis, umgangssprachlich als Blutvergiftung bekannt, stellt trotz medizinischer Fortschritte eine der häufigsten Todesursachen bei Infektionen dar. Jährlich erkranken in Deutschland mindestens 230.000 Menschen an den Folgen einer Sepsis, wobei alle sechs Minuten ein Mensch daran stirbt. Eine Sepsis ist ein medizinischer Notfall und muss sofort behandelt werden.
Was ist eine Sepsis?
Eine Sepsis ist keine Vergiftung im herkömmlichen Sinne. Sie entsteht, wenn die körpereigene Abwehrreaktion auf eine Infektion übermäßig stark ist und dadurch das eigene Gewebe und die Organe schädigt. Auslöser können eine Wunde oder eine Infektion im Körper sein. Gelangen Bakterien in den Blutkreislauf, kann sich daraus eine lebensgefährliche Blutvergiftung entwickeln.
Ursachen und Auslöser
Eine harmlose Infektion oder ein kleiner Kratzer können bereits Auslöser einer Sepsis sein. Häufige Ursachen sind Infektionen wie Lungenentzündung, Hirnhautentzündung oder Harnwegsinfekte. Eine Sepsis entsteht nicht nur durch Bakterien, sondern auch durch Viren oder Pilze, die in den Blutkreislauf gelangen.
Risikogruppen
Ab einem Alter von 50 Jahren steigt das Risiko, eine Sepsis zu erleiden. Besonders gefährdet sind ältere Menschen ab 75 Jahren, Menschen ohne Milz und Immunsupprimierte aufgrund eines schwachen Immunsystems. Auch Diabetiker sind gefährdet und sollten ihren Blutzucker gut einstellen.
Symptome einer Sepsis
Die Symptome einer Sepsis sind vielfältig und oft schwer zuzuordnen. Es ist wichtig, Anzeichen einer Blutvergiftung früh zu erkennen, um sie möglichst schnell aufzuhalten. Die Heilungschancen steigen mit einer frühen Behandlung.
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Frühe Symptome
- Erhitzte Haut, manchmal zusätzlich Hautausschlag
- Hohes Fieber (über 38 Grad Celsius), oft in Verbindung mit Schüttelfrost (Achtung: Vor allem sehr junge und sehr alte Sepsis-Patienten haben anstatt Fieber Untertemperatur)
- Verwirrtheit oder Desorientierung
- Beschleunigte Atmung (Hyperventilation)
- Beschleunigter Herzschlag (Tachykardie)
- Schlechter Allgemeinzustand
- Blasse oder graue Hautfarbe
- Erhöhte Zahl an weißen Blutkörperchen (Leukozyten), in schweren Fällen erniedrigt
Weitere Symptome je nach Infektionsherd
- Bei Lungeninfektionen: Kurzatmigkeit und/oder eitriger Auswurf
- Bei Harnwegsinfektionen: Schmerzen beim Urinieren und/oder veränderter Harngeruch
- Bei Infektionen des Zentralen Nervensystems (wie Hirnhautentzündung): starke Kopfschmerzen, gesteigerte Lichtempfindlichkeit der Augen, Schiefhals
- Bei Unterleibsinfektionen (z.B. Blinddarmentzündung): Unterleibsschmerzen
Symptome bei schwerem Sepsis-Verlauf
- Niedriger Blutdruck unter 100mmHg
- Erhöhte Atemfrequenz von mehr als 22 Atemzügen pro Minute
- Deutliche Bewusstseinsstörungen und Verwirrtheit
- Kühle und blasse Haut, besonders an Händen und Füßen mit Blaufärbung (Zyanose) und Marmorierung
Irrglaube Roter Strich
Dass man eine Blutvergiftung an einem blauen oder roten Strich von einer Wunde zum Herzen erkennen könne, ist ein Irrglaube. Ein solcher Strich ist vielmehr ein Symptom entzündeter Lymphbahnen.
Behandlung einer Sepsis
Die Sepsis ist ein medizinischer Notfall und muss sofort behandelt werden. Bei Verdacht auf eine Sepsis werden Betroffene auf einer Intensivstation behandelt. Notwendige Untersuchungen klären schnellstmöglich Art und Schwere der Infektion, denn wenige Stunden können über das Überleben entscheiden. Mit jeder Stunde ohne medizinische Versorgung steigt das Sterberisiko um sieben Prozent.
