Cannabidiol (CBD), eine nicht-psychoaktive Substanz aus der Hanfpflanze, hat in den letzten Jahren aufgrund potenzieller therapeutischer Vorteile, insbesondere im Bereich der Epilepsie, grosse Aufmerksamkeit erlangt. Seit der Zulassung eines CBD-basierten Medikaments im Jahr 2018 sind die Hoffnungen von Menschen mit Epilepsie und ihren Angehörigen gestiegen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage, insbesondere in den USA, und geht auf die Wirksamkeit, Anwendung, Kosten und Risiken von CBD bei der Behandlung von Epilepsie ein.
CBD bei Epilepsie: Ein Hoffnungsschimmer?
Nachdem auf einem wissenschaftlichen Kongress in den USA der Fall eines kleinen Mädchens vorgestellt wurde, bei dem die Anwendung eines CBD-Präparats zu 90 Prozent weniger epileptischen Anfällen geführt hat, setzen Betroffene grosse Hoffnungen in CBD. Ein solch erfreuliches Ergebnis ist jedoch leider nicht die Norm. Dieses Fallbeispiel war jedoch der Anstoss für Pharmafirmen, Studien zur Anwendung bei bestimmten Epilepsie-Formen voranzutreiben.
Zulassung und Anwendungsbereiche
Cannabidiol-Präparate sind in Europa hauptsächlich zur Behandlung des Lennox-Gastaut- und des Dravet-Syndroms zugelassen. Dies sind zwei seltene Epilepsieerkrankungen, die meist seit der Kindheit bestehen, durch die die Patient*innen schwer beeinträchtigt sind und Behinderungen haben. Für alle anderen Epilepsien ist das Medikament nicht zugelassen - daher muss für diese erst einmal ein Bewilligungsprozess durchlaufen werden.
Klinische Evidenz für CBD bei Epilepsie
Die Forschung am weitesten fortgeschritten ist im medizinischen Bereich, zeigt aber ein sehr uneinheitliches Bild. Das stärkste Fundament der Cannabis-Medizin liegt in der Neurologie. Der Einsatz von hochreinem Cannabidiol (CBD) zur Behandlung schwerer kindlicher Epilepsieformen, insbesondere des Dravet- und des Lennox-Gastaut-Syndroms, ist klar belegt. Grundlage hierfür sind mehrere randomisierte, placebokontrollierte Studien (RCTs). Diese führten zur EU-weiten Zulassung des Medikaments Epidyolex im Jahr 2019.
Wirksamkeit bei spezifischen Epilepsieformen
In Zulassungsstudien konnte belegt werden, dass bei schwerstbehandelbaren Epilepsien, wie z. B. dem Dravet-Syndrom, die krampfartigen Anfälle um 40 bis 50 Prozent reduziert werden. Für Sturzanfälle beim Lennox-Gastaut-Syndrom zeigte sich eine Reduktion von ca. 40 Prozent. Der Erfolg ist dosisabhängig, ebenso wie die Nebenwirkungen.
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Eine Studie im New England Journal of Medicine (2017; 376: 2011-2020) zeigte, dass Cannabidiol bei Kindern mit Dravet-Syndrom die Zahl der Anfälle senken kann. Die 120 Teilnehmer der „Cannabidiol in Dravet Syndrome Study“ im Alter von 2 bis 18 Jahren erlitten vor Beginn der Studie mehrfach in der Woche Anfälle, obwohl bis zu 26 verschiedene Medikamente (im Mittel 4,0) bei ihnen erprobt wurden. Die Patienten erhielten zusätzlich eine orale Zubereitung von Cannabidiol in der Dosis von 20 mg/kg oder ein Placebo. In der Cannabidiol-Gruppe kam es zu einem Rückgang der Anfallsfrequenz von 12,4 auf 5,9 pro Monat im Vergleich zu einem Rückgang von 14,9 auf 14,1 in der Placebo-Gruppe.
