Seit Jahrhunderten werden Extrakte aus der Cannabispflanze (Cannabis sativa) sowohl für den Freizeitgebrauch als auch als Heilmittel eingesetzt. In den letzten Jahren hat die Forschung das therapeutische Potenzial von Cannabis bei verschiedenen medizinischen Beschwerden, insbesondere bei Multipler Sklerose (MS), untersucht. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Behandlung von Spastik und Muskelkrämpfen, die häufige und belastende Symptome von MS sind.
Einleitung
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch vielfältige Symptome wie Spastiken, Schmerzen, Müdigkeit und motorische Einschränkungen gekennzeichnet ist. Viele Betroffene leiden trotz bestehender Therapien weiterhin unter belastenden Beschwerden, weshalb zunehmend nach ergänzenden Behandlungsmöglichkeiten gesucht wird. Eine davon ist der Einsatz von medizinischem Cannabis, das in den letzten Jahren verstärkt in der MS-Forschung untersucht wird. Spastik, eine unangenehme Kombination aus Muskelsteifheit, Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit, betrifft jeden fünften Menschen mit Multipler Sklerose. Diese Symptome entstehen, wenn geschädigte Nerven im zentralen Nervensystem Signale fehlerhaft weitergeben, was für Betroffene zu erheblichen Alltagseinschränkungen führen kann.
Was ist Spastik bei MS?
Multiple Sklerose-Spastik ist eine komplexe neurologische Störung, die Millionen von Patienten weltweit betrifft. Sie entsteht durch eine fundamentale Störung der Nervenleitung im zentralen Nervensystem. Die Entstehung von Spastik bei MS ist eng mit den neurologischen Veränderungen verbunden. Wenn die Nervenfasern beschädigt werden, kommt es zu einer Fehlsteuerung der Muskelaktivität. Das bedeutet, die Muskeln werden unkontrolliert angespannt, was zu charakteristischen Symptomen wie Muskelsteifheit, Verkrampfungen und eingeschränkter Beweglichkeit führt. Die Symptome der MS-Spastik können sehr individuell sein und variieren in ihrer Intensität. Für Betroffene bedeutet dies eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität. Die genaue Ausprägung hängt von der individuellen Nervenschädigung und dem Fortschritt der Erkrankung ab.
Spastiken sind eine Form der Muskelstörung, die durch plötzliche, unkontrollierte und oft schmerzhafte Muskelkontraktionen gekennzeichnet ist. Ursache ist eine Störung in der Signalübertragung zwischen Gehirn und Muskel. Je nach betroffener Muskelgruppe können Spastiken unterschiedliche Auswirkungen haben. Bei vielen Betroffenen ist die Bewegungsfähigkeit erheblich eingeschränkt, weil durch die Krämpfe ihre Muskeln steif werden und deswegen schwer zu bewegen sind. Es ist wichtig zu betonen, dass Spastiken kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern Symptome sind, die bei verschiedenen neurologischen und neuromuskulären Erkrankungen auftreten können. Spastiken sind ein häufiges Symptom bei Multiple Sklerose (MS). Bei MS greift das Immunsystem den eigenen Körper an und schädigt das zentrale Nervensystem. Dies führt zu einer Vielzahl von Symptomen, einschließlich Spastiken. Auch bei der Zerebralparese, einer Erkrankung, die durch eine Schädigung des Gehirns vor, während oder kurz nach der Geburt entsteht, können Spastiken auftreten. Die Muskelkrämpfe sind das Ergebnis einer Fehlkommunikation zwischen Gehirn und Muskeln. Normalerweise sendet das Gehirn Signale an die Muskeln, um ihnen mitzuteilen, wann sie sich zusammenziehen und wann sie sich entspannen sollen. Bei Spastiken jedoch ist diese Signalübertragung gestört. Das führt dazu, dass sich die Muskeln unwillkürlich zusammenziehen und keine Entspannung der Muskeln stattfindet.
Die Rolle von Cannabis bei der Behandlung von MS-Spastik
Cannabinoide spielen eine zunehmend bedeutende Rolle in der Behandlung von MS-bedingter Spastik. Diese natürlichen Wirkstoffe interagieren direkt mit dem körpereigenen Endocannabinoid-System, einem komplexen Regulationsnetzwerk, das Schmerzempfindung, Muskelaktivität und Entzündungsprozesse beeinflusst. Der Wirkmechanismus von Cannabis bei MS ist faszinierend. Die Cannabinoide binden an spezifische Rezeptoren im Nervensystem, die Muskelspannung, Schmerzwahrnehmung und Bewegungskontrolle regulieren. Dies führt zu einer Reduktion von Muskelkrämpfen und einer Verbesserung der Beweglichkeit. Für Patienten bedeutet dies eine hoffnungsvolle Behandlungsoption. Die individuell angepasste Dosierung und Begleitung durch Fachärzte sind jedoch entscheidend für den Therapieerfolg.
