Das Theater als Spiegel der Gesellschaft wirft oft Fragen nach Normalität, Akzeptanz und Ausgrenzung auf. In diesem Kontext präsentiert sich das Stück "Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn", eine Koproduktion von Schauspiel Frankfurt und Künstlerhaus Mousonturm, als eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit dem Tourette-Syndrom, seinen Auswirkungen und der Konfrontation mit gesellschaftlichen Konventionen.
Einführung in die Thematik
Wenn jemand plötzlich "Arschloch" oder "Hitlernutte" ruft, muss das nicht böse gemeint sein, sondern könnte Ausdruck des Tourette-Syndroms sein, einer neurologischen Erkrankung, die unkontrollierte Tics verursacht. Das Stück "Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn" von Rimini Protokoll (Helgard Haug) nimmt diese Thematik auf und verwebt sie mit den Limitierungen und Möglichkeiten des Theaters. Es ist ein Abend, der nicht nur das Tourette-Syndrom beleuchtet, sondern auch die Mechanismen von Zuschauen, Ausstellen und Voyeurismus hinterfragt.
Das Tourette-Syndrom im Fokus
Das Tourette-Syndrom ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch Tics gekennzeichnet ist. Tics sind unwillkürliche, plötzliche, rasche und wiederholte Bewegungen oder Lautäußerungen. Sie können motorisch (Bewegungen) oder vokale (Lautäußerungen) sein. Die Ursachen des Tourette-Syndroms sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass ein Ungleichgewicht von Neurotransmittern im Gehirn eine Rolle spielt.
Die Auswirkungen des Tourette-Syndroms auf das Leben der Betroffenen sind vielfältig. Sie reichen von sozialen Schwierigkeiten und Stigmatisierung bis hin zu Beeinträchtigungen im Alltag und im Berufsleben. Menschen mit Tourette-Syndrom fühlen sich oft von Reizen überfordert und werden von alltäglichen Dingen getriggert.
"Chinchilla Arschloch, waswas": Eine Inszenierung des Unvorhersehbaren
Helgard Haug von Rimini Protokoll holte für das Schauspiel Frankfurt einige "Tourettes" mit all ihren Tics und Spleens ins Theater. Auf der Bühne des Bockenheimer Depots sieht man drei Männer mit Tourette-Syndrom, die mit bemerkenswert heiterer Gelassenheit von ihrem täglichen Kampf mit sich selber und vor allem mit einem System erzählen, in dem sie als störend empfunden werden.
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Die Protagonisten Christian Hempel, Benjamin Jürgens und Bijan Kaffenberger demonstrieren, welche künstlerische Energie sie entwickeln können, wenn sie Tourette nicht unterdrücken. Einmal singt Jürgens mit sehnsüchtig-markanter Stimme vom Laufen, Morgenstern treibt ihn am Flügel voran. Toller Deutschpop, der weit schwingt, berührt. Vor allem aber übernehmen sie zunehmend die Kontrolle über den Abend. Spätestens, als Kaffenberger dazukommt und seine Antrittsrede im Landtag nachspielt, scheinen sich die Tics der drei zu intensivieren. Je mehr die Protagonisten den Ton angeben, desto stärker droht er zu zerbröseln.
Theater zwischen Kontrolle und Kontrollverlust
Mit Tourette Theater zu machen, scheint auf den ersten Blick unmöglich: Kein Text ist sicher, keine Bewegung wiederholbar. Was nicht Tourette-kompatibel ist, muss geändert werden. Aber genau Änderungen bilden ein Material, formen irgendwann einen Text. Die Tourette-Betroffenen Christian Hempel, Benjamin Jürgens und Bijan Kaffenberger betreten in “Chinchilla Arschloch, waswas” das erste Mal eine Theaterbühne. Gemeinsam stellen sie das Theater auf die Probe: Wieviel Absichtslosigkeit hält es aus? Und ist die Bühne doch für das Gegenteil geschaffen - Präzision, Wiederholbarkeit, Kontrolle?
Die Inszenierung spielt mit der Theaterkonvention und der Herausforderung, die Tourette an diese stellt. Der Abend hat noch nicht einmal richtig begonnen, da räuspert, ploppt, maunzt Jürgens seine nonverbalen Tics schon irritierend über die Lautsprecher. Wir sind als Theatergeher auf Dunkelheit, Stillsitzen, Ruhe konditioniert.
