Nervensystem und Immunsystem: Eine komplexe Wechselwirkung für die Gesundheit

Jahrzehntelang konzentrierte sich die Immunologie hauptsächlich auf Immunität und Infektionen. Heute wissen wir, dass die Wechselwirkungen zwischen Nervensystem und Immunsystem viel komplexer sind und eine entscheidende Rolle für unsere Gesundheit spielen. Die relativ neue Forschungsdisziplin der Psychoneuroimmunologie (PNI) befasst sich mit der Wechselwirkung von Psyche, Nerven- und Immunsystem und liefert immer wieder bahnbrechende Erkenntnisse.

Die Grundlagen der Psychoneuroimmunologie

Die Psychoneuroimmunologie ist ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, in dem verschiedene medizinische Bereiche wie Psychiatrie, Neurologie und Immunologie zusammenarbeiten. Sie untersucht, wie sich psychosoziale Reize auf die Abwehrkräfte auswirken und wie unser Körper auf Stressoren reagiert.

Robert Ader, ein amerikanischer Psychologe und Wissenschaftler, gilt als einer der Mitbegründer der Psychoneuroimmunologie. Er erkannte, dass Botenstoffe des Nervensystems (Neurotransmitter) auf das Immunsystem wirken und umgekehrt die Überträgersubstanzen des Abwehrsystems die Aktivitäten im Gehirn beeinflussen.

Zu den wichtigsten Regelkreisen gehören das Gehirn mit der Hirnanhangdrüse (Hypophyse), die Nebennieren und die Immunzellen. Mittlerweile gehört die PNI aufgrund der Tragweite der Zusammenhänge mit zu den wichtigsten Forschungsgebieten der modernen Medizin.

Wie Nerven- und Immunsystem miteinander kommunizieren

Ihr Gehirn und Ihr Immunsystem kommunizieren kontinuierlich miteinander. Dieser Austausch erfolgt über verschiedene Wege:

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  • Hormone: Hormone, wie das Stresshormon Cortisol, spielen eine wichtige Rolle bei der Kommunikation zwischen Nerven- und Immunsystem.
  • Botenstoffe: Immunzellen produzieren Botenstoffe, sogenannte Interleukine, welche die Aktivität Ihres Abwehrsystems steuern. Große Mengen von Interleukinen im Blut signalisieren Ihrem Gehirn, dass sich beispielsweise gesundheitsschädigende Keime in Ihrem Körper eingenistet haben.
  • Neurotransmitter: Immunzellen können Neurotransmitter produzieren, und Nervenzellen können typische Botenstoffe der Abwehr herstellen.

Die Rolle von Stress

Nerven-, Immunsystem und Stress stehen in enger Verbindung. Stresszustände beschreiben eine körperliche Aktivität, die der Anpassung des Organismus an immaterielle, psychische und materielle Reizzustände zur sogenannten Homöostase dient. Der Begriff Homöostase beschreibt den dynamischen Prozess des Körpers, das Gleichgewicht der physiologischen Körperfunktionen aufrechtzuerhalten.

Die Anpassungsleistung wird über unser Stresssystem gesteuert, das aus dem Sympathikus und Parasympathikus (Vagusnerv) sowie der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, kurz HPA-Achse (Hypothalamus Pituitary Adrenal), besteht. Das Zielorgan für die Übermittlung von Stressoren ist unser Immunsystem.

Sowohl physische Begebenheiten wie Infektionen, Operationen oder Verletzungen als auch psychische Faktoren, wie z.B. frühkindliche Belastungen, zwischenmenschliche Konflikte und Einsamkeit, können negative Emotionen und Stress hervorrufen.

In akuten Stressreaktionen überwiegt die Wirkung der Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin. Diese Stresshormone sorgen dafür, dass alle Organfunktionen, die für unser Überleben zuständig sind, aktiviert werden. Anders sieht es bei chronischen Stresszuständen aus, bei denen Stressoren langfristig oder immer wieder auf uns einwirken und gefährliche Effekte für unsere Gesundheit hervorrufen können. Hier dominiert das Glukokortikoid, Cortisol.

