Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der jährlich eine Milliarde Menschen weltweit betroffen sind. Sie ist eine der Hauptursachen für Behinderungen und tritt bei Frauen dreimal häufiger auf als bei Männern. Viele Patienten suchen jahrelang nach einer geeigneten Akutmedikation und Anfallsprophylaxe, oft mit wenig Erfolg. In diesem Zusammenhang rückt medizinisches Cannabis (MC) zunehmend in den Fokus. Obwohl es bereits eine Vielzahl zugelassener Medikamente und Therapien gegen Migräne gibt, müssen diese oft individuell getestet werden, da sie teilweise schlecht vertragen werden oder nicht wirken. Die Wertschätzung für Cannabis in der Behandlung von Migräne hat sich bis heute erhalten, unterstützt durch ethnobotanische und anekdotische Hinweise auf seine Wirksamkeit.
Die Wirkstoffe von Cannabis
Cannabis enthält zwei Hauptwirkstoffe: Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). THC ist bekannt für seine psychoaktiven Effekte, die zu einem "High"-Gefühl führen können. CBD hingegen hat keine berauschende Wirkung und wird in der Medizin gegen Stress oder Schmerzen eingesetzt. Die Wirksamkeit von Cannabis gegen Migräne kann je nach Sorte und deren spezifischem THC- und CBD-Gehalt variieren.
Studienlage zu Cannabis bei Migräne
Bislang ist die Studienlage zu Cannabis bei Migräne eher mager. Eine Übersichtsarbeit, die mehrere medizinisch-wissenschaftliche Portale (PubMed, EMBASE, PsycINFO, CINAHL, Web of Science) durchsuchte, wählte insgesamt 12 Publikationen mit 1.980 Patienten aus. Allerdings waren nur 7 der 12 Artikel im Peer-Review-Prozess evaluiert worden. Die Studien ergaben, dass medizinisches Cannabis (MC) nach 6 Monaten der Einnahme Übelkeit und Erbrechen durch Migräne signifikant reduzieren konnte. Es sorgte schon nach 30 Tagen für eine Reduktion in der Migränehäufigkeit und -frequenz. MC war dabei 51 % effektiver in der Reduktion der Migräne als Produkte ohne Cannabis. Im Vergleich zu Amitriptylin konnte MC bei manchen Patienten (11,6 %) Migräneattacken stoppen und ansonsten die Frequenz reduzieren. Bei Nutzern von MC kam es jedoch oftmals zu Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch. Die Autoren dieser Übersichtsarbeit schlossen daraus, dass medizinisches Cannabis positive Effekte auf Häufigkeit und Frequenz von Migräne haben kann. Weitere experimentelle Studien zur Bewertung der Sicherheit und Effektivität von Cannabis bei Migräne wären jedoch notwendig, um dies verlässlich einschätzen zu können.
Querschnittsstudie mit vielversprechenden Ergebnissen
Im Rahmen einer Querschnittsstudie wurden 145 Betroffene (davon 67 Prozent Frauen) zur Häufigkeit ihrer Migräne-Attacken und der Therapie mit pharmazeutischem Cannabis befragt. Alle Befragten hatten im Vorfeld durchschnittlich drei Jahre lang Phytocannabinoide - als Ölextrakt oder inhalativ - eingenommen. Die Ergebnisse der Studie sind vielversprechend: Mehr als 60 Prozent der Befragten (Responder) berichteten von einer langfristig zahlenmäßigen Verringerung der Migräne-Attacken, weniger Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit in Schule, Arbeit oder Privatem sowie eine bessere Schlafqualität. Im Vergleich zur Gruppe der Non-Responder nahmen sie zudem seltener schwache (Responder: 5 Prozent, Non-Responder: 23 Prozent) oder starke Opiate (Responder: 8 Prozent, Non-Responder: 25 Prozent) beziehungsweise weniger Triptane (5 Prozent versus 16 Prozent) ein.
Analyse von Daten aus einer medizinischen App
Forscher analysierten Daten der medizinischen App „Strainprint“. Aus diesem Datensatz extrahierten die Forscher über 12 000 Einträge von 1306 Kopfschmerzpatienten sowie 7441 Anwendungen von insgesamt 653 Betroffenen mit Migräne - innerhalb von 16 Monaten. Cannabis verbesserte bei neun von zehn Kopfschmerzpatienten die Symptome. Mit rund 88 % lag die Quote von Migränikern nur knapp darunter. Die Schwere wurde von den Teilnehmern nach Gebrauch als deutlich geringer gewertet. Im Durchschnitt lagen die Werte um drei Punkte auf einer Zehn-Punkte-Skala - was in etwa einer Halbierung entsprach.
