Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) stellt Betroffene vor vielfältige Herausforderungen. Neben den körperlichen Symptomen können auch kognitive Beeinträchtigungen und psychische Belastungen den Alltag erschweren. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Strategien und Hilfsmittel, die MS-Patienten dabei unterstützen können, ihren Alltag selbstbestimmt und mit hoher Lebensqualität zu gestalten.
Umgang mit Stress und psychischer Belastung
Stressbewältigung als zentraler Faktor
Stress ist ein natürlicher Mechanismus, der den Körper kurzzeitig leistungsfähiger macht. Bei MS-Patienten kann chronischer Stress jedoch die Symptome verschlimmern und das Risiko für Schübe erhöhen. Daher ist es wichtig, effektive Stressbewältigungsstrategien zu entwickeln.
- Entspannungstechniken: Meditation, progressive Muskelentspannung, Yoga und autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und die Entzündungsreaktionen im Körper zu hemmen. Atemübungen, wie das bewusste Ein- und Ausatmen in einem bestimmten Rhythmus, können ebenfalls zur Entspannung beitragen.
- Erholung: Echte Erholung bedeutet, sich Pausen von Reizüberflutung zu nehmen. Ein Spaziergang in der Natur ohne Smartphone oder das bewusste Fokussieren auf Umgebungsgeräusche können dem Nervensystem helfen, zu entspannen.
- Akupressur: Bei Verspannungen im Schulterbereich kann Akupressur helfen, die Durchblutung anzuregen, Muskeln zu lockern und Schmerzen zu lindern.
- Regelmäßige Pausen: Nach 60-90 Minuten konzentrierter Arbeit ist es wichtig, eine kurze Pause einzulegen, sich zu strecken und das Büro zu lüften.
- Temperaturreize: Wechselduschen, Vollbäder oder Saunagänge können den Vagusnerv aktivieren, der für Ruhe und Erholung zuständig ist.
- Gesunde Lebensweise: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität und ausreichend Schlaf können den Körper widerstandsfähiger gegen Stress machen.
- Stressoren identifizieren: Es ist hilfreich, Stressoren im Alltag zu identifizieren und Strategien zu entwickeln, um mit ihnen umzugehen. Dies kann bedeuten, Prioritäten zu setzen, Aufgaben zu delegieren oder auch "Nein" zu sagen.
Coping-Strategien für den Umgang mit MS
Coping bezeichnet die Fähigkeit, Stress, schwierige Ereignisse und belastende Situationen zu bewältigen. Es gibt verschiedene Coping-Strategien, die bei MS hilfreich sein können:
- Problemorientiertes Coping: Hierbei geht es darum, das Problem durch Handlung oder Suche nach Informationen zu bewältigen. Sich gut über die Erkrankung zu informieren und Verhaltensweisen an die veränderte Lebenssituation anzupassen, kann den Alltag stressfreier gestalten.
- Emotionsorientiertes Coping: Diese Strategie setzt an der Psyche an und zielt darauf ab, negative Emotionen abzubauen.
- Bewertungsorientiertes Coping: Hierbei geht es darum, negative Gedanken neu zu bewerten und in einen positiven Blickwinkel zu rücken.
Empowerment: Den eigenen Weg finden
Empowerment bedeutet, sich selbst zu ermächtigen und das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. MS-Betroffenen kann diese Lebenshaltung einen Ausweg aus der Hilflosigkeit bieten.
- Wissen aneignen: Fundiertes Wissen über die MS-Erkrankung und die Therapiemöglichkeiten ist ein wichtiger erster Schritt.
- Werte klären: Es ist wichtig, sich seine Werte bewusst zu machen: Was kann ich? Was will ich? Was ist mir wichtig im Leben?
- Prioritäten setzen: Was ist wirklich wichtig? Top-Leistungen im Job oder ein ausgeglichenes Leben mit weniger Erschöpfung?
- Austausch suchen: Der Austausch mit anderen Betroffenen und die enge Abstimmung mit dem Arzt sind wichtig, um die bestmögliche Therapie zu finden.
- Kleine Etappen setzen: Den eigenen Weg mit MS zu entwickeln, braucht Zeit. Es ist hilfreich, sich kleine, erreichbare Ziele zu setzen.
Psychologische Unterstützung
Psychologische Betreuung spielt eine maßgebliche Rolle im Management der MS. Sie kann helfen, Resilienzfaktoren zu stärken und den Blick auf die Situation zu verändern.
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Kognitive Beeinträchtigungen im Alltag meistern
Ursachen und Auswirkungen kognitiver Störungen
Multiple Sklerose kann sich auf Konzentration, Aufmerksamkeit, Orientierung und Gedächtnis auswirken. Diese kognitiven Störungen können verschiedene Ursachen haben, darunter:
- Netzwerkstörung: Die MS betrifft das gesamte zentrale Nervensystem und führt dazu, dass komplexere kognitive Fähigkeiten langsamer ablaufen.