Lesen Sie auch: Gehirnzellen und Cannabis
Cannabis (THC und CBD) hat immunsuppressive Eigenschaften, die die für MS charakteristische Hyperproliferation von Immunzellen reduzieren. Cannabinoide, insbesondere THC, können durch ihre Wirkung auf CB1 die Spastik reduzieren. Cannabis lindert neuropathische Schmerzen, die für MS charakteristisch sind. Der Hauptvorteil besteht, wie auch durch randomisierte, doppelblinde klinische Studien an einer großen Anzahl von Menschen gezeigt wurde, darin, dass Cannabis in der Lage ist, Spastik und Schmerzen bei Patienten mit MS zu reduzieren, wobei die Nebenwirkungen normalerweise gering sind und durch Anpassung der Therapie kontrolliert und verbessert werden können. Die Daten zur Wirksamkeit von Cannabinoiden sind endgültig, d.h. sie wurden eindeutig nachgewiesen.
Tetrahydrocannabinol (THC) vermittelt seine antispastischen Wirkungen durch Aktivierung der Endocannabinoidrezeptoren CB1 und CB2. Der hauptsächlich durch Tetrahydrocannabinol (THC) aktivierbare CB1-Rezeptor wird überwiegend in Gehirn und Rückenmark ausgebildet, findet sich jedoch auch außerhalb des zentralen Nervensystems (ZNS). So befinden sich auch auf motorischen Nervenbahnen, die das ZNS mit der Muskulatur verbinden CB1-Rezeptoren. Wie Cannabidiol (CBD) antispastisch wirkt, ist derzeit ungeklärt. Die Kontaktstelle zwischen zwei Nervenzellen wird als Synapse bezeichnet. Wird eine Nervenzelle (Präsynaptisches Neuron) erregt, setzt sie Neurotransmitter frei, die das Signal an das nächste Neuron (Postsynaptisches Neuron) übermitteln. Um eine zu starke Erregung zu vermeiden, besitzen präsynaptische Neuronen Andockstellen für hemmende Botenstoffe wie Endocannabinoide und GABA (Gammaaminobuttersäure). Einer der wichtigsten erregenden Neurotransmitter ist Glutamat. Bei einer Spastik sind Nervenbahnen verletzt, die normalerweise über GABA-Rezeptoren die Ausschüttung von Glutamat reduzieren. Wissenschaftler*innen vermuten, dass THC durch Anheften an präsynaptische CB1-Rezeptoren die übermäßige Glutamat-Freisetzung bremst. Auch CBD kann in einem schwächeren Ausmaß an CB1-Rezeptoren binden.
Studien deuten darauf hin, dass Cannabispräparate mit THC oder einer Kombination aus THC und CBD insbesondere bei spastischen Symptomen und chronischen Schmerzen eine lindernde Wirkung haben können. Präparate wie Dronabinol, Cannador oder Nabiximol zeigten in klinischen Untersuchungen positive Effekte auf Muskelspannung und Lebensqualität, während schwerwiegende Nebenwirkungen selten auftraten. Dennoch ist eine ärztliche Begleitung entscheidend, um Nutzen, Dosierung und mögliche Risiken individuell abzustimmen. Medizinisches Cannabis kann bei einer Reihe von Erkrankungen als Arzneimittel eingesetzt werden. Seine Hauptwirkstoffe sind die Cannabinoide, worunter unter anderem auch die bekanntesten Vertreter Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) fallen. Neben diesen pflanzlichen (Phytocannabinoide), existieren auch körpereigene Cannabinoide, die sogenannten Endocannabinoide. Beide Arten binden im menschlichen Organismus an eine Reihe von Rezeptoren, am häufigsten jedoch an die Cannabinoidrezeptoren (CB) 1 und 2, für die sie namensgebend sind. Durch eine Reihe von intrazellulären Kaskaden führt dies in der Endstrecke insbesondere im Hirn zu einer veränderten Neurotransmitterausschüttung, was unter anderem angstlösende, entzündungshemmende und schmerzlindernde Effekte haben kann. Einige dieser Effekte können auch beim Krankheitsbild der Multiplen Sklerose auf relevante Symptome wirken und diese reduzieren.
Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Cannabis bei MS-Spastik
- Eine Studie aus dem Jahr 2010 untersuchte die Wirksamkeit von Sativex® (einem Oromukosalspray mit einem THC- und CBD-reichem Cannabisextrakt) bei 337 Patientinnen mit therapieresistenter Spastik in Folge von Multipler Sklerose. Die Teilnehmenden stuften die Stärke der Spastik mithilfe einer numerischen Rating-Skala (NRS) von 0 bis 10 Punkten ein. Ein Ansprechen auf die Therapie definierten die Wissenschaftlerinnen als eine Reduktion der Spastik um mindestens 30 Prozent. Es zeigte sich, dass bei Anwendung des Mundsprays die Stärke der Beschwerden um -1,3 Punkte abnahm im Vergleich zu -0,8 Punkten bei Betroffenen aus der Placebogruppe. 36 Prozent der Personen aus der Sativex®-Gruppe sprachen auf die Therapie an. In der Placebogruppe waren es nur 24 Prozent. Das Medikament war dabei gut verträglich.
- Eine weitere Studie aus dem Jahr 2010 untersuchte die Wirksamkeit von Nabilon bei Betroffenen mit spastischen Beschwerden nach einer Verletzung des Rückenmarks. Die Ergebnisse zeigten, dass Nabilon die Spastik in den am meisten betroffenen Muskeln signifikant reduzieren konnte. Verglichen mit Placebo führte das Cannabinoid zu einer stärkeren Senkung der Werte in der Ashworth-Skala. Das wissenschaftliche Team kam zum Ergebnis, dass Nabilon eine wirksame Therapieoption zur Reduktion von Spastik nach Rückenmarksverletzungen sein kann.
- Eine Übersichtsarbeit von 2019 wertete 32 Studien zur Therapie der Spastik mit Cannabinoiden aus. 27 Studien untersuchten die Wirksamkeit bei erwachsenen Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose, Rückenmarksverletzungen oder Motoneuron-Erkrankungen. An der größten Studie, die die Wirkung von Dronabinol und einem THC/CBD-Extrakt untersuchte, nahmen 657 MS-Patientinnen teil. Die Patientinnen berichteten subjektiv über eine Besserung der Spastik mit beiden Cannabinoid-Medikamenten. Objektiv konnten die Therapieerfolge mit reduzierten Werten in der Ashworth-Skala in der Dronabinolgruppe untermauert werden.
- Eine Studie der Humboldt-Universität Berlin (Meyer et al., 2019) wurde mit 32 Patienten, die wegen Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) unter Spastiken litten, durchgeführt. Alle wurden mit THC:CBD Spray behandelt. Der allgemeine NPS betrug +4,9, was eine positive Empfehlung bedeutet. Insbesondere Patienten mit moderater bis schwerer Spastik hatten eine hohe Empfehlungsrate (NPS: +29) im Vergleich zu Patienten mit leichter Spastik. In den Hauptbereichen des TSMQ-9 wurden hohe Zufriedenheitswerte festgestellt: Wirksamkeit 70,5, Komfort 76,6, und allgemeine Zufriedenheit 75,0. Patienten mit moderater bis schwerer Spastik benutzten also mehr THC:CBD und waren zufriedener als diejenigen mit leichter Spastik. Insgesamt war die Behandlungszufriedenheit hoch.
- In einer norwegischen Studie (Rekand, 2014) wurde ein Spray mit den Hanf-Wirkstoffen THC und CBD an über 1000 Patienten mit Muskelspastiken aufgrund von Multipler Sklerose getestet. Es wurde festgestellt, dass die Patienten nach 12 Monaten Behandlung mit dem Spray keine Probleme im Denkvermögen, keinerlei Depressionen oder signifikante Stimmungsschwankungen hatten. Außerdem stellte sich heraus, dass das Spray die Fähigkeit der Patienten, ein Auto zu fahren, nicht negativ beeinflusst hat. Diese Studie bestätigt also, dass CBD Produkte sicher zu verwenden und effektiv sind.
