Sehnerventzündung: Ursachen, Symptome und Therapieansätze bei ausbleibender Cortisonwirkung

Die Sehnerventzündung, in der Fachsprache auch Optikusneuritis oder Neuritis nervi optici genannt, ist eine entzündliche Erkrankung des Sehnervs. Dieser Nerv ist die Verbindung zwischen dem Auge und dem Gehirn und spielt eine entscheidende Rolle bei der Weiterleitung visueller Informationen. Eine Entzündung kann die Funktion des Sehnervs beeinträchtigen und zu verschiedenen Sehstörungen führen.

Einführung

Die Sehnerventzündung manifestiert sich typischerweise durch eine akute, oft einseitige Sehverschlechterung. Betroffene berichten häufig von Schmerzen, die sich bei Augenbewegungen verstärken. Die Erkrankung tritt vorwiegend bei jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 45 Jahren auf. Es ist wichtig zu beachten, dass eine Sehnerventzündung in einigen Fällen ein erstes Anzeichen für Multiple Sklerose (MS) sein kann.

Ursachen einer Sehnerventzündung

Die Ursachen für eine Sehnerventzündung sind vielfältig. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen typischen und atypischen Formen.

Typische Sehnerventzündung

  • Multiple Sklerose (MS): Die Optikusneuritis kann das erste Symptom der MS sein. Etwa 15 bis 20 Prozent aller MS-Patienten erleben eine Sehnerventzündung als ersten Schub. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Sehnerventzündung an MS zu erkranken, liegt zehn Jahre später bei etwa 40 Prozent und nach 40 Jahren bei etwa 60 Prozent.
  • Idiopathisch: In einigen Fällen bleibt die Ursache der Sehnerventzündung unklar. Man vermutet jedoch, dass eine vorübergehende Fehlfunktion des Immunsystems eine Rolle spielt.

Atypische Sehnerventzündung

  • Autoimmunerkrankungen: Verschiedene Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes oder Sarkoidose können eine Sehnerventzündung verursachen.
  • Neuromyelitis optica (Devic-Syndrom): Diese seltene Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems kann ebenfalls zu einer Sehnerventzündung führen.
  • Infektionen: Bakterielle Infektionen wie Borreliose, Tuberkulose oder Syphilis können in seltenen Fällen eine Sehnerventzündung auslösen.
  • Medikamente und Toxine: Bestimmte Medikamente wie Tamoxifen oder Giftstoffe wie Blei, Alkohol oder Nikotin können den Sehnerv schädigen und eine Entzündung verursachen.

Symptome einer Sehnerventzündung

Die Symptome einer Sehnerventzündung können vielfältig sein und sich individuell unterschiedlich äußern. Typische Symptome sind:

  • Sehverlust: Ein plötzlicher oder schrittweiser Sehverlust auf einem Auge ist ein häufiges Symptom. Betroffene beschreiben das Sehen oft als verschwommen, nebelartig oder wie durch einen Schleier.
  • Schmerzen: Viele Patienten klagen über Schmerzen im Bereich des Auges, die sich bei Augenbewegungen verstärken. Die Schmerzen können dumpf, pochend oder stechend sein und auch tief im Kopf wahrgenommen werden.
  • Farbsehstörungen: Farben können blasser, schmutzig oder weniger intensiv wahrgenommen werden. Häufig tritt eine Rotentsättigung auf, bei der Rottöne auf dem betroffenen Auge blasser erscheinen als auf dem gesunden Auge.
  • Gesichtsfelddefekte: Es können verschiedene Gesichtsfeldausfälle auftreten. Ein Zentralskotom, ein Ausfall im zentralen Bereich des Gesichtsfeldes, führt zu einer deutlichen Sehschärfenminderung.
  • Blendungsempfindlichkeit: Einige Betroffene reagieren empfindlich auf helles Licht und Blendung.
  • Kontrastverlust: Kontraste können undeutlich wahrgenommen werden, sodass Unterschiede zwischen hellen und dunklen Bereichen schwerer zu erkennen sind.

Diagnose einer Sehnerventzündung

Bei Verdacht auf eine Sehnerventzündung ist eineComprehensive augenärztliche Untersuchung unerlässlich. Der Augenarzt wird verschiedene Tests durchführen, um die Diagnose zu sichern und die Ursache der Entzündung zu ermitteln.

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Augenärztliche Untersuchung

  • Sehschärfenprüfung: Die Sehschärfe wird mit einer Sehtafel in verschiedenen Entfernungen gemessen.
  • Pupillenreaktion: Die Reaktion der Pupillen auf Lichteinfall wird untersucht. Bei einer Sehnerventzündung kann ein relativer afferenter Pupillendefekt (RAPD) vorliegen.
  • Augenbeweglichkeit: Die Augenbeweglichkeit wird geprüft, um festzustellen, ob Schmerzen oder Doppelbilder auftreten.
  • Gesichtsfeldprüfung: Das Gesichtsfeld wird untersucht, um eventuelle Ausfälle zu identifizieren.
  • Funduskopie: Der Augenhintergrund wird mit einem Ophthalmoskop untersucht, um Veränderungen am Sehnervenkopf (Papille) oder der Netzhaut zu beurteilen.
  • Farbwahrnehmung: Die Farbwahrnehmung wird mit speziellen Tests überprüft.
  • Visuell evozierte Potentiale (VEP): Diese Untersuchung misst die Leitungsgeschwindigkeit des Sehnervs. Bei einer Entzündung ist die Leitungsgeschwindigkeit oft verlangsamt.