Langzeitwirkung von CBD
Eine aktuelle amerikanische Studie zeigt, dass die Wirksamkeit des Cannabinoids nach einem längeren Therapiezeitraum stärker wird. An der Studie der University of Alabama, USA, nahmen 169 Personen mit behandlungsresistenter Epilepsie teil, 89 Kinder und 80 Erwachsene, die ein CBD-Präparat (Epidyolex) erhielten. Dieser Therapieerfolg zeigte sich nach zwei Jahren Behandlung deutlich häufiger als innerhalb des ersten Monats nach Beginn der Therapie. Darüber hinaus fand das Forscherteam heraus, dass dieser Effekt bei den 80 Erwachsenen nach einem Jahr ausgeprägter war als bei den 89 Kindern der Studie. 44 Prozent der Kinder erreichten im ersten Monat eine Reduktion der Anfallshäufigkeit um die Hälfte oder mehr. 41 Prozent kamen im ersten Jahr zu diesem Ergebnis und 61 Prozent im zweiten Jahr. Auch die Anfallsschwere konnte durch das CBD-Präparat deutlich reduziert werden: Kinder zeigten eine 52%ige Anfallsreduktion im ersten Monat, eine 51%ige Reduktion im ersten Jahr und eine 75%ige Reduktion im zweiten Jahr. Bei den Erwachsenen konnte die Schwere der Anfälle noch effektiver verbessert werden. Dort lagen die Werte bei 60 Prozent im ersten Monat, 81 Prozent und 85 %.
Zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten
Bestimmten Epilepsiepatienten eröffnet die Magnetenzephalografie (MEG) bessere Behandlungschancen. Mittels MRT lässt sich feststellen, welche Hirnstrukturen Anfälle erzeugen bzw. an Anfällen beteiligt sind. Diese Untersuchungsmethode ist ungefährlich und erspart Epilepsiepatienten in bestimmten Fällen risikoreichere Untersuchungen, bei denen Elektroden unmittelbar auf das Gehirn aufgebracht werden.
Kosten und Verfügbarkeit von CBD-Medikamenten
Die Kosten für Cannabidiol sind ein wichtiger Faktor. Durchschnittlich werden in Deutschland 260 Euro im Monat für die Medikation von Epilepsiepatientinnen ausgegeben. Im Falle von Cannabidiol würde man bei einem Erwachsenen durchschnittlichen Gewichts monatlich 3.000 bis 3.500 Euro ansetzen müssen. Das ist mehr als das zehnfache der sonst üblichen Kosten und hätte vielleicht den Effekt, dass sich bei Patientinnen mit vielen Anfällen pro Monat die Zahl der Stürze halbiert. Die Höhe der Kosten wird sich wohl mit der Zeit ein Stück weit verändern - so ist in Deutschland der Preis mittlerweile ca. zehn Prozent niedriger als zur Einführung. Da es aber auch notwendig ist, Cannabidiol behutsam zu dosieren, und es so pro Patient*in ca.
Epidyolex®: Ein zugelassenes CBD-Medikament
Epidyolex® ist ein Cannabidiol-haltiges Arzneimittel, das in der EU zur unterstützenden Behandlung von Krampfanfällen im Zusammenhang mit den schweren kindlichen Epilepsieformen Lennox-Gastaut-Syndrom oder Dravet-Syndrom eingesetzt werden darf. Die Europäische Kommission hat jüngst, am 23. September 2019, das cannabidiolhaltige Arzneimittel auch in der EU zugelassen. In den USA erteilte die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA der Cannabidiol-Lösung zum Einnehmen bereits im Juli 2018 die Zulassung.
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Epidyolex® enthält Herstellerangaben zufolge „hochreines, aus Pflanzen gewonnenes Cannabidiol“. Es sei das „erste aus Pflanzen gewonnene Medikament auf Cannabisbasis“, das durch die EMA zugelassen wurde. GW Pharmaceuticals betont, dass das enthaltene Cannabinoid CBD im Gegensatz zu Cannabis keine berauschende Wirkung zeigt.
Risiken und Nebenwirkungen von CBD
Obwohl CBD oft als gut verträglich gilt, gibt es potenzielle Nebenwirkungen. Als Nebenwirkungen werden u.a. Durchfall und Schläfrigkeit berichtet. Der Durchfall beruht wahrscheinlich auch auf der Darreichungsform als Öl. Nebenwirkungen geben über alle Studien hinweg ungefähr 90 Prozent der Patientinnen an, meist werden diese jedoch nur als milde oder moderat eingestuft. Schwerwiegende Nebenwirkungen berichten etwa 20 Prozent der Patientinnen, aber abgesetzt haben es nur wenige.