Formen von Cannabis-Präparaten für MS-Patienten
Cannabis-Präparate für Multiple Sklerose gibt es in verschiedenen Formen, die jeweils spezifische Vor- und Nachteile aufweisen. Nach Empfehlungen von Team Apotheken haben sich besonders Kombinationen aus THC und CBD im Verhältnis von 1:1 oder 2:1 als wirksam erwiesen. Bei der Auswahl sind mehrere Faktoren entscheidend. Die Konzentration der Cannabinoide, das Verhältnis von THC zu CBD und die individuelle Verträglichkeit spielen eine zentrale Rolle. Die Therapie erfordert eine sorgfältige Einstellung und regelmäßige ärztliche Kontrolle. Nicht jedes Präparat wirkt bei allen Patienten gleich.
Zu den gängigen Cannabis-Präparaten zählen Cannabisblüten, Mundsprays wie Nabiximols (Sativex®), Öle und Extrakte sowie Kapseln.
Lesen Sie auch: Aktuelle Forschung zu Cannabis und Nervenschmerzen
Rechtliche Aspekte und Kostenübernahme in Deutschland
Die Cannabis-Gesetzgebung in Deutschland hat in den letzten Jahren bedeutende Veränderungen erfahren, insbesondere für medizinische Anwendungen. Nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft können Ärzte seit dem 1. April 2024 medizinisches Cannabis per elektronischem Rezept verordnen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich deutlich vereinfacht. Während Cannabis früher dem Betäubungsmittelgesetz unterlag, gelten heute flexiblere Regelungen für medizinische Anwendungen. Für Patienten bedeutet dies eine deutliche Erleichterung. Die Therapie mit medizinischem Cannabis wird transparenter, zugänglicher und weniger kompliziert.
Die Kostenübernahme variiert je nach Krankenversicherung und individueller Diagnose. Typischerweise müssen Patienten mit Zuzahlungen rechnen, wobei die Höhe der Kosten stark von der gewählten Therapieform und Dosierung abhängt.
Mögliche Nebenwirkungen und Risiken
Wie bei jedem anderen Arzneimittel können auch bei der Einnahme von medizinischem Cannabis Nebenwirkungen auftreten. Im Gegensatz zu etablierten starken Schmerzmitteln wie Opioiden, scheint den Autorinnen nach eine tödliche Überdosis mit Cannabis nicht möglich - hierzu müssten 750 kg Cannabis in 15 Minuten vollständig geraucht werden. In der Übersichtsarbeit wird die aussagekräftigste Studie zu Cannabis-induzierten Nebenwirkungen vorgestellt, in der zwischen gefährlichen und nicht-gefährlichen Nebenwirkungen unterschieden wird: Hier stellten Kopfschmerzen (5%), eine Entzündung des Nasen-Rachenraums (4,5%) und Schwindel (4,4%) die häufigsten nicht-gefährlichen potenziellen Nebenwirkungen dar. Schwerwiegende Nebenwirkungen, beispielsweise Magen-Darm-Erkrankungen sowie Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems, traten jeweils signifikant seltener auf.
Mögliche Nebenwirkungen können Schwindel, Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und gelegentlich kognitive Beeinträchtigungen sein.
Der Behandlungsprozess
Die Cannabis-Therapie bei Multipler Sklerose erfordert eine sorgfältige und individuelle Herangehensweise. Der Behandlungsprozess beginnt mit einer umfassenden ärztlichen Konsultation, bei der Vorerkrankungen, aktuelle Symptome und potenzielle Wechselwirkungen gründlich geprüft werden. Eine erfolgreiche Therapie erfordert regelmäßige ärztliche Kontrollen und eine schrittweise Anpassung der Medikation. Patienten sollten offen mit ihrem Arzt über Veränderungen ihrer Symptome und mögliche Nebenwirkungen kommunizieren.
Lesen Sie auch: Die Rolle von Cannabis im Gehirn
Alternative Therapieansätze
Die Behandlung der MS-Spastik umfasst verschiedene Therapieansätze, wobei traditionelle Medikamente oft an ihre Grenzen stoßen. Nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft haben klassische Antispastika wie Baclofen, Tizanidin und Tolperison bedeutende Nachteile. Im Vergleich dazu bieten Cannabinoide einen vielversprechenden alternativen Therapieansatz. Neben Cannabis und traditionellen Medikamenten existieren weitere Therapieoptionen wie Physiotherapie, Ergotherapie und gezielte Bewegungsübungen. Diese nicht-medikamentösen Ansätze können die medikamentöse Behandlung sinnvoll ergänzen.
tags: #cannabis #ms #spastik #muskelkrampfe