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Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Da Frauen auf die schmerzlindernde Wirkung von Cannabinoiden empfindlicher reagieren als Männer, erwarteten die Autoren in ihrer Untersuchung einen stärkeren Effekt bei den Teilnehmerinnen. Tatsächlich gaben mehr Migränepatientinnen an, dass sich ihre Symptome gebessert hätten. Statistisch ließ sich das aber nicht absichern. In der Kopfschmerzgruppe war es sogar anders herum, plus Signifikanz: Männer profitierten etwas mehr vom Cannabis als Frauen, die zudem häufiger von einer Verschlechterung ihrer Symptome berichteten (3 % vs. 1,8 %).
Gewöhnungseffekte bei Cannabisblüten
Mit der Zeit schienen sich die Probanden allerdings an den Konsum zu gewöhnen, zumindest an die Wirkung von Cannabisblüten: Sie benötigten zunehmend höhere Dosen, um die Beschwerden zu lindern. Während die Wirkung gegen Migräne im Verlauf annähernd gleich blieb, fiel sie bei Kopfschmerzen immer geringer aus. Konzentrate zeigten insgesamt die etwas besseren Effekte als Blüten, wobei vermutlich nicht die Mengen an Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol entscheidend waren, sondern wahrscheinlich noch andere Cannabinoide.
Aktuelle Studie zu THC und CBD bei akuter Migräne (2024)
Eine neue Arbeit zur Wirksamkeit von Cannabis bei Migräne wurde 2024 auf der Jahrestagung der American Academy of Neurology in Denver präsentiert. 92 Migränepatienten (mittleres Alter: 41 Jahre) nahmen an der doppelblinden, placebokontrollierten Studie teil. Die Teilnehmenden wurden auf vier Gruppen randomisiert und sollten zu Beginn einer Migräneattacke eine Kapsel inhalieren. Diese enthielt für die erste Studiengruppe 6 % THC und 11 % CBD. Die zweite Gruppe bekam eine Kapsel mit 11 % CBD, die dritte Gruppe lediglich 6 % THC und die vierte Gruppe Placebokapseln. Die Studienautoren interessierten sich für eine Schmerzreduktion nach zwei Stunden. Das berichteten 67,2 % der Patienten mit der THC/CBD-Kombination, verglichen mit nur 46,6 % in der Placebogruppe. Ging es um die völlige Schmerzfreiheit nach zwei Stunden, schnitt THC/CBD ebenfalls besser ab: 34,5 % der Patienten mit der THC/CBD-Kombination, 27,9 % der Migräniker in der reinen THC-Gruppe, 22,8 % der Migränepatienten mit CBD und lediglich 15,5 % unter Placebo. Damit war die Kombination aus 6 % THC + 11 % CBD bei akuter Migräne einer Placebotherapie überlegen - sie zeigte eine über 24 und 48 Stunden anhaltende positive Wirkung.
Inhalieren von Cannabis bei beginnenden Attacken
In dieser Studie erhielten die Patienten zu Beginn des Migräneanfalls den Inhalt einer genau dosierten Cannabiskapsel mithilfe eines Verdampfers inhalieren. Eine Gruppe erhielt Kapseln, die 6 Prozent Tetrahydrocannabinol (THC) enthielten. Eine weitere Gruppe atmete 11-prozentiges Cannabidiol (CBD) ein. Eine dritte Gruppe erhielt beide Wirkstoffe in gleicher Menge. Eine vierte Gruppe diente als Kontrollgruppe und atmete nur wirkstofffreien Blütenextrakt ein.
Schmerzfreiheit nach zwei Stunden
Insgesamt behandelten die Patientinnen und Patienten 247 Migräneattacken mit den Hanfkapseln. Nach zwei Stunden war jeweils ein gewisser Anteil der Betroffenen in allen Gruppen schmerzfrei:
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- 34,5 Prozent in der THC/CBD-Gruppe
- 27,9 Prozent in der reinen THC-Gruppe
- 22,8 Prozent in der reinen CBD-Gruppe
- 15,5 Prozent in der Placebogruppe
Linderung weiterer Migränesymptome
Auch andere unangenehme Migränesymptome konnte die Cannabistherapie lindern, darunter Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Das traf zu auf:
- 60,3 Prozent in der THC/CBD-Gruppe
- 47,5 Prozent in der reinen THC-Gruppe
- 40,4 Prozent in der CBD-Gruppe
- 34,5 Prozent in der Placebogruppe
Verfügbarkeit von medizinischem Cannabis in Deutschland
Seit 2017 ist es Ärzten in Deutschland erlaubt, medizinisches Marihuana oder Cannabis zu verschreiben. Die Indikationen für die Anwendung sind nicht explizit formuliert, allerdings geht die Fachliteratur von einem sehr breiten therapeutischen Spektrum aus. Da zu den etablierten Indikationen chronische Schmerzen zählen, ist das Interesse von Migräne-Patienten naheliegend.
