Einführung
Autoimmunerkrankungen sind chronische Erkrankungen, bei denen das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Zellen und Gewebe angreift. Während viele dieser Erkrankungen primär andere Organe betreffen, können sie auch erhebliche Auswirkungen auf das Gehirn und die psychische Gesundheit haben. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Autoimmunerkrankungen und neurologischen sowie psychischen Störungen und bietet einen umfassenden Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse und Behandlungsansätze.
Die Rolle des Immunsystems im Gehirn
Das Gehirn galt lange Zeit als immunprivilegiertes Organ, was bedeutet, dass es von der systemischen Immunantwort weitgehend isoliert ist. Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt, dass das Immunsystem eine viel aktivere Rolle im Gehirn spielt, als bisher angenommen. Mikrogliazellen, die residenten Immunzellen des Gehirns, sind an der Aufrechterhaltung der Homöostase, der Synapsenbildung und der Beseitigung von Zelltrümmern beteiligt.
Mikroglia: Hausmeister oder Zerstörer?
Bis vor Kurzem wurden Mikrogliazellen als die "Hausmeister" des Gehirns angesehen, deren Hauptaufgabe darin besteht, beschädigte Zellen zu entsorgen. Neueste Studienergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass diese Gehirnzellen zwei Gesichter haben: ein schönes und ein hässliches. Werden sie übermäßig aktiviert - und alles, was das Immunsystem des Körpers auf den Plan ruft, kann auch die Mikroglia aktivieren -, zeigen sie sich von ihrer zerstörerischen Seite. In diesem Zustand sind sie an vielen Erkrankungen beteiligt, von Gedächtnisproblemen über Ängste bis hin zu Depressionen und Alzheimer. Unter den richtigen Umständen können Mikroglia jedoch auch als eine Art "Schutzengel" fungieren und Schäden im Gehirn beheben, Symptome wie von Zauberhand verschwinden lassen und Hoffnung auf den Tag schüren, an dem wir mit ihrer Hilfe Krankheiten sogar verhindern können.
Eine übermäßige Aktivierung der Mikroglia kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, darunter:
- Autoimmunerkrankungen: Die systemische Entzündung, die mit Autoimmunerkrankungen einhergeht, kann die Mikroglia aktivieren und zu neuroinflammation führen.
- Infektionen: Virale oder bakterielle Infektionen können ebenfalls eine Aktivierung der Mikroglia auslösen.
- Traumatische Hirnverletzungen: Eine Schädigung des Gehirns durch ein Trauma kann eine Entzündungsreaktion hervorrufen, die die Mikroglia aktiviert.
- Chronischer Stress: Anhaltender Stress kann das Immunsystem schwächen und die Mikroglia aktivieren.
Wie Autoimmunerkrankungen das Gehirn beeinflussen können
Autoimmunerkrankungen können das Gehirn auf verschiedene Weise beeinflussen:
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Direkte Autoimmunattacke: In einigen Fällen greifen Autoantikörper direkt Gehirnzellen an und schädigen diese. Dies kann zu neurologischen Symptomen wie Krampfanfällen, Bewegungsstörungen und kognitiven Beeinträchtigungen führen.
Neuroinflammation: Die systemische Entzündung, die mit Autoimmunerkrankungen einhergeht, kann die Blut-Hirn-Schranke (BHS) beeinträchtigen und den Eintritt von Immunzellen und Entzündungsmediatoren ins Gehirn ermöglichen. Dies führt zu Neuroinflammation, die Neuronen schädigen und die Hirnfunktion beeinträchtigen kann.
Beeinträchtigung der Neurotransmission: Autoimmunerkrankungen können die Neurotransmission beeinflussen, indem sie die Synthese, Freisetzung oder den Abbau von Neurotransmittern stören. Dies kann zu psychischen Symptomen wie Depressionen, Angstzuständen und kognitiven Beeinträchtigungen führen.
Hormonelle Dysregulation: Einige Autoimmunerkrankungen, wie z. B. Hashimoto-Thyreoiditis, können die Hormonproduktion beeinträchtigen und zu neurologischen und psychischen Symptomen führen.