- Stimmungsveränderungen: Affektive Störungen oder depressive Zustandsbilder können das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigen.
- Schlafstörungen: Die Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus und Schlafmangel gehen immer mit einer Veränderung der Kognition einher.
- Somatische Zustandsbilder: Schilddrüsenfunktionsstörungen oder kardiale Probleme können ebenfalls zu kognitiven Störungen führen.
Diagnose und Behandlung kognitiver Beeinträchtigungen
Es ist wichtig, kognitive Störungen gegenüber dem Arzt anzusprechen, da diese häufig nicht von selbst erkannt werden. Anhand von kognitiven Tests können Teilleistungsstörungen in den einzelnen Bereichen abgegrenzt werden.
- Kognitive Tests: Validierte Kurztests und Screening-Tests, wie der "Symbol Digit Modalities Test", können die Wahrscheinlichkeit für kognitive Probleme aufzeigen.
- Medikamentöse Behandlung: Die Möglichkeiten zur medikamentösen Behandlung kognitiver Beeinträchtigungen bestehen darin, den Erkrankungsprozess bei MS bestmöglich zu kontrollieren.
- Kognitives Training: Das Gehirn kann wie ein Muskel spezifisch trainiert werden.
- Kompensationsstrategien: Es können Kompensationsstrategien entwickelt werden, beispielsweise wenn man Probleme hat, sich viele Gegenstände zu merken.
Tipps für den Umgang mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alltag
- Umfeld informieren: Das Umfeld sollte über die kognitiven Beeinträchtigungen informiert werden, um Verständnis zu generieren.
- Pausen einlegen: Es kann helfen, Pausen einzulegen und Reizüberflutung zu vermeiden.
- Gehirn schonen: Wenn die Aufmerksamkeitsschwelle sinkt und man überfordert ist, ist es gut, sich zurückzuziehen.
- Gehirn fordern: Ansonsten gilt beim Gehirn "Use it or lose it". Eine Forderung im Sinne einer Herausforderung ist für das Gehirn gut.
- Noxen vermeiden: Vorsicht ist geboten bei ungesunder Ernährung, Genussmitteln wie Cannabis und Alkohol.
- Mnemotechniken: Hilfsmittel, die bei Gedächtnislücken helfen können, sind Mnemotechniken.
- Akzeptanz aufbauen: Es ist wichtig, eine gewisse Akzeptanz aufzubauen. Sollte einem etwas nicht gleich einfallen, kann man es durchaus ansprechen.
- Tagesablauf anpassen: Die Anpassung des Tagesablaufs und die Vorhersehbarkeit können helfen, die Hirnfunktion zu unterstützen.
- Maßgeschneiderte Lösungen: Maßgeschneiderte Lösungen können helfen, die Funktion zu erhalten.
- Aufmerksamkeit trainieren: Achtsamkeitsübungen oder Yoga können helfen, die Aufmerksamkeit zu fokussieren.
Sport und Bewegung als wichtiger Bestandteil der Therapie
Positive Auswirkungen von Sport und Bewegung
Sport und Bewegung sind nicht nur für gesunde Menschen wichtig, sondern auch für MS-Betroffene. Sie können die Muskelkraft verbessern, das Gleichgewicht fördern und MS-Symptome wie Fatigue und Spastik lindern.
- Neuronale Plastizität: Durch die Physiotherapie und dem Aufrechterhalt von Bewegung können oftmals Gehirnareale trainiert werden. Dadurch werden Faktoren der neuronalen Plastizität gefördert.
- Stoffwechsel ankurbeln: Durch einen verbesserten Trainingszustand und die Verbesserung der kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit kann der Stoffwechsel angekurbelt werden.
- Koordination verbessern: Komplexe koordinative Tätigkeiten, Tanzen und Ballspiele sind sehr gut, um die Koordination zu verbessern.
Tipps für das Training
- Freude an der Ausübung: Achten Sie darauf, dass Ihnen die Ausübung Freude bereitet. Das ist der wesentlichste Garant, um diese auch konsequent durchzuführen.
- Einseitige Routinen vermeiden: Trainieren Sie die Bereiche, in denen Sie Defizite haben. Gleichgewicht und Koordination sollten beispielsweise mit entsprechenden Koordinationstrainings verbessert werden.
- Leistungsgrenze beachten: Man sollte knapp unter seiner Leistungsgrenze trainieren, sich aber durchaus auch einmal körperlich ausbelasten.
- Moderate Ausdauersportarten: Moderate Ausdauersportarten wie Nordic Walking, Radfahren und Schwimmen sind gut geeignet.
Ernährung bei Multipler Sklerose
Einfluss der Ernährung auf den Krankheitsverlauf
Es gibt zwar keine spezielle MS-Diät, deren Wirkung wissenschaftlich belegt ist, aber Experten gehen davon aus, dass die Ernährung über die Darmflora den Krankheitsverlauf der MS beeinflusst.