Voraussetzungen für die Verordnung
Prinzipiell darf Cannabis jeder Patient bekommen, denn der Gesetzgeber verzichtet explizit auf eine spezielle Indikation. Voraussetzungen, dass Ärzte Cannabis verordnen dürfen, gibt es dennoch:
- Es handelt sich um eine schwerwiegende Erkrankung, für die es keine anerkannte medizinische Leistung gibt oder bei dereine anerkannte Therapie für den Patienten nicht infrage kommt.
- Es besteht Aussicht, dass Cannabis die Beschwerden bessert.
Konkret heißt es in § 31 Absatz 6 SGB V:„Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung haben Anspruch auf Versorgung mit Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten in standardisierter Qualität und auf Versorgung mit Arzneimitteln mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon, wenneine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistunga) nicht zur Verfügung steht oderb) im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung der behandelnden Vertragsärztin oder des behandelnden Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes der oder des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann.2. eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht.“
Formen der Anwendung
Medizinisches Cannabis lässt sich inhalieren (rauchen, verdampfen) oder oral einnehmen (Tropfen, Kapseln, Öl, Spray). Die vielseitige und unkomplizierte Anwendung von Cannabisöl ist eines der Hauptvorteile dieses Produkts. Sie kann je nach Produkt variieren. Es kann zum Beispiel oral eingenommen, sublingual (Tröpfchen unter die Zunge) angewendet, topisch auf die Haut aufgetragen oder verdampft werden. Hierzu sollten Sie die Anweisungen des Herstellers befolgen und die Dosierung entsprechend anzupassen.
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Kostenübernahme durch die Krankenkasse
Wenn die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung mit medizinischem Cannabis, etwa gegen Migräne, übernehmen soll, ist eine Genehmigung erforderlich. Die Ablehnung ist nur in begründeten Ausnahmefällen möglich.
Überwachung des Anbaus
Den Anbau von medizinischem Cannabis überwacht in Deutschland die Cannabisagentur des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Das BfArM erteilt auch Genehmigungen für den Import von medizinischem Cannabis und daraus gefertigten Produkten (zum Beispiel Extrakte). Die über Apotheken vertriebene Menge Cannabis stieg seit 2017 kontinuierlich an.
Mögliche Nebenwirkungen von Cannabis
Bei Cannabis sind auch potenzielle unerwünschte Wirkungen immer ein Thema: Am häufigsten kommt es durch Cannabis-Einwirkung - und hier THC-bedingt - zu Schwindel, Sedierung, Schläfrigkeit und Benommenheit. Cannabis kann die Aufmerksamkeit einschränken, Übelkeit und Erbrechen bei Patienten verursachen und die Stimmung beeinträchtigen. Kardiale Krisen, Selbstmord oder Psychosen sind schwerwiegende Nebenwirkungen, die einzeln berichtet wurden.
Längere Anwendung von Cannabis kann zur Gewöhnung führen, wobei die Abhängigkeit weniger stark ausgeprägt ist als bei anderen Drogen. Da das Endocannabinoidsystem an der Hirnentwicklung beteiligt ist, sind Heranwachsende und junge Erwachsene mit hohem Cannabiskonsum besonders gefährdet für psychische und kognitive Störungen. Allerdings scheinen die Gefahren für eine Depression (oder Suizidalität) moderat zu sein. CBD hingegen ist besser verträglich, wobei zur Sicherheit von Cannabidiol keine Langzeitstudien vorliegen.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Es gibt keine klaren Hinweise darauf, dass Cannabis als Komplementärtherapie zu einer bestehenden Migränebehandlung kontraindiziert wäre. In einem Interview erklärte Dr. Stephen Silberstein, Forscher an der University of Pennsylvania School of Medicine, dass CBD-Öl theoretisch nicht mit gängigen Migränemedikamenten interagieren sollte, da es auf einen völlig anderen Mechanismus wirkt. Es könnte sogar Übelkeit und Erbrechen verhindern.
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