Medizinische Maßnahmen
Um den Krankheitserreger zu identifizieren, nehmen Ärzte vor Therapiebeginn Blut ab und versuchen, die Keime im Brutschrank zu vermehren. Dann lässt sich besser bestimmen, um welchen Erreger es sich genau handelt und wie er am besten zu behandeln ist. Bisher stehen nur wenige Medikamente zur Verfügung, die das Fortschreiten der Sepsis so lange aufhalten, bis die Keime identifiziert werden und die passenden Antibiotika gegeben werden können. Je früher die Therapie beginnt, desto höher ist die Überlebenschance. In der ersten Stunde beträgt sie noch 80 Prozent.
Intensivmedizinische Betreuung
Oft ist der Zustand der Betroffenen so ernst, dass sie auf der Intensivstation künstlich beatmet werden müssen, kreislaufunterstützende Medikamente brauchen und die Nierenfunktion mittels Blutwäsche (Dialyse) unterstützt werden muss.
Neue Ansätze in der Diagnostik
In Jena haben Ärzte und Naturwissenschaftler einen Chip entwickelt, der innerhalb von drei bis vier Stunden den für die Sepsis verantwortlichen Keim entlarven und sogar zeigen kann, ob dieser gegen bestimmte Antibiotika resistent ist oder nicht. Mit den üblichen Laborverfahren liegen diese Informationen erst nach 24 oder 48 Stunden vor. Der damit erreichbare Zeitgewinn würde die Überlebenschance der Betroffenen deutlich erhöhen.
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Um Menschen vor einer Sepsis zu bewahren, wird auch Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt. Am Uniklinikum Greifswald misst beispielsweise eine KI mittels eines Trackers am Handgelenk von frisch operierten Patienten rund um die Uhr Vitalwerte wie Atem- und Herzfrequenz, Temperatur, Sauerstoffsättigung und Blutdruck. Fallen Werte ab, wird eine Ärztin oder ein Arzt übers Handy alarmiert und kann die Patientin oder den Patienten sofort behandeln. Auch am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel und Lübeck hilft eine KI. Das UKSH hat Anfang des Jahres als erstes Krankenhaus in Deutschland die Software MAIA (Medical Artificial Intelligence Assistant) eingeführt. Die Anwendung greift auf alle Daten von Patientinnen und Patienten zu, die im Krankenhaus angelegt werden - Befunde, Blutwerte, Vitalparameter.
Spätfolgen einer Sepsis: Das Post-Sepsis-Syndrom (PSS)
Viele Betroffene, die eine Sepsis überstanden haben, brauchen lange, um sich zu erholen. Für jeden Tag Intensivtherapie rechnen Experten eine Woche Erholung. Viele Betroffene leiden auch noch nach Jahren unter den Spätfolgen: Chronische Erschöpfung, Appetitlosigkeit, posttraumatische Belastungsstörung, Bewegungseinschränkungen und kognitive Defizite sind typisch.
Tabelle 1: Häufige Beeinträchtigungen beim Post-Sepsis-Syndrom (PSS)
(Hinweis: Tabelle wird hier nicht erstellt, da keine Daten vorliegen)
Sepsis und Nervenschäden: Critical Illness Polyneuropathie (CIP) und Beteiligung kleiner Nervenfasern
Etwa 70% der Patienten, die eine Sepsis durchmachen, erleiden einen Schaden der peripheren Nerven und der Muskulatur. Critical Illness Polyneuropathie (CIP) und Myopathie (CIM) sind die wichtigsten Ursachen für Muskelschwäche, verlängerte Zeiten zur Entwöhnung von der künstlichen Beatmung und verzögerte Rehabilitation.
Critical Illness Polyneuropathie (CIP)
Unter einer Critical-Illness-Polyneuropathie versteht man eine Erkrankung der peripheren Nerven, die häufig im Zusammenhang mit einer Sepsis (Blutvergiftung), einer Langzeitbeatmung oder einem Multiorganversagen auftritt. Kennzeichnend ist, dass der Patient extrem schwach ist und Arme und Beine deutlich weniger als normal bewegt. Es handelt sich um ein typisches intensivmedizinisches Krankheitsbild, das letztlich nach Abschluss der akuten Intensivbehandlung vor allem durch Frührehabilitationsmaßnahmen behandelt werden kann.
