"Chinchilla Arschloch, waswas": Nachrichten aus dem Zwischenhirn - Eine Analyse der Produktion von Rimini Protokoll

Die Theatergruppe Rimini Protokoll, bestehend aus Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, hat seit dem Jahr 2000 mit ihren innovativen Arbeiten im Bereich Theater, Hörspiel und Installation auf sich aufmerksam gemacht. Ihre Produktionen, die oft in wechselnden Konstellationen entstehen, zeichnen sich durch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Realitäten und die Einbeziehung von nicht-professionellen Darstellern aus. Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür ist das Stück "Chinchilla Arschloch, waswas", das im Kontext des Theatertreffens besondere Aufmerksamkeit erlangte.

Rimini Protokoll und Frankfurt am Main: Eine langjährige Verbindung

Die künstlerische Verbindung von Rimini Protokoll mit der Stadt Frankfurt am Main reicht bis in die Studienzeit der Mitglieder an der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen zurück. Frankfurt entwickelte sich zum zentralen Ort ihres Schaffens. Sowohl am Künstlerhaus Mousonturm als auch am Schauspiel Frankfurt entstanden und gastierten zahlreiche Stücke, die das Publikum auf unkonventionelle Weise mit gesellschaftlichen Themen konfrontierten.

Ein frühes Beispiel für die innovative Herangehensweise von Rimini Protokoll ist das Stück »Kreuzworträtsel Boxenstopp«, das im Jahr 2000 am Künstlerhaus Mousonturm entstand. In dieser Produktion betreten vier Frauen mit einem Durchschnittsalter von 84 Jahren die Bühne und hinterfragen die Konventionen des Theaters, die einen gesunden, funktionalen und schnellen Körper voraussetzen. Aus der Perspektive dieser Seniorinnen erfindet »Kreuzworträtsel Boxenstopp« ein anderes Theater mit neuen Regeln und Abläufen, das die Bühne als einen Ort der Ermöglichung versteht.

"Chinchilla Arschloch, waswas": Eine Produktion über Tourette und das Theater

Die Produktion "Chinchilla Arschloch, waswas" von Rimini Protokoll (Helgard Haug) unter der Regie von Helgard Haug, mit Komposition und Musik von Barbara Morgenstern, Bühnenbild von Mascha Mazur, Video von Marc Jungreithmeier und Dramaturgie von Cornelius Puschke und Anna Wagner (Künstlerhaus Mousonturm), Recherche und künstlerischer Mitarbeit von Meret Kiderlen, mit Christian Hempel, Benjamin Jürgens, Bijan Kaffenberger, Barbara Morgenstern, ist eine Produktion des Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt), Schauspiel Frankfurt und Rimini Apparat in Koproduktion mit dem Westdeutschen Rundfunk und HAU Hebbel am Ufer (Berlin). Die Premiere fand am 11. April 2019 im Bockenheimer Depot statt.

In "Chinchilla Arschloch, waswas" thematisiert Rimini Protokoll das Tourette-Syndrom und seine Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen. Christian Hempel, der selbst von Tourette betroffen ist, steht gemeinsam mit Benjamin Jürgens und Bijan Kaffenberger auf der Bühne. Auch sie haben Tourette. Gemeinsam mit der Musikerin Barbara Morgenstern stellen sie das Theater auf die Probe: Wieviel Absichtslosigkeit hält es aus? Wieviel Schutz kann es bieten? Und nach dem Applaus wird vielleicht klar: Dieses Stück handelt nicht von Tourette.

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Die Herausforderung des Theaters mit Tourette

Mit Tourette Theater zu machen, scheint auf den ersten Blick unmöglich: Kein Text ist sicher, keine Bewegung wiederholbar. Die Bühnentechnik muss in Sicherheit gebracht, spezielle Hotelzimmer gebucht werden.

Christian Hempel schickt eilig voraus: »Keine Absicht, nur Tourette«, wenn er unter Leuten ist. Seine Schimpftiraden und motorischen Ausbrüche sind nicht steuerbar, sondern Reaktionen auf die Welt, in der er sich bewegt. Das Tourette-Syndrom sucht die Öffentlichkeit, es will Konfrontation und Aufsehen erregen.

Inhaltliche Aspekte und Inszenierung

Die Produktion konfrontiert das Publikum mit der Frage, wie viel Absichtslosigkeit das Theater aushalten kann und welchen Schutz es bieten kann. Es geht darum, das Zuschauen selbst zum Thema zu machen und die Grenzen zwischen Absicht und Zwang, zwischen Tic und Timing zu verwischen. Natascha Pflaumbaum schreibt auf Deutschlandfunk Kultur (11.4.2019): "Dadurch, dass theatrale Mittel mit biografischen Informationen auf eine sehr liebevolle und kluge Art und Weise verwoben sind, hat man nie den Eindruck, man ist nur der Zuschauer. Mit bemerkenswert heiterer Gelassenheit erzählten die drei "Tourettes" von ihrem täglichen Kampf mit sich selber und einem System, in dem sie als störend empfunden werden. Bernd Noack schreibt auf Spiegel Online (12.4.2019): In 28 Szenen stelle der "ebenso vielschichtige wie kurzweilige" Abend die Männer mit Tourette vor - und konfrontiere "gleichzeitig die Zuschauerinnen und Zuschauer mit sich selbst, indem er das Zuschauen zum Thema macht: Ist das Tourette oder Absicht? Ist das noch Zuschauen oder schon Gaffen? Tic oder Timing? "Jeder Abend dürfte ein Unikat sein, je nachdem, was Tourette daraus macht", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (13.4.2019).