Psychische Erkrankungen als Folge von Autoimmunerkrankungen
Entzündungen im Gehirn können eine wichtige Rolle bei psychischen Leiden spielen. Sind das Immunsystem oder das Mikrobiom durch Autoimmunerkrankungen, das Leaky-Gut-Syndrom oder eine Nebennierenschwäche aus dem Gleichgewicht geraten, kann das zu entzündlichen Reaktionen im ganzen Körper führen. Wenn davon auch das Gehirn betroffen ist, können psychische Erkrankungen verschiedenster Art die Folge sein. Depressionen, Zwangsstörungen oder Angstzustände - jedes Jahr sind mehr Jugendliche von psychischen Erkrankungen betroffen. Die Ursachen werden meist im familiären und schulischen Umfeld gesucht. Doch diese Herangehensweise greift zu kurz.
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Beispiele für Autoimmunerkrankungen mit Auswirkungen auf das Gehirn
Es gibt eine Vielzahl von Autoimmunerkrankungen, die das Gehirn beeinflussen können. Einige der häufigsten Beispiele sind:
Multiple Sklerose (MS): MS ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Myelinscheide angreift, die die Nervenfasern umgibt. Dies kann zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen, darunter Müdigkeit, Sehstörungen, Muskelkrämpfe, Koordinationsstörungen und kognitive Beeinträchtigungen.
Systemischer Lupus Erythematodes (SLE): SLE ist eine systemische Autoimmunerkrankung, die verschiedene Organe betreffen kann, darunter das Gehirn. Neurologische Symptome bei SLE können Kopfschmerzen, Krampfanfälle, kognitive Beeinträchtigungen, Psychosen und Schlaganfälle umfassen.
Hashimoto-Thyreoiditis: Hashimoto-Thyreoiditis ist eine Autoimmunerkrankung, die die Schilddrüse betrifft und zu einer Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) führt. Hypothyreose kann zu einer Vielzahl von neurologischen und psychischen Symptomen führen, darunter Müdigkeit, Depressionen, Gedächtnisprobleme und Konzentrationsstörungen.
Rheumatoide Arthritis (RA): RA ist eine chronisch-entzündliche Gelenkerkrankung, die auch das Gehirn beeinflussen kann. Neurologische Symptome bei RA können Kopfschmerzen, Müdigkeit, kognitive Beeinträchtigungen und Depressionen umfassen.
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Autoimmune Enzephalitis: Autoimmune Enzephalitis ist eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Erkrankung, bei der das Immunsystem das Gehirn direkt angreift. Die Symptome können je nach betroffenem Hirnbereich variieren, können aber Krampfanfälle, Verhaltensänderungen, Gedächtnisverlust und Bewusstseinsstörungen umfassen.
Diagnostik
Die Diagnose von neurologischen und psychischen Störungen im Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen kann eine Herausforderung darstellen, da die Symptome oft unspezifisch sind und mit anderen Erkrankungen verwechselt werden können. Eine umfassende Anamnese, körperliche Untersuchung und neurologische Untersuchung sind unerlässlich. Zusätzliche diagnostische Tests können umfassen:
- Blutuntersuchungen: Zur Bestimmung von Autoantikörpern und Entzündungsmarkern.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Zur Beurteilung von Hirnstrukturen und zum Nachweis von Entzündungen oder Läsionen.
- Elektroenzephalographie (EEG): Zur Messung der Hirnaktivität und zum Nachweis von Krampfanfällen.
- Liquoruntersuchung: Zur Analyse der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit auf Entzündungszeichen und Autoantikörper.
- Neuropsychologische Tests: Zur Beurteilung kognitiver Funktionen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen.
Therapieansätze
Die Behandlung von neurologischen und psychischen Störungen im Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren, das Immunsystem zu modulieren und die Symptome zu lindern. Zu den gängigen Therapieansätzen gehören:
- Immunsuppressiva: Medikamente wie Kortikosteroide, Methotrexat und Azathioprin können helfen, das Immunsystem zu unterdrücken und die Entzündung zu reduzieren.
- Biologika: Biologika sind gentechnisch hergestellte Medikamente, die gezielt bestimmte Teile des Immunsystems blockieren. Beispiele hierfür sind TNF-alpha-Inhibitoren, B-Zell-Depletions-Therapien und Interleukin-Inhibitoren.
- Intravenöse Immunglobuline (IVIG): IVIG sind Antikörper, die aus dem Blut gesunder Spender gewonnen werden. Sie können helfen, das Immunsystem zu modulieren und Entzündungen zu reduzieren.