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Axonaler Nervenschaden führt zu einer Wallerschen Degeneration. Das bedeutet, die Nervenfasern degenerieren distal der Läsion, haben aber das Potenzial zu einer langsamen Regeneration. Die MRT kann solche Prozesse in großer anatomischer Genauigkeit darstellen. Wallersche Degeneration führt zu einer Änderung der Kontrastmittelaufnahme, Änderungen im T2w Signalverhalten und in der Diffusionsbildgebung in Nerv und Muskel.
Studie zur Beteiligung kleiner Nervenfasern bei Sepsis
Eine aktuelle Studie untersucht die Beteiligung der kleinen somatischen C-Fasern und autonomen Nervenfasern im Verlauf der Sepsis. Es ist gut bekannt, dass im Rahmen der Sepsis ein axonaler Nervenschaden der großen myelinisierten Nervenfasern in bis zu 70% der Sepsispatienten auftritt, die Critical Illness Polyneuropathie (CIP). Darüber hinaus spielt eine schwere autonome Dysregulation bei der Sepsis eine signifikante Rolle. Es kann also angenommen werden, dass eine Schädigung der kleinen autonomen Nervenfasern eine mögliche Ursache für das autonome Versagen im Verlauf der Sepsis ist.
Die Hautbiopsie ist die zur Zeit einzige reliable Möglichkeit, eine Erkrankung der kleinen, wenig myelinisierten Nervenfasern nachzuweisen, was durch klassische elektrophysiologische Messungen nicht möglich ist. Es sollen deshalb Hautbiopsien in der akuten Phase der Sepsis, 2 Wochen und 4 Monate später genommen werden. In die Studie wird zusätzlich eine gesunde Kontrollgruppe eingeschlossen, bei der einmalig eine Hautbiopsie und eine Elektroneurografie durchgeführt wird. Quantitative Dichtemessungen der kleinen Nervenfaser können mit hoher Genauigkeit ermittelt werden, nachdem die kleinen Nervenfasern spezifisch histologisch angefärbt werden. Normalwerte für verschiedene Körperregionen liegen in der Literatur bereits vor.
Die Studie wird ermöglichen, das Auftreten und den zeitlichen Verlauf einer Schädigung der kleinen Nervenfasern (small fibre neuropathy) zu erkennen und deren Verlauf zu beschreiben. Der Zusammenhang mit einer Schädigung der großen Nervenfasern (Critical Illness Polyneuropathie) wird durch die gleichzeitige neurografische Messung der peripheren Nerven ermittelt (Elektroneurografie, ENG). Eine funktionelle Messung vegetativer Nervenschädigung stellt die Sympathische Hautreaktion dar, die ebenfalls ermittelt wird. Die intraepidermale Nervenfaserdichte (IENF/mm) im Verlauf der Sepsis (akute Sepsis, 2 Wochen später, 4 Monate follow-up). Die intraepidermale Nervenfaserdichte wird in den histologischen Färbungen (PGP 9.5, Schnittdicke 50 µm) der Hautbiopsien ermittelt.
MRT-Studie bei CIP und CIM
Eine MRT des Beckens und der Oberschenkel soll bei Patienten mit den elektrophysiologischen Zeichen einer CIP innerhalb der ersten Woche der Sepsis durchgeführt werden. Zusätzlich soll zur Abklärung eines Muskelschadens (CIM) eine Muskelbiopsie erfolgen, die optional angeboten werden soll. Eine zweite MRT-Untersuchung soll dann in der Zeit nach Erholung von der Sepsis durchgeführt werden (vor der Entlassung aus dem Krankenhaus). Die Studie wird erstmals Daten bringen zur anatomischen Lokalisation des Nerven- und Muskelschadens bei CIP und CIM.
Prävention
Einer Sepsis kann man nicht direkt vorbeugen. Sie kann theoretisch aus jeder Infektion entstehen, die der Körper durchmacht. Ratsam ist, Infektionen rechtzeitig behandeln zu lassen, damit sie sich nicht auf den restlichen Körper ausbreiten können. Wichtig ist auch, auf einen vollständigen Impfschutz zu achten, insbesondere bei immungeschwächten und älteren Menschen. Expertinnen und Experten fordern deshalb mehr Impfungen (vor allem gegen Pneumokokken, jährliche Corona- und Grippeschutzimpfungen), eine Reduzierung von vermeidbaren Krankenhausinfektionen, eine bessere Aufklärung in der Bevölkerung und eine bessere Früherkennung.
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