Dr. Michael Nehls' Buch "Die Alzheimer-Lüge" hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erregt und eine hitzige Debatte über die Ursachen und Behandlung von Alzheimer ausgelöst. Das Buch fasst Forschungsergebnisse der Alzheimerforschung zusammen und interpretiert sie. Nehls argumentiert, dass Alzheimer eine Folge des modernen Lebenswandels ist und durch eine Änderung des Lebensstils verhindert und im Frühstadium sogar geheilt werden kann. Doch ist diese These haltbar?
Die Kernaussagen von "Die Alzheimer-Lüge"
Nehls' zentrales Argument ist, dass Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Alzheimer vor allem auf unsere moderne Ernährungs- und Lebensweise zurückzuführen sind. Er postuliert, dass viele gesundheitliche Probleme vermeidbar wären, wenn wir uns wieder "artgerechter" ernähren und einen "natürlicheren" Lebensstil pflegen würden.
Seine "Anti-Alzheimer-Formel" umfasst fünf wesentliche Bereiche:
- Gesunde Ernährung: Eine "artgerechte" Ernährung, die sich an der altsteinzeitlichen Ernährung orientiert.
- Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung, um den Hippocampus zu stimulieren.
- Schlaf: Ausreichend Schlaf, um dem Gehirn Zeit zur Erholung zu geben.
- Soziale Aktivität: Aktive Teilnahme am sozialen Leben, um das Gehirn zu fordern.
- Lebenssinn: Eine erfüllende Lebensaufgabe, die dem Leben Sinn verleiht.
Nehls betont, dass die Herausforderung darin besteht, genügend Zeit für diese fünf Bereiche aufzubringen. Er argumentiert, dass chronischer Stress, der durch Zeitmangel entsteht, das Wachstum des Hippocampus behindert, der für ihn der zentrale Ort der Alzheimerprophylaxe ist.
Kritik an Nehls' Thesen
Obwohl Nehls' Buch viele Leser anspricht und zu einem Bestseller wurde, gibt es auch erhebliche Kritik an seinen Thesen. Einer der Hauptkritikpunkte ist seine Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. Nehls reduziert Alzheimer auf eine "Mangelerkrankung", die durch eine einfache Formel behoben werden kann. Diese Sichtweise ignoriert die vielfältigen Faktoren, die zur Entstehung von Alzheimer beitragen können, einschließlich genetischer Veranlagung, Alter und anderer Erkrankungen.
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Prof. Dr. Dr. hc. Christian Haass, ein führender Demenzforscher in Deutschland, äußert sich kritisch zu Nehls' Buch. Er betont, dass es zwar erwiesen ist, dass Sport, gesunde Ernährung und Stressreduktion einen positiven Einfluss auf die Entwicklung einer Demenz haben können, aber dass diese Maßnahmen die Krankheit nicht verhindern können. Sie können den Krankheitsbeginn verzögern, aber die Veränderungen im Gehirn werden trotzdem fortschreiten und unweigerlich in Demenz münden.
Haass warnt davor, dass Nehls' Buch falsche Hoffnungen weckt und den Betroffenen und ihren Familien schadet. Er betont, dass Alzheimer ein komplexes Krankheitsbild ist, das nicht allein durch einen gesunden Lebenswandel geheilt werden kann.
Ein weiterer Kritikpunkt ist Nehls' selektiver Umgang mit wissenschaftlichen Fakten. Er präsentiert Studien, die seine Thesen unterstützen, ignoriert aber andere Forschungsergebnisse, die seine Argumente in Frage stellen. Zum Beispiel behauptet Nehls, dass Fernsehen "pures Gift" sei und das Alzheimerrisiko erhöhe. Diese Aussage basiert auf einer naiven Hochrechnung, die wissenschaftlich nicht haltbar ist.
Auch Nehls' Verwendung des Begriffs "artgerecht" wird kritisiert. Er bezeichnet die altsteinzeitliche Ernährungsweise als "artgerecht", obwohl es keine einheitliche altsteinzeitliche Ernährung gab. Die Ernährung der Menschen in der Altsteinzeit war stark von ihrem jeweiligen Lebensraum abhängig.
Die Bedeutung eines gesunden Lebensstils
Trotz der Kritik an Nehls' Thesen ist es wichtig zu betonen, dass ein gesunder Lebensstil eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung von Alzheimer spielen kann. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die sich gesund ernähren, regelmäßig Sport treiben, ausreichend schlafen, sozial aktiv sind und einen Lebenssinn haben, ein geringeres Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken.
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Ein gesunder Lebensstil kann dazu beitragen, die Risikofaktoren für Alzheimer zu reduzieren, wie z. B. Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht und Depressionen. Er kann auch die kognitive Reserve erhöhen, d. h. die Fähigkeit des Gehirns, Schäden zu kompensieren.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass ein gesunder Lebensstil keine Garantie dafür ist, dass man nicht an Alzheimer erkrankt. Alzheimer ist eine komplexe Krankheit, die von vielen Faktoren beeinflusst wird.
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