Die Inszenierung von Rimini Protokoll zeichnet sich durch die Verwobenheit von theatralen Mitteln und biografischen Informationen aus. Die Zuschauer werden nicht nur als passive Beobachter behandelt, sondern aktiv in das Geschehen einbezogen. Die Produktion stellt die Frage, ob es sich bei den Handlungen der Darsteller um Tourette oder Absicht handelt, und fordert das Publikum auf, seine eigene Wahrnehmung und sein eigenes Verhalten zu reflektieren.

Theatertreffen im Netz

Auch das Theatertreffen fällt der Corona-Pandemie zum Opfer. Die Berliner Festspiele verlegen deshalb ihr Theatertreffen ins Netz. "Chinchilla Arschloch, waswas" von Rimini Protokoll (Helgard Haug), eine Produktion des Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt), Schauspiel Frankfurt und Rimini Apparat in Koproduktion mit dem Westdeutschen Rundfunk und HAU Hebbel am Ufer (Berlin). Der Stream ist bis 7. Mai 20 Uhr online. Gemeinsam Gucken mit Livechat am 6. Wer das Theatertreffen-Gastspiel "Chinchilla Arschloch, waswas" in virtueller Runde schauen mag, ist herzlich eingeladen, sich hier im Livechat zu versammeln und zusammen mit uns um 20 Uhr auf Play zu drücken. Gastgeberin ist nachtkritik-Redakteurin Esther Slevogt. Gegen 19.30 Uhr öffnen wir das Foyer des nachtkritik-Chatrooms. Um 20 Uhr streamen wir die Inszenierung von Rimini Protokoll. Es handelt sich um eine Aufzeichung aus dem Bockenheimer Depot in Frankfurt vom 13. April 2019. Sie dauert 93 Minuten. Der Online-Talk der Berliner Festspiele mit Künstlerinnen der Produktion wird im Anschluss stattfinden. Im Anschluss gegen 21.50 Uhr: Nachgespräch zu "Chinchilla Arschloch, waswas" mit Künstlerinnen und Beteiligten der Produktion (Helgard Haug, Christian Hempel, Benjamin Jürgens, Bijan Kaffenberger, Barbara Morgenstern, Cornelius Puschke, Georg Kasch (Jury), Moderation: Christine Wahl).

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Theater als Spiegel der Gesellschaft: Inklusion und Barrierefreiheit

Die Auseinandersetzung mit dem Tourette-Syndrom in "Chinchilla Arschloch, waswas" wirft grundlegende Fragen nach Inklusion und Barrierefreiheit im Theater auf. Noa Winter, Theaterwissenschaftlerin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, betont die Notwendigkeit, behinderte Menschen nicht nur auf der Bühne zu repräsentieren, sondern sie auch in künstlerische Entscheidungspositionen einzubeziehen. Sie kritisiert, dass Barrierefreiheitskonzepte oft nicht über die Rollstuhlzugänglichkeit hinausgehen und dass die Bedürfnisse von Menschen mit sensorischen oder körperlichen Einschränkungen kaum berücksichtigt werden.

Barrieren im Theaterbetrieb

Winter weist darauf hin, dass Theaterarchitektur oft bereits hinter der Bühne Barrieren aufwirft, da Rampen und Fahrstühle fehlen, die den Zugang zum Beruf durch Hospitanzen oder Praktika ermöglichen würden. Zudem kritisiert sie eine weit verbreitete Geringschätzung des künstlerischen Schaffens behinderter Menschen, die sich in der Einstellungspolitik und im Ausbildungsbereich zeigt.

Weitere Barrieren sind etwa das Fehlen von Gebärdensprachendolmetscher* innen, Übertiteln, Audiodeskription oder alternativen Sitz- und Liegemöglichkeiten. Das Fehlen letzterer versperrt mir als Theaterwissenschaftlerin mit chronischen Schmerzen häufig den Zugang zum Theater. Dabei ist eine der wohl am wenigsten reflektierten Barrieren das stark normierte Zuschauer* innenverhalten: Denn die Anforderung, über einen längeren Zeitraum bewegungs- und geräuschlos zu sitzen, stellt nicht nur - wie dieser Abend hervorragend zeigt - für Menschen mit Tourette-Syndrom ein unüberwindliches Hindernis dar.

Diversifizierung und Normalisierung

Winter fordert eine Diversifizierung von Institutionen, die tiefgreifende strukturelle Veränderungen mit sich bringt. Es geht also nicht mehr nur um eine Diversifizierung des Personals, sondern der Probenpraktiken, Arbeitszeiten und Kommunikationswege. Zudem kritisiert sie die Normalisierung, die im sozialwissenschaftlichen Kontext eine Ausrichtung der Lebenspraktiken behinderter Menschen an den Maßstäben der gesellschaftlichen Norm bedeutet.