- Plasmapherese: Plasmapherese ist ein Verfahren, bei dem das Blutplasma aus dem Körper entfernt und durch eine Ersatzlösung ersetzt wird. Dies kann helfen, Autoantikörper und Entzündungsmediatoren aus dem Blut zu entfernen.
- Symptomatische Behandlung: Medikamente und Therapien zur Linderung spezifischer Symptome wie Schmerzen, Müdigkeit, Depressionen und Angstzustände.
- Psychotherapie: Psychotherapie kann helfen, mit den psychischen Auswirkungen von Autoimmunerkrankungen umzugehen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
- Neurofeedback, Intervallfasten, transkranielle Magnetstimulation und Lichtherapie zur Förderung der Gamma-Oszillationen.
Der integrative Ansatz
Der integrative Mediziner Dr. Kenneth Bock vertritt einen ganzheitlichen Ansatz. Die psychischen Leiden können nämlich auch eine körperliche Ursache haben. So hat er herausgefunden, dass Entzündungen im Gehirn dabei eine wichtige Rolle spielen. Sind das Immunsystem oder das Mikrobiom durch Autoimmunerkrankungen, das Leaky-Gut-Syndrom oder eine Nebennierenschwäche aus dem Gleichgewicht geraten, kann das zu entzündlichen Reaktionen im ganzen Körper führen. Wenn davon auch das Gehirn betroffen ist, können psychische Erkrankungen verschiedenster Art die Folge sein.
Die Bedeutung der Psychoneuroimmunologie
Christian Schubert, gilt im deutschsprachigen Raum als einer der führenden Psychoneuroimmunologen. Er hat sowohl Medizin als auch Psychologie studiert, ist ausgebildeter psychodynamischer Psychotherapeut und war in der medizinisch-biochemischen Laborforschung tätig und schafft somit eine seltene Verbindung verschiedener Disziplinen. Schubert schafft die Verbindung von Medizin (Körper), Psychologie (Denken, Fühlen, Verhalten), Biochemie (Molekül- und Zellebene) und Psychodynamik (Unterbewusstsein, traumatisches Erleben).
Neben einem Ausflug in die Geschichte der PNI und die historische Entwicklung der dualistischen (kartesianischen) Sichtweise auf den Menschen in der Medizin geht es vor allem darum, wie Biochemie und biopsychosoziales Erleben zusammenwirken und die Immunsystemaktivität beeinflussen. Die Anfälligkeit für Krankheiten wie Krebs, Autoimmunerkrankungen (Lupus), Rheuma, Diabetes mellitus und Asthma sind nach neusten Erkenntnissen kein Zufall und auch Zusammenhänge von chronischen Belastungen wie Depressionen, Ängsten, Trauma mit coronaren Herzerkrankungen bzw.
Stress und Immunsystem
Bei (emotionalem) Stress ist der gesamte Organismus bis ins Zellinnere beteiligt, angefangen beim Nervensystem und dem Gehirn ruft der Körper ein uraltes Programm ab, um sich auf eine Kampf- oder Fluchtsituation vorzubereiten. Kurz: der Körper reagiert auf emotionale Stressoren im Außen genauso, wie er auf Eindringlinge (Bakterien, Viren usw) im Inneren reagieren würde: er ortet eine Bedrohung und reagiert mit der Aktivierung der Verteidigungsmechanismen. Im Anschluss sendet das Gehirn in einem Fort Signale an die Nebennierenrinde, die zum Abbau der Hormone bzw. Diese sind so gefährlich, weil sie körpereigene Zellen schädigen und das Immunsystem herabsetzen.
Forschung und Ausblick
Die Forschung zu den Auswirkungen von Autoimmunerkrankungen auf das Gehirn ist ein sich entwickelndes Feld. Zukünftige Studien werden sich darauf konzentrieren, die zugrunde liegenden Mechanismen besser zu verstehen, neue diagnostische Tests zu entwickeln und gezieltere Therapien zu entwickeln. Ein besseres Verständnis der komplexen Wechselwirkungen zwischen Immunsystem und Gehirn wird dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen mit Autoimmunerkrankungen und neurologischen oder psychischen Störungen zu verbessern.
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