- Kurzkettige Fettsäuren: Forscher fanden heraus, dass kurzkettige Fettsäuren bei MS Entzündungsreaktionen unterdrücken können und eine regulierende Wirkung auf das Immunsystem haben. Eine ballaststoffreiche Ernährung kann die Bildung dieser Fettsäuren fördern.
- Ausgewogene Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann sich positiv auf die Entzündungs- und Immunprozesse im Körper auswirken.
- Omega-3-Fettsäuren: Omega-3-Fettsäuren hemmen entzündliche Prozesse im Körper. Diese sind z. B. in fettreichen Fischen wie Lachs, Hering und Makrele enthalten.
- Antioxidantien: Bei Menschen mit Multipler Sklerose kann durch andauernde Entzündungsprozesse der Bedarf an Antioxidantien erhöht sein. Diese kommen vor allem in Obst und Gemüse vor.
- Vitamin D: Wissenschaftler vermuten, dass ein Vitamin D-Mangel zur Entstehung der Multiplen Sklerose beiträgt.
Blasenstörungen und Inkontinenz
Beckenbodentraining
Eine gute Beckenboden-Muskulatur unterstützt die Funktion der Blase und ist wichtig, um Stuhl zu halten. Ein Training des Beckenbodens kann daher Blasenstörungen und Stuhl-Inkontinenz lindern und auch bei sexuellen Problemen helfen.
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Flüssigkeitszufuhr
- Ausreichend trinken: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt mindestens 1,5 bis 2 Liter Wasser täglich.
- Harntreibende Getränke vermeiden: Verzichten Sie auf Kaffee, schwarzen Tee oder Cola, da diese Getränke harntreibend sind.
Hygienemaßnahmen
- Urin schnell abwaschen: Gelangt Urin auf die Haut, sollte er möglichst schnell abgewaschen werden, um Hautreizungen vorzubeugen.
- pH-neutrale Produkte verwenden: Verwende zum Waschen möglichst pH-neutrale Produkte.
- Haut gut abtrocknen: Trockne die Haut gut ab.
Fatigue: Müdigkeit und Erschöpfung bewältigen
Umgang mit Fatigue
Gegen das sogenannte Fatigue-Syndrom gibt es bis heute kein wirksames Medikament. Betroffene können sich jedoch den Umgang mit der Fatigue erleichtern, indem sie den Tageslauf ihren persönlichen Bedürfnissen anpassen.
- Professionellen Rat einholen: Lassen Sie sich von Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt, Physiotherapeuten und MS-Fachberater/-in beraten.
- Tagesablauf planen: Koordinieren Sie Ihre Aufgaben und legen Sie regelmäßig Pausen ein.
- Regelmäßig bewegen: Sport und Bewegung verbessern dauerhaft Ihr Wohlbefinden, Ihre Stimmung und Leistungsfähigkeit.
- Hitze vermeiden: Fatigue kann durch Hitze verstärkt werden. Halten Sie sich daher bei hohen Sommertemperaturen in kühlen Räumen auf.
- Ruhepausen einplanen: Integrieren Sie gezielt Pausen in den Alltag, in denen Sie sich erholen und entspannen können.
- Soziales Umfeld einweihen: Reden Sie mit Familie und Freunden, aber auch mit Ihrem beruflichen Umfeld offen über Ihre Erschöpfbarkeit.
- Wohn- und Arbeitsumfeld anpassen: Richten Sie Ihre Wohnung nach Ihren Bedürfnissen ein.
- Ausgewogen ernähren: Achten Sie auf eine gesunde Ernährung. Verzichten Sie möglichst auf Alkohol und schwere Mahlzeiten.
Kognitives Training
Gedächtnis und Konzentration verbessern
Kognitives Training hilft Ihnen, Ihre Konzentration zu steigern und Ihr Gedächtnis zu verbessern. Mit einfachen Memo-Spielen bringen Sie Ihre grauen Zellen auf Trab.
- Alltagsübungen: Nutzen Sie Ihre Tätigkeiten im Alltag, um eigene Übungen zu entwickeln. Rechnen Sie z. B. beim Einkaufen von Lebensmitteln die Preise Ihrer Waren im Kopf zusammen.
- Regelmäßige Trainingseinheiten: Achten Sie auf kurze und vor allem regelmäßige Trainingseinheiten.
- Routinen nutzen: Im Alltag helfen Routinen.
- Ausreichend schlafen: Schlafen Sie ausreichend, denn Schlaf ist z. B. für die Bildung eines Langzeitgedächtnisses wichtig.
- Bewegung: Bewegen Sie sich ausreichend! Es ist belegt, dass sich sportliche Aktivität positiv auf die geistige Leistungsfähigkeit auswirkt.
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