Die Diskussion um alternative Behandlungsmethoden für chronische Krankheiten wie Multiple Sklerose (MS) ist oft von Hoffnungen und Kontroversen geprägt. In diesem Zusammenhang taucht immer wieder der Begriff Chlordioxid, oft als "Miracle Mineral Supplement" (MMS) beworben, auf. Dieser Artikel beleuchtet die Behauptungen über die Wirksamkeit von Chlordioxid bei MS, die verfügbaren (oder eben nicht verfügbaren) wissenschaftlichen Studien und die damit verbundenen Risiken.
Behauptungen über Chlordioxid und MS
Einige Anhänger von MMS behaupten, dass MS durch eine Infektion mit Borrelien-Erregern (Lyme-Borreliose) verursacht wird und dass Chlordioxid diese Erreger abtöten und somit MS heilen könne. Diese Behauptungen basieren oft auf der Annahme, dass viele neurologische Erkrankungen, einschließlich MS, durch Infektionen verursacht werden und dass Chlordioxid ein universelles Heilmittel gegen diese Infektionen sei.
Es wird argumentiert, dass Chlordioxid nicht nur Schwermetalle und Aluminium oxidiert, sondern auch Erreger abtötet. Die Zulassung von Natriumchlorit als Medikament gegen Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) wird von Befürwortern als Beweis für die Wirksamkeit von Chlordioxid interpretiert, da Natriumchlorit im Magen zu Chlordioxid aktiviert wird und somit Erreger abtöten soll. Zudem wird behauptet, dass MMS bei einer Vielzahl von Krankheiten, von Krebs über Alzheimer bis hin zu Malaria, helfen könne.
Wissenschaftliche Evidenz: Fehlanzeige
Trotz der kühnen Behauptungen gibt es keine stichhaltigen wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit von Chlordioxid bei MS oder anderen neurologischen Erkrankungen. Die angeblichen "Erfolgsmeldungen" basieren meist auf anekdotischen Berichten und persönlichen Erfahrungen, die keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhalten.
Es existieren keine placebokontrollierten Studien, die eine positive Wirkung von Chlordioxid auf den Verlauf von MS oder die Linderung von Symptomen belegen würden. Die von Befürwortern angeführten Studien beziehen sich oft auf In-vitro-Experimente oder Tierversuche, die nicht auf den Menschen übertragbar sind. Beispielsweise wurde in einer Untersuchung lediglich gezeigt, dass Chlordioxid Viren in der Luft abtöten kann, woraus jedoch keine Rückschlüsse auf die Wirkung im menschlichen Körper gezogen werden können.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Einige Befürworter behaupten, dass Studien die Wirksamkeit von Chlordioxid bei COVID-19 belegen würden, doch auch hier fehlt es an validen wissenschaftlichen Daten.
Die Lyme-Borreliose-Hypothese
Die Hypothese, dass MS durch Lyme-Borreliose verursacht wird, wird in der wissenschaftlichen Gemeinschaft kontrovers diskutiert. Während einige Studien eine mögliche Verbindung zwischen Borrelien-Infektionen und MS untersuchen, gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass Borrelien die Hauptursache für MS sind.
Ein englischsprachiger Artikel, der besagt, dass MS in Wirklichkeit Lyme-Borreliose sei und dass diese Tatsache seit 1911 bekannt sei, wird von manchen als Beweis angeführt. Es wird behauptet, dass diese Erkenntnisse systematisch unterdrückt würden und dass neurodegenerative Krankheiten wie Fibromyalgie, Parkinson und Alzheimer ebenfalls durch Borrelien ausgelöst würden. Diese Behauptungen sind jedoch nicht durch solide wissenschaftliche Forschung gestützt.
Risiken und Warnungen
Chlordioxid ist eine ätzende Chemikalie, die bei Einnahme oder äußerlicher Anwendung erhebliche gesundheitliche Schäden verursachen kann. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat den Handel mit MMS in Deutschland vorläufig unterbunden und die Produkte als bedenklich eingestuft, da mit der Einnahme schädliche Wirkungen verbunden seien, die über ein vertretbares Maß hinausgehen.
Giftnotrufe haben in der Vergangenheit über Hautverätzungen, Erbrechen, Durchfall und Atemstörungen nach der Einnahme von MMS berichtet. Weitere Risiken sind Nierenversagen, Augen- und Speiseröhrenverätzungen sowie schwere Darmschäden. Experten warnen daher dringend vor der Anwendung von MMS und MMS2, sowohl bei Einnahme als auch bei Einläufen.
Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail
Die Behauptung, dass Chlordioxid dem menschlichen Körper nicht schaden könne, weil es nur krankmachende Erreger zerstöre, ist wissenschaftlich unhaltbar. Chlordioxid kann menschliche Zellen schädigen und zu erheblichen gesundheitlichen Problemen führen.
Rechtliche Aspekte
Das BfArM stuft MMS als zulassungspflichtiges Arzneimittel ein, da der Hersteller Heilversprechungen macht, genaue Dosierungsvorgaben gibt und auf Nebenwirkungen hinweist. Da MMS jedoch keine Zulassung besitzt, ist der Handel damit in Deutschland untersagt.
Chlordioxid in anderen Anwendungen
Chlordioxid wird in verschiedenen Bereichen als Desinfektionsmittel und Bleichmittel eingesetzt. Es findet Verwendung bei der Trinkwasseraufbereitung, der Zellstoffbleichung und der Schimmelbekämpfung. In einigen Ländern wird Chlordioxid anstelle von Chlor zur Desinfektion von Geflügel verwendet.
Die Anwendungen von Chlordioxid beruhen auf seiner oxidativen Wirkung. Es kann organische Substanzen abbauen und somit zur Entkeimung und Bleichung beitragen.
Fazit
Die Behauptungen über die Wirksamkeit von Chlordioxid (MMS) bei Multipler Sklerose und anderen neurologischen Erkrankungen sind wissenschaftlich nicht belegt und beruhen auf unbewiesenen Theorien und anekdotischen Berichten. Die Einnahme von Chlordioxid ist mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden und kann zu schweren Vergiftungen und Schädigungen führen.
Lesen Sie auch: Präventive Maßnahmen gegen Demenz
Es ist wichtig, sich auf wissenschaftlich fundierte Informationen und Behandlungen zu verlassen und sich von unbewiesenen Heilversprechen und gefährlichen Substanzen fernzuhalten. Bei Fragen zu MS oder anderen Erkrankungen sollte man sich an qualifizierte Ärzte und Fachleute wenden.
Die Suche nach verlässlichen Gesundheitsinformationen
In Zeiten des Internets ist es wichtiger denn je, kritisch mit Gesundheitsinformationen umzugehen. Das Netz bietet zwar einen einfachen Zugang zu Informationen, birgt aber auch die Gefahr, Falschmeldungen und Halbwahrheiten zu verbreiten.
Es ist ratsam, sich auf Informationen von offiziellen Stellen und renommierten Gesundheitsorganisationen zu verlassen. Bei der Bewertung von Webseiten sollte man auf die Unabhängigkeit, die wissenschaftliche Fundierung und die Aktualität der Informationen achten.
Patientenforen können zwar hilfreich sein, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, sollten aber nicht als alleinige Informationsquelle dienen. Einzelne Erfahrungen sollten nicht verallgemeinert werden, und bei gesundheitlichen Fragen sollte immer ein Arzt konsultiert werden.
tags: #chlordioxid #mms #gegen #multiple #sklerose