Voyeurismus und die Umkehrung des Blicks
Die Gefahr des Voyeurismus ist groß bei solch theatralischen Aktionen, die vielleicht gut gemeint sind, aber meist das schlechte Gegenteil bewirken und in Peinlichkeit versacken können. Doch Haug und ihre drei Performer (unterstützt von der Musikerin Barbara Morgenstern) drehen den Spieß um: Sie jonglieren mit unseren Vorurteilen und den Zweifeln daran, was da echt und welcher Tic nur gespielt ist; sie hinterfragen nicht nur Handkes "Publikumsbeschimpfung", wenn sie sich Gedanken darüber machen, wer hier wen in der Hand hat; die Provokationen schlagen munter Purzelbäume, bis sie sich als herbe Kritik an der saturierten Anständigkeit entpuppen.
Auf Deutschlandfunk (12.4.2019) setzt sich Shirin Sojitrawalla mit dem Vorwurf "Freak Show", wenn "Menschen mit Behinderung auf Theaterbühnen stehen", auseinander. Der "Vorwurf, sie würden ausgestellt und vorgeführt" sei dann, "nie weit". - "Der Altenpfleger Benjamin Jürgens etwa, der zu Anfang" von "Chinchilla Arschloch" im "Scheinwerferkegel im Publikum sitzt, zuckt immer wieder mit dem Kopf, stößt Miaulaute und Räusperer hervor - im Alltag verstörend, im Theater ein Hingucker."
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Die Inszenierung konfrontiert die Zuschauerinnen und Zuschauer mit sich selbst, indem sie das Zuschauen zum Thema macht: Ist das Tourette oder Absicht? Ist das noch Zuschauen oder schon Gaffen? Tic oder Timing? Krankheit oder Kunst? Entlang dieser Fragen entwickelt der Abend seine überwiegend komischen Szenen. Hier lachen nicht die einen über die anderen, sondern alle miteinander.
Die Bühne als Spiegel der Gesellschaft
"Chinchilla Arschloch, waswas" ist insofern ein ganz spezieller Abend, als es nicht nur um das Tourette-Syndrom, sondern auch um all die Verabredungen und Kontrollmechanismen geht, die Theater erst ermöglichen. Die Überraschungen könnten mit Absicht stattfinden und die Improvisationen den üblichen Zufällen des Theaters geschuldet sein. Ein Gaukelspiel vielleicht, aber eines, hinter dem der desillusionierende und demoralisierende ganz normale Kampf gegen das Leben, das kein Anderssein akzeptiert, erkennbar ist.
Die Inszenierung wirft Fragen nach Inklusion und Teilhabe auf. Sie zeigt, wie Menschen mit Tourette-Syndrom im Alltag oft als störend empfunden werden und wie sie mit Vorurteilen und Ausgrenzung zu kämpfen haben. Gleichzeitig demonstriert das Stück, dass Tourette auch eine Quelle von Kreativität und Spontaneität sein kann.
Ein Plädoyer für die Unergründlichkeit
"Chinchilla Arschloch, waswas" ist ein Abend mit Nachrichten aus dem Zwischenhirn ohne irgendeinen Anflug von Betroffenheitsverrenkung. Eine ehrliche, auch das Herz öffnende Revue der Unzulänglichkeiten, die eben dazugehören, selbst wenn man sie nicht unter Kontrolle bringt. Ein Plädoyer für die unergründlichen Hintergedanken, die auf einmal im Rampenlicht stehen, und irgendwie auch eins für die manchmal notwendige Störung der öffentlichen Ordentlichkeit.
Die Inszenierung ist ein Appell für mehr Akzeptanz und Toleranz gegenüber Menschen mit Tourette-Syndrom und anderen neurologischen Erkrankungen. Sie fordert dazu auf, Konventionen zu hinterfragen und neue Wege der Begegnung und des Miteinanders zu finden.
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Barrierefreiheit und Diversität im Theater
Die Diskussion um "Chinchilla Arschloch, waswas" wirft auch ein Licht auf die Frage der Barrierefreiheit und Diversität im Theater. Die Anforderung, über einen längeren Zeitraum bewegungs- und geräuschlos zu sitzen, stellt nicht nur für Menschen mit Tourette-Syndrom ein unüberwindliches Hindernis dar.
Einige Theaterhäuser und Künstler*innen haben daher in den letzten Jahren begonnen, neben selbstverständlichen Accessibility Tools wie Gebärdensprache und Audiodeskription auch sogenannte Relaxed Performances einzuführen, die explizit unterschiedliche Arten des Zuschauens im Stehen, Sitzen oder Liegen, mit Tics oder Ausrufen zulassen. Auf diese Weise wird von einer Diversität des Publikums ausgegangen, die sich von dem Zuschauer als Norm verabschiedet und stattdessen diverse Praktiken des Zuschauens ermöglicht.
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