Weiterführende Diagnostik

  • Magnetresonanztomographie (MRT): Eine MRT des Gehirns und der Wirbelsäule wird durchgeführt, um nach Anzeichen für Multiple Sklerose oder andere neurologische Erkrankungen zu suchen.
  • Liquorpunktion: Eine Liquorpunktion kann erforderlich sein, um Entzündungszeichen im Nervenwasser (Liquor) nachzuweisen, die auf MS hindeuten könnten.
  • Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können durchgeführt werden, um nach Infektionen, Autoantikörpern oder anderen Ursachen für die Sehnerventzündung zu suchen.

Behandlung der Sehnerventzündung

Die Behandlung einer Sehnerventzündung zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren, die Sehfunktion zu erhalten und das Risiko von Rückfällen zu minimieren.

Kortisontherapie

Häufig wird eine hochdosierte Kortisontherapie (Methylprednisolon) intravenös verabreicht. Kortison wirkt entzündungshemmend und kann die Erholung des Sehvermögens beschleunigen. Allerdings hat die Behandlung mit Cortison auch Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen, Osteoporose und eine erhöhte Infektanfälligkeit.

Plasmapherese

In einigen Fällen, insbesondere wenn die Kortisontherapie nicht ausreichend wirksam ist oder eine atypische Sehnerventzündung vorliegt, kann eine Plasmapherese in Betracht gezogen werden. Bei diesem Verfahren werden schädliche Bestandteile aus dem Blutplasma entfernt, wie z. B. Antikörper oder Immunkomplexe, die für die Entzündung verantwortlich sein könnten.

Behandlung der Grunderkrankung

Wenn die Sehnerventzündung durch eine Grunderkrankung wie Multiple Sklerose oder eine Infektion verursacht wird, muss diese Grunderkrankung entsprechend behandelt werden.

Was tun, wenn Cortison nicht wirkt?

In einigen Fällen zeigt die Kortisontherapie bei einer Sehnerventzündung nicht die gewünschte Wirkung. Dies kann verschiedene Gründe haben:

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  • Atypische Sehnerventzündung: Bei atypischen Formen der Sehnerventzündung, die durch andere Ursachen als MS verursacht werden, kann die Kortisontherapie weniger wirksam sein.
  • Schweregrad der Entzündung: Bei sehr schweren Entzündungen oder bereits fortgeschrittener Schädigung des Sehnervs kann die Kortisontherapie möglicherweise nicht mehr ausreichend helfen.
  • Individuelle Reaktion: Jeder Patient reagiert unterschiedlich auf die Kortisontherapie. Bei einigen Patienten kann die Wirkung geringer ausfallen.

Wenn die Kortisontherapie nicht wirkt, sollten weitere diagnostische Maßnahmen ergriffen werden, um die Ursache der Sehnerventzündung genauer zu bestimmen. In solchen Fällen können alternative Behandlungsmethoden wie die Plasmapherese oder die Behandlung der Grunderkrankung in Betracht gezogen werden.

Erfahrungen von Betroffenen

Viele Betroffene berichten von ähnlichen Erfahrungen mit Sehnerventzündungen und der Behandlung mit Cortison. Einige schildern, dass sich ihr Sehvermögen trotz Cortisontherapie nur langsam oder unvollständig erholt hat. Andere berichten von Nebenwirkungen der Kortisontherapie, die ihre Lebensqualität beeinträchtigen. Es ist wichtig zu wissen, dass der Verlauf einer Sehnerventzündung individuell sehr unterschiedlich sein kann und es keine Garantie für eine vollständige Genesung gibt.

Einige Betroffene haben auch alternative Therapien ausprobiert, um ihre Sehkraft zu verbessern, wie z. B. Akupunktur, Homöopathie oder Nahrungsergänzungsmittel. Es gibt jedoch keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass diese Therapien bei Sehnerventzündungen wirksam sind.

Verlauf und Prognose

Die Prognose einer Sehnerventzündung hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z. B. der Ursache, dem Schweregrad der Entzündung und dem Zeitpunkt der Behandlung. Bei der typischen Sehnerventzündung erholt sich das Sehvermögen meist innerhalb weniger Wochen oder Monate wieder. Allerdings können dauerhafte Beeinträchtigungen wie Farb- und Kontrastsehstörungen zurückbleiben.

Bei der atypischen Sehnerventzündung kann die Prognose ungünstiger sein, insbesondere wenn die Erkrankung durch Neuromyelitis optica verursacht wird. In solchen Fällen kann es zu bleibenden Schäden am Sehnerv und zu einer dauerhaften Sehbehinderung kommen.

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Fazit

Die Sehnerventzündung ist eine komplexe Erkrankung, die verschiedene Ursachen haben kann und sich individuell unterschiedlich äußert. EineComprehensive Diagnose und Behandlung sind wichtig, um das Sehvermögen zu erhalten und das Risiko von Rückfällen zu minimieren. Wenn die Kortisontherapie nicht wirkt, sollten alternative Behandlungsmethoden in Betracht gezogen werden. Es ist wichtig, sich von einem erfahrenen Augenarzt und Neurologen beraten und betreuen zu lassen.

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