Nervenschäden nach Injektion in den Musculus deltoideus: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Einführung

Nervenschäden nach Injektionen in den Musculus deltoideus (Deltamuskel) sind eine seltene, aber bedeutsame Komplikation. Der Deltamuskel, der sich im Oberarm befindet, ist ein häufiger Ort für intramuskuläre Injektionen, beispielsweise bei Impfungen. Obwohl diese Injektionen in der Regel sicher sind, besteht ein geringes Risiko von Nervenverletzungen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlung von Nervenschäden nach Injektionen in den Deltamuskel.

Anatomie und Risikobereiche

Um das Risiko von Nervenschäden bei Injektionen in den Deltamuskel zu minimieren, ist ein fundiertes Verständnis der Anatomie der Schulterregion unerlässlich. Der Plexus brachialis, ein Nervengeflecht, das sich aus den Spinalnerven der Wurzeln C5 bis Th1 bildet, versorgt den Arm mit Nerven. Mehrere Nerven gehen von diesem Plexus ab und innervieren die Schulterregion. Dazu gehören:

  • Nervus thoracicus longus: Entspringt den Spinalnerven C5-C7 vor der eigentlichen Plexusbildung und innerviert den Musculus serratus anterior.
  • Nervus dorsalis scapulae: Zweigt aus dem Truncus superior ab und versorgt die Musculi rhomboidei.
  • Nervus subscapularis: Zweigt vor dem Fasciculus posterior ab.
  • Nervus axillaris: Ein Ast des Fasciculus posterior, der den Musculus deltoideus und den Musculus teres minor innerviert und sensible Informationen vom lateralen Oberarm (Nervus cutaneus brachii lateralis superior) leitet.

Bei Injektionen in den Deltamuskel besteht insbesondere die Gefahr, den Nervus axillaris zu verletzen. Um dies zu vermeiden, ist es wichtig, die Injektionstechnik korrekt anzuwenden und bestimmte anatomische Bereiche zu meiden. Empfohlen wird eine Einstichstelle zwischen 7 und 13 cm unterhalb des Akromions (Schulterdach), wobei die Nadel senkrecht eingestochen werden sollte.

Ursachen von Nervenschäden

Nervenschäden nach Injektionen in den Deltamuskel können verschiedene Ursachen haben:

  • Direktes Trauma: Die Injektionsnadel kann direkt einen Nerv treffen und ihn verletzen. Dies ist wahrscheinlicher, wenn die Injektionstechnik nicht korrekt ist oder wenn anatomische Strukturen nicht ausreichend berücksichtigt werden.
  • Intraneurale Injektion: Die Injektion des Medikaments direkt in den Nerv kann zu einer Schädigung führen. Dies ist besonders gefährlich, wenn zuvor durch die Nadel Parästhesien ausgelöst wurden.
  • Kompressionssyndrome: Hämatome oder Aneurysmen, die sich nach der Injektion bilden, können den Nerv komprimieren und zu einer Schädigung führen.
  • Entzündungsreaktionen: In seltenen Fällen kann eine lokale Immunreaktion nach der Impfung zu einer Bursitis oder Kapsulitis führen, die den Nerv beeinträchtigen kann.
  • Falsche Spritztechnik: Eine zu kraniale oder dorsale Applikation der Injektion kann das Risiko einer Nervenverletzung erhöhen.

Symptome und Diagnose

Die Symptome von Nervenschäden nach Injektionen in den Deltamuskel können vielfältig sein und hängen vom Ausmaß und der Art der Verletzung ab. Mögliche Symptome sind:

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  • Schmerzen: Akute, einschießende Schmerzen während der Injektion, oft als elektrisierend beschrieben, können ein Hinweis auf eine Nervenverletzung sein. Chronische, schwer therapierbare Schmerzsyndrome können ebenfalls auftreten.
  • Sensibilitätsstörungen: Taubheit, Kribbeln oder Brennen im Versorgungsgebiet des betroffenen Nervs (z. B. lateraler Oberarm bei Schädigung des Nervus axillaris).
  • Motorische Ausfälle: Schwäche oder Lähmung der Muskeln, die vom betroffenen Nerv innerviert werden (z. B. Musculus deltoideus, Musculus teres minor bei Schädigung des Nervus axillaris). Dies kann zu Schwierigkeiten bei der Armelevation oder Außenrotation führen.
  • Atrophie: Bei länger bestehenden Nervenschäden kann es zu einer Atrophie (Muskelschwund) der betroffenen Muskeln kommen.