Forderungen nach Veränderung

Winter betont, dass das Gatekeeping aufhören müsse und dass behinderte Menschen auf allen Ebenen zentrale Positionen einnehmen sollten. Dies würde nicht nur die Institutionen, sondern auch ihre Kunst verändern: Behinderte Autorinnen, Regisseurinnen und Performer*innen bringen schließlich ein wesentlich differenzierteres Bild von Behinderung mit, als uns das bisher präsentiert wird. Repräsentation schafft hier also auch vielfältigere Bilder und Erzählungen, die den Lebenswirklichkeiten behinderter Menschen gerecht werden.

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Immer mehr behinderte Künstler*innen arbeiten an sogenannten Aesthetics of Access (Ästhetiken des Zugangs). Dabei werden Barrierefreiheitstools, wie etwa Gebärdensprache, nicht als nachträglicher Zusatz zu einer bereits bestehenden Inszenierung angeboten, sondern bereits während des Probenprozesses als fester Bestandteil der Ästhetik erarbeitet. Auf diese Weise entstehen neue künstlerische Formen (wie Relaxed Performances), die auch das Publikum nicht mehr als ein ausschließlich nicht-behindertes begreifen und denen die Forderung nach strukturellen Veränderungen und kultureller Teilhabe bereits inhärent sind.

Die Geschichte des Zuschauens: Disziplinierung und Aktivierung

Ein weiterer Aspekt, der im Zusammenhang mit "Chinchilla Arschloch, waswas" relevant ist, ist die Geschichte des Zuschauens im Theater. Benjamin Wihstutz, Juniorprofessor für Theaterwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, hat sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt.

Die Disziplinierung des Zuschauers

Wihstutz beschreibt, wie sich im Laufe der Zeit eine Norm des stillen und passiven Zuschauens etabliert hat. Diese Entwicklung ist eng verbunden mit der Disziplinierungsgeschichte der Moderne, in der sich Fremdzwänge allmählich in Selbstzwänge verwandeln. Für Ruhe und Ordnung sorgte an deutschen Schauspielhäusern unter anderem die sogenannte Theaterpolizey. Der Begriff bezog sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts sowohl auf Gesetze und Regeln der Theaterhäuser als auch auf die während der Vorstellung anwesenden Wachen, die sich um die Einhaltung der Zensur auf der Bühne, aber auch um eine »Dämpfung der Affekte« im Zuschauersaal kümmerten.

Dass sich letztendlich das stille und disziplinierte Zuschauen durchsetzte, ist daher vor allem auch auf technische Erneuerungen wie die Gasbeleuchtung und gegen Ende des 19. Jahrhunderts das elektrische Saallicht zurückzuführen. Die in der Gegenwart häufig unhinterfragte Norm des stillen und passiven Zuschauens ist also vergleichsweise jung; erst recht, wenn man bedenkt, dass bereits die italienischen Futuristen zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchten, genau mit jenen Konventionen zu brechen. So schlägt Marinetti 1913 in seinem Text »Das Varieté« vor, Juck- und Niespulver im Publikum zu verteilen oder Leim auf einige Sessel zu schmieren, um »allgemeine Heiterkeit zu erregen«.

Die Aktivierung des Zuschauers

Im Gegensatz zum stillen und passiven Zuschauer des traditionellen Theaters stehen die aktiv handelnden Zuschauer*innen im Performancetheater der Gegenwart. Diese Entwicklung sieht Wihstutz als paradigmatisch für die postfordistische Kontrollgesellschaft, in der überall partizipative Erfahrungsangebote generiert werden und selbst das Zuschauen noch mit einem Leistungsgedanken verknüpft wird.

Normierung des Zuschauers

Wihstutz betont, dass sowohl die Disziplinierung als auch die Aktivierung des Zuschauers zugleich eine Normierung desselben impliziert. Er verweist auf die Blackfacing-Debatte im deutschsprachigen Theater, die deutlich gemacht hat, dass implizit immer angenommen wurde, im Publikum deutschsprachiger Theater säßen ausschließlich Weiße.

Relaxed Performances als Ansatz für mehr Diversität

Ein vielversprechender Ansatz, um mehr Diversität im Theater zu ermöglichen, sind sogenannte Relaxed Performances. Diese Aufführungen berücksichtigen die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung und erlauben unterschiedliche Arten des Zuschauens im Stehen, Sitzen oder Liegen, mit Tics oder Ausrufen. Auf diese Weise wird von einer Diversität des Publikums ausgegangen, die sich von dem Zuschauer als Norm verabschiedet und stattdessen diverse Praktiken des Zuschauens ermöglicht. Für alle, die mehr Bewegungsfreiheit und Bequemlichkeit brauchen, um der Vorstellung entspannt folgen zu können, stehen extra reservierte Sitzplätze (Komfort-Plätze) im freien Verkauf zur Verfügung. Alle Tics sind willkommen.

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