Es ist wichtig zu beachten, dass bei der Anwendung von CBD in Kombination mit herkömmlichen Antiepileptika Wechselwirkungen auftreten können. So könnte etwa die Einnahme von CBD in Verbindung mit Valproat das Risiko für die Entstehung von Leberschäden erhöhen. Da bereits die alleinige Anwendung von Valproat ein erhöhtes Risiko von Leberschäden birgt, ist dessen Einnahme mit regelmäßigen Check-ups verbunden. In der Kombination mit CBD sollte auf diesen Punkt jedoch zusätzlich Acht gegeben werden.
Freiverkäufliche CBD-Produkte vs. Rezeptpflichtige Medikamente
Ein wesentlicher Unterschied zwischen frei verfügbaren und rezeptpflichtigen CBD-Produkten ist der, dass bei Letzteren auch nur das drin ist, was draufsteht. Bei den nichtrezeptpflichtigen Mitteln wurden immer wieder auch Begleitsubstanzen, beispielsweise THC (Tetrahydrocannabinol), festgestellt. Ausserdem wird von den rezeptfreien CBD-Ölen abgeraten, da diese auch bei geringer Dosierung schon Stoffwechselveränderungen erzeugen können.
THC und Epilepsie: Keine Empfehlung
THC ist das wohl bekannteste Cannabinoid und zugleich jenes, das vorwiegend für die berauschende Wirkung verantwortlich ist. Während einige Untersuchungen aus den 1970-er Jahre dem Cannabinoid einen krampflösenden Effekt zuschrieben, konnten andere Studien keine entsprechende Wirkung beobachten - oder kamen zum Schluss, dass THC Krampfanfälle sogar begünstigen könnte. Vor diesem Hintergrund kann eine Verwendung von THC bei Epilepsie aktuell nicht empfohlen werden.
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Die Rolle der Forschung und des Cannabisgesetzes (CanG) in Deutschland
Das wissenschaftliche Interesse an Cannabis ist in den letzten Jahren explosionsartig gestiegen. In Deutschland hat das Cannabisgesetz (CanG) vom April 2024 eine neue, dringende Notwendigkeit für Begleitforschung geschaffen. Da Privatpersonen nun legal Hanfsamen kaufen können, um die Pflanze selbst anzubauen, rücken Fragen zur öffentlichen Gesundheit, Prävention und zu den tatsächlichen Konsummustern in den Fokus. Die in Deutschland im Zuge des Cannabisgesetzes (CanG) geplante Begleitforschung soll genau hier ansetzen.
Alternativen zu Cannabidiol
Welche Medikamente hilfreich sind, hängt von der individuellen Krankheitsgeschichte ab. Wie schwer ist die Erkrankung, befindet dieder Patientin sich noch am Anfang der Erkrankung, in der Mitte oder hat sie*er schon eine sehr lange Geschichte? Für die meisten gibt es angemessene und wirksame Alternativen zu Cannabidiol. Mit den derzeit erhältlichen Medikamenten können bis zu 70 Prozent aller Betroffenen ohne grössere Nebenwirkungen anfallsfrei leben. Für eine optimale, individuelle Versorgung wird fortwährend nach Substanzen gesucht, die andere Wirkweisen haben und gleichzeitig gut kombinierbar sind.
Fazit
Die Forschung zu Cannabidiol und Epilepsie hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht und gezeigt, dass CBD, insbesondere in Form von Epidyolex®, eine wirksame Behandlungsoption für bestimmte schwere Epilepsieformen wie das Dravet- und Lennox-Gastaut-Syndrom sein kann. Es ist jedoch wichtig, die individuellen Bedürfnisse und Risiken jedes Patienten zu berücksichtigen und die Behandlung unter ärztlicher Aufsicht durchzuführen. Freiverkäufliche CBD-Produkte sollten mit Vorsicht genossen werden, da ihre Qualität und Zusammensetzung variieren können. Die laufende Forschung und die Begleitforschung zum Cannabisgesetz in Deutschland werden dazu beitragen, ein umfassenderes Verständnis der potenziellen Vorteile und Risiken von Cannabis und Cannabinoiden zu entwickeln und evidenzbasierte Entscheidungen in der medizinischen Versorgung zu ermöglichen.