Zur Diagnose von Nervenschäden nach Injektionen in den Deltamuskel werden verschiedene Untersuchungsmethoden eingesetzt:

  • Klinische Untersuchung: Der Arzt untersucht die Sensibilität und Motorik des Arms und der Schulter, um das Ausmaß der Schädigung zu beurteilen.
  • Elektromyographie (EMG): Diese Untersuchung misst die elektrische Aktivität der Muskeln und kann Hinweise auf Nervenschäden liefern.
  • Nervenleitgeschwindigkeitsmessung: Diese Untersuchung misst die Geschwindigkeit, mit der elektrische Signale entlang der Nerven geleitet werden. Eine Verlangsamung der Nervenleitgeschwindigkeit kann auf eine Nervenschädigung hindeuten.
  • Bildgebung: Ultraschall, CT oder MRT können eingesetzt werden, um Hämatome, Aneurysmen oder andere Kompressionen des Nervs darzustellen.

Behandlung

Die Behandlung von Nervenschäden nach Injektionen in den Deltamuskel hängt von der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung ab. Mögliche Behandlungsoptionen sind:

  • Konservative Therapie:
    • Schmerzmanagement: Schmerzmittel, entzündungshemmende Medikamente und Physiotherapie können helfen, die Schmerzen zu lindern.
    • Physiotherapie: Krankengymnastik kann helfen, die Beweglichkeit des Arms und der Schulter wiederherzustellen und die Muskulatur zu stärken.
    • Schonung: Vermeidung von Aktivitäten, die die Schulter belasten, kann die Heilung fördern.
  • Medikamentöse Therapie:
    • Kortikosteroide: Können bei Entzündungen und Schmerzen eingesetzt werden.
    • Antiphlogistika: Entzündungshemmende Medikamente zur Reduktion von Schmerzen und Schwellungen.
  • Operative Therapie: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um den Nerv zu dekomprimieren oder zu rekonstruieren. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Nervenschädigung durch ein Hämatom, ein Aneurysma oder eine direkte Verletzung verursacht wurde. Nerventransfers können bei Wurzelausrissen in Betracht gezogen werden.
  • Weitere Maßnahmen:
    • Ergotherapie: Kann helfen, dieFunktion des Armes im Alltag zu verbessern.
    • Psychologische Betreuung: Chronische Schmerzen können zu psychischen Belastungen führen. Eine psychologische Betreuung kann helfen, mit den Schmerzen umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.

Prävention

Um Nervenschäden nach Injektionen in den Deltamuskel zu vermeiden, sollten folgende Maßnahmen beachtet werden:

  • Korrekte Injektionstechnik: Die Injektion sollte von qualifiziertem medizinischem Personal durchgeführt werden, das mit der richtigen Injektionstechnik vertraut ist.
  • Anatomische Kenntnisse: Der Injektor sollte die Anatomie der Schulterregion genau kennen und die Injektion an der richtigen Stelle durchführen, um Nervenverletzungen zu vermeiden.
  • Aspiration: Vor der Injektion sollte aspiriert werden, um sicherzustellen, dass kein Blutgefäß getroffen wurde.
  • Langsame Injektion: Das Medikament sollte langsam injiziert werden, um den Druck auf das Gewebe zu minimieren.
  • Vermeidung intraneuraler Injektionen: Wenn während der Injektion Schmerzen oder Parästhesien auftreten, sollte die Injektion sofort abgebrochen werden.
  • Dokumentation: Die Injektionsstelle sollte dokumentiert werden, um spätere Komplikationen besser zuordnen zu können.
  • Aufklärung des Patienten: Der Patient sollte über mögliche Risiken und Komplikationen der Injektion aufgeklärt werden.