Dauerhaft anhaltende Anspannung kann u.a. unser Schlafverhalten beeinträchtigen, das Immunsystem schwächen, was zu einer erhöhten Infektionsanfälligkeit führt. Dauerhafte Stresszustände rufen chronische Entzündungen im Körper hervor, können uns krank machen und sich negativ auf unseren Körper, Gedanken und Gefühle auswirken.

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Die Auswirkungen von Emotionen

Negative Emotionen und Stress können entzündliche Reaktionen im Körper anfachen, die langfristig eine negative Wirkung auf den Organismus ausüben. Ein typisches Entzündungsprotein ist das C-reaktive Protein, kurz CRP, das im Blut gemessen wird und auf entzündliche Prozesse im Organismus hinweist. Insbesondere dem Entzündungsmarker Interleukin-6 (IL-6) wird ein negativer Einfluss auf die Entwicklung von schweren Erkrankungen durch chronischen Stress zugeschrieben.

Positive Gefühle wie Dankbarkeit, Freude und Begeisterung sollen sich im Sinne der Psychoneuroimmunologie positiv auf unser Immunsystem auswirken, so dass das gesamte System effektiver arbeiten und die Regenration nach Operationen und Erkrankungen besser verlaufen kann. Optimismus kann die Funktionen unseres Immunsystems stärken und Ängste mitsamt ihren negativen Auswirkungen lindern.

Das "bio-psycho-soziale" Krankheitsmodell

Auf schädigende Krankheitserreger reagieren wir mit bestimmten Abwehr-, Schutz- und Regenerationsprozessen auf verschiedenen Ebenen. Diese Mechanismen werden in der PNI-Forschung im sogenannten „bio-psycho-sozialen“-Krankheitsmodell beschrieben.

  • Biologische Entzündungstrigger: Umfassen jede Art von Krankheitserregern, mechanische, physikalische und chemische Reize, die das Gewebe verletzen, sowie eine einseitige bzw. ungesunde Ernährung.
  • Psychologische Ebene: Selbstschädigende Formen des Erlebens und Verhaltens, destruktive emotionale Prozesse bzw. unzureichende Bewältigungsstrategien.
  • Soziale Komponente: Kränkende Worte und Gesten unserer Mitmenschen.

Das Verhaltensimmunsystem

Neben den körperlichen Reaktionen beschreibt die Psychoneuroimmunologie auch ein sogenanntes Verhaltensimmunsystem oder Behaviorales Immunsystem. Der Mensch bekämpft pathogene Umweltreize nicht nur biologisch, sondern auch mit seiner Persönlichkeit und seinem Verhalten.

Eine besondere Bedeutung haben dabei sensorische Prozesse, die uns vor möglichen Gefahren schützen sollen. Auf sozialer Ebene lässt uns das Verhaltensimmunsystem z. B. skeptisch gegenüber Menschenansammlungen werden, um uns so vor einer potentiellen Ansteckung mit Keimen zu schützen.

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Sickness Behavior

Konnten das körperliche Abwehrsystem sowie das Verhaltensimmunsystem uns nicht ausreichend vor Entzündungstriggern schützen, werden wir krank und außer Gefecht gesetzt. In der Psychoneuroimmunologie gibt es das Konzept der sogenannten „Sickness Behavior“.

Auf biologischer Ebene antwortet der Körper auf Infektionen mit einer Entzündungsreaktion. Lethargie, Antriebslosigkeit, Ängste, Schmerzempfindlichkeit, Schläfrigkeit und Appetitlosigkeit sind mögliche Reaktionen auf psychologischer Ebene. Auf sozialer Ebene suchen wir im Krankheitsfall gerne die Nähe und den Kontakt zu vertrauten Personen, die uns „gesundpflegen“ und damit bei der Genesung unterstützen sollen.

Klinische Erkenntnisse und Forschungsansätze

Klinische Erkenntnisse deuten auf eine direkte Wechselwirkung zwischen dem Nerven- und Immunsystem hin. So ist beispielsweise bekannt, dass viele berufliche Faktoren wie Stress und Schlafstörungen das Auftreten von Infektionskrankheiten erhöhen.

Wissenschaftler aus Jena, Erlangen, Nürnberg und Berlin erforschen bessere Behandlungsmöglichkeiten für chronisch schmerzende Knochen- und Gelenkerkrankungen. Sie untersuchen dabei, wie dass Gehirn die Immunprozesse beeinflusst, die die krankhaften Veränderungen in den Gelenken bewirken, und wie das Immunsystem zur Entstehung der Schmerzen beiträgt. Ziel ist es, die Wechselwirkungen zwischen nerven- und Immunsystem besser zu verstehen und therapeutisch nutzbar zu machen.

In Würzburg beschäftigt sich die Neurologin Kathrin Doppler mit Polyneuropathien, bei denen das fehlgeleitete Immunsystem das periphere Nervensystem angreift. Gemeinsam mit Claudia Sommer und Luise Appeltshauser hat sie einen Antikörper entdeckt, der an der Entstehung bestimmter Formen von Immunneuropathien beteiligt ist.

Therapieansätze

Die Psychoneuroimmunologie gilt noch als ein relativ neues Forschungsgebiet der modernen Medizin. Auch wenn Studien und Forschungen längst nicht beendet sind, wird die enge Wechselbeziehung zwischen Körper und Psyche von Psychoneuroimmunologen bereits als nachgewiesen angesehen. Daher sollten die Aspekte der Psychoneuroimmunologie auch in der Therapie von Patienten mehr berücksichtigt werden.

Wenn permanente Stresszustände als wesentliche Ursache für Beschwerden diagnostiziert werden, sollte sich die Behandlung auch darauf konzentrieren, was die dauerhafte Anspannung hervorruft. So kämen Maßnahmen wie eine Psychotherapie und das Erlernen von psychischem Wohlbefinden sowie Entspannungsverfahren in Betracht. Unser Immunsystem lässt sich auch durch psychotherapeutische Maßnahmen beeinflussen.

Es gibt eine Vielzahl an psychotherapeutischen Maßnahmen, deren Auswahl sich nach dem vorrangigen Therapieziel und der Persönlichkeit des Patienten richtet. Die am häufigsten angewandte Form ist die Verhaltenstherapie. Im Vordergrund stehen dabei Gespräche zwischen Patient und Therapeut.

Was Sie selbst tun können

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Sie Ihr Immunsystem positiv beeinflussen können:

  • Stress reduzieren: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training.
  • Positive Emotionen fördern: Umgeben Sie sich mit Menschen, die Ihnen guttun, und tun Sie Dinge, die Ihnen Freude bereiten.
  • Soziale Kontakte pflegen: Enge soziale Bindungen stärken das Immunsystem und fördern das Wohlbefinden.
  • Gesunde Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten.
  • Regelmäßige Bewegung: Moderate Bewegung stärkt das Immunsystem und reduziert Stress.
  • Ausreichend Schlaf: Schlafmangel schwächt das Immunsystem. Achten Sie auf ausreichend Schlaf.

Die Bedeutung der Forschung

Die Psychoneuroimmunologie ist ein vielversprechendes Forschungsgebiet, das unser Verständnis von der komplexen Wechselwirkung zwischen Nerven- und Immunsystem erweitert. Die Erkenntnisse aus dieser Forschung können dazu beitragen, neue Therapieansätze für eine Vielzahl von Erkrankungen zu entwickeln, die sowohl die Psyche als auch den Körper betreffen.

Die Studie des Teams um Professor Korte und Dr. Hosseini bestätigt, dass das Immunsystem auch unabhängig von einer Infektion das Nervensystem und speziell das Lernvermögen beeinflusst. Das legt die Frage nahe, ob auch eine Impfung, mit einer leichten Stimulation des Immunsystems, das Gehirn in seiner Leistungsfähigkeit fördern könnte, während eine starke Infektion das Gehirn dauerhaft schwächen kann.

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