Spezifische Nervenläsionen und ihre Behandlung

Läsion des Nervus Axillaris

Der Nervus axillaris ist besonders gefährdet bei Injektionen in den Deltamuskel. Eine Schädigung dieses Nervs kann zu einer Parese des Musculus deltoideus und des Musculus teres minor führen, was die Armelevation und Außenrotation beeinträchtigt. Sensibilitätsstörungen können über dem Musculus deltoideus auftreten.

Diagnose:

  • Klinische Untersuchung: Atrophie des Musculus deltoideus, Parese der Armelevation und Außenrotation.
  • EMG: Nachweis einer Denervierung des Musculus deltoideus und Musculus teres minor.
  • MRT: Zum Ausschluss anderer Ursachen der Beschwerden.

Behandlung:

  • Physiotherapie: Kräftigung der verbleibenden Muskulatur und Verbesserung der Beweglichkeit.
  • Schmerzmanagement: Analgetika und entzündungshemmende Medikamente.
  • Operative Therapie: In seltenen Fällen, wenn die konservative Therapie nicht erfolgreich ist oder eine direkte Nervenkompression vorliegt.

Thoracic-Outlet-Syndrom (TOS)

Obwohl seltener, kann eine Injektion in die Nähe des Plexus brachialis auch ein Thoracic-Outlet-Syndrom (TOS) auslösen oder verschlimmern. Das TOS ist eine Kompression von Nerven und/oder Blutgefäßen im Bereich des Schultergürtels.

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Symptome:

  • Haltungsabhängige Armschmerzen.
  • Parästhesien im Bereich des Unterarms und der Hand (ulnare Seite).
  • Schwäche der Handmuskulatur.
  • Durchblutungsstörungen (selten).

Diagnose:

  • Klinische Untersuchung: Adson-Manöver (Pulsverlust bei Kopfdrehung und tiefer Inspiration).
  • Neurophysiologische Untersuchungen: F-Welle, SEP.
  • Bildgebung: Sonografie oder Angiografie zur Darstellung der Gefäßkompression.

Behandlung:

  • Physiotherapie: Verbesserung der Haltung und Entlastung des Armes.
  • Schmerzmanagement: Analgetika.
  • Operative Therapie: In schweren Fällen zur Dekompression des Plexus brachialis und der Gefäße.

Neuralgische Schulteramyotrophie (Parsonage-Turner-Syndrom)

Die neuralgische Schulteramyotrophie ist eine seltene entzündliche Erkrankung des Plexus brachialis, die mit starken Schmerzen und Muskelschwäche einhergeht. Obwohl die genaue Ursache unbekannt ist, kann sie in seltenen Fällen durch Injektionen ausgelöst werden.

Symptome:

  • Starke, quälende Schmerzen in der Schulterregion.
  • Muskelschwäche, insbesondere des Musculus deltoideus.
  • Sensibilitätsstörungen (selten).

Diagnose:

  • Klinische Untersuchung.
  • EMG: Nachweis einer Denervierung der betroffenen Muskeln.
  • Nervensonografie: Kann Kalibersprünge zeigen.

Behandlung:

  • Schmerzmanagement: Analgetika, Kortikosteroide.
  • Physiotherapie: Nach Abklingen der Schmerzen zur Wiederherstellung der Muskelfunktion.

Rechtliche Aspekte

Es ist wichtig zu beachten, dass jede Punktion, einschließlich einer intramuskulären Injektion, rechtlich als Körperverletzung gilt und die Zustimmung des Patienten erfordert. Die Durchführung von intramuskulären Injektionen liegt grundsätzlich im Verantwortungsbereich des Arztes, kann aber an qualifiziertes Fachpersonal